Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke
Thyssen-Krupp

Das Unternehmen sagt die Aufspaltung ab.

(Foto: Reuters)

Industriekonzern Thyssen-Krupp sagt Konzernaufspaltung ab – und will 6000 Stellen streichen

Bei Thyssen-Krupp steht nach der gescheiterten Stahlfusion wieder alles auf Anfang. Auch die Aufspaltung ist vom Tisch. Nun sollen alle Sparten grundlegend voneinander getrennt werden.
10.05.2019 Update: 10.05.2019 - 17:23 Uhr Kommentieren

Düsseldorf, München Es hätte ein Neuanfang werden sollen für Thyssen-Krupp. Noch vor wenigen Monaten lobte Vorstandschef Guido Kerkhoff die geplante Aufspaltung als „die beste Option“ des Ruhrkonzerns. Doch nun ist der historische Plan wieder vom Tisch. „Wir werden die Teilung des Unternehmens absagen“, erklärte Kerkhoff am Freitag in einem Telefongespräch mit Journalisten. „Stattdessen bauen wir ein grundlegend neues Thyssen-Krupp.“

Der strategischen Wende vorausgegangen war ein Gespräch zwischen Kerkhoff und EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager in Brüssel, in dem es um den geplanten Zusammenschluss der Stahlsparte mit dem Konkurrenten Tata Steel Europe ging. Seit Oktober schon prüft Vestagers Behörde die Fusion, forderte immer wieder neue Zugeständnisse – bis sich der Deal am Ende nicht mehr gerechnet habe, so das Urteil des Thyssen-Krupp-Vorstandes.

Für die Aufspaltung des Ruhrkonzerns in ein Werkstoff- und ein Technologieunternehmen war der Zusammenschluss mit Tata eine der zentralen Bedingungen. Nicht nur hätte Kerkhoff auf diese Weise rund vier Milliarden Euro an Schulden und Pensionslasten an das Joint Venture auslagern können. Auch die erwarteten Synergien wären wohl beträchtlich gewesen – mit bis zu 600 Millionen Euro hatten die beiden Unternehmen nach eigenen Angaben gerechnet.

Doch vor allem in den Bereichen Auto- und Verpackungsstahl meldete die EU-Kommission Bedenken an. „Gemeinsam mit Tata Steel haben wir deshalb alles an Zugeständnissen in die Waagschale geworfen, was wirtschaftlich gerade so vertretbar war“, erklärte Kerkhoff. „Noch mehr, und das Joint Venture hätte sich nicht gerechnet.“

Noch ist das Kontrollverfahren nicht abgeschlossen – eigentlich hätten die Unternehmen noch bis Mitte Juni Zeit, um ein verbessertes Angebot abzugeben. Doch auch bei Tata rechnet man nicht mehr damit, den Deal noch unter zufriedenstellenden Bedingungen abschließen zu können, erklärte ein Sprecher.

Für Thyssen-Krupp beginnt nun von Neuem die Suche nach einer Strategie. Der Vorstand will dem Aufsichtsrat nun vorschlagen, Thyssen-Krupp künftig als Holding zu führen. Dabei sollen die einzelnen Geschäftsbereiche – Aufzüge, Stahl, Autoteile, Anlagenbau, Werkstoffhandel und Marineschiffbau – voneinander unabhängig geführt werden.

Die zentrale Verwaltung wird demnach deutlich verschlankt. Insgesamt sollen 6000 Arbeitsplätze wegfallen, hieß es. Davon entfallen 2000 auf die Stahlsparte, die auch im Falle des Zustandekommens der Fusion weggefallen wären. Weitere 2000 Jobs sollen in anderen Bereichen in Deutschland und weitere 2000 im Ausland gestrichen werden.

Zudem will Kerkhoff nun den Börsengang der profitablen Stahlsparte vorbereiten. Das soll die chronisch dünne Kapitaldecke des Industriekonglomerats stärken, die nach der gescheiterten Auslagerung von hohen Pensionsverpflichtungen der Stahlsparte belastet bleibt.

Es gehöre zu den unangenehmen Wahrheiten, erklärte Kerkhoff am Freitag, „dass die Aufzugsparte allein deutlich höher bewertet wird als das ganze Unternehmen Thyssen-Krupp insgesamt“. Derzeit ist Thyssen-Krupp Elevator mit rund 1,5 Milliarden Euro in der Bilanz bewertet. Experten trauen der Sparte fast das Zehnfache zu.

Bei der Teilung wäre die Differenz zwar als Bilanzgewinn angefallen, hätte aber gleichzeitig auch hohe Steuerverpflichtungen von etwa 800 Millionen Euro ausgelöst. Diese Kosten fielen nun nicht an, erklärte Kerkhoff. „Eine Aufstellung als eigenständiges börsennotiertes Unternehmen erlaubt Elevator aber auch bessere Wachstums- und Entwicklungsmöglichkeiten.“

Auch seien die hohen Kosten durch die nun verworfene Teilung – mit Steuern und Beraterhonoraren insgesamt schätzungsweise eine Milliarde Euro – angesichts der derzeitigen Börsenbewertung von rund sieben Milliarden Euro nicht zu rechtfertigen gewesen, hieß es in Unternehmenskreisen.

Die Arbeitnehmervertreter des Industriekonzerns fordern nun eine klare Ansage vom Management. So erklärte der stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende und IG-Metall-Sekretär Markus Grolms der Nachrichtenagentur Reuters, die ganze Situation sei eine „unsägliche Belastung für die Beschäftigten“. Das müsse nun aufhören. „Der Vorstand muss sagen, wie es ist, und Vorschläge machen, wie es besser werden soll.“

Die IG Metall will darüber hinaus weiter an den Beschäftigungsgarantien festhalten, die der Vorstand den Stahlkochern im Austausch für ihre Zustimmung zum Joint Venture gemacht hat. So sagte der nordrhein-westfälische IG-Metall-Bezirksleiter Knut Giesler dem Handelsblatt, noch sei der Gewerkschaft keine schlüssige Begründung vorgelegt worden, „warum das nicht möglich sein soll“. Zuvor hatte Personalvorstand Oliver Burkhard erklärt, die Zusagen seien nur für den Fall einer erfolgreichen Fusion gültig.

Giesler mahnte darüber hinaus, die erwarteten Gewinne aus einem Teilbörsengang des Aufzugsgeschäfts auch tatsächlich für Restrukturierung und Zukunftsfragen zu nutzen. „Eine Ausschüttung an die Aktionäre wird es mit uns nicht geben.“

Die beiden größten Anteilseigner bei Thyssen-Krupp, die mit 21 Prozent beteiligte Krupp-Stiftung sowie der mit 18 Prozent beteiligte schwedische Investmentfonds Cevian, scheinen mit der Absage der Teilung grundsätzlich einverstanden. So hieß es seitens der Stiftung, es sei wichtig, „dass das Unternehmen in allen Geschäftsfeldern wettbewerbsfähig aufgestellt ist, mit zukunftssicheren Arbeitsplätzen und einer nachhaltigen Dividendenfähigkeit“. Vor diesem Hintergrund würde die neue Strategie bewertet.

Auch Cevian-Mitgründer Lars Förberg meldete sich zu Wort. „Es ist klar, dass Thyssen-Krupp mit seiner bisherigen Strategie gescheitert ist“, so der Investor. „Alle Beteiligten sind sich bewusst, dass eine fundamentale Neuausrichtung jetzt dringend notwendig ist, um den Geschäftssparten von Thyssenkrupp eine Zukunft zu geben.“ Es dürfe keine historischen oder politischen Tabus mehr geben.

Der Fonds drängt schon länger darauf, die einzelnen Sparten voneinander unabhängig aufzustellen. Auch einen Teilbörsengang des Aufzugsgeschäfts hatte Förberg bereits ins Spiel gebracht. Doch lange hatte sich das Management gegen einen solchen Schritt gewehrt.

Mit dem doppelten Aus setzt sich der Niedergang des Traditionskonzerns fort. Seit Jahren leidet Thyssen-Krupp unter den Folgen von Missmanagement. Mit dem Bau von Stahlwerken in Brasilien und den USA hatte das Unternehmen rund zehn Milliarden Euro verloren.

Ab dem Jahr 2011 mühte sich dann Heinrich Hiesinger als Vorstandschef, den Ruhrkonzern ins Gleichgewicht zu bringen. Etliche Aktivitäten wie die der Edelstahlsparte verkaufte er. Nachhaltig konnte er Thyssen-Krupp aber nicht stabilisieren.

Im Sommer vergangenen Jahres gab er daher wie Aufsichtsratschef Ulrich Lehner seinen Posten auf. Sein letzter Akt war eben jene Stahlfusion mit Tata Steel. Ausgehandelt hatte diese im Wesentlichen Kerkhoff, der bis dahin Finanzvorstand war. Mit dem Aufspaltungsplan hatte sich Kerkhoff nach einer monatelangen Führungskrise für den Vorstandsvorsitz empfohlen.

Mit der Strategie ändert sich auch die Jahresprognose des Ruhrkonzerns. Durch die Wiedereingliederung des Stahlgeschäfts rechnet der Konzern für das Geschäftsjahr 2019/20 mit einem bereinigten Ebit von 1,1 bis 1,2 Milliarden Euro.

Der Free Cashflow vor Übernahmen und Verkäufen soll im hohen negativen dreistelligen Millionenbereich liegen. Eine detaillierte angepasste Prognose will das Unternehmen bei Vorlage der Quartalszahlen am Dienstag veröffentlichen. Spätestens am 21. Mai soll der Aufsichtsrat über den neuen Plan entscheiden.

Startseite
Mehr zu: Industriekonzern - Thyssen-Krupp sagt Konzernaufspaltung ab – und will 6000 Stellen streichen
0 Kommentare zu "Industriekonzern: Thyssen-Krupp sagt Konzernaufspaltung ab – und will 6000 Stellen streichen"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%