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Industriekonzern Zäsur bei Siemens – Chef Joe Kaeser schafft sich ab

Ein historischer Schritt: Siemens spaltet sich 2020 auf. Und das Ende der Ära von Vorstandschef Kaeser naht. Die Risiken der Neuordnung sind enorm.
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Siemens: Das Erbe des Joe Kaeser  Quelle: Dominik Butzmann für Handelsblatt, Siemens / Montage: Smetek
Joe Kaeser

In den vergangenen sechs Jahren wurde der Manager mehr und mehr zu Mr. Siemens.

(Foto: Dominik Butzmann für Handelsblatt, Siemens / Montage: Smetek)

Wieder einmal Bagdad. Die Stadt kocht in der Septemberhitze. Aber die Temperaturen sieht man Joe Kaeser nicht an. Er steht im dunklen Anzug und mit blauer Krawatte makellos in dem Konferenzraum des Hotels Al-Rashid. Ein riesiger Kronleuchter hängt über seinem Kopf, neben ihm steht eine irakische Flagge. Es läuft das Iraq Energy Forum, um den Deutschen scharen sich Minister und Unternehmer aus dem Land und der Region.

Zum vierten Mal reist Kaeser in 18 Monaten in den kriegsgebeutelten Staat. Es geht um Milliardenaufträge für den Wiederaufbau der Energieinfrastruktur des Landes. Da erwarten die Würdenträger vor Ort, dass der Chef persönlich kommt. Es ist ein guter Tag für Kaeser. Siemens baut zusammen mit dem ägyptischen Baukonzern Orascom zwei Kraftwerke im Norden vom Irak auf, kann der Siemens-Chef verkünden. Die Werke wurden von der Terrororganisation Islamischer Staat zerstört. „Wir sind hier, um zu bleiben“, sagt Kaeser.

Staatsmännisch, das kann er. Kaeser wirkt mit feinem Lächeln, randloser Brille und grauem Haar freundlich, strahlt Ruhe und Kompetenz aus. Nur wird er solche Auftritte schon bald nicht mehr haben. Künftig wird Michael Sen auf politisch heikle Missionen gehen, der neue Chef der Energiesparte.

Der Grund: Siemens spaltet diese im nächsten Jahr ab. Einen „Eingriff in die DNA von Siemens“ nennt Kaeser den von ihm vorangetriebenen geschichtsträchtigen Umbau. Und das soll etwas heißen: Siemens wurde gegründet, als es dem ersten Dampfschiff gelang, die Welt zu umrunden. Das war 1847.

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Im Jahr 2020 wird der Konzern de facto zerschlagen. Die Energiesparte mit den internen Namen „Powerhouse“ oder „Newco“ geht an die Börse, erzielt rund 40 Prozent der Umsätze von der heutigen Siemens. Es entsteht ein neuer Energietechnik-Konzern mit 30 Milliarden Euro Umsatz und mehr als 80.000 Mitarbeitern.

Siemens, das war schon immer mehr als ein normales Unternehmen. Der Münchener Konzern war tief in der Deutschland AG verwurzelt und ist heute einer der letzten deutschen Technologiekonzerne von Weltrang. Kaum jemand prägte das Unternehmen so sehr wie Kaeser, dessen Ära nach sechs Jahren Amtszeit sich langsam dem Ende entgegenneigt. Aus Altersgründen muss er abtreten.

Der Vertrag des 62-Jährigen läuft nur noch bis Anfang 2021. Einen Nachfolger präsentierte Siemens jetzt auch: Roland Busch, der in die eigens geschaffene Position des stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden befördert wird. Zudem wurde ihm auch noch die Verantwortung für die Implementierung der „Vision 2020+“ übertragen. Viel deutlicher kann man jemanden nicht zum Kronprinzen erheben.

Houdini hätte es nicht besser hinbekommen können: Kaeser schafft sich selbst ab, verschwindet von der Bühne. Aber wie in jeder guten Zaubervorstellung darf der Cliffhanger nicht fehlen. Wird Busch wirklich neuer CEO? Denn der bisherige Technologievorstand soll in den nächsten Monaten eine Art Probezeit durchlaufen, um seine CEO-Qualitäten zu beweisen.

Reicht es nicht, könnte Kaeser noch einmal um zwei Jahre verlängern. Denn eine Alternative ist nicht in Sicht. Sen galt ebenfalls als Anwärter auf den Chefposten, ist jetzt aber an die Energiesparte gebunden, die im Herbst 2020 an die Börse geht. Allerdings wären einige Aufsichtsräte nicht zufrieden mit einer Amtsverlängerung von Kaeser, drängen auf einen Wechsel: Der Konzern brauche wieder einen Ingenieur an der Spitze. Und Busch ist einer.

Die Stärke von Siemens ist die Kombination von Hard- und Software. Quelle: Siemens
Digitalisierte Produktion

Die Stärke von Siemens ist die Kombination von Hard- und Software.

(Foto: Siemens)

Kaeser könnte ein Fernziel verfolgen. Der CEO könnte nach seinem Rücktritt 2021 nach einer gesetzlich vorgeschriebenen Abkühlungsphase 2023 als Aufsichtsratschef zurück ins Unternehmen kehren. Ob das der bisherige Amtsinhaber Jim Hagemann Snabe so mitmacht, wird spannend zu beobachten sein. Snabe wurde von Kaeser geholt, der Däne folgte bislang dem Vorstandschef getreu in seiner „Vision 2020+“.

Ob Kaesers radikaler Umbau ein Erfolg wird, ist noch offen. Die Börse ist noch zurückhaltend, der Aktienkurs steht heute nicht viel höher als bei Kaesers Amtsantritt im Sommer 2013. Vom Höchststand bei mehr als 130 Euro ist der Kurs wieder auf unter 100 Euro gefallen. Und auch die Konzernmargen sind alles in allem nicht viel besser geworden. Gleichzeitig aber birgt der Umbau Risiken. Kaeser zerschlage Siemens, fürchten einige. Der wichtigste deutsche Technologiekonzern verzwerge sich selbst, er drohe in die zweite Liga abzusteigen. Das sei auch ein Problem für den Wirtschaftsstandort Deutschland.

Der Gefahr sind sich auch Kaeser und sein Aufsichtsratschef Snabe durchaus bewusst. Daher steht der nächste große Schritt noch aus: Siemens braucht im Digitalgeschäft wohl große Zukäufe. Der Münchener Konzern soll nicht mehr in der Breite wachsen, sondern vertikal in klar definierten Zukunfts- und Wachstumsmärkten. Geht der Plan von Kaeser und Snabe auf, gibt es drei starke deutsche Weltkonzerne in den Bereichen Digitalisierung, Energie und Medizintechnik.

Aufsichtsrat drängt auf Klarheit

Auf den Fluren am Wittelsbacher Platz gab es in den vergangenen Wochen und Monaten vor allem ein Thema: die Zukunft von Joe Kaeser. Kaum ein CEO in Deutschland ist derart dominant, ist derart viel diskutiert wie der Niederbayer. Egal, ob er in einem Tweet die AfD angreift oder ob er zwischenzeitlich ein Werk im strukturschwachen Görlitz schließen will: Der Siemens-Chef polarisiert wie kaum ein anderer CEO in Deutschland.

Würde der Ex-Finanzvorstand noch einmal um zwei Jahre verlängern, obwohl die Geschäftsordnung vorschreibt: „Die Mitglieder des Vorstands sollten in der Regel nicht älter als 63 Jahre sein“? „Vertragslaufzeiten kann man verkürzen, einhalten oder verlängern. Jedenfalls würde ich spätestens dann aufhören, wenn ich glaubte, dass ich unersetzlich sei“, sagte er noch vor einigen Monaten im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Und doch wurde der Druck, Klarheit zu schaffen, größer. „Die offene Personalie lähmt das Unternehmen“, sagte ein Siemens-Manager dem Handelsblatt. Einzelne Aufsichtsräte drängten, spätestens zur Hauptversammlung Anfang 2020, also ein Jahr vor Ende seiner Vertragslaufzeit, müsse Klarheit herrschen.

Interessant ist in dem Zusammenhang die Rolle von Aufsichtsratschef Snabe. Im Auftreten sind sie sehr unterschiedlich: Der Vorstandschef steht meist im Mittelpunkt und führt das große Wort, Snabe steht eher einen Schritt dahinter. Einen „typischen Dänen“ nennt ihn ein Personalberater. Sehr freundlich im Auftreten, aber keinesfalls zu unterschätzen.

So glauben inzwischen einige bei Siemens, dass Snabe nicht so einfach den Platz freimachen würde, falls Kaeser nach einer zweijährigen Abkühlphase Anfang 2023 auf den Aufsichtsratsvorsitz wechseln möchte. „Snabe hat großen Gefallen an der Aufgabe gefunden“, heißt es in Industriekreisen. Solange er das Gefühl habe, das Unternehmen voranbringen zu können, wolle er weitermachen. Doch Kaeser hatte schon immer seine Masterpläne.

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Sein Umbau entspricht genau der Philosophie, die Snabe in seinem Buch „Dreams and Details“ festgehalten hat. Darin erläutert er, wie Firmen in der digitalen Zukunft bestehen können. „Die SAP ist an der Spitze der Softwareindustrie und eines der wenigen weltweit führenden Unternehmen mit Hauptsitz in Europa, weil sie die Fähigkeit hat, sich aus einer Position der Stärke heraus neu zu erfinden“, schrieb Snabe. Die meisten Unternehmen warteten, „bis die Katastrophe über sie hereinbricht“.

Der Däne, der einst Co-Chef bei SAP war, hält Kaeser laut Aufsichtsratsumfeld für einen Glücksfall für Siemens. Modernes Management müsse Wachstumsmärkte identifizieren und sich dann auf die wenigen Segmente fokussieren, in denen sich der Profit konzentriert. Dabei gelte: „In der digitalen Welt ist Größe nett, aber entscheidend ist die Geschwindigkeit.“ Abzuwarten, wie sich die Märkte entwickeln, um dann als „schneller Zweiter“ anzugreifen, funktioniere heute nicht mehr. Daher habe Siemens auf Synergien eines integrierten Konzerns verzichtet, um Geschwindigkeit zu gewinnen. „Snabe ist ziemlich stolz darauf, was das Management gemacht hat“, heißt es im Aufsichtsratsumfeld.

Aber sosehr Snabe Kaeser und dessen Strategie bewundert: Eine Vertragsverlängerung für Kaeser wäre kein Selbstläufer. „Es ist nicht Joe Kaeser, der entscheidet, ob sein Vertrag verlängert wird“, sagt ein Insider. Nach Informationen des Handelsblatts gab es Aufsichtsräte, die auf einen raschen Wechsel an der Spitze drängen. Kaeser habe seine Verdienste um das Unternehmen, heißt es in ihrem Umfeld. Doch sei es langsam Zeit für einen Wechsel.

Der Aufsichtsrat hatte nach Informationen des Handelsblatts von einer Personalberatung ein Profil für die beiden zu besetzenden CEO-Posten ausarbeiten lassen. Im alten Siemens-Konzern ging es um große Infrastrukturprojekte, war ein Ergebnis der Untersuchung. Der CEO reist um die Welt und verhandelt mit den Autoritäten. Diese Aufgabe liegt künftig beim Chef des neuen Energiekonzerns. Bei der Siemens AG mit ihren Digitalgeschäften werden unzählige, eher kleinere Aufträge an Industriekunden vergeben. Da ist es vor allem wichtig, keine technologische Entwicklung zu verpassen. Das spricht für einen Ingenieur mit strategischem Blick an der Spitze.

Zudem fragen sich viele bei Siemens, ob eine Verlängerung mit Kaeser um zwei Jahre überhaupt sinnvoll wäre. Die neue Siemens AG brauche einen CEO mit einer Langfristperspektive, heißt es in Aufsichtsratskreisen. Hier mit einem Chef zu starten, dessen Amtszeitende schon wieder absehbar sei, ergebe da wenig Sinn. Er kenne keinen Fall, in dem so eine nochmalige Verlängerung funktioniert habe, meint ein Personalberater, der viel im Hause Siemens zu tun hat.

Der „Inspiro“ von Siemens soll neue Maßstäbe setzen. Quelle: CAMERA PRESS/ED/RM
Metro für die Zukunft

Der „Inspiro“ von Siemens soll neue Maßstäbe setzen.

(Foto: CAMERA PRESS/ED/RM)

Bei den Investoren war das Meinungsbild in den vergangenen Wochen gemischt. Viele Analysten und Investoren hatten die Strategie grundsätzlich begrüßt, den Geschäften mehr Eigenständigkeit zu geben. Zudem musste Kaeser, anders als sein Vorgänger, die Gewinnerwartungen nie nach unten korrigieren. Als Fortschritt sehen zudem viele, dass die Ergebnisqualität in der Breite zugenommen habe: Der Großteil der Geschäfte erfüllte in den vergangenen Jahren die Renditevorgaben.

Dennoch häuften sich zuletzt die kritischeren Stimmen. Siemens sei an der Börse ein Underperformer im internationalen Vergleich der Investitionsgüterhersteller, sagte Vera Diehl, Portfoliomanagerin bei Union Investment, vor Kurzem dem Handelsblatt. Die Ideen von Kaesers Programmen „Vision 2020“ und „Vision 2020+“ seien zwar gut, doch hapere es an der Umsetzung. „Was zählt, sind nicht Visionen, sondern handfeste Fakten wie eine Margenausweitung und ein positiver Cashflow.“ Sie könne sich vorstellen, dass Kaeser eine Verlängerung anstrebe. „Angesichts seiner bisherigen Bilanz bin ich nicht für eine Verlängerung.“

Harald Smolak von der Managementberatung Atreus, der früher selbst im Siemens-Management tätig war, zieht eine insgesamt positive Bilanz von Kaesers Arbeit: „Er hat es nicht nur geschafft, die Mitarbeiter wieder hinter sich zu bringen, sondern auch ein komplexes Unternehmen wie Siemens erfolgreich in kleinere, agilere und weitgehend selbstständige Einheiten umzustrukturieren.“ Das zeige sich gerade auch im Vergleich mit dem kriselnden US-Konkurrenten General Electric.

Der Aufsichtsrat sei gut beraten, wenn er noch einmal mit Kaeser verlängere. „Unternehmensseitig sehe ich derzeit auch noch niemanden, der ihm hier das Wasser reichen könnte, gerade auch mit Blick auf seine Erfahrung, seinen Mut zur Veränderung und seine exzellente Vernetzung in Wirtschaft und Politik.“

Busch ist nun halboffiziell Kronprinz. Allerdings, heißt es in Aufsichtsratskreisen, gibt es keinen Automatismus. Busch müsse in den nächsten Monaten beweisen, dass er CEO könne. Er müsse weg vom Mikromanagement und zeigen, dass er zum Beispiel die Kommunikation mit den Kapitalmärkten beherrsche. „Man wird sich das sehr genau anschauen.“ Falls er patze, müsse eine andere Lösung gefunden werden. Und dann – da ist sie, die Hintertür – sei es denkbar, dass Kaeser doch weitermacht, um noch einmal auszuhelfen. „Wenn Herr Busch nicht reüssiert, wird Kaeser verlängern.“

Der Siemens-Chef steht ja im Verdacht, sich für zumindest schwer ersetzbar zu halten. Und auch wenn ihm manche in letzter Zeit vorwarfen, sich zu viel zu politischen Themen und zu wenig zu Siemens geäußert zu haben, ist von Amtsmüdigkeit wenig zu spüren.

Ein radikaler Kurswechsel bei Siemens ist so oder so nicht zu erwarten. „Die Veränderungen sind kaum noch rückholbar“, meint ein Siemensianer. Kaeser habe mit der Holdingstruktur Fliehkräfte ausgelöst, einmal herausgelöste Teile seien kaum reintegrierbar.

Mister Siemens
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1 Kommentar zu "Industriekonzern: Zäsur bei Siemens – Chef Joe Kaeser schafft sich ab "

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  • Ich fass es nicht - was für ein braves Schoßhündchen der Kaeser für seine Shareholders doch ist und Deutschlands einstige Vorzeige-Industrie-Bastion brav zum ambitionslosen Spielball der Angelsachsen demontiert hat.

    Abgeschafft - ambitionierte Selbstbestimmung.von Deutschlands Tech-Riese
    Angeschafft - Kleinteilung und mundgerechte Portionierung als passende Fressgröße für Ami-Kapital.

    Warum wird die hier offensichtlich zu Tage kommende, destruktive Rolle der alljährlichen Hinterzimmer-Briefings der Black-Rock-Gesandten nicht thematisiert?

    Ich finde es erbärmlich, wie Deutschlands machtvolle Institutionen völlig kritiklos in destruktive Hände überführt und zerlegt werden.

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