Inflation Türkischer Automarkt bricht ein – das könnte auch für deutsche Firmen teuer werden

Die schwache türkische Lira verteuert Importprodukte. Der Markt für Neufahrzeuge leidet drastisch unter der Abwertung. Das trifft auch deutsche Produzenten.
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In der Türkei sind die Verkäufe in der Währungskrise eingebrochen. Quelle: Reuters
Ladenhüter Neuwagen

In der Türkei sind die Verkäufe in der Währungskrise eingebrochen.

(Foto: Reuters)

IstanbulTeoman Bicakci fährt seit 30 Jahren Taxi in Istanbul. Von seinem Verdienst konnte er immer locker die Raten für sein Fahrzeug abbezahlen. In diesem Jahr wollte der 57-Jährige ein neues Fahrzeug kaufen, einen Volkswagen Passat. Mit der Mittelklasse-Limousine erhoffte sich Bicakci eine höhere Nachfrage von Geschäftsleuten, die zum weit entfernten Flughafen wollen. Doch diesen Plan hat Bicaksi aufgegeben.

Denn den Kaufpreis hätte er niemals reinholen können: 250.000 Lira, umgerechnet rund 36.000 Euro. Für einen türkischen Taxifahrer, der mit einer 20 Kilometer langen Fahrt derzeit umgerechnet gerade einmal 10 Euro umsetzt, war das zu viel. Der zweifache Familienvater kaufte kein neues Auto und chauffiert seine Fahrgäste weiter mit einem Fiat durch die dichtbefahrenen Straßen der Millionenmetropole.

Tausende im Land denken derzeit wie Bicakci. Die schwindende Kaufkraft bemerken nun auch die Autohersteller: Die schwache Lira und die gestiegene Inflation im Land haben den türkischen Automarkt auf Talfahrt geschickt. Im August sank die Zahl der Pkw-Neuzulassungen auf knapp 27.000 – ein Rückgang von 50 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. Auch in den vorangegangenen Monaten stand häufig ein dickes Minus zum Vorjahr.

Das trifft auch die Produktion in der Türkei, die eingebrochen ist. Im August steht ein Minus von 41,9 Prozent in den Statistiken von Ferdinand Dudenhöffer, Direktor des Car-Instituts an der Universität Duisburg-Essen. Er glaubt, dass sich „die Krise im türkischen Automarkt in den nächsten Monaten weiter zuspitzt“. Auch im Bereich Nutzfahrzeuge sank die Produktion um 15 Prozent.

Zu den wichtigsten Produzenten in der Türkei zählt Dudenhöffer Renault, Toyota, Hyundai und Fiat, die zum Teil über Joint Ventures in dem Markt aktiv sind. Aber die Schwäche des türkischen Marktes trifft auch die deutschen Autobauer, die nach zehn wohlwollenden Jahren erstmals in eine ungewisse Zukunft blicken – und gleichzeitig auf die Produzenten und Zulieferer in der Türkei angewiesen sind.

Diese Autos fahren Putin, Trump und Merkel – und so viel kosten sie
Donald Trump – Cadillac One „The Beast“
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Der berühmt-berüchtigte Cadillac des US-Präsidenten wird nicht umsonst „das Biest“ genannt. Er hat mit den Serienmodellen wenig zu tun. Mit seiner speziellen Panzerung bringt er fünf bis acht Tonnen auf die Waage. Er gilt als sicherstes Auto der Welt.

Cadillac One „The Beast“
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Das hat seinen Preis: 1,5 Millionen US-Dollar kostet der Mid-Size-Truck mit Zentimeterdicken Stahl-, Kevlar- und Aramidplatten, einem granatensicheren Unterboden und Schutz gegen chemische Waffen. Zusammengebaut wird er in den USA, doch Teile des Autos kommen auch aus Mexiko.

Felipe VI – Rolls-Royce Phantom IV
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Der spanische König zeigt sich auch bei der Wahl seines Wagens durchweg royal. Mit einem historischen Rolls-Royce Phantom IV ist Felipe in der Regel unterwegs – ebenso wie die britische Queen, die dieses dunkelrote Modell besitzt. Felipe fährt ein gleiches Modell in schwarz – und sitzt regelmäßig selbst am Steuer. Der Wert beläuft sich auf rund 650.000 Euro.

Queen Elizabeth II. – Bentley State Limousine
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Klassisch mag es auch die britische Königin: Der Dienstwagen von Queen Elizabeth II. ist eine Sonderanfertigung der VW-Tochter Bentley. Basis der etwa 11 Millionen Euro teuren Limousine ist das Modell „Arnage“.

Privater Fuhrpark
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Queen Elizabeth II. und ihr Mann Prinz Philip sitzen privat auch hinter dem Steuer – allerdings fahren sie nicht mit der Staatskarosse von Bentley, sondern nutzen in der Regel verschiedene Geländewagen der Marke Range Rover.

Angela Merkel – Audi A8L
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Der deutschen Bundeskanzlerin steht unter anderem ein Audi A8L W12 zur Verfügung. Ein Diesel.

Angela Merkel - Mercedes S-Klasse
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Doch die Bundeskanzlerin kann auch auf andere Spitzenmodelle der deutschen Autoindustrie wechseln. In ihrem Fuhrpark ist auch eine gepanzerte Mercedes-Benz S-Klasse im Wert von fast 170.000 Euro.

Weltweit sinkt die Nachfrage nach Neuwagen. Hinzu kommen Handelskonflikte und politische Auseinandersetzungen wie der Brexit. Das drückt auf die Prognosen der Autokonzerne, die für ihre Produktion auf ein gut geschmiertes weltweites Handelsnetz angewiesen ist.

Die Bundesregierung hat vergangene Woche außerdem verkündet, dass die deutschen Hersteller Fahrzeuge mit alten Dieselmotoren umtauschen oder neu ausrüsten müssen. Damit sollen Fahrverbote in Deutschland verhindert werden. Nach Berechnungen von Experten könnte das einen zweistelligen Milliardenbeitrag kosten.

Werke in der Türkei werden zum Verlustrisiko

Die türkische Wirtschaft steuert auf eine veritable Krise zu. Die Landeswährung Lira hat seit Jahresbeginn rund 40 Prozent an Wert zu Euro und US-Dollar verloren. Das ist gut für die Exporte, aber schlecht für Importe, die sich drastisch verteuert haben.

Hinzu kommt eine spezielle Steuer für Luxusfahrzeuge, die die Regierung in Ankara jüngst eingeführt hatte. Damit sollen die Staatseinnahmen steigen, doch in der Realität hat die Steuer die Nachfrage nach Neuwagen drastisch nach unten gedrückt. Zuletzt sah sich die Führung in Ankara gezwungen, die Sondersteuer leicht zu reduzieren.

Doch die Flaute macht sich längst bemerkbar – und belastet die Produktionskette. Denn sinkt die Produktion im Autosektor, schwindet die Lust auf neue Investitionen – sowohl bei den Herstellern als auch bei Zulieferern. „Neue Werke und Investitionen sind unter den derzeitigen Bedingungen nicht zu erwarten“, sagt Autoexperte Dudenhöffer. Es gehe nun eher darum, die Abschreibungen auf Produktionsanlagen wieder reinzuholen. „Die Werke in der Türkei wachsen in ein Auslastungsproblem der Kapazitäten und damit in ein steigendes Verlustrisiko.“

Im Jahr 2017 wurden in der Türkei 723.000 Neufahrzeuge verkauft. Für 2018 stehen bis Ende August bisher knapp 345.000 neuverkaufte Autos in den Türkei-Bilanzen der Hersteller. Wenn der Trend bis Ende des Jahres fortbesteht, entspräche das einer Jahressumme von rund 520.000 verkauften Neufahrzeugen – ein Minus von fast 30 Prozent.

Zusätzlich zu den wirtschaftlichen Problemen dürfte die politische Lage im Land Investoren nach wie vor abschrecken. Nach einer Verfassungsreform kann der Präsident mit weitreichenden Vollmachten regieren. Seine Dekrete trafen zuletzt auch die Wirtschaft.

So verkündete Staatschef Recep Tayyip Erdogan am 13. September, dass künftig alle Verträge in Lira ausgestellt werden müssen, um die heimische Währung zu stärken. Die Übergangsfrist für diese Umstellung beträgt 30 Tage – und stellt viele ausländische Unternehmen, die Mietverträge für Lagerhallen oder Leasingverträge in Euro ausstellen, vor große Herausforderungen.

Bei einem Abendessen mit Erdogan und 150 deutschen Unternehmern in Berlin am vergangenen Wochenende machten nach Informationen des Handelsblatts viele den türkischen Präsidenten auf die Komplikationen aufmerksam, die solche kurzfristig beschlossenen Maßnahmen mit sich bringen.

Alper Kanca, Präsident des türkischen Zuliefererverbandes Taysad, glaubt zwar nicht an eine große Krise im Automobilsektor des Landes. So seien 70 Prozent des Marktes von Exporten abhängig und profitierten damit von der schwachen Lira. Auch steuere der Automotive-Sektor nur drei Prozent zum landesweiten Bruttoinlandsprodukt bei. Trotzdem rechnet auch er mit Entlassungen, wenn auch nicht in großer Zahl.

Er glaubt allerdings, dass gerade die Nachfrage nach deutschen Autos zurückgehen wird. „Türken lieben deutsche Autos, aber binnen Wochen sind sie 50 Prozent teurer geworden“, sagt er im Gespräch mit dem Handelsblatt. Er geht davon aus, dass wegen der schwachen Lira und der neuen Steuern die Verkaufszahlen vorerst weiter sinken werden.

Kanca sorgt sich um mehr: das Image seiner Branche. Die vielen schlechten Nachrichten würden die Geschäfte seiner Mitglieder zusätzlich schädigen. Jüngst gab er deswegen eine Umfrage in Auftrag. Kanca wollte wissen, wie sich gerade deutsche Geschäftspartner über die Türkei informieren. Sein Resümee: „Wir leiden unter den schlechten politischen Beziehungen, weil viele die miese Stimmung zwischen Berlin und Ankara auf die Wirtschaft übertragen.“

Er will nun aktiv daran arbeiten, das Image der Wirtschaft des Landes zu verbessern. Eine Erkenntnis aus der Umfrage stimmt ihn optimistisch: „Wir haben herausgefunden, dass das Vertrauen groß ist, wenn schon einmal eine Zusammenarbeit stattgefunden hat.“ Ob sich damit die wirtschaftlichen Probleme bereinigen lassen, ist allerdings noch nicht gesagt.

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