Interview Aptiv-Europachef Michael Gassen Bei autonom fahrenden Lkw ist „Europa leider etwas hintendran“

Elektrische Antriebe und Digitalisierung sind wichtige Trends im Lkw-Bau. Manager Michael Gassen will, dass der Autozulieferer Aptiv davon profitiert.
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Die USA sind beim Testen teilautonom fahrender Lkw führend. Quelle: AFP/Getty Images
Lkw-Platooning

Die USA sind beim Testen teilautonom fahrender Lkw führend.

(Foto: AFP/Getty Images)

WuppertalDas alte Straßenschild in Wuppertal erinnert an die Vergangenheit. „Delphiplatz“, wenn auch rot durchgestrichen und inzwischen um die neue Bezeichnung „Am Technologiepark“ ergänzt, steht für die Zeit vor der Aufspaltung in Aptiv und Delphi Technologies. In Wuppertal gibt es jetzt nur noch eine Aptiv-Niederlassung. Europachef Michael Gassen spricht darüber, wie sich der Autozulieferer auf die Megatrends Automatisierung und Digitalisierung konzentriert.

Herr Gassen, die nächste IAA Nutzfahrzeuge steht ins Haus. Was hat sich seit der letzten Messe vor zwei Jahren getan?
Die Geschwindigkeit bei der Entwicklung hin zu elektrischen Antrieben, höherer Sicherheit, mehr Vernetzung und zu einer allgemeinen Digitalisierung der Mobilität hat enorm zugenommen. Auch für die Nutzfahrzeugbranche stehen diese Trends im Vordergrund. Ich erwarte, dass viele Hersteller mit Angeboten aus diesen Bereichen in Hannover präsent sein werden.

Wie verteilt sich bei Aptiv das Geschäft auf Pkw und Nutzfahrzeuge?
Wir machen derzeit weltweit etwa eine Milliarde Dollar Umsatz im Bereich Nutzfahrzeuge. Insgesamt peilen wir in diesem Jahr mehr als 14 Milliarden Dollar Umsatz im Konzern an, womit unser Wachstum für 2018 sieben bis acht Prozent über dem Markt liegt. Unser Plan sieht eine Verdoppelung des Umsatzes für das Geschäft im Nutzfahrzeugmarkt innerhalb der nächsten fünf Jahre vor.

Geht es bei Ihnen dann mehr um die kleineren Transporter oder auch um die schweren Lastwagen?
Sowohl bei leichten wie bei mittleren und schweren Nutzfahrzeugen sehen wir gute Wachstumschancen. Die Anforderungen für Pkw und leichte Nutzfahrzeuge sind teilweise ähnlich, somit können wir bestehende technische Lösungen recht einfach transferieren. Für mittlere und schwere Lastwagen entwickeln wir für die hohen Anforderungen in diesem Segment spezifische Produkte. Volvo Truck ist ein gutes Beispiel und unser größter Kunde im Nutzfahrzeug-Bereich. So beliefern wir Volvo bereits heute mit kompletten Bordnetzsystemen, elektrischen Modulen, Kameras und Infotainment-Systemen.

Sind kleinere Nutzfahrzeuge am Ende vielleicht doch interessanter für Sie, weil sich dort mehr verändern wird? Das Geschäft mit schweren Lkw ist im wahrsten Sinne des Wortes doch etwas behäbiger.
Wie bereits gesagt, für uns sind alle Segmente im Nutzfahrzeug-Bereich attraktiv. Insgesamt wächst das Geschäft im Güter- und Personentransport, und der Anteil wird aufgrund der erwähnten Megatrends stark zunehmen.

Der Europachef des Zulieferers Aptiv will vor allem das Geschäft mit der Automatisierung von Lkw vorantreiben. Quelle: Aptiv
Michael Gassen

Der Europachef des Zulieferers Aptiv will vor allem das Geschäft mit der Automatisierung von Lkw vorantreiben.

(Foto: Aptiv)

Wenn Sie jetzt stärker ins Geschäft mit Nutzfahrzeugen einsteigen wollen, heißt das, dass sie es in der Vergangenheit vergessen haben?
Im ehemaligen Delphi-Konzern lag unser Umsatzanteil im Nutzfahrzeug-Geschäft bei etwas über zehn Prozent, was hauptsächlich durch unsere starke Marktposition im Bereich von Dieseleinspritzsystemen geprägt war. Seit der Aufspaltung in Aptiv und Delphi Technologies befindet sich das Geschäft mit Produkten rund um den Verbrennungsmotor bei Delphi Technologies. Wir bei Aptiv konzentrieren uns jetzt auf Technologien für elektronische Fahrzeugarchitekturen, aktive Sicherheit, automatisiertes Fahren und Datenverarbeitung.

Welche Produkte stehen im Vordergrund?
Das Thema aktive Sicherheit spielt eine ganz besondere Rolle im Nutzfahrzeugbereich. Das sind unsere Radar- und Kamerasysteme, die dazu gehörige Software und Hochleistungs-Computer-Plattformen. Dies ermöglicht unseren Kunden, neue Sicherheitsfunktionen wie Spurhalte- und Notbremsassistenten einzuführen. Darüber hinaus bieten wir Sensoren und Systeme für die Beobachtung des Fahrers an. Solche Systeme geben Warnsignale ab, wenn ein Fahrer beispielsweise einzuschlafen droht oder seine Augen nicht auf die Straße gerichtet sind.

Sie arbeiten an Lastwagen, die seltener in Unfälle verwickelt werden?
Das ist die Zielsetzung. Mit Radar, Kameras und Sensoren lässt sich die gesamte Verkehrssituation viel besser beobachten. Die Sicherheitssysteme warnen den Fahrer etwa vor herannahenden Fußgängern. Die Entwicklung hin zur Automatisierung des Fahrens und zur Vernetzung der Mobilität wird die Quote an Unfällen deutlich reduzieren. Die Mitarbeiter und Entwickler bei Aptiv sind stolz, an Lösungen zu arbeiten, die unsere Mobilität sicherer machen.

Am Ende dieser Entwicklung steht dann das komplette autonome Fahren?
Ja. Durch das technologische Leistungsvermögen von heute und den rasanten Fortschritt durch künstliche Intelligenz ist die Möglichkeit, Fahrzeuge ohne Fahrer im Einsatz zu sehen, in nahe Zukunft gerückt. Erste Anwendungen mit Mobilitätsanbietern in Teilbereichen von Städten werden wir bereits in zwei bis drei Jahren im größeren Umfang sehen.
Aptiv bietet in Zusammenarbeit mit Lyft bereits heute eine Flotte von 30 Fahrzeugen in Las Vegas für den Personentransport zwischen 25 verschiedenen Punkten in der Innenstadt an. Dabei handelt es sich um eine Testflotte von Fahrzeugen, die mit einer Aptiv-Technologie für automatisiertes Fahren ausgestattet sind. Die Fahrzeuge haben noch einen Sicherheitsfahrer, der im Notfall eingreifen kann. Wir haben bereits mehr als 5000 Fahrten absolviert, bei denen der Sicherheitsfahrer zu 99 Prozent nicht eingreifen musste.

Wie entwickelt sich dieser Versuch weiter?
Im nächsten Jahr, also 2019, wollen wir in Las Vegas die ersten Autos ohne Sicherheitsfahrer auf die Straße schicken. In den Folgejahren kann es dann schnell gehen: Dann dürfte es autonom fahrende Flotten mit 1000 oder mehr Fahrzeugen geben, und das ab 2020/21. Nicht nur in Las Vegas, sondern auch in Boston und Singapur gibt es entsprechende Projekte und Vorbereitungen unsererseits. Die beteiligten Städte haben daran ein großes Interesse.

Welche Chancen hat das autonome Fahren beim privaten Autokunden?
Da geht es nicht ganz so schnell. Wobei autonomes Fahren auf einem weniger komplexen Niveau bereits von 2021 an kommt. Wir sprechen hier von „Level 2 plus und 3“-Systemen. Sie ermöglichen Funktionen wie den Autobahnstaupiloten, den Spurwechselassistenten und automatisches Parken. Auf kürzeren Abschnitten wird das Auto selbstständig unterwegs sein können, aber natürlich immer noch mit einem Fahrer.

Mit vier Autoherstellern haben wir in diesem Jahr bereits erste Lieferverträge für entsprechende Systeme abgeschlossen. Die Kosten für „Level 4 und 5“-Systeme, also das wirklich vollautomatische Fahren, sind im Moment noch zu hoch für eine breitere Anwendung im Volumensegment. Doch auch hier bewegt sich einiges, und wir sind in intensiven Gesprächen mit verschiedenen Autoherstellern für den Einsatz unserer Technologie im hochautomatisierten Fahren für den Zeitraum von 2023 an.

Sie haben eben keine europäische Stadt genannt. Hinkt Europa beim autonomen Fahren hinterher?
Das muss man leider so sagen, Europa ist etwas hintendran.

Liegt das an der staatlichen Regulierung?
Das hat verschiedene Hintergründe. Wobei auch in Europa das Thema inzwischen verstärkt im Fokus steht und sicherlich einen Schub bekommt durch das, was in den USA mit höherer Dynamik passiert.

Eine letzte Frage: Aptiv hat seinen Unternehmenssitz vor wenigen Monaten von Großbritannien in die irische Hauptstadt Dublin verlagert. Ist der Brexit der Grund?
Dublin ist einfach ein sehr interessanter Standort. Wir haben uns sehr lange überlegt, wo wir mit unserer neuen Aptiv-Zentrale hingehen werden. Die alte Delphi-Zentrale hatte ihren Sitz in England, bedingt durch die starke Präsenz im Bereich Powertrain, also die Antriebe. Mit Aptiv sind wir bewusst nach Dublin gegangen, dort finden wir hervorragende Bedingungen mit vielen hochqualifizierten Fachkräften, einem sehr international und weltoffen geprägten Umfeld und einer sehr guten Infrastruktur.

Herr Gassen, vielen Dank für das Gespräch.

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