Interview Autoexperte Stefan Bratzel: EU-Dieselgrenzwerte sind „eine Art Disziplinierung der Autohersteller“

Stefan Bratzel spricht im Interview über die neuen Abgasgrenzwerte und die Folgen für Industrie und Politik.
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„Die Politik ist in der Vergangenheit gegenüber den Herstellern nicht souverän genug aufgetreten.“ Quelle: dpa
Stefan Bratzel

„Die Politik ist in der Vergangenheit gegenüber den Herstellern nicht souverän genug aufgetreten.“

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Stefan Bratzel gehört zu Deutschlands bekanntesten Autoforschern. Der Professor am Center of Automotive Management (CAM) kritisiert die EU-Entscheidung.

Herr Bratzel, die Autoindustrie wehrt sich gegen die Brüsseler Beschlüsse. Zu Recht?
Die Politik will nicht mehr auf die Autohersteller hören. Denn die scharfen Grenzwerte sind auch eine Reaktion auf den Dieselskandal. Deshalb kann man diese Entscheidung als eine Art Disziplinierung der Autohersteller werten. Allerdings muss man auch sagen, dass die Politik in der Vergangenheit gegenüber den Herstellern nicht souverän genug aufgetreten ist.

Worin sehen Sie die größten Probleme?
Die Emissionsminderung setzt an der falschen Stelle an. Die Emissionen nur am Auspuff zu messen ist der falsche Weg. Wir müssen uns die gesamte Wertschöpfungskette eines Autos ansehen – von den ersten Planungsphasen bis hin zur Verschrottung. Alles andere – wie auch die jetzt beschlossenen Grenzwerte aus Brüssel – hat dann einfach nur symbolischen Charakter. Wir müssen diese gesamte Bilanz eines Autos in Augenschein nehmen, wenn wir uns nicht weiter in die Taschen lügen wollen.

Worauf wird sich die Automobilindustrie jetzt einstellen müssen?
Mit den neuen Grenzwerten würde eine durchschnittliche Belastung von ungefähr 60 Gramm Kohlendioxid je gefahrenen Kilometer vorgeschrieben. Auf 100 Kilometer wäre das ein Durchschnittsverbrauch von 2,7 Liter Benzin. Das ist mit den Verbrennungsmotoren nicht zu schaffen. Das geht nur mit einer durchgreifenden Elektrifizierung der Fahrzeugflotten.

Sind für Sie Hybridmodelle und rein batteriegetriebene Fahrzeuge dabei gleichwertig?
Hybridfahrzeuge sind nichts Halbes und nichts Ganzes. Werden bei diesen Autos die echten Emissionen im Straßenverkehr gemessen, dann schneiden sie nämlich gar nicht so gut ab. Deshalb kann das nur mit einem deutlich höheren Anteil von echten Elektrofahrzeugen gehen. Diese Steigerung zu erreichen, das wird allerdings nicht unbedingt einfach.

Warum ist das so schwierig?
Da sind wir bei den Rahmenbedingungen und damit wieder bei der Politik. Denn es ist vor allem eine politische Aufgabe, dass wir eine ausreichend große Ladeinfrastruktur bekommen. Sonst haben wir wieder eine inkonsequente Politik, die auf der einen Seite Forderungen erhebt, aber auf der anderen Seite nicht alles dafür tut.

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