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Interview IfW-Chef Gabriel Felbermayr: „Wir erleben eine neue Globalisierung“

Das Handelsvolumen werde langsamer wachsen als das Produktionsvolumen, sagt der Chef des Instituts für Weltwirtschaft. Doch es werde eine neue Globalisierung der Dienstleistungen geben.
15.09.2021 - 10:30 Uhr Kommentieren
„In Summe muss man sagen, dass sich die Globalisierung wandeln könnte, weg von physischen Gütern, hin zu digitalen Dienstleistungen.“ Quelle: dpa
IfW-Chef Gabriel Felbermayr

„In Summe muss man sagen, dass sich die Globalisierung wandeln könnte, weg von physischen Gütern, hin zu digitalen Dienstleistungen.“

(Foto: dpa)

Düsseldorf

Gabriel Felbermayr ist als Präsident des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) so etwas wie der oberste Handelsbeauftragte Deutschlands. Der Ökonom sieht eine große Trendwende in der Globalisierung. Die internationale Arbeitsteilung bei der Herstellung von Gütern, der zentrale Produktivitätstreiber der vergangenen Jahrzehnte, werde zurückgehen.

„Die Handelsvolumen werden im Trend langsamer wachsen als das Produktionsvolumen“, so Felbermayr. Sofern die Politik es zulasse, könne die Weltwirtschaft aber von einer neuen Globalisierungswelle im Dienstleistungsbereich profitieren.

Der Kieler Ökonom warnt insgesamt vor einer großen Verunsicherung wegen der anhaltenden Handelskonflikte und der Schwächung der Lieferketten. Das habe auch langfristige Folgen für die Preisentwicklung. „Die Zeiten ganz niedriger Inflationsraten sind vorüber.“ Die Notenbanken müssten dem „kommunikativ und handwerklich jetzt gegensteuern, um die Inflationserwartungen zu stabilisieren“.

Hier lesen Sie das vollständige Interview:

Herr Felbermayr, Handelskonflikte, Naturkatastrophen und jetzt eine Pandemie – die arbeitsteilige Weltwirtschaft hat in den letzten Jahren große Rückschläge erlebt. Sehen Sie eine Trendwende in der Globalisierung, vielleicht sogar den Beginn der Deglobalisierung?
So pauschal kann man das nicht sagen. Im Güterhandel sieht es in der Tat so aus, als ob das Handelsvolumen im Trend langsamer wächst als das Produktionsvolumen. In China ist das schon seit einigen Jahren stark sichtbar, und das Phänomen verallgemeinert sich. Wir haben es hier mit einem relativen Decoupling zu tun, das politisch gewollt ist.

Was heißt hier relativ?
Im Dienstleistungsbereich könnten wir eine neue Globalisierungswelle erleben. Mit neuen digitalen Technologien lassen sich Dienstleistungen über Landes- und Sprachgrenzen handeln. In Summe muss man dann eher sagen, dass sich die Globalisierung wandeln könnte, weg von physischen Gütern, hin zu digitalen Dienstleistungen. Die große Unsicherheit ist aber politisch: Lassen die Regierungen diese Veränderungen zu?

Was aber würde ein Rückgang der Globalisierung im Warenverkehr bedeuten? Was bedeutet das für die Produktivität?
Die internationale Arbeitsteilung bei der Herstellung von Gütern war ein zentraler Produktivitätstreiber. Sie erlaubt, dass die Länder jene Güter oder Dienstleistungen herstellen, bei denen sie besonders produktiv sind, und jene Dinge importieren, bei denen sie das nicht sind. Geht die Arbeitsteilung zurück, dann ist das ein Problem, weil wir in Zeiten der demografischen Alterung und der Energiewende mit weniger Ressourcen einen wenigstens konstanten Lebensstandard sicherstellen wollen. Das geht nur mit Produktivitätswachstum.

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Jetzt heißt es immer, wir müssten die Resilienz der Lieferketten stärken. Ist das ein neues Wort für Protektionismus?
Wir beobachten seit etwa 2011, dass sich die Lieferketten in den meisten Industriebranchen verkürzen: Der Anteil ausländischer Komponenten im Produktionswert geht zurück. Das ist ein sehr breites Phänomen, das etwa im Bereich der verarbeiteten Lebensmittel, aber auch im Maschinen- oder Autobau besonders stark auftritt. China oder die USA sind den Weg schon deutlich weiter gegangen als Europa. Der Handel und die Industrieproduktion sind nach dem Corona-Crash sehr schnell zurückgekommen. Das spricht eigentlich für ein relativ hohes Ausmaß an Resilienz. Wenn es in der Autobranche Knappheiten bei manchen Vorprodukten gibt, dann ist das kein Zeichen fehlender Resilienz, sondern ein Ausdruck eines starken Aufschwungs, der von der Industrie so nicht erwartet wurde.

Welche Rolle spielt bei diesem Prozess die Digitalisierung?
Der Digitalisierung kommt eine große Rolle zu. Im Logistikbereich, gerade im maritimen Bereich, und in der Exportfinanzierung gibt es noch sehr viel Papier und viele beteiligte Parteien. Hier können die Blockchain-Technologie und digitale Plattformen für mehr Sicherheit, schnellere Abläufe und weniger Kosten in grenzüberschreitenden Transaktionen sorgen. Das könnte mittelfristig zu einem neuen Globalisierungsschub führen, wenn die Politik dies zulässt.

Sollte der Trend zu einer Entschleunigung der Globalisierung nachhaltig sein, was bedeutet das langfristig für eine Volkswirtschaft wie die deutsche, deren Geschäftsmodell auf dem Export beruht?
Für die deutsche Volkswirtschaft ist das keine gute Nachricht. Sie ist nicht nur stark auf den Export fokussiert, sondern vor allem auf den Export klassischer Industriegüter. Die deutschen Unternehmen hingegen können durch Verlagerung von Produktion in die Zielmärkte ihre Positionen verteidigen oder gar ausbauen.

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Welche der drei Aspekte – Pandemie, Handelskonflikte, Natur-/Klima-Katastrophen – stellen die größte Gefahr für die Globalisierung dar?
Es ist vor allem die Handelspolitik, die in einem Kontext erodierenden Vertrauens zwischen den großen Blöcken – China, USA und Europa – den Rückzug auf den eigenen Markt als sichere Option sieht, gerade um vermeintlich besser mit den großen Krisen unserer Zeit – Pandemie, Klimawandel, technologische Veränderungen – umgehen zu können.

Hoffnungen für den Welthandel waren mit der Abwahl des großen Handelskriegers Donald Trumps verbunden. Wirkliche Besserung kam aber auch mit dem neuen Präsidenten Joe Biden nicht. Hat Sie das enttäuscht?
Ja, ganz eindeutig. Es ist eine Enttäuschung, dass die Stahl- und Aluzölle von Trump immer noch in Kraft sind, obwohl sie die Beziehungen der EU mit den USA belasten und die Marktpreise für die betroffenen Produkte aktuell sehr viel höher sind als noch vor ein paar Jahren. Auch bei der Reform der Welthandelsorganisation WTO geht mit Biden immer noch nicht viel voran.

Zurück zu den Lieferketten: Auch die rapide steigenden Inflationsraten hängen damit einhergehenden Lieferengpässen zusammen. Sehen Sie hier einen nachhaltigen Trend?
Ja, da gibt es einen Zusammenhang. Wir schätzen, dass circa 0,2 bis 0,3 Prozentpunkte der aktuellen Inflationsraten allein auf die Verteuerung der Seefracht zurückzuführen sind. Lieferengpässe treiben natürlich auch die Preise nach oben. Wenn man die marktwirtschaftlichen Kräfte politisch nicht aushebelt, dann wird aber bei steigenden Preisen das Angebot zunehmen und der Preisdruck geht zurück.

Das heißt, die hohen Inflationsraten sind nur ein vorübergehendes Phänomen?
Nein, die Zeiten der ganz niedrigen Inflation sind wohl vorbei, vor allem weil China nicht mehr zu sehr niedrigen Preisen beliebige Mengen liefern kann.

Sollten die Notenbanken in den USA und Europa schon jetzt gegensteuern?
Die Notenbanken müssen die langfristigen Inflationstreiber – langsamere Globalisierung, höhere Lohnabschlüsse durch Alterung der Gesellschaften – im Blick haben. Um Erwartungen zu stabilisieren, ist es jetzt sicher sinnvoll, das Gegensteuern handwerklich und kommunikativ vorzubereiten.

Herr Felbermayr, vielen Dank für das Interview.

Mehr: Redesign, Recycling, Regionalisierung – wie die Lieferketten wieder stabiler werden sollen

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