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Interview mit Joschka Fischer „Nicht im europäischen Interesse“

Spätestens seit seiner Amtszeit als Außenminister ist Joschka Fischer eine international geachtete Respektsperson. Heute berät er Unternehmen, darunter auch den Energiekonzern RWE. Im Gespräch mit dem Handelsblatt erläutert er, wie das als Grüner überhaupt möglich ist und was wirklich hinter dem Nabucco-Projekt steckt.
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Grünen-Politiker und RWE-Berater: Joschka Fischer. Quelle: dpa

Grünen-Politiker und RWE-Berater: Joschka Fischer.

(Foto: dpa)

Handelsblatt: Warum engagiert sich ein Grüner für den fossilen Energieträger Gas?

Fischer: Gas ist die beste Unterstützungsenergie für die erneuerbare Energieerzeugung. Mit dem rasanten Ausbau der erneuerbaren Energien steigt der Bedarf an Gaskraftwerken, die technisch sehr einfach und schnell zu- und auch wieder abgeschaltet werden können, wenn Windräder still stehen oder die Sonne gerade nicht scheint.

Sie sehen Gas als Brücke für den Einstieg in das regenerative Zeitalter?

Der Begriff Brückentechnologie ist in der energiepolitischen Debatte durch die Atomkraft belegt. Die Bezeichnung würde ich im Zusammenhang mit Gas daher nicht benutzen. Ich umschreibe Gaskraftwerke lieber als Back-up-Kapazität für die Erneuerbaren. Gas spielt aber nicht nur in der Stromerzeugung, sondern auch im Wärmebereich und für die Industrie eine wichtige Rolle. Deutschland und die EU haben daher ein großes Interesse an einem sicheren Erdgasbezug aus möglichst vielen Quellen.

Und Sie helfen dabei, politische Brücken zu bauen, damit künftig Gas über die Nabucco-Pipeline nach Europa kommt. Ist Nabucco ein politisches Projekt?

Nein. Nabucco ist kein politisches Projekt, die entscheidenden Antriebskräfte sind rein kommerzieller Natur. Und das ist auch gut so, aber selbstverständlich hat ein Energieprojekt solcher Größenordnung politische Konsequenzen. Zudem gibt es eine Reihe politischer Hürden. Wenn Nabucco nicht käme, wären die immensen Gasvorräte Turkmenistans für Europa verloren. Turkmenistan würde an asiatische Länder liefern, an erster Stelle an China. Der Zugriff auf zentralasiatische Gasquellen hätte außerdem für Europa den Vorteil, dass die neuen südosteuropäischen EU-Mitgliedsländer Anschluss an das europäische Gasversorgungssystem bekämen und so ihr teilweise sehr hohe Abhängigkeit von russischen Gaslieferungen reduzieren könnten.

Wenn eine Diversifizierung der Gasbezugsquellen so wichtig ist, kann den Europäern doch jede zusätzliche Pipeline nur recht sein, also auch das South-Stream-Projekt der Russen...

South Stream ist die Antwort der Russen auf das Nabucco-Projekt. Es trägt aber nicht zu einer Diversifizierung der Bezugsquellen Europas bei. Mit South Stream würde vielmehr "altes" Gas durch eine neue Leitung zu uns kommen. Die Pipeline verfolgt vor allem das Ziel, den Transit russischen Gases durch die Ukraine überflüssig zu machen, allerdings zu einem extrem hohen Preis. Sie erschließt den Europäern keine neuen Quellen und keine neuen Gastransporteure. Sollte South Stream jemals gebaut werden, wäre die Leitung mit Kosten von deutlich über 20 Mrd. Euro das mit Abstand teuerste Pipeline-Projekt. Zum Vergleich: Die Nord-Stream-Leitung durch die Ostsee soll elf Milliarden Euro, Nabucco voraussichtlich sieben bis acht Milliarden Euro kosten.

Ist South Stream nicht mehr als eine Antwort auf Nabucco, sondern vielmehr der Versuch, Nabucco zu torpedieren?

Das wird nicht funktionieren. Am Ende werden wir eher Kooperationen als Konfrontationen sehen.

Wie bewerten Sie das Angebot der Russen an RWE, sich an South Stream zu beteiligen?

RWE hat sich klar zu Nabucco bekannt. South Stream ist unter vielen Gesichtspunkten uninteressant. Am Ende würden alle Beteiligten davon profitieren, wenn man das Pipeline-Thema nicht als Konflikt sondern als Chance sehen würde. Es spräche nichts dagegen, wenn sich russische Firmen an Nabucco beteiligten.

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