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Interview mit Skoda-Chef Bernhard Maier „Wir hätten 100.000 Fahrzeuge mehr verkaufen können“ – Skoda wird Opfer des eigenen Erfolgs

Die tschechische VW-Tochter ist an der Kapazitätsgrenze, die Fabriken kommen den Bestellungen nicht mehr hinterher. Skoda-Chef Bernhard Maier strebt dennoch nach globaler Expansion.
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Bernhard Maier

PragSkoda hat sich die globale Expansion zum Ziel gesetzt. „Die Marke hat das Potenzial, im Laufe des nächsten Jahrzehnts weltweit mehr als zwei Millionen Fahrzeuge abzusetzen“, sagte Bernhard Maier, Chef der tschechischen VW-Tochter, im Gespräch mit dem Handelsblatt. Im vergangenen Jahr hat Skoda etwas mehr als 1,2 Millionen Fahrzeuge produziert.

Maier würde gern möglichst schnell ein neues Werk in Betrieb nehmen. Doch die Entscheidung fällt in Wolfsburg auf Konzernebene. Standorte in Bulgarien und der Türkei sind in der letzten Runde. „Die Suche befindet sich auf der Zielgeraden“, betonte der Skoda-Chef.

Die neue Fabrik soll als Mehrmarkenwerk ausgelegt werden – für VW und für Skoda. Noch wird konzernintern darüber diskutiert, ob dort Limousinen wie der VW Passat und der Skoda Superb oder die unverzichtbar gewordenen SUV von den Bändern laufen werden. Der Skoda-CEO präferiert eindeutig die SUV: „Ich sehe ein größeres Absatzpotenzial für SUV in den zwei Ländern, in denen das neue Werk gebaut werden könnte.“

Skoda braucht auch wegen seiner neuen Elektroflotte zusätzliche Kapazitäten. „Allein in diesem Jahr werden wir zehn neue oder überarbeitete Produkte an den Start bringen. Bis Ende 2022 werden es mehr als 30 sein. Davon werden wir zehn Modelle komplett oder teilweise elektrifizieren“, betonte Maier. In der vergangenen Woche hatte Skoda seine ersten beiden Elektroautos präsentiert. Sie werden unter der Submarke „iV“ verkauft.

Lesen Sie hier das vollständige Interview:

Herr Maier, Sie sagen, dass Skoda neue Kapazitäten braucht, weil Sie mit 120 Prozent Auslastung produzieren. Wie geht das überhaupt?
Wir haben eine installierte Kapazität, die mit 100 Prozent definiert ist. Durch Prozess- und Schichtoptimierungen lasten wir die Anlagen allerdings deutlich stärker aus. So kommen wir auf die genannten 120 Prozent.

Wird bei Skoda an sieben Tagen mit drei Schichten gearbeitet?
In unserem Hauptwerk in Mladá Boleslav fahren wir 15 Schichten von Montag bis Freitag, dazu kommen einige Extraschichten an Samstagen. In Teilbereichen wie etwa der Lackiererei oder im Presswerk wird auch am Wochenende gearbeitet. In unserem Werk Kvasiny im Norden Tschechiens haben wir durchgehend ein 18-Schicht-System eingeführt. Sieben Tage produzieren wir an keinem Standort, den Sonntag nutzen wir für die Wartung der Anlagen.

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Wie drückt sich die fehlende Kapazität in Zahlen aus?
Allein im vergangenen Jahr hätten wir 100.000 Fahrzeuge mehr verkaufen können. Die Jahresproduktion von Skoda lag 2018 bei mehr als 1,2 Millionen Autos. Mit einer höheren Produktivität steuern wir voraussichtlich auf die Marke von 1,3 Millionen zu. Dabei hilft uns unter anderem die neue Lackiererei, die bereits im Juni 2019 in Mladá Boleslav ans Netz geht.

Die Überauslastung haben Sie mit hohen Lohnsteigerungen bezahlt, oder?
Wir hatten im vergangenen Jahr in der Tat einen außerordentlichen Sprung bei den Tariflöhnen. Das betraf aber nicht nur Skoda, sondern ganz Tschechien. Die Löhne der staatlichen Bediensteten sind beispielsweise zwischen 15 und 18 Prozent angehoben worden. Bei allem Verständnis für die Bemühungen, eine notwendige soziale Konvergenz innerhalb der EU zu erzielen, muss das Land aufpassen, dass die Löhne nicht schneller steigen als die Produktivität, sonst sinkt die Wettbewerbsfähigkeit. In diesem Jahr fallen die Lohnabschlüsse bereits deutlich moderater aus.

Der Lohnabstand zwischen Wolfsburg und Mladá Boleslav ist wahrscheinlich immer noch beträchtlich, oder?
Die Löhne in Tschechien liegen spürbar unter westdeutschem Niveau, wobei wir sukzessive nachholen. Der Faktorkostenvorteil wird aber dennoch für lange Zeit erhalten bleiben.

Lassen Sie uns zur Kapazitätsfrage von Skoda zurückkommen. Sie hätten also gern eine Fabrik mehr. Was wünschen Sie sich genau?
Schon vor drei Jahren haben wir unsere Skoda-Strategie für die Zeit bis 2025 verabschiedet. Die Marke hat das Potenzial, im Laufe des nächsten Jahrzehnts weltweit mehr als zwei Millionen Fahrzeuge abzusetzen. Dieses Wachstum braucht Skoda auch, um die zum Teil erheblichen Investitionen in neue Technologien wie etwa im Bereich der E-Mobilität finanzieren zu können. Aber das geht nicht mit den Kapazitäten, die uns heute in Europa zur Verfügung stehen.

Die geplante neue Fabrik in Osteuropa oder der Türkei ist nur für Skoda gedacht?
Nein, es geht um ein neues Mehrmarkenwerk. Die Suche befindet sich auf der Zielgeraden. Der Aufsichtsrat des Volkswagen-Konzerns hat Mitte Mai grünes Licht gegeben, in die finalen Verhandlungen einzusteigen.

Mit welcher Kapazität planen Sie denn?
Die Standardkapazität für ein neues Werk umfasst in der Regel 300.000 Autos. Zu den Details bezüglich der Planung des neuen Mehrmarkenwerks können wir erst mehr sagen, wenn die Entscheidung gefallen ist. 

Solch ein neues Werk zu bauen braucht Zeit. Kurzfristig werden Sie also Ihr Problem fehlender Kapazitäten nicht lösen können.
Jetzt werden wir zunächst einmal in die konkreten Verhandlungen mit den Standorten in zwei Ländern…

…Bulgarien und der Türkei…
…eintreten. Die Namen kann ich nicht bestätigen. Nun müssen wir dem Konzernaufsichtsrat zeitnah einen fundierten Vorschlag für den Standort liefern.

Im Herbst gab es den Plan, dass die Produktion des VW Passat aus Emden und Ihres Superb im Skoda-Werk Kvasiny zusammengefasst wird. Ihre SUV aus Kvasiny sollten dann in das neue Mehrmarkenwerk in Osteuropa gehen. Gilt diese Planung noch?
Die endgültige Belegung der Werke ist noch nicht festgelegt. Im großen Werksverbund des Volkswagen-Konzerns gibt es viele Möglichkeiten.

Steht nicht gerade dieser Umweg über das Skoda-Werk in Kvasiny zur Disposition? Sollen Passat und Superb nicht gleich in das neue Osteuropa-Werk wechseln?
Wie gesagt: Die Belegung steht noch nicht fest. Sie hängt unter anderem auch davon ab, in welches Land der Konzern am Ende geht und wie schnell die Planungen fertig sind. Am Ende ist ausschlaggebend,was betriebswirtschaftlich am meisten Sinn macht.

Gibt es da einen Gegensatz zwischen VW und Skoda? Volkswagen würde den Passat gern in der Türkei fertigen, weil das Land ein wichtiger Markt für dieses Auto ist. Sie wollen aber, dass der Superb als prestigeträchtiges Fahrzeug in Tschechien bleibt.
Es ist noch nicht klar, wo die neue Fabrik gebaut wird, ich muss das noch einmal wiederholen. Wir werden die verschiedenen Fahrzeugsegmente genau betrachten. Und dann müssen wir uns ansehen, wie sich die Verkaufszahlen in Zukunft entwickeln werden. Ich sehe ein größeres Absatzpotenzial für SUV in den zwei Ländern, in denen das neue Werk gebaut werden könnte.

Könnten Sie es sich erlauben, Ihr Flaggschiff Superb aus Tschechien abzuziehen?
Eine schwierige Frage. Grundsätzlich können wir im Werksverbund des Konzerns überall jedes Auto produzieren. Aber natürlich gibt es mit einzelnen Modellen in einzelnen Ländern eine hohe Identifikation. Skoda ist das größte Einzelunternehmen Tschechiens und steht für rund fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Unser Flaggschiff Superb hat für die Bevölkerung eine hohe symbolische Bedeutung.

Zusätzliche Kapazitäten werden Sie auch deshalb benötigen, weil Sie wie der Volkswagen-Konzern viele E-Autos auf den Markt bringen wollen, oder?
Eindeutig, auch für unsere neuen Produkte brauchen wir die entsprechenden Kapazitäten. Neue Modelle sind ein Teil unseres Wachstumsplans. Allein in diesem Jahr werden wir zehn neue oder überarbeitete Produkte an den Start bringen. Bis Ende 2022 werden es mehr als 30 sein. Davon werden wir zehn Modelle komplett oder teilweise elektrifizieren.

Was ist kurzfristig geplant?
In der vergangenen Woche ist Skoda in die E-Mobilität gestartet. Wir haben unsere ersten beiden Elektromodelle präsentiert: den Superb iV, unser Flaggschiff als Plug-in-Hybrid, sowie den Citigoe iV, unser erstes rein batterieelektrisches Fahrzeug. Mit einer Reichweite von rund 260 Kilometern nach WLTP-Zyklus und einem wettbewerbsfähigen Preis passt er perfekt in die City – und zu Skoda.

Die beiden Autos sind Ihr Einstieg in die Elektromobilität?
Genau, im kommenden Jahr wird es dann den ersten Skoda auf Basis des modularen E-Antriebsbaukastens – kurz MEB – geben. Das ist die Plattform, auf der die meisten Fahrzeuge der großen Elektrooffensive des Volkswagen-Konzerns aufbauen. Wir bei Skoda planen als erstes Modell auf MEB-Basis einen SUV. Von den Außenmaßen wird das Auto so groß wie unser Octavia sein. Im Inneren bietet er dank des MEB deutlich mehr Platz.

Elektroautos sollen eine hervorgehobene Bedeutung bekommen. Was planen Sie außerdem?
Rund um unsere E-Autos, die wir künftig unter der Submarke iV zusammenfassen, arbeiten wir an einem vernetzten und ganzheitlichen Ökosystem, das den Kunden die E-Mobilität so einfach und bequem wie möglich macht. Dazu gehört etwa die Skoda-e-Charge-Card, mit dem unsere Kunden ihren iV an öffentlichen Ladepunkten in ganz Europa aufladen können. Abgerechnet wird per Flatrate, pro Minute oder pro Kilowatt – der Kunde entscheidet. Für zu Hause gibt es bezahlbare Wallboxen in unterschiedlichen Leistungsstufen, um deren Installierung und Wartung sich Skoda ebenfalls kümmert.

Der Volkswagen-Konzern will bis 2050 komplett klimaneutral sein, das muss doch auch Ihre Marke einschließen.
Keine Frage, Skoda wird seinen Beitrag leisten. Bis zur zweiten Hälfte des nächsten Jahrzehnts stellen wir die Produktion in unseren tschechischen Fabriken auf elektrische Energie um, die CO2-neutral produziert wird. Wir haben uns darüber hinaus zum Ziel gesetzt, die CO2-Emissionen unserer Flotte zwischen 2015 und 2025 um 30 Prozent zu senken. Dafür planen wir bis 2025 einen Elektroanteil von etwa 25 Prozent an unserem Gesamtabsatz. Das schließt Plug-in-Hybride und vollelektrische Autos gleichermaßen ein. Und dieser Anteil wird darüber hinaus noch weiter deutlich steigen.

Gibt es interne Konflikte, weil die Abgrenzung zu anderen Konzernmarken nicht immer ganz einfach ist?
Solche Probleme sehe ich nicht. Der Volkswagen-Konzern steht für rund zwölf Prozent Marktanteil auf dem weltweiten Automobilmarkt. Das heißt: Der bei weitem überwiegende Teil des Wettbewerbs findet außerhalb des Konzerns statt. Wir können zulegen, weil wir im Wettbewerbsumfeld außerhalb des Konzerns Marktanteile gewinnen.

Vor zwei Jahren hatten Sie einen Einstieg in den USA angekündigt. Zuletzt ist es sehr ruhig geworden, was diese Pläne betrifft.
Wir haben vom Konzern wichtige Aufgaben wie etwa die Verantwortung für die Region Indien übertragen bekommen. Klar ist: Wir können nicht alles gleichzeitig machen. Ein Markteintritt in den USA wäre auch unter den aktuellen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen nicht sinnvoll.

Indien hat eine wesentliche Bedeutung für Skoda bekommen. Wo stehen Sie mit Ihren Plänen?
Wir haben mit Aurangabad und Pune zwei Werke. In Aurangabad führen wir wie bisher unser Teile- und Komponenten-Geschäft fort. Für die Auslastung in Pune setzen wir mit VW und Skoda eine Zwei-Marken-Strategie um und haben uns entschieden, die Autos in Indien zu entwickeln und zu produzieren. Es wird zunächst zwei VW- und zwei Skoda-Modelle geben. Eines davon wird ein kleines SUV sein, dieses Segment wächst in Indien am stärksten. Ende 2020 stellen wir das erste Skoda-Fahrzeug vor.

In welcher Preisklasse sind Sie mit diesen Autos unterwegs?
Zu den Preisen kann ich aktuell noch nichts sagen, nur so viel: Mit dem Wachstum der Mittelschicht geht es darum, in Indien ein „Best Deal“-Auto anzubieten, nicht das billigste. Wir erfüllen hohe Standards, aber speziell zugeschnitten auf die indischen Bedürfnisse.

Strategisch bleibt die Aufgabe, sich mit diesen Autos dauerhaft in Indien zu etablieren?
Das wird keine schnelle Aufwärtsbewegung sein, wir brauchen Geduld und Hartnäckigkeit. Auch in China hat der Volkswagen-Konzern Durchhaltevermögen gebraucht, um sich dort wirklich fest etablieren zu können. Ganz wichtig: Die lokale Wertschöpfung unserer Autos für Indien ist sehr hoch. Mit den Zulieferern haben wir es geschafft, auf Werte von bis zu 95 Prozent zu kommen. Das macht die ganze Sache wirtschaftlich interessant.

Zum Schluss eine persönliche Frage: Sie sind bald vier Jahre auf Ihrem Posten. Wie lange wollen Sie Skoda-Chef bleiben?
Mein Vertrag läuft noch einige Zeit, und ich fühle mich bei Skoda ausgesprochen wohl. Die Skoda-Mannschaft ist einfach klasse. Gemeinsam haben wir viel erreicht – und noch viel vor.

Herr Maier, vielen Dank für dieses Interview.

Mehr: Bei Skoda bricht das Elektro-Zeitalter an. Was CitigoE und Superb iV zu bieten haben.

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