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Bayer-Chef Werner Baumann

„Es gibt überhaupt keinen Grund, jetzt in Nervosität oder operative Hektik auszubrechen.“

(Foto: Ingo Rappers/laif)

Interview mit Werner Baumann Bayer-Chef kritisiert Urteil im Glyphosat-Prozess – „Wir werden uns sehr entschieden verteidigen“

Der Bayer-Chef spricht im Handelsblatt-Interview über die Folgen des Glyphosat-Urteils und die mittlerweile 8000 weiteren Klagen gegen Monsanto. Er sieht keinen Grund, jetzt in Nervosität auszubrechen.
Update: 23.08.2018 - 14:28 Uhr 2 Kommentare

In seinem lichtdurchfluteten Büro in der Leverkusener Konzernzentrale sitzt Werner Baumann entspannt und locker gekleidet am kleinen Konferenztisch. Gleich wird der Bayer-Chef nach Monheim aufbrechen, wo er mit den Mitarbeitern der Agrardivision und den zugeschalteten Monsanto-Mitarbeitern aus den USA feiern will. Es ist „Day one“, der offizielle Start der Integration beider Unternehmen. Jetzt ist es Baumann rechtlich gestattet, sich zu dem aufsehenerregenden Urteil gegen Monsanto in Kalifornien zu äußern – und zu den mittlerweile rund 8000 vorliegenden Klagen wegen Glyphosat. Eine Stunde nimmt er sich Zeit für das Interview mit dem Handelsblatt zu den Geschehnissen der zurückliegenden Tage.

Herr Baumann, Sie wirken sehr aufgeräumt und gelassen. Ist das noch der Urlaubseffekt, oder ist es Ihre Art, mit schwierigen Situationen umzugehen, wie sie Bayer seit einigen Tagen erlebt?
Ich habe in meiner Karriere bereits mehrere Situationen erlebt, die sehr fordernd waren. Auch wenn der Druck groß ist, bleibe ich ruhig und analysiere die Dinge sachlich. Insofern sehen Sie mich in dem Gemütszustand, den ich auch vor dem Sommerurlaub hatte.

Bei den Bayer-Investoren ist das anders. Die flohen nach der Verurteilung ihrer neuen Tochter Monsanto im ersten Glyphosat-Prozess massenhaft aus der Aktie. Bayer erlebte vergangene Woche einen Kurssturz wie seit Jahrzehnten nicht mehr.
Wir haben ein einzelnes, erstinstanzliches Urteil einer Jury, das sich sehr stark in unserem Kurs niedergeschlagen hat. Es gibt aber überhaupt keinen Grund, jetzt in Nervosität oder operative Hektik auszubrechen. Fakt ist: An der zwingenden Logik der Übernahme von Monsanto, am Wertschaffungspotenzial für unsere Aktionäre, an der Attraktivität des Agrarmarkts und an unseren kommunizierten Zielen hat sich überhaupt nichts geändert.

Das Urteil sendete am Montag voriger Woche nicht nur eine Schockwelle durch die Aktienmärkte, sondern auch durch die Bayer-Belegschaft. Haben Sie sich direkt an die Mitarbeiter gewandt?
Was vielen nicht klar ist: Uns waren bis zum Donnerstag vergangener Woche kommunikativ die Hände gebunden. Bayer und Monsanto mussten bis dahin klar getrennte Unternehmen bleiben, das war die Auflage der US-Behörden.

Wie stellen Sie es jetzt an, dass Ihre Mitarbeiter sich weiterhin wohlfühlen in einem Unternehmen, das gerade so stark öffentlich leidet?
Es ist zunächst sehr wichtig, die Fakten zu sehen und diese, nun dass wir kommunizieren können, sowohl intern wie auch extern zu vermitteln. Dies tun wir sehr intensiv und schaffen die notwendige Transparenz und Perspektive. Im Übrigen hatten wir am Dienstag zum offiziellen Start der Integration an unseren Standorten weltweit Mitarbeiter-Veranstaltungen. Die Aufbruchsstimmung in der Belegschaft war deutlich spürbar und wir starten mit Optimismus und Energie in die Zukunft – und zwar sowohl für unser nun führendes Crop-Science-Geschäft wie auch für Bayer insgesamt.

Das Urteil des Gerichts in San Francisco lässt Sie unbeeindruckt?
Natürlich nicht. Wir werden uns in diesem Fall und auch in den weiteren Fällen sehr entschieden verteidigen. Die Entscheidung der Jury steht im Widerspruch zu bestehenden wissenschaftlichen Erkenntnissen, jahrzehntelangen praktischen Erfahrungen und den Einschätzungen von Regulierungsbehörden weltweit. Alle diese Erkenntnisse, Erfahrungen und Einschätzungen bestätigen, dass Glyphosat sicher ist und keine Krebserkrankung verursacht.

Ihre Kritiker und auch die kalifornische Gerichtsjury kommen zu einem anderen Urteil, was die Krebsgefahr von Glyphosat angeht.
Was den konkreten Fall betrifft: Wir empfinden tiefes Mitgefühl für Herrn Johnson und seine Familie, aber Glyphosat ist für seine Krebserkrankung nicht verantwortlich. In über 800 Studien weltweit ist keinerlei Zusammenhang zwischen dem Einsatz von Glyphosat und Krebserkrankungen nachgewiesen worden. Darunter ist auch eine große unabhängige, seit mehr als 20 Jahren laufende Untersuchung mit rund 50.000 in der Landwirtschaft Beschäftigten und deren Partnern. Wir sind davon überzeugt, dass das Urteil der Jury falsch ist, und werden Rechtsmittel dagegen einlegen.

Die Investoren stellen sich wie auch die Öffentlichkeit die wichtige Frage, ob Bayer die zusätzlichen Rechtsrisiken durch die Übernahme falsch eingeschätzt hat.
Wir haben im Zuge der Akquisition eine Due Diligence in dem Rahmen durchgeführt, wie sie bei der Übernahme eines börsennotierten Unternehmens üblich ist. Dabei haben wir selbstverständlich auch die Rechtsrisiken betrachtet. Man muss aber auch sehen, dass zum damaligen Zeitpunkt der Umfang der Klagen, mit denen wir uns jetzt auseinandersetzen, noch gar nicht absehbar war.

Müssen Sie die Rechtsrisiken durch Glyphosat jetzt neu bewerten?
Die Sicherheitsbewertung von Glyphosat hat sich seit dem Zeitpunkt der Übernahme nicht verändert. Wenn das anders wäre und wir feststellen müssten, dass in der Due Diligence etwas übersehen wurde, würden wir reagieren. Das ist aber nicht der Fall.

Wie wird sich Bayer nun in den weiteren juristischen Prozess einschalten?
Seit Donnerstag voriger Woche können wir uns aktiv in das Verfahren einbringen. Unsere Anwälte haben sich sofort ausgetauscht. Wir werden beim zuständigen Gericht Rechtsmittel einlegen. Sollte dies – entgegen unserer Erwartung – keinen Erfolg haben, werden wir uns in einem nächsten Schritt an das Berufungsgericht wenden.

Wie groß schätzen Sie die möglichen Rechtsrisiken über den ersten behandelten Fall hinaus ein?
Das ist schwer vorherzusagen, aber es ist natürlich mit einer Zunahme von Klagen zu rechnen, wobei die Anzahl von Klagen nichts über deren Erfolgswahrscheinlichkeit aussagt.

Eine der Sorgen im Markt ist, dass sich Bayer nun über Jahre hinweg mit einzelnen Verfahren zu Glyphosat herumschlagen muss, die einen ungewissen Ausgang haben. Wird diese Unsicherheit zum Dauerthema?
Das Thema wird uns sicherlich länger beschäftigen. Wir bereiten uns intensiv auf die nächsten Verfahren vor und können dabei auf unsere Erfahrung bei den in den USA üblichen Produkthaftungsverfahren zurückgreifen.

Das kalifornische Urteil sieht neben dem Schadensersatz eine Strafzahlung von 250 Millionen Dollar vor. Ist das ein Signal für die weiteren Verfahren?
Aus meiner Sicht nicht. Es ist wichtig zu wissen, dass in der Vergangenheit in zahlreichen US-Verfahren, bei denen hohe Schadenersatzsummen von einer Jury zugesprochen wurden, diese Summen später – häufig substanziell – reduziert wurden. Zudem wird jeder weitere Fall für sich genommen zu behandeln sein. Das Urteil der Jury in der ersten Instanz im spezifischen Fall Johnson ist für weitere Fälle nicht ausschlaggebend.

Die Klägeranwälte arbeiten mit internen Dokumenten von Monsanto. Sie sollen beweisen, dass der Konzern angeblich selbst eine von Glyphosat ausgehende Krebsgefahr sieht, aber auf den Produkten davor nicht gewarnt hat.
Dazu kann ich nur sagen: Auf der Klägerseite werden teilweise interne Dokumente aus dem Zusammenhang gerissen zitiert. Wir halten uns an das Faktische, dass es keinerlei kausalen Zusammenhang zwischen Krebserkrankungen und Glyphosat gibt und dass es auch aus Sicht der Regulierer ein in der Anwendung sicheres Produkt ist.

Wie hat der Aufsichtsrat auf das Urteil und den Kursrutsch reagiert?
Der Aufsichtsrat ist umfassend informiert, und ich stehe in engem Austausch mit dem Aufsichtsratsvorsitzenden Werner Wenning.

Müssen Sie bereits Rückstellungen für Rechtskosten bilden?
Wir halten es so, dass wir bei Rechtsfällen in den USA übliche Rückstellungen für Verteidigungskosten bilden. Monsanto hat das auch getan.

„Aufgrund der Kombination von Bayer und Monsanto haben wir ein enormes Innovationspotenzial auf dem Gebiet der Landwirtschaft.“ Quelle: Bloomberg/Getty Images
Forschungseinrichtung von Bayer in Monheim

„Aufgrund der Kombination von Bayer und Monsanto haben wir ein enormes Innovationspotenzial auf dem Gebiet der Landwirtschaft.“

(Foto: Bloomberg/Getty Images)

Wie wollen Sie die aufgebrachten Investoren beruhigen?
Natürlich stehen wir im engen Austausch mit unseren Aktionären. Und wir werden nach Abschluss der Post Merger Due Diligence eine detaillierte Strategie und klare Ziele für unser Agrargeschäft erarbeiten, die wir im Dezember auf unserem Kapitalmarkttag präsentieren. Da werden wir auch ausführlich darstellen, wie attraktiv sich die Landwirtschaft in den nächsten Jahren entwickeln wird.

Können Sie alle Ziele, die Sie mit der Monsanto-Übernahme ausgegeben haben, trotz der nun neuen Rechtslage erreichen?
Was wir bisher kommuniziert haben, hat unverändert Bestand. Wir wollen langfristig stärker als der Markt wachsen und haben ein Synergiepotenzial von 1,2 Milliarden Dollar, das wir von 2022 an erreichen wollen.

Also trotz der Unruhen und Rechtsfälle um Glyphosat werden die Bayer-Zahlen Anfang September keine großen Überraschungen bieten?
Zum zweiten Quartal können wir zum jetzigen Zeitpunkt noch nichts sagen.

Der Streit um Glyphosat und das jüngste Verfahren haben aus unserer Sicht bereits zu einem Reputationsschaden bei Bayer geführt, der schwer zu beheben ist. Man sieht ja im Dieselskandal, wie skeptisch die Öffentlichkeit auf Dauer bleibt.
Den Vergleich mit dem Dieselskandal weise ich entschieden zurück. Wir haben uns überhaupt nichts vorzuwerfen, wenn wir wie mit Glyphosat ein sicheres und bewährtes Produkt zur Verfügung stellen. Und wir stehen für einen transparenten Dialog mit allen Interessengruppen – selbstverständlich auch, was die Umweltverträglichkeit unserer Produkte betrifft. Ich betone nochmals: Wir werden die kombinierten Geschäfte nach unseren bewährten Maßstäben betreiben und voranbringen. Und die erfüllen höchste Standards.

Politische und gesellschaftliche Veränderungen folgen nicht immer der Logik der Wissenschaft. Wie gefährlich wäre es für Bayer, wenn das Glyphosat-Geschäft schlicht aufgrund der negativen Stimmung unter Druck geriete?
Die Frage ist doch: Können wir es uns leisten, dass Stimmungsmache und Kampagnen von Aktivisten an die Stelle von wissenschaftlichen Fakten treten? Ich kann verstehen, dass Menschen chemischen Wirkstoffen in der Landwirtschaft mit Skepsis begegnen. Aber Glyphosat ist ein sicheres Produkt und hat in den vergangenen Jahrzehnten entscheidend dazu beigetragen, mehr hochwertige Nahrungsmittel zu produzieren. Auch für uns ist es ein durchaus signifikantes und wichtiges Produkt. Und was leicht übersehen wird: Es ist im Grunde eine Jahrhunderterfindung.

So wurde der Diesel auch verkauft.
Noch mal: Das kann man nicht vergleichen. Bei Glyphosat haben wir eine ganz andere Situation. Das ist tatsächlich eine Jahrhunderterfindung und ein sicheres und effektives Produkt, das moderne Methoden wie die pfluglose Bodenbearbeitung erst möglich gemacht hat. Es hilft, die Bodenerosion, den Wasserbedarf und den CO2-Ausstoß zu reduzieren und bringt daher viele Vorteile für die Landwirtschaft.

Viele Kritiker und auch Politiker sind da ganz anderer Meinung. Vor allem in Europa, insbesondere in Frankreich und in Deutschland ist die Haltung kritisch. Und jetzt steht Glyphosat auch in Brasilien zur Disposition – einem der Hauptmärkte von Monsanto.
Es geht in diesem Verfahren weder um die Sicherheit von Glyphosat, noch grundsätzlich um die derzeit bestehenden Zulassungen von Pflanzenschutzmitteln. Ziel eines Gerichts in Brasilien war es, die Aktualisierung der regulatorischen Bewertungen von Glyphosat und anderer Wirkstoffe durch die Gesundheitsbehörde ANVISA zu beschleunigen. Wir begrüßen es daher sehr, dass sich die brasilianische Regierung dafür einsetzt, die vom Gericht veranlasste einstweilige Verfügung aufzuheben.

Wie ist denn die Situation in den USA?
Auch da gibt es kritische Stimmen, wobei die Bewertung von Pflanzenschutzmitteln unter den gleichen hohen Sicherheitsstandards erfolgt. Trotzdem läuft dort die Diskussion anders, mit viel mehr Offenheit und Vertrauen in Technologien.

In Europa ist das anders?
Hier fehlt es vielfach am Vertrauen in den Fortschritt. Die Chancen von Innovationen und Technologien werden dadurch zu wenig geschätzt und wahrgenommen. Stattdessen sehen wir eine Tendenz, dass das Vorsorgeprinzip überbetont wird, wie zum Beispiel auch das Urteil des Europäischen Gerichtshofs zur Genom-Editierung zeigt. Das schwächt den Forschungsstandort Europa immens.

Wenn sich die politische Lage verschärfen würde, wäre es denkbar, dass Bayer das Geschäft mit Glyphosat aufgibt?
Es gibt derzeit überhaupt keinen Anlass, darüber nachzudenken. Grundsätzlich gilt aber für alle unsere Produkte, egal aus welchem Bereich: Ohne gesellschaftliche Akzeptanz können wir unser Geschäft auf Dauer nicht betreiben. Im Sinne einer nachhaltigen Landwirtschaft werden wir unser Produktportfolio immer weiterentwickeln.

„Wir haben die Unternehmenskulturen sehr intensiv analysiert und dabei festgestellt, dass sie sich in vieler Hinsicht sehr ähnlich sind.“ Quelle: picture alliance/dpa
Baumann mit Monsanto-Chef Hugh Grant

„Wir haben die Unternehmenskulturen sehr intensiv analysiert und dabei festgestellt, dass sie sich in vieler Hinsicht sehr ähnlich sind.“

(Foto: picture alliance/dpa)

Was bedeutet für Sie nachhaltige Landwirtschaft?
Dazu gehört zum Beispiel, mit intelligenteren Entscheidungen bessere Ergebnisse zu erzielen, also das ganze Thema Digitalisierung der Landwirtschaft. Mithilfe von Drohnen oder Satelliten können wir heute zum Beispiel den Schädlingsbefall auf Feldern viel genauer eingrenzen und dadurch Pflanzenschutzmittel viel gezielter und nachhaltiger einsetzen. Ein zweiter Punkt ist die Reduzierung des Düngemitteleinsatzes. In einem Gemeinschaftsunternehmen erforschen wir, wie die Stickstoffbindung von Kulturpflanzen erhöht werden kann. Dadurch könnte der Bedarf an Kunstdünger zukünftig um 30 Prozent verringert werden.

Neben Glyphosat ist Monsanto auch durch Prozesse um das Unkrautmittel Dicamba belastet. Wie bedrohlich sind diese Verfahren?
Es geht hier nach unserem aktuellen Kenntnisstand um 37 Fälle mit 181 Klägern, die Verfahren gegen verschiedene Hersteller angestrengt haben. Die Klagen richten sich außer gegen Monsanto auch gegen verschiedene andere Unternehmen im Landwirtschaftssektor – und sie sind schon seit längerer Zeit bekannt. Monsanto und die weiteren Beklagten haben die erhobenen Vorwürfe bestritten. Unabhängig davon dürfte es in Kürze auch eine Entscheidung der amerikanischen Umweltschutzbehörde EPA zur Verlängerung der Zulassung von Dicamba geben.

Ist zu fürchten, dass durch die Prozesse und Diskussionen um Glyphosat und Dicamba der nun beginnende Integrationsprozess beider Unternehmen beeinträchtigt wird?
Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Wir werden uns mit diesen Themen selbstverständlich beschäftigen. Aber das wird uns nicht davon abhalten, für unsere Kunden und gemeinsam mit ihnen sehr hart daran zu arbeiten, für eine wachsende Weltbevölkerung mehr gesunde, sichere und erschwingliche Lebensmittel auf nachhaltige Weise herzustellen.

Wie herausfordernd für die Integration sind die kulturellen Unterschiede zwischen Bayer und Monsanto?
Wir haben die Unternehmenskulturen sehr intensiv analysiert und dabei festgestellt, dass sie sich in vieler Hinsicht sehr ähnlich sind: Beide Firmen sind sehr innovations- und kundenorientiert. Aber es gibt auch Unterschiede.

Auch Prozesse um den Unkrautvernichter Dicamba belasten die Bayer-Tochter Monsanto. Quelle: The Washington Post/Getty Images
Sojafarmer in den USA

Auch Prozesse um den Unkrautvernichter Dicamba belasten die Bayer-Tochter Monsanto.

(Foto: The Washington Post/Getty Images)

Wo sehen Sie die größten Diskrepanzen?
Monsanto hat seine Standpunkte sehr entschlossen vertreten. Bayer setzt dagegen vor allem darauf, eine Win-win-Situation in den Beziehungen zu Kunden und anderen Stakeholdern aufzubauen. Diesen Weg werden wir weitergehen.

Kann Bayer auch von Monsanto lernen?
Aber sicher. Die Konzentration auf die Kunden war bei Monsanto wesentlich ausgeprägter als bei Bayer. Hier kann Monsanto als ein Katalysator für alle unsere Bereiche wirken.

Mit der Übernahme des Geschäfts mit rezeptfreien Arzneien (OTC) von Merck haben Sie vor vier Jahren schon einmal eine große Akquisition in den USA durchgezogen, bei der es hinterher einige negative Erfahrungen gab. Kann man diese Erfahrungen nutzen für Monsanto?
Das Merck-OTC-Geschäft hat unsere Erwartungen sicher nicht erfüllt – teilweise bedingt dadurch, dass wir in der Due Diligence nicht alles sehen konnten, was wir wollten, weil der Verkäufer den Prozess bestimmt hat. Zudem haben sich die Märkte in den USA zulasten der großen Anbieter entwickelt. Diese Themen lassen sich aber nicht auf die Monsanto-Akquisition übertragen.

Können Sie den Investoren etwas aus der Produktentwicklung bieten, was im Blick nach vorne beruhigt?
Aufgrund der Kombination von Bayer und Monsanto haben wir ein enormes Innovationspotenzial auf dem Gebiet der Landwirtschaft, das meiner Meinung nach in dieser Form einmalig ist. Nicht nur beim chemischen und biologischen Pflanzenschutz, sondern auch was neue Züchtungsmethoden angeht. Zudem wird die Digitalisierung die Landwirtschaft noch effizienter und umweltverträglicher machen. Mit der Climate Corporation haben wir als Bayer optimale Voraussetzungen, um diese Entwicklung maßgeblich voranzubringen.
Herr Baumann, vielen Dank für das Interview.

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2 Kommentare zu "Interview mit Werner Baumann: Bayer-Chef kritisiert Urteil im Glyphosat-Prozess – „Wir werden uns sehr entschieden verteidigen“"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Meine erste Reaktion auf die Ankündigung des Kaufes von Monsanto, ws ja schon länger her ist, wird sich bestätigen.

    Die Analyse von Herrn Brinkmann-Brand ist schon sehr richtig.

    Hinzu kommen aber noch andere Aspekte:
    Der Kaufpreis von Monsanto unter Berücksichtigung der angebrachten Zweifel an verschiedenen Produkten, insbesondere Glyphosat, ist ein Absurdum. Dass da kein anderer Deal mit den ehemaligen Monsanto Aktionären zustandekommt, schreit schon zum Himmel, denn da sie in Monsanto investiert sind, könnten sie ja auch in der nachher viel besser aufgestellten (Ironie) Bayer-Monsanto bleiben.
    Aber nein, da zieht man das Geld ab.....
    Bayer nimmt 40 Mia Kredit auf, um dies zu stemmen.

    Tatsache ist, dass bei Monsanto schon lange Zeit enorme Klagen erwartet wurden, eventuell auch ein Glyphosatverbot in verschiedenen Ländern. Ist doch beileibe kein Zufall, dss dieses Urteil gerade jetzt nach abgeschlossener Übernahme fällt.


    Mich würde nicht

  • Ich meine mich dunkel zu erinneren, dass Asbest auch eine winzige Zeit von fast einem Jahrhundert als relativ unbedenklich angesehen wurde, obwohl es ziemlich früh Indizien für eine gesundheitsschädigende Wirkung gab - mit bekannten Folgen. Heute wird es in ärmsten Ländern munter und mit geringen Schutzmaßnahmen wieder en masse gebraucht.

    Und Rauchen wurde ja auch lange als unproblematisch verkauft, wie unter anderem Siddhartha Mukherjee in seiner phantastischen "biography of cancer" zeigte.

    Da Glyphosat als "sicher" zu bezeichnen, mag vielleicht ökonomisch opportun sein. Aber die Worte Herrn Baumanns zu einem Totalherbizid (man lasse sich allein das Wort inklusive seiner Anklänge an andere menschliche Wortschöpfungen auf der Zunge zergehen) aus dem Hause eines Unternehmens, das auch "Agent Orange" produziert hat, ist in Anbetracht von Indizien wie Kälber- und Ferkel-Missbildungen und ähnliche Missbildungen bei argentinischen Bauern in der Soja-Wüste in die Nähe menschlicher Hybris zu rücken.

    Ich kann zwar nicht entscheiden und beurteilen, ob Glyphosat gefährlich ist oder nicht (und ich hoffe, es ist es nicht). Da aber fast die gesamte Bevölkerung von Glyphosat-Resten belastet ist und bei uns (noch) das Vorsorgeprinzip gilt, scheint mir zumindest eine vorsichtigere Wortwahl als auch etwas mehr Skepsis zu rechtfertigen. Hoffen wir, dass Herr Baumann richtig liegt und keine Menschen unter dem Totalherbizid leiden müssen (die Natur tut es wohl dennoch). Und hoffen wir, dass Bayer wenigstens eine ökonomische Apokalypse now erlebt, wenn sich Wissenschaftler und Herr Baumann leider doch geirrt haben sollten. Schade nur, dass Investoren erst zurückhaltend werden, wenn es an den eigenen Geldbeutel geht und nicht bereits, wenn es moralisch fragwürdig wird - die kritischen unter ihnen seien explizit ausgenommen.

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