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Interview VW-Chef Herbert Diess: „Wir würden mit einem Tempolimit sehr viel aufgeben“

Ein Tempolimit auf den Autobahnen ist für VW-Chef Herbert Diess verzichtbar. Autonomes Fahren mache Geschwindigkeitsbegrenzungen ohnehin überflüssig.
07.07.2021 - 04:00 Uhr 6 Kommentare
Aus seiner Sicht braucht es kein Tempolimit auf den deutschen Autobahnen. Die Technik regele alles von allein. Quelle: Reuters
Herbert Diess wehrt sich gegen ein mögliches Tempolimit

Aus seiner Sicht braucht es kein Tempolimit auf den deutschen Autobahnen. Die Technik regele alles von allein.

(Foto: Reuters)

Düsseldorf Es ist sehr wahrscheinlich, dass nach der Bundestagswahl ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen durchgesetzt wird. Die Politik diskutiert bereits darüber. Volkswagen-Chef Herbert Diess lehnt eine Geschwindigkeitsbegrenzung grundsätzlich ab. Künftige Fahrzeuggenerationen würden immer besser und sicherer, es gebe deutlich weniger Unfälle – auch ohne Tempolimit. „Wir würden sehr viel aufgeben, wenn wir uns auf 130 Stundenkilometer beschränken würden“, sagt der VW-Chef im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Diess verweist dabei auf intelligente Verkehrsleitsysteme und das autonome Fahren. Beides lasse auch in Zukunft höhere Geschwindigkeiten zu und sorge für große Fortschritte in Sachen Sicherheit. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir in zehn oder 15 Jahren noch in nennenswertem Umfang größere Autobahnunfälle haben werden“, meint der Automanager.

Freie Fahrt auf den Autobahnen ist aus Sicht des VW-Chefs ein Wettbewerbsvorteil für die deutschen Fahrzeughersteller, der nicht leichtfertig aufgegeben werden sollte. „Deutschland steht wie kein anderes Land für individuelle Freiheit. Egal, wo man auf der Welt ist, alle schwärmen vom Freiheitsgefühl auf deutschen Autobahnen“, so der VW-Chef weiter.

Lesen Sie hier das gesamte Interview:

Herr Diess, erwarten Sie, dass nach der Bundestagswahl ein Tempolimit auf Autobahnen kommt? Was schlagen Sie vor?
Von uns kommt sicherlich kein Vorschlag für ein generelles Tempolimit. Das Auto wird in den nächsten zehn Jahren unglaublich sicher und nachhaltig. Wir haben ein sehr gut ausgebautes Autobahnnetz, die Straßeninfrastruktur stimmt. Obwohl die US-Amerikaner nur eine Höchstgeschwindigkeit von 55 Meilen zulassen, haben sie doppelt so viele Verkehrstote pro gefahrenen Kilometer. Wir würden sehr viel aufgeben, wenn wir uns – wie von den Grünen und der SPD vorgeschlagen – auf 130 Stundenkilometer beschränken würden.

Sie kalkulieren mit mehr Sicherheit auf den Straßen?
Es geht um intelligente Verkehrsleitsysteme und autonomes Fahren, das weiterhin höhere Geschwindigkeiten zulassen wird und für große Fortschritte in Sachen Sicherheit sorgt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir in zehn oder 15 Jahren noch in nennenswertem Umfang größere Autobahnunfälle haben werden. Heute stellen große Geschwindigkeitsunterschiede zwischen einem Lkw mit 80 km/h und einem Pkw mit 250 km/h noch eine Gefahrenquelle dar, die in Zukunft leicht vermieden werden kann.

Verändert sich etwas durch die Elektromobilität?
Auch das. In der elektrischen Welt wird man langsamer fahren, weil die Fahrzeuge bei höheren Geschwindigkeiten schneller an Reichweite verlieren. Bei 160 km/h ist der Reichweitenverlust schon beachtlich, Tempo 200 fährt man nur für kurze Zeit. Auch deshalb frage ich mich, ob wir überhaupt ein Tempolimit brauchen.

Wird ein mögliches Tempolimit bis zum Herbst zum großen Wahlkampfthema?
Ich habe den Eindruck, dass da bewusst wenig drüber gesprochen wird. Dabei müssten wir die Debatte eigentlich offen führen. Deutschland steht wie kein anderes Land für individuelle Freiheit. Egal, wo man auf der Welt ist, alle schwärmen vom Freiheitsgefühl auf deutschen Autobahnen. Das ist ein Wettbewerbsvorteil, den wir nicht leichtfertig aufgeben sollten.

Auch nicht für den Klimaschutz?
Wenn es der Politik um den Klimaschutz ginge, würde sie andere Bereiche viel stärker in den Fokus nehmen. Zum Beispiel die Braunkohleverstromung, die Stahl- und Zementindustrie, die Schifffahrt oder den Lkw-Verkehr. Der Beitrag der Elektrifizierung im Pkw-Verkehr ist relativ gering.

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Sie bereiten sich trotzdem auf alle Eventualitäten vor?
Wir verkaufen unsere Autos auf der ganzen Welt, auch in den Ländern mit Tempolimit. Insofern bedarf es keiner besonderen Vorbereitung. Worauf wir uns natürlich vorbereiten, sind die E-Mobilitätswende und das autonome Fahren.

Die Autoindustrie hat immer damit argumentiert, die deutschen Hersteller bräuchten freie Autobahnen, um ihren technischen Vorsprung zu erhalten. Gilt das noch?
Natürlich. Wir haben in Deutschland optimale Bedingungen, gerade für die Premiumhersteller. Die freien Autobahnen haben viel Ingenieurskunst hervorgebracht, die die deutschen Autohersteller im weltweiten Vergleich sehr wettbewerbsfähig macht. Das Premiumangebot ist fast komplett in deutscher Hand.

Was leiten Sie daraus für die Zukunft ab?

Mit den neuesten technischen Entwicklungen müssen wir dafür sorgen, dass die Elektromobilität auch zu Hause stark wird, genauso wie das Premiumgeschäft. Ein starker Heimatmarkt ist die Grundvoraussetzung dafür, um weltweit erfolgreich exportieren zu können. Dafür brauchen wir in Deutschland einen großen Markt für die Elektromobilität. Außerdem müssen wir schnell sein beim Thema autonomes Fahren und Fahrerassistenzsysteme. Wenn wir das in Deutschland erreichen, können wir es auch auf dem Weltmarkt schaffen. Sollte die Konkurrenz in den USA, in Japan und in China schneller sein, dann würden wir Probleme bekommen.

Wer bei Elektroautos massiv aufs Gas drückt, muss das Fahrzeug sehr schnell wieder aufladen. „Auch deshalb frage ich mich, ob wir überhaupt ein Tempolimit brauchen“, sagt VW-Chef Diess. Quelle: dpa
Elektroautos ID.3 und ID.4 auf dem Gelände des Zwickauer Volkswagen-Werks

Wer bei Elektroautos massiv aufs Gas drückt, muss das Fahrzeug sehr schnell wieder aufladen. „Auch deshalb frage ich mich, ob wir überhaupt ein Tempolimit brauchen“, sagt VW-Chef Diess.

(Foto: dpa)

Haben Sie die Emotionalität des Autofahrens – den Spaß am Auto – bei der Konzentration auf Umweltthemen vergessen?
Den Spaß am Auto hatte ich immer im Kopf. Ich will das Auto aber in die neue Zeit bringen, das geht nur mit Elektrifizierung und Digitalisierung. Die individuelle Mobilität – mit dem Auto – wird nicht verschwinden. Am Ende geht es auch um die persönliche Freiheit, die Freiheit sich überall und zu jeder Zeit auch über längere Strecken zu bewegen. Wenn ich mir die Debatte in Teilen der Gesellschaft ansehe, frage ich mich schon, ob es hier noch um nachhaltige Mobilität geht oder am Ende um die Abschaffung des Autos.

Wie hat die Corona-Situation die Haltung zum Auto beeinflusst?
Die Corona-Zeit hat uns noch einmal sehr deutlich gemacht, wie stark dieses Bedürfnis nach Freiheit ist. Alle haben darunter gelitten, dass wir uns nicht mehr bewegen konnten. Wir in der Autoindustrie wollen dafür sorgen, dass die individuelle Mobilität auch in einer CO2-freien Welt erhalten bleibt. Dafür kämpfen wir.

Bei einigen Ihrer jüngsten Äußerungen zur Klima- und Umweltpolitik klangen Sie fast schon wie ein grüner Wirtschaftsminister.

Als CEO eines der größten Industriekonzerne in Deutschland sehe ich mich ganz klar in der Verantwortung für unsere 660.000 Mitarbeiter, unsere Anteilseigner und Eigentümer. Deshalb mische ich mich auch in politische Debatten ein, sofern sie unsere Branche betreffen.

Reizt Sie das Amt des Wirtschaftsministers?
Die Politik besitzt den größten Hebel, um die Welt zu verändern. Sie macht die Vorgaben, in welche Richtung sich unsere Wirtschaft entwickeln soll. Das betrifft ganz besonders auch die Automobilindustrie: Die Politik entscheidet, mit welchem Antrieb wir unterwegs sind. Die Autoindustrie gehört weltweit zu den am stärksten regulierten Industriezweigen. Ich finde das alles sehr spannend. Wenn Sie jetzt aber auf eine Bewerbung als Wirtschaftsminister gehofft haben, muss ich Sie enttäuschen.

Herr Diess, vielen Dank für das Interview.

Mehr: VW zieht mit Tesla gleich: Autobauer startet drahtlose Software-Updates.

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6 Kommentare zu "Interview: VW-Chef Herbert Diess: „Wir würden mit einem Tempolimit sehr viel aufgeben“"

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  • Hallo Deutschland
    Wenn man euch aus dem europäischen Umfeld zuschaut, dann glaubt man einfach nicht, wie emotional ihr dieses Tempolimit bekämpft. Kommt mir vor die die Amerikaner mit ihrem Schusswaffengesezt. Obwohl alle Fakten und der Verstand gegen für eine Tempobeschränkung spechen, bringt ihr mit Einschränkung der Freiheit, Neid, keinen Einfluss auf das Klima, etc. Das ist doch völliger Schwachsinn. Regelt das Tempo so schnell als möglich. Resultat: weniger Verkehrstote, weniger Emmissionen, weniger Stress für alle auf der Autobahn, geregelter Verkehrsfluss. Und nach einem halben Jahr spricht niemand mehr davon.

  • Artikel oben:
    EU will Bargeldeinzahlungen auf 10 000 Euro limitieren.
    Die neue Regierung will die Erbschaftssteuer raufsetzen.
    Die neue Regierung will eine Reichensteuer.
    Die neue Regierung will ein Tempolimit
    Die neue Regierung will den Benzin/Diesel/Motor ab 2030 verbieten
    Die neue Regierung sollte bitte einmal ihre Bürger befragen was die wollen.

  • Es ist auch eine Neiddebatte wenn man von panzerähnlichen SUVs und Sportwagen liest die dringend eingebremst gehören, auch Nachts natürlich obgleich dann die notorisch linksfahrenden Verkehrserzieher eigentlich schlafen. Meistens schlafen die größten Unfallverursacher doch tagsüber schon auf der Autobahn bis sie wieder von einem rücksichtslosen Raser per se im Rückspiegel aus den Träumen gerissen werden.

    Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Autofahrer bei höherer Geschwindigkeit achtsamer und vorausschauender fahren als die Autofahrer, die konstant mit 120km/h fahren.

    Aber Verbote sind halt en vogue und wenn man dadurch noch das Weltklima rettet erst recht.




  • Das "Freiheitsgefühl auf deutschen Autobahnen" ist für Herrn Diess offenbar das, was das Recht auf Waffenbesitz für die US Amerikaner ist. Beides irrational.

  • Tempolimit bringt wenig bis gar nichts fürs Klima was der Treiber hinter dem Ganzen ist. Ausserdem kann man viel limitieren, die Leute fahren doch so schnell wie sie wollen. Dies ist in allen Ländern so. In Belgien ist 120 das Limit auf den Autobahnen, jedoch fahren viele 140-160 kmh und schneller. Es füllt aller höchstens die Staatskasse. Und in der Tat ein tempolimit ist ein kompetitiver Nachteil. Deutsche Autos sind stärker gebaut als andere gerade deswegen weil es kein Tempolimit gibt. Für die Sicherheit ein grosser Vorteil.

  • Automones Fahren macht vor allem den Fahrer abhängig vom Auto, weil die Technik alles übernimmt. Gut für Technikkonzerne, schlecht für die Menschen. Mit meinem guten alten Käfer habe ich den Wind gespürt, dass Bremsbelege abgefahren waren und konnte nicht schneller als 130 fahren. Wer die Autobahn Nürnberg nach München fährt und sagen wir sich mit einem VW Touran, mit über 100 PS sich auf die Überholspur mit Geschwindigkeit 160 wagt und dann die 'affenartige' Geschwindigkeit beobachtet, in der sich panzerartige SUVs oder Sportwagen von hinten nähern, kann nur feststellen, in der Rücksicht liegt ein Stück Aufklärung - und Besserung. Mit der Geschwindigkeitsbegrenzung bekommt diese Vorstellung die notwendige Unterstützung.

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