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Werner Wenning

Der 72-Jährige ist Vorsitzender des Aufsichtsrats der Bayer AG.

(Foto: Rudolf Wichert für Handelsblatt)

Interview Werner Wenning Aufsichtsratschef steht fest zum Monsanto-Kauf: „Wir tun das Richtige bei Bayer“

Der Chefkontrolleur des Pharmakonzerns steht hinter dem Monsanto-Deal. Im Interview erklärt er, wie Bayer langfristig sein Positivimage zurückbekommen will.
1 Kommentar

DüsseldorfDer Aufsichtsratschef von Bayer, Werner Wenning, gibt dem Vorstand volle Rückendeckung und weist Vorwürfe über eine mangelnde Prüfung der Monsanto-Übernahme zurück. „Wir haben der Strategie noch einmal ausdrücklich zugestimmt und einstimmig festgehalten, dass der Aufsichtsrat hinter dem gesamten Vorstand steht“, sagte Wenning im Interview mit dem Handelsblatt.

Das betreffe auch die Logik des Monsanto-Kaufs. „Ich bin davon überzeugt, dass wir bei Bayer das Richtige tun“, erklärte Wenning.

Dem Bayer-Vorstand wird von Aktionären vorgeworfen, die rechtlichen Risiken der Übernahme nicht ausreichend geprüft zu haben. Der Konzern sieht sich derzeit in den USA mehr als 11.000 Klagen wegen möglicher Krebsgefahr des Unkrautvernichters Glyphosat ausgesetzt und hat bereits zwei Prozesse verloren.

„Der Vorstand hat vor der Übernahme und auch danach alle Prüfungen äußerst professionell durchgeführt. Dies gilt auch für die Risiken, die mit dem Glyphosatgeschäft von Monsanto verbunden sind“, sagte Wenning. Basierend auf den Auffassungen weltweiter Regulierungsbehörden und der Wissenschaft habe der Vorstand diese Rechtsrisiken als gering bewertet. Dabei habe er sich auf ein regelmäßig aktualisiertes Gutachten einer US-Rechtsanwaltssozietät gestützt.

Nach dem ersten, für Bayer negativen Urteil im August 2018 hat der Aufsichtsrat nach Wennings Angaben zudem von der Kanzlei Linklaters überprüfen lassen, ob die Vorstandsmitglieder bei der Übernahme von Monsanto in Übereinstimmung mit ihren rechtlichen Pflichten gehandelt haben.

Linklaters sei zu dem Ergebnis gekommen, dass die Vorstandsmitglieder sowohl bei Abschluss des Merger Agreement mit Monsanto als auch bei Vollzug der Übernahme von Monsanto ihre rechtlichen Pflichten in jeder Hinsicht eingehalten hätten.

Wenning unterstrich, dass sich Bayer in den aktuellen und künftigen Verfahren um Glyphosat entschieden verteidigen werde. Dass der Konzern in einem anderen Rechtsfall um das Medikament Xarelto vor wenigen Tagen einen Vergleich mit den Klägern eingegangen ist, sei eine sinnvolle Entscheidung gewesen. Bayer trägt die Hälfte der Vergleichssumme, also rund 388 Millionen Dollar. „Das kann ohne weitere Ergebnisbelastung aus vorhandenen Rückstellungen bedient werden“, sagte Wenning.

Lesen Sie hier das ganze Interview:

Herr Wenning, Sie haben die Bayer AG acht Jahre lang als Vorstandschef geführt und sind mittlerweile als Aufsichtsratsvorsitzender der oberste Kontrolleur des Leverkusener Konzerns. War die Übernahme des amerikanischen Konkurrenten Monsanto im Grunde Ihr „Baby“?
Die Strategie hat der Vorstand erarbeitet. Sie wurde von uns im Aufsichtsrat geprüft und dann unterstützt. Als 2014 der Ausstieg von Covestro verkündetet wurde, hat das Unternehmen ja schon klargemacht, in welche Richtung sich Bayer künftig entwickeln soll …

… mit klarer Konzentration auf die Themen Gesundheit und Ernährung …
… und da war die Stärkung des Saatgutgeschäfts durch die Übernahme von Monsanto eine wichtige Entscheidung.

In der Schlussphase der Verhandlungen sollen Sie sogar mit Ihrem Vorstandschef Werner Baumann persönlich in die USA geflogen sein, um die Übernahme zu fixen.
Das Gespräch hat in München zusammen mit Werner Baumann stattgefunden, der auch die Verhandlungen geführt hat. Ich war daran interessiert, den Lead Director sowie den CEO von Monsanto persönlich kennen zu lernen.

Monsanto ist der teuerste Kauf, den sich ein deutscher Konzern je gegönnt hat. Haben Sie es schon mal bereut, diese Übernahmefantasie in die Tat umgesetzt zu haben?
Nein. Der Aufsichtsrat steht unverändert und einstimmig hinter der strategischen Logik der Transaktion.

Die gegenteilige Aussage hätte uns jetzt auch eher überrascht.
Wenn Sie sich die Geschäftszahlen des Gesamtkonzerns anschauen, ist das Unternehmen auf dem richtigen Weg. Bis 2022 will Bayer das bereinigte Ebitda von 9,5 auf 16 Milliarden Euro steigern, bis dahin soll in Summe ein freier Cashflow von 23 Milliarden Euro erwirtschaftet werden. Und für mich fast noch wichtiger: 35 Milliarden Euro sollen in diesem Zeitraum in die Weiterentwicklung des Unternehmens fließen, mehr als zwei Drittel davon in die Forschung und Entwicklung. An der strategischen Logik der Übernahme gibt es für mich keinen Zweifel.

Vergangene Woche hat Bayer vor Gericht in San Francisco zum zweiten Mal eine empfindliche Niederlage hinnehmen müssen. Einmal mehr geht es um das Monsanto-Pflanzenschutzmittel Glyphosat, das im Verdacht steht, Krebs zu erzeugen. Haben Sie, hat Bayer das Thema unterschätzt?
Nein. Der Vorstand hat vor der Übernahme und auch danach alle Prüfungen äußerst professionell durchgeführt. Dies gilt auch für die Risiken, die mit dem Glyphosatgeschäft von Monsanto verbunden sind. Basierend auf den Auffassungen der weltweiten Regulierungsbehörden und der Wissenschaft hat der Vorstand die Rechtsrisiken im Zusammenhang mit der Verwendung von Glyphosat als gering bewertet. Dabei hat er sich auch auf ein vor Abschluss des sogenannten Merger Agreements erstelltes ausführliches und regelmäßig aktualisiertes Gutachten einer renommierten US-amerikanischen Rechtsanwaltssozietät gestützt.

Mit Blick in die Vergangenheit sehen Sie keine Fehler?
Nach dem ersten, für uns negativen Urteil im August hat der Aufsichtsrat außerdem noch bei der sehr angesehenen Kanzlei Linklaters ein umfassendes Gutachten zu der Frage eingeholt, ob die Mitglieder des Vorstands bei der Übernahme von Monsanto in Übereinstimmung mit ihren rechtlichen Pflichten gehandelt haben. Zusammenfassend kommt Linklaters zu dem Ergebnis, dass die Vorstandsmitglieder sowohl bei Abschluss des Merger Agreements mit Monsanto als auch bei Vollzug der Übernahme von Monsanto ihre rechtlichen Pflichten in jeder Hinsicht eingehalten haben.

Trotzdem befand nun eine Jury in San Francisco, dass Glyphosat eine wesentliche Ursache für den Lymphdrüsenkrebs des 70-jährigen Klägers Edwin Hardeman gewesen sei. Bayer soll ihm 80 Millionen Dollar zahlen. Der schwerwiegende Vorwurf lautet, Monsanto habe von den Gefahren gewusst, aber darüber nicht informiert.
Das muss ich zur Kenntnis nehmen, auch wenn das Unternehmen natürlich Rechtsmittel einlegen und sich in allen weiteren Fällen, die noch kommen, entschieden zur Wehr setzen wird. Wir müssen uns schließlich darauf verlassen, was die Zulassungsbehörden sagen. Und diese beurteilen Glyphosat weltweit nicht als krebserregend für den Menschen. Es kann doch keine Frage sein, dass man sich auf ein Urteil von all den unabhängigen Zulassungsbehörden verlassen können muss – und zwar die Öffentlichkeit und wir als Unternehmen.

Die Internationale Krebsforschungsagentur kam bereits 2015, also schon vor den Übernahmeplänen, zu dem Ergebnis, dass der Stoff wahrscheinlich krebserregend sei. Hätte das Bayer nicht warnen müssen?
Die Agentur bewertet ausschließlich das grundsätzlich mögliche Gefährdungspotenzial einer Substanz und nicht das tatsächliche Risiko unter konkreten Anwendungsbedingungen – dafür sind die Regulierungsbehörden zuständig. In unsere Erwägungen sind die wissenschaftlichen Erkenntnisse eingeflossen. Die kanadische Gesundheitsbehörde hat zum Beispiel erst jüngst mit 20 Wissenschaftlern, die zuvor nicht involviert und deshalb unvoreingenommen waren, erneut die weltweit zur Verfügung stehenden Informationen und Studien dazu geprüft. Als Ergebnis wurde die vorherige Einschätzung bestätigt und betont, dass ausgehend von den Mengen Glyphosat, mit denen Menschen in Berührung kommen, keine Regulierungsbehörde weltweit ein Krebsrisiko für den Menschen sieht. Darüber liest man leider kaum etwas.

Ist die Laien-Jury in San Francisco also nur zu dumm, das Thema zu begreifen?
Ich will deren Arbeit nicht bewerten. Aber der Sachverhalt ist schon außerordentlich komplex. Gerade deshalb sind die Einstufungen der Regulierungsbehörden ja so wichtig. Unsere Aufgabe ist es, mit wissenschaftlichen Argumenten bei den Gerichten durchzudringen. Das ist uns in den beiden ersten Verfahren in den USA offensichtlich nicht gelungen. Daraus werden wir unsere Schlüsse ziehen für kommende Verfahren.

Glyphosat-Prozesse: „Die seriösen Schätzungen liegen bei fünf Milliarden Euro“

Andersrum gefragt: War Ihr Aufsichtsrat qualifiziert genug besetzt, um ein Projekt wie den Monsanto-Kauf in allen Facetten richtig bewerten zu können?
Ja. Die ausgewogene Zusammensetzung des Aufsichtsrats und insgesamt die sehr effiziente Zusammenarbeit innerhalb des Aufsichtsrats waren Ergebnis einer im vergangenen Jahr mit externer Unterstützung durchgeführten Effizienzprüfung. Uns hat außerdem auch die Einschätzung der Autoren eines im Februar veröffentlichten Aufsichtsratsrankings sehr gefreut, die festgehalten haben, dass Bayer einen „Aufsichtsrat mit herausragender Expertise und hoher Diversität“ hat. Aufgrund des nun deutlich größeren Agrargeschäfts werden wir uns in diesem Bereich sicherlich auch noch weiter verstärken.

Der Aktienkurs von Bayer hat seit Vollzug der Monsanto-Übernahme im vorigen Jahr 30 Prozent an Wert verloren. Verstehen die Finanzmärkte einfach Ihre „Story“ nicht?
Die strategische Story wird durchaus verstanden und gutgeheißen. Aber es herrscht zugleich eine große Nervosität an den Märkten in ohnehin unsicheren Zeiten. Darunter leiden unsere Aktie und damit unsere Aktionäre derzeit massiv. Der Vorstand wird alles tun, um das zu korrigieren.

Nun ja, es ist noch nicht lange her, dass Bayer der wertvollste Konzern im Dax war. Jetzt ist Ihr Unternehmen an der Börse nur noch so viel wert wie Monsanto vor dem Verkauf allein.
Und das alles ist nicht der strategischen Logik dieses Deals, sondern zum allergrößten Teil zwei Einzelurteilen zum Thema Glyphosat geschuldet, die zudem noch nicht rechtskräftig sind. Insofern erleben wir da Börsenreaktionen, die wir in dieser Heftigkeit zumindest nicht nachvollziehen können.

Es gibt eben drei Ebenen: Ihr durchaus florierendes Tagesgeschäft, die hyperventilierende Welt der Investoren und Aktienmärkte sowie eine zunehmend kritische Öffentlichkeit.
Sie differenzieren zu Recht zwischen Investoren und allgemeiner Öffentlichkeit. Nach der Ankündigung der Übernahme lag die Skepsis ja stärker aufseiten der Analysten und Investoren, die damit gerechnet hatten, dass Bayer eher im Bereich Pharma expandieren würde. Das konnte der Vorstand im Laufe der Monate sehr gut korrigieren.

Der Markt glaubte Bayer, aber die Öffentlichkeit wurde immer argwöhnischer – was wiederum den Aktienkurs unter Druck setzt.
Noch mal: Es lasten vor allem die beiden erstinstanzlichen Glyphosat-Urteile auf dem Aktienkurs. Auf einem anderen Blatt steht, dass Monsanto zum Sündenbock abgestempelt wurde für die allgemeine Entwicklung der Landwirtschaft und für Produkte, die manche Leute nicht wollen.

Solchen gesellschaftspolitischen Debatten muss sich auch die Wirtschaft stellen.
Und das tun wir ja längst.

Bei Bayer sicher mehr als bei Monsanto, oder?
Das US-Unternehmen wurde in den vergangenen Jahrzehnten erfolgreich aufgebaut, davor habe ich größten Respekt. Wir gehen allerdings offener und transparenter mit unseren Themen um, als das bei Monsanto der Fall war.

Alles nur eine Frage der Kommunikation?
Es ist zumindest komplex. Nehmen Sie nur die Diskussionen über genoptimiertes Saatgut! In Deutschland wird mitunter darüber am schärfsten debattiert, obwohl es hier gar nicht für den kommerziellen Anbau zugelassen ist.

Kann man auch umgekehrt sehen: Weil die Öffentlichkeit keine genveränderten Lebensmittel will, hat auch der Brüsseler Gesetzgeber reagiert.
Wissen Sie, es gibt heute viele Menschen, die sich eine reine Biolandwirtschaft wünschen. Das klingt gut, ist aber keine Lösung für die Herausforderungen, die wir durch eine weiter wachsende Weltbevölkerung und begrenzte Ressourcen eben haben.

Mit Biogemüse lässt sich nicht die Welt retten?
Bioanbau ist wichtig und Bayer bietet viele Produkte dafür an. Die Wahrheit ist aber auch: Bio ist viel weniger effizient. So viele Flächen gibt es gar nicht, dass mit Bio allein die Weltbevölkerung zu ernähren wäre. Der Ertrag ökologisch erzeugter Lebensmittel ist – je nach Frucht, Gemüse oder Getreide – nach einer Untersuchung für Deutschland zwischen 20 und 50 Prozent geringer. Wir brauchen Innovationen, um die Landwirtschaft produktiver und nachhaltiger zu machen. Dieser Logik folgt unser Portfolio. Wir sind daher sehr zuversichtlich, mit dem global sehr guten Bayer-Image am Ende auch das Bild des neuen Gesamtkonzerns positiv zu gestalten – auch wenn das eine Zeit dauern kann.

Wurden die Image-Kollateralschäden vielleicht nicht nur von Monsanto, sondern auch von Bayer unterschätzt?
Nein. Wir haben auch intensiv über Reputationsfragen diskutiert. Es war klar, dass darin eine große Herausforderung liegt. Es gibt mittlerweile eine große Zahl von Nichtregierungsorganisationen, die sich eine bestimmte Art von Landwirtschaft wünschen – und diesem Wunsch auch mit großer Vehemenz Nachdruck verleihen. Dem stellt sich Bayer.

Gehören Risiken wie der Monsanto-Deal heute zum Geschäft eines Konzerns wie Bayer? Steht man als Topmanager da immer mit einem Bein schon vor Gericht?
Bayer bringt nur Produkte auf den Markt, von deren Sicherheit das Unternehmen absolut überzeugt ist. Das hat für Bayer oberste Priorität. Dennoch ist das Life-Science-Geschäft immer auch mit Risiken verbunden. Diese gilt es, angemessen einzuschätzen.

Wächst aber nicht mit jeder Milliarde Börsenwert, die Bayer verliert, auch die Gefahr, dass aktivistische Hedgefonds einsteigen und die Zerschlagung des Konzerns fordern könnten?
An dieser Diskussion will ich mich nicht beteiligen. Ich kann nur sagen: Bayer hat ein Portfolio, das langfristig wachsen wird und mit dem das Unternehmen hervorragend aufgestellt ist, um erfolgreich zu sein. Meine Erfahrung als Manager ist: Der beste Weg ist: „Walk the Talk“. Der Vorstand konzentriert sich darauf, dass er das umsetzt und liefert, was er beschlossen und kommuniziert hat.

Der immense Wertverlust an der Börse bedrückt Sie nicht?
Natürlich bedrückt mich der Wertverlust, vor allem aber, dass unsere Aktionäre und Mitarbeiter unter dieser Situation leiden. In solchen Situationen kommt es aber auf eine klare Haltung an. Ich bin davon überzeugt, dass wir bei Bayer das Richtige tun. Und aus dieser Überzeugung heraus unterstützt auch der gesamte Aufsichtsrat den Vorstand.

Das heißt, Werner Baumann und sein Team haben weiterhin Ihre volle Rückendeckung?
Absolut. Wir haben der Strategie noch einmal ausdrücklich zugestimmt und einstimmig festgehalten, dass der Aufsichtsrat hinter dem gesamten Vorstand steht.

Der Vorstandsvorsitzende wird nicht infrage gestellt?
Nicht im Geringsten. Diese Diskussion führen wir nicht.

In der Öffentlichkeit wird schon über einen Rücktritt des CEO geredet.
Das lese ich auch – und wundere mich schon sehr darüber. Es ist in solchen Situationen natürlich immer so, dass der Vorstandsvorsitzende im Fokus steht. Das habe ich in dieser Rolle selbst erlebt.

Dort, wo der Aufsichtsrat seinen Sitz hat, wirkt es wie in einer vergangenen Zeit: mit Marmortreppen und düsteren Büsten. Quelle: Rudolf Wichert für Handelsblatt
Werner Wenning

Dort, wo der Aufsichtsrat seinen Sitz hat, wirkt es wie in einer vergangenen Zeit: mit Marmortreppen und düsteren Büsten.

(Foto: Rudolf Wichert für Handelsblatt)

Sie spielen auf die Krise von 2001 an, als Bayer den Blutfettsenker Lipobay vom Markt nahm und sich Tausenden Klagen ausgesetzt sah. Kurz danach wurden Sie Vorstandschef. Sehen Sie da Parallelen zu heute?
Allenfalls insoweit, als auch damals in der Öffentlichkeit von großen zweistelligen Milliardenbeträgen an Schadensersatz die Rede war. Das ist aber nie so eingetreten. Wir haben uns danach gut entwickelt. Und das Unternehmen wird auch jetzt über die Probleme hinwegkommen. Ich bin überzeugt, dass sich dann auch der Aktienkurs wieder erholen wird.

Für Ihre Aktionäre ist das nur ein Hoffnungswert. Wie scharf und hitzig wird die Hauptversammlung, die Sie Ende April leiten müssen?
Ich wünsche mir, dass wir eine Hauptversammlung haben werden, in der intensiv, aber sachlich diskutiert wird.

Die Kommunikation mit den Anteilseignern ist normalerweise Aufgabe des Vorstands. Wie stark bringen Sie selbst sich in der momentanen Situation ein?
Ich stehe in Kontakt und Austausch mit Investoren, wenn es um Themen des Aufsichtsrats und seiner Verantwortung geht. Das halte ich auch für sehr sinnvoll.

Ganz ehrlich: Würden Sie bei dem Monsanto-Deal heute etwas anders machen?
Ich wüsste nicht, was das sein sollte.

Inwieweit wird Bayer jetzt durch Monsanto eigentlich ein amerikanisches Unternehmen?
Bayer ist insgesamt ein sehr internationales Unternehmen und hatte ja schon vor der Übernahme eine starke Präsenz in den USA aufgebaut. Ich bin nun seit 53 Jahren bei Bayer. 1966, als ich anfing, machte Bayer einen Umsatz von rund 3,5 Milliarden Euro, hauptsächlich in Deutschland. Die Welt hat sich verändert.

Dennoch prallen hier ja auch zwei sehr verschiedene Firmenkulturen aufeinander: hier das deutsche Konsensmodell, von Mitbestimmung und viel Transparenz geprägt, dort eine zahlengetriebene angloamerikanische Managementelite.
Für eine erfolgreiche Integration braucht es immer eine gute Mischung aus beiden Unternehmen. Das betrifft die Personen wie auch die Firmenkulturen. Ich sehe Bayer da auf einem guten Weg.

Bayer stach immer mit seinem Credo „Science For A Better Life“ hervor. Neudeutsch wird so etwas „Purpose“ genannt, womit der innere Sinn und Antrieb gemeint sind, denen ein Unternehmen folgen soll. Ist das hehre Ziel angesichts der Vorwürfe gegen Monsanto und der Imageprobleme noch erfüllbar?
Es war noch nie so gut erfüllbar wie jetzt. Bayer ist in zwei für die Gesellschaft ganz wichtigen Gebieten tätig: Gesundheit und Ernährung. Dort leisten wir einen eminent wichtigen Beitrag. Zum Beispiel haben wir Millionen von Herz-Kreislauf-Patienten mit unserem Medikament Xarelto geholfen und Schlaganfälle sowie Herzinfarkte verhindert ...

… zu dem auch gerade ein millionenhoher Vergleich abgeschlossen werden musste.
Die Klagen entbehren jeglicher Grundlage, und sämtliche verhandelten Verfahren sind zugunsten von Bayer ausgegangen. Mit dem Vergleich können aber die hohen Verteidigungskosten vermieden werden, die unabhängig vom Ausgang weiterer Verfahren entstanden wären. Der Vergleich ist aus finanzieller Sicht sinnvoll und kann ohne weitere Ergebnisbelastung aus vorhandenen Rückstellungen bedient werden.

In der Bayer-Belegschaft ist von Euphorie zurzeit wenig zu spüren. Wie erleben Sie die Stimmung im Konzern?
In einer solchen Phase gibt es natürlich Verunsicherung. Darauf geht der Vorstand ein, indem er die Mitarbeiter regelmäßig und umfassend informiert. Die Position ist eindeutig: Das Unternehmen steht voll hinter der Sicherheit seiner Produkte und wird sich entschieden verteidigen.

Sie haben in den USA allerdings nun zwei Prozesse verloren …
… und wir halten diese Urteile für ungerechtfertigt.

Allein in diesem Jahr werden noch viele weitere Prozesse folgen.
Das Unternehmen geht einerseits gegen die bisherigen erstinstanzlichen Urteile vor. Andererseits wird es auch bei den neuen Verfahren wieder versuchen, die Jurys vom eigenen Standpunkt zu überzeugen.

Ihre Mitarbeiter fürchten, dass sich Bayer an der 63,5 Milliarden Dollar teuren Übernahme von Monsanto schlicht verhebt und die anderen Divisionen darunter leiden werden. Ist der angekündigte Abbau von 12.000 Stellen nicht ein erster Beweis dafür?
Nein. Der Stellenabbau hat, wie mehrfach betont, nur zu einem Teil mit den Synergien aus der Übernahme zu tun. Bayer hat auch in der gesamten Verwaltung und in den anderen Divisionen Aufholbedarf, was die Effizienz angeht. Viele dieser Schritte wären auch ohne die Transaktion gekommen.

Wie stark zehrt die aktuelle Lage an dem berühmten Zusammenhalt bei Bayer?
Wir haben immer eine sehr offene Diskussionskultur gepflegt, vor allem auch mit den Arbeitnehmervertretern. Alle großen Projekte haben wir immer einstimmig entschieden. Es gibt diesen Zusammenhalt bei uns. In der aktuellen Situation wird er sicher einem Stresstest unterzogen. Aber auch den werden wir gemeinsam meistern!

Herr Wenning, vielen Dank für das Interview.

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1 Kommentar zu "Interview Werner Wenning: Aufsichtsratschef steht fest zum Monsanto-Kauf: „Wir tun das Richtige bei Bayer“"

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  • so so - wer hätte mit Kritik gerechnet - die Wahrheit ist etwas anderes bei Blackrock dürfte man schon damit beschäftigt sein wie man mit der Zerschlagung weiteren Profit erwirtschaftet - Aktienverkäufe gab es bei Blackrock und zwar genau da als die Aktie hoch war - anscheinend war die Drittelung des Firmenwertes an der Börse erwartet worden - jetzt stellt sich die Frage ob nicht Bayer selbst bald Übernahmekandidat ist. Die Chinesen haben genug Geld - aber immer noch Scheu so einen Laden zu nehmen - wenn sich nachher die besten Teile evtl. billiger haben können.

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