Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke
Umweltministerin Svenja Schulze und Salzgitter-Chef Heinz Jörg Fuhrmann

Die Unternehmensvertreter fordern eine Industriepolitik aus einem Guss.

(Foto:  Uta Wagner)

Jahrestagung „Zukunft Stahl“ Pläne für eine klimaneutrale Stahlerzeugung stehen – Doch eine klare politische Strategie fehlt

Die Stahlhersteller fordern auf der Handelsblatt-Jahrestagung sichere Rahmenbedingungen – und senden einen Hilferuf an Berlin und Brüssel.
04.02.2020 - 18:08 Uhr Kommentieren

Düsseldorf Tim Hartmann, Chef der Stahl-Holding Saar (SHS), findet deutliche Worte. „Angst und bange“ werde ihm, so sagt er, wenn er von einem Politiker höre, die Stahlindustrie sei für die europäische Wirtschaft systemrelevant. „Was wir brauchen, sind sichere Rahmenbedingungen, um die Transformation zur grünen Stahlerzeugung zu leisten“, fordert Hartmann als Konsequenz. Bislang handele es sich aber nur um Lippenbekenntnisse.

Rahmenbedingungen – kaum ein anderes Thema war den Rednern auf der Handelsblatt-Jahrestagung „Zukunft Stahl“ so wichtig wie die Voraussetzungen, die die Politik für die Industrie schafft.

Die Sorge ist nachvollziehbar. Nahezu alle wesentlichen Trends der Branche werden aktuell von politischen Entscheidungen beeinflusst, angefangen von den internationalen Handelskonflikten über den politisch verordneten Strukturwandel in der Autoindustrie bis hin zur Dekarbonisierung der gesamten Wirtschaft. „Die Stahlindustrie muss politischer werden“, fordert daher im Gegenzug Premal Desai, Vorstandssprecher der Stahlsparte von Thyssen-Krupp.

Mit der Vorgabe, bis 2050 klimaneutral zu werden, hat die Europäische Union die langfristigen Ziele der Branche abgesteckt. Offen bleibt nur, wie die Unternehmen dorthin gelangen. Als wichtigste Technologie gilt die Stahlerzeugung mit Wasserstoff, an der derzeit nahezu alle großen Rohstahlerzeuger forschen.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Handelskonflikte belasten die Konjunktur

    Der Manager ist grundsätzlich offen für Gespräche mit Wettbewerbern. Quelle:  Uta Wagner
    Thyssen-Krupps Stahlchef Premal Desai

    Der Manager ist grundsätzlich offen für Gespräche mit Wettbewerbern.

    (Foto:  Uta Wagner)

    Doch noch ist die Technik nicht wettbewerbsfähig. Zudem sind für einen Umstieg hohe Investitionen nötig, um Hochöfen durch Wasserstoffreduktionsanlagen und Elektro-Öfen zu ersetzen. Für die gesamte Stahlindustrie hat die Wirtschaftsvereinigung Stahl einen Investitionsbedarf von mindestens 30 Milliarden Euro bis 2050 errechnet.

    Gleichzeitig geht es den meisten Stahlherstellern in Europa angesichts anhaltender Überkapazitäten auf dem Weltmarkt finanziell schlecht. Hinzu kommt der Strukturwandel in der Autoindustrie, der wegen der Investitionszurückhaltung von Kunden und Herstellern den Absatz der Stahlkocher belastet.

    Der Effekt könnte sich noch verstärken, wenn US-Präsident Donald Trump seine Drohung wahr macht, künftig neben Stahl auch Autos mit Einfuhrzöllen zu belegen. „Diese Gefahr ist noch nicht gebannt“, erklärte die Wirtschaftswissenschaftlerin Galina Kolev vom Institut für Weltwirtschaft in Köln.

    Die entscheidende Frage laute, ob sich die USA im Handelskonflikt mit den Europäern auf eine schnelle Vereinbarung einlassen oder ob sie eine ähnlich harte Konfrontation fahren wie gegen China. Gerade für Deutschland mit seiner exportstarken Industrie sei ein funktionierendes System für den globalen Handel entscheidend, mahnt die Wissenschaftlerin.

    Grafik

    Dieselbe Sorge treibt auch Thyssen-Stahlchef Premal Desai um. „Der gesellschaftliche Grundpakt der freien Marktwirtschaft wird derzeit von verschiedenen Seiten infrage gestellt“, sagte er. Zwei der bedeutendsten Länder im globalen Handel begriffen die Marktwirtschaft zunehmend als Instrument der Außen- und Sicherheitspolitik.

    Forscherin Kolev ist sich zudem sicher: „Der Handelsstreit ist nur ein Aspekt im Rennen um die globale Technologieführerschaft.“

    Die größte Aufgabe steht noch bevor

    Das Problem: In derart unsicheren Zeiten muss die Stahlindustrie die wohl größte Transformationsleistung ihrer Geschichte vollbringen. Denn für die klimaneutrale Stahlerzeugung braucht es nicht nur Wasserstoff und neue Anlagen, sondern auch eine große Menge erneuerbarer Energie.

    Mit ihr lässt sich Wasser elektrisch in Wasserstoff und Sauerstoff spalten. Allein die deutsche Stahlindustrie benötigt deshalb rund 12.000 zusätzliche Windräder, um die benötigte Energie zu erzeugen.

    Angesichts dessen beklagte Salzgitter-Chef Heinz Jörg Fuhrmann den langsamen Netzausbau und die strengere Regulierung der Windkraft. „Das Abstandsgebot kollidiert in unfassbarer Weise mit der Tatsache, dass wir die ganze Gesellschaft dekarbonisieren wollen“, kritisierte der Stahlmanager. Es fehle strategische Planung. „Eine Industriepolitik aus einem Guss ist in Berlin nicht zu sehen.“

    Die Branche muss große Herausforderungen bewältigen. Quelle:  Uta Wagner
    Tata-Steel-Manager Henrik Adam

    Die Branche muss große Herausforderungen bewältigen.

    (Foto:  Uta Wagner)

    Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) stimmte ihm im gemeinsamen Gespräch auf der Bühne zu. „Wer heute gegen den Ausbau erneuerbarer Energien ist, der gefährdet den Industriestandort Deutschland“, sagte die Politikerin. „Deshalb müssen wir darüber reden, wie wir die Akzeptanz für Windkraft erhöhen.“ Dabei gehe es am Ende auch um die Akzeptanz der Industrie.

    Nahezu alle bedeutenden Stahlerzeuger in Deutschland, darunter Unternehmen wie Salzgitter, Thyssen-Krupp, Arcelor-Mittal und SHS, betreiben längst konkrete Forschungsprojekte, um ihre Produktion bis spätestens 2050 auf Wasserstoff umzustellen. „Doch um wirklich umzusteigen“, mahnte SHS-Chef Hartmann, „brauchen wir Planungssicherheit.“

    Dafür sorgen soll womöglich bald schon eine CO2-Ausgleichssteuer, wie sie EU-Vizekommissionspräsident Frans Timmermans fordert. Sie soll Importprodukte, die nicht unter klimaschonenden Bedingungen hergestellt wurden, mit Zusatzkosten belasten und so Wettbewerbsnachteile durch die EU-Regulierung ausgleichen.

    Hans-Jürgen Kerkhoff, Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl, hält dies zwar für eine begrüßenswerte Maßnahme. Sie müsse aber durch weitere Maßnahmen flankiert werden. „Die Stahlindustrie in Deutschland sieht sich aktuell mit zahlreichen komplexen Herausforderungen konfrontiert und durchlebt konjunkturell äußerst schwierige Zeiten“, erklärte er dazu.

    „Hinzu kommen politische Regulierungen, welche die Stahlunternehmen zunehmend belasten.“ Auf einem solchen schwankenden Untergrund ließen sich erhebliche Klimaschutz-Investitionen kaum realisieren, so Kerkhoff.

    Fusionen in der Branche sind denkbar

    Die Trends der Branche werden von der Politik beeinflusst. Quelle:  Uta Wagner
    Jahrestagung Zukunft Stahl

    Die Trends der Branche werden von der Politik beeinflusst.

    (Foto:  Uta Wagner)

    Um den hohen Kosten zu begegnen, halten Experten wie Kerkhoff auch Fusionen in der Branche für denkbar. Man sei grundsätzlich offen für Gespräche mit Wettbewerbern, sagte dazu Thyssen-Krupps Stahlchef Desai. Auch SHS-Chef Hartmann scheint solche Ideen zu unterstützen. „Man muss über solche Dinge reden“, sagte er. Die Erzeugung von Eisenschwamm mittels Wasserstoff lasse sich möglicherweise gemeinsam an einem günstigen Standort realisieren.

    Ein Unternehmen, das hierfür in Deutschland die besten Voraussetzungen hat, ist der weltgrößte Stahlkocher Arcelor-Mittal. In Hamburg betreibt das Unternehmen die bislang einzige Direktreduktionsanlage in Europa. Noch wird sie mit Erdgas betrieben, könnte aber auf Wasserstoff umgestellt werden.

    „Durch die Nähe zur Küste haben wir einen hervorragenden Zugang zu erneuerbaren Energien“, erklärte Uwe Braun, Geschäftsführer von Arcelor-Mittal Hamburg. „Schon jetzt arbeitet die Stadt an der Errichtung einer 100-Megawatt-Wasserstoffelektrolyse.“ Nach Ansicht des Managers ließe sich in der Hansestadt daher der Einsatz von Wasserstoff schnell im kleinen Maßstab erproben.

    Auch Salzgitter arbeitet daran, die vorhandenen Kapazitäten zur Elektrolyse von Wasserstoff auszubauen. In den nächsten Jahren will der Stahlhersteller sieben Windkraftanlagen auf dem Werksgelände in Niedersachsen errichten lassen, um dort eine Elektrolyse-Anlage mit einer Kapazität von 2,5 Megawatt in Eigenregie zu betreiben.

    Der Konzern treibt den Einsatz von Wasserstoff voran. Quelle:  Uta Wagner
    Arcelor-Mittal-Manager Uwe Braun

    Der Konzern treibt den Einsatz von Wasserstoff voran.

    (Foto:  Uta Wagner)

    „In keinem anderen Bereich ist das Einsparpotenzial bei den CO2-Emissionen so hoch wie in der Stahlindustrie“, sagte Salzgitter-Chef Heinz Jörg Fuhrmann. Deshalb sei es nur vernünftig, wenn die Politik die Branche bei der Vergabe von Fördermitteln für die Dekarbonisierung stärker berücksichtige.

    „Die Rechnung“, fügt er hinzu, „können unsere hochbezahlten Ministerialbeamten auch einmal selbst anstellen.“

    Mehr: Bei der Thyssen-Hauptversammlung umreißt Martina Merz ihre Zukunftspläne für den Ruhrkonzern – und stimmt die Aktionäre auf einen langwierigen Umbau ein.

    Startseite
    Mehr zu: Jahrestagung „Zukunft Stahl“ - Pläne für eine klimaneutrale Stahlerzeugung stehen – Doch eine klare politische Strategie fehlt
    0 Kommentare zu "Jahrestagung „Zukunft Stahl“: Pläne für eine klimaneutrale Stahlerzeugung stehen – Doch eine klare politische Strategie fehlt"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%