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Joe Kaeser Die Zukunft des Siemens-Chefs ist unklar

Joe Kaeser will nicht ausschließen, seinen Vertrag nochmal zu verlängern. Im Aufsichtsrat gibt es aber Stimmen, die auf einen Wechsel im Sommer drängen.
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Der Vorstandschef wird sicher nicht um fünf Jahre verlängern. Quelle: dpa
Joe Kaeser

Der Vorstandschef wird sicher nicht um fünf Jahre verlängern.

(Foto: dpa)

München Er werde spätestens dann aufhören, hat Joe Kaeser einmal dem Handelsblatt gesagt, wenn er glaube, unersetzlich zu sein. Der Zeitpunkt mag zwar noch nicht gekommen sein. Doch für zumindest schwer ersetzbar dürfte sich der Siemens-Chef wohl halten.

Hätte er vorher gewusst, sagte er zum Beispiel am Donnerstag bei der Bilanzvorlage, wie kritisch Anfang August die damals eher schwachen Quartalszahlen aufgenommen wurden, dann hätte er die Ergebnisse vielleicht selbst präsentiert. Doch so weilte er in Korea und handelte einen Großauftrag aus.

Die Quartalszahlen präsentierten damals die Vorstandskollegen Ralf Thomas, Klaus Helmrich und Roland Busch, der inzwischen zum Kronprinz Kaesers ernannt worden ist. Solche Signale werden derzeit bei Siemens sehr genau registriert. Kaesers Vertrag läuft offiziell noch bis zur Hauptversammlung Anfang 2021. Und bei Siemens glauben manche, dass sich der Chef eben doch für nur schwer ersetzbar hält.

Der Aufsichtsrat will kommenden Sommer über die Nachfolge entscheiden. Doch war die Aufwertung von Technologie-Vorstand Busch zum stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden ein klares Signal, dass dieser nach Kaeser an die Spitze rücken soll. Die Spekulationen endeten damit aber nicht. In Industriekreisen wurde betont, Busch müsse sich im nächsten halben Jahr erst einmal bewähren.

Er dürfe nicht nur Mikromanagement machen, sondern müsse auch den großen CEO-Auftritt beherrschen. Notfalls sei Kaeser bereit, zum Beispiel noch einmal zwei Jahre dranzuhängen. Kaeser nutzte die Gelegenheit am Donnerstag nicht, um Klarheit zu schaffen. Eins stehe fest, sagte der 62-Jährige lediglich: Um fünf Jahre werde er sicher nicht verlängern.

Wenn jemand zwei Drittel seines Lebens bei Siemens sei, dann mache er sich im Übrigen keine Gedanken über das nächste halbe Jahr oder die nächsten zwei Jahre, „sondern darüber, wie die nächste Generation des Unternehmens aussehen wird“. Zumindest aktuell steht Siemens recht ordentlich da.

Die Geschäftszahlen für das Geschäftsjahr 2018/19 fielen besser aus, als viele Analysten erwartet hatten. „Während viele andere Industrieunternehmen ihren Ausblick revidieren mussten und manches Konglomerat weiter in Existenznot geraten ist, konnten wir Wort halten“, sagte Kaeser.

Mithilfe eines „fulminanten vierten Quartals“ sei es gelungen, die Jahresprognose trotz immer stärkeren konjunkturellen Gegenwinds“ zu erfüllen. „Prognose erfüllt“, das habe für die vergangenen sechs Jahre gegolten, ließ Kaeser per Chart an die Wand werfen. Ein wenig sah das dann doch nach einer Abschlussbilanz aus.

Denn womöglich wird in einem Jahr im Herbst schon ein neuer Siemens-Chef die Jahresbilanz vorlegen. Kaeser betonte, dass er selbst eine aktive Rolle bei der Nachfolgeregelung gespielt habe. Seit 15 Jahren gebe es nun wieder erstmals eine geordnete Nachfolgeplanung. „Dazwischen war es etwas unkonventionell.“

Der frühere Finanzvorstand Kaeser gelangte 2013 an die Spitze, als sein Vorgänger Peter Löscher über eine Reihe von Gewinnwarnungen stürzte. Auf seine Bitte hin sei Busch zum Stellvertreter ernannt worden, betonte Kaeser. Doch wann der Wechsel erfolgt, das ließ er offen. Das hänge vom Fortschritt beim Umbau ab. Ein Hintertürchen, meinen Konzerninsider, halte sich der gewiefte Vorstandschef immer offen.

Im Konzern sehen es allerdings einige kritisch, dass Busch eine Art Bewährungszeit verordnet worden sei. Der hochgewachsene Manager ist schließlich seit 1994 im Unternehmen, war unter anderem Strategiechef und hat zum Beispiel entscheidend dazu beigetragen, dass die Bahntechnik wieder auf die Erfolgsspur gebracht wurde.

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Busch selbst kam am Donnerstag nach dem offiziellen Ende der Bilanzpressekonferenz bei der Veranstaltung vorbei. Auf der Bühne saßen Kaeser, Finanzvorstand Ralf Thomas und Michael Sen, der die Abspaltung Siemens Energy führen soll. Er habe, sagte Busch, rasch von einer Journalistenschar umringt, nicht den Eindruck, dass er sich noch bewähren müsse. Das habe er in seiner Karriere bei Siemens getan.

Gewinn über den Erwartungen

Ein Aufsichtsrat betonte gegenüber dem Handelsblatt denn auch: „Die Zeichen sind klar gesetzt: Busch kann es, und er wird es.“ Eine Verlängerung Kaesers für wenige Jahre sei für ihn nicht vorstellbar. „Da verliert man nur Zeit.“ Eine neue Generation müsse entscheiden, wie es nach Kaesers „Vision 2020+“ weitergehe.

Am besten sei es, wenn man den Wechsel zu Busch gleich im nächsten Sommer vollziehe, wenn die Nachfolge beschlossen wird. Sollte es so kommen, würde also schon Busch die nächste Bilanz vorlegen. Die künftige Siemens AG mit den Digitalen Industrien (DI) ohne das Kraftwerksgeschäft brauche einen Techniker, wird im Umfeld des Aufsichtsrats betont. „Künftig ist nicht mehr so stark das Portfoliomanagement gefragt.“

Nach der Aufspaltung von Siemens müsse man nun wieder verstärkt nach Gemeinsamkeiten zwischen den verbliebenen Geschäften von Siemens – neben DI sind das noch die Intelligente Infrastruktur und die Bahntechnik – suchen. „Sonst zerlegt es den Laden noch.“ Der Diplom-Physiker Busch sei dafür der richtige Mann.

Aktuell zumindest laufen die Geschäfte angesichts des schwierigen Umfelds gut. Die Umsätze stiegen im Geschäftsjahr 2018/19 wie versprochen um vergleichbar drei Prozent auf 86,8 Milliarden Euro. Zwar bekommen vor allem die kurzzyklischen Geschäfte in den Digitalen Industrien, die besonders sensibel auf Konjunkturschwankungen reagieren, den Gegenwind zu spüren.

Doch kann Kaeser dank eines um sechs Prozent auf 98 Milliarden Euro gestiegenen Auftragseingangs auch im neuen Geschäftsjahr auf ein moderates Umsatzwachstum hoffen. Auch beim Gewinn lag Siemens über den Erwartungen. Die operative Umsatzrendite ging zwar von 12 auf 11,5 Prozent zurück. Kritiker werfen Kaeser vor, der Konzern stehe trotz aller Umbauten operativ nicht viel besser da als bei seinem Amtsantritt.

Doch lag der Konzern damit in der Mitte des prognostizierten Korridors. Für das neue Geschäftsjahr gaben Kaeser und Thomas keine Margenprognose mehr für den Gesamtkonzern, sondern für die einzelnen Geschäfte: die Digitalen Industrien (17 bis 18 Prozent), die Intelligenten Infrastrukturen (10 bis 11 Prozent), die Bahntechnik (10 bis 11 Prozent) und die Kraftwerkssparte (2 bis 5 Prozent).

Am Donnerstag legte die Siemens-Aktie zwischenzeitlich um knapp fünf Prozent auf 114 Euro zu. Große Sprünge hat sie damit seit der Amtsübernahme Kaesers nicht gemacht. Doch der Vorstandschef kalkuliert, dass die Finanzmärkte eine Neubewertung vornehmen, wenn die schwächelnde Energiesparte im nächsten Jahr erst einmal abgespalten ist.

Denn gerade in den künftigen digitalen Kerngeschäften läuft es weiter ordentlich bei Siemens. Bei der Digitalen Fabrik dürfte am Markt die Nachfrage aus der Automobilindustrie und dem Maschinenbau in den kommenden Monaten sinken. Doch im vierten Quartal konnte die Sparte Digitale Industrien bei Siemens den Umsatz vergleichbar noch um zwei Prozent auf 4,3 Milliarden Euro steigern.

Verantwortlich dafür ist das Softwaregeschäft, das um 20 Prozent zulegte. Bei den Intelligenten Infrastrukturen legten die Erlöse zuletzt um drei Prozent zu. In der Bahntechnik gab es zwar weniger Großaufträge. Doch liegt die operative Umsatzrendite mit 12,3 Prozent inzwischen sogar über den internen Zielvorgaben.

Fokussierter Spezialist

Doch Kaesers Mantra ist es ja, dass man Veränderungen aus einer Position der Stärke heraus vornehmen muss. Er will drei große, börsennotierte Siemens-Konzerne schaffen: die Healthineers, Siemens Energy und die verbleibende Siemens AG. Er selbst sprach von der „größten Transformation in der 172 Jahre langen Unternehmensgeschichte“.

Für die Grundsatzentscheidungen der Kaeser-Ära gibt es im Aufsichtsrat sowohl auf der Kapital- als auch der Arbeitnehmerseite Rückendeckung. Es gelte, künftig als fokussierter Spezialist in die Höhe zu wachsen und nicht in die Breite, heißt es im Umfeld des Kontrollgremiums. Dem Energiegeschäft tue die Selbstständigkeit gut. Es hätte sich schwergetan, Aufmerksamkeit und Investitionskapital im Konzern zu bekommen, wenn andere Bereiche höhere Margen versprechen.

Allerdings hinterfragen einzelne Aufsichtsräte inzwischen, ob es richtig war, die Medizintechnik an die Börse zu bringen. Schließlich zeichneten sich die großen Übernahmen, für die man die Aktie als Akquisitionswährung bräuchte, nicht ab. „Das industrielle Siemens wäre froh, wenn es das stabilisierende und ertragsstarke Medizintechnikgeschäft voll mit dabei hätte.“

Ein Siemens ohne Kaeser? Das kann sich wohl nicht nur er schwer vorstellen. Zu dominant war seine Rolle in den vergangenen Jahren. Im von Schließung bedrohten Werk in Görlitz habe man neue Perspektiven gefunden, sagte er zum Beispiel am Donnerstag. „Auch, wenn man das dort erst zur Chefsache machen musste.“ Für nur schwer ersetzlich hält er sich womöglich eben doch.

Und was wird nun aus Kaeser? Der Vorstandschef wollte sich auch nicht dazu äußern, ob er den Aufsichtsratsvorsitz bei der Siemens AG anstrebt. Es gibt Berichte über eine Absprache zwischen Kaeser und Aufsichtsratschef Jim Hagemann Snabe, dass Kaeser nach der Abkühlphase den Chefsessel im Kontrollgremium übernehmen könnte.

Einige Insider sehen das allerdings skeptisch. Der frühere SAP-Chef Snabe habe Gefallen an dem Job gefunden und bringe das richtige Anforderungsprofil mit. Kaeser habe nicht die Rückendeckung des gesamten Kontrollgremiums für eine Rückkehr als Aufsichtsratschef.

Doch es gibt ja noch Optionalitäten – ein Begriff, den Kaeser gern gebraucht. Den Siemens-Chef, meint ein Kontrolleur, könne man sich auch gut als Aufsichtsratschef bei der neuen Siemens Energy vorstellen. Schließlich habe er ja auf vielen Auslandsreisen in den Verhandlungen mit Staatsführern aus aller Welt viele Aufträge für die Sparte hereingeholt. Das allerdings ist eine Nummer kleiner als der Aufsichtsratsposten bei Siemens.

Mehr: Wenn sich Siemens 2020 aufspaltet, entsteht ein neuer Energie-Konzern. Der steht vor Herausforderungen – die Kraftwerkssparte kriselt seit Jahren.

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