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Kampf gegen die Pandemie Der Härtetest für die Corona-Impfstoffkandidaten kommt erst noch

Impfstoffentwickler versprechen im Kampf gegen Covid-19 erste Produkte bis Jahresende. Aber die Aussagekraft der bisherigen Studien ist begrenzt.
27.07.2020 - 04:00 Uhr 1 Kommentar
Noch hat keiner der weltweit mehr als 160 Produkt-Kandidaten den Beweis erbracht, dass er wirksam vor Infektionen mit dem Coronavirus schützt. Quelle: dpa
Möglicher Covid-19-Impfstoff

Noch hat keiner der weltweit mehr als 160 Produkt-Kandidaten den Beweis erbracht, dass er wirksam vor Infektionen mit dem Coronavirus schützt.

(Foto: dpa)

Frankfurt Die Zuversicht in der Impfstoffentwicklung gegen Covid-19 ist in den letzten Wochen weiter gewachsen. Ein halbes Dutzend Unternehmen stellt inzwischen in Aussicht, noch im laufenden Jahr einen Impfstoff durch die Zulassung zu bringen. Und Regierungen in Europa und Nordamerika sind bereits eifrig dabei, größere Bestellungen für Covid-19-Impfstoffe zu platzieren.

Aber wird es die Impfstoffe bis dahin wirklich geben? Noch hat keiner der weltweit mehr als 160 Produktkandidaten den Beweis erbracht, dass er wirksam vor Infektionen mit dem Coronavirus schützt.

Immerhin mehren sich die Anzeichen, dass eine schnelle Impfstoffentwicklung tatsächlich gelingen könnte. Vier der Impfstoffentwickler – die Biotechfirmen Moderna, Biontech und die chinesische Cansino Biologics sowie das Duo Oxford University und Astra-Zenecahaben in den letzten Tagen erste detaillierte klinische Daten veröffentlicht, die durchweg als „ermutigend“ eingestuft werden. Ihre Vakzine lösten bei gesunden Testpersonen überwiegend robuste Immunreaktionen aus – bei nur leichten bis moderaten und damit tolerierbaren Nebenwirkungen.

Fachleute und Analysten interpretieren die Resultate mit vorsichtigem Optimismus, warnen zugleich aber auch vor voreiliger Euphorie. Denn noch ist keineswegs klar, wie gut die Schutzwirkung der Impfstoffkandidaten in der Praxis wirklich sein wird. Das werden erst die großen Phase-3-Studien zeigen, die inzwischen gestartet wurden oder geplant sind.

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    Aus den bisherigen Publikationen lesen Analysten leichte Vorteile für die RNA-basierten Impfstoffprojekte von Biontech und Moderna heraus. Steven Seedhouse von Raymond James etwa wertet den Produktkandidaten BNT, den Biontech in Kooperation mit Pfizer entwickelt, als den aussichtsreichsten Impfstoff, gefolgt von Modernas RNA-1273 und den Produktkandidaten von Astra-Zeneca und Cansino Biologics.

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    Insgesamt befinden sich laut der Weltgesundheitsorganisation WHO weltweit inzwischen zwei Dutzend potenzielle Impfstoffe gegen Covid-19 in klinischen Tests – das heißt in der Erprobung am Menschen.

    Rein zeitlich betrachtet liegen dabei die chinesischen Firmen Sinovac und Sinopharm in Front. Beide haben bereits im Juni erste Sicherheitsstudien mit ihren Produkten abgeschlossen und im Juli mit großen Phase-3-Studien begonnen. Detaillierte Daten aus den ersten Studien wurden zumindest in westlichen Publikationen bisher offenbar nicht präsentiert.

    Zudem mussten die Firmen mit ihren Phase-3-Studien mangels Infektionsaktivität in China ins Ausland ausweichen. Sinopharm testet zwei Impfstoffkandidaten in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Sinovac hat mit seinem Vakzin eine große Studie in Brasilien gestartet.

    Die beiden chinesischen Firmen setzen bei ihren Projekten auf Impfstoffe auf Basis von inaktivierten Viren – eine altbewährte Technik, die aber mit gewissen Nachteilen bei der Produktion, Anwendung und Sicherheit verbunden ist. Die Herstellung gilt als vergleichsweise aufwendig, und tendenziell besteht bei solchen „Tot-Impfstoffen“ ein etwas höheres Risiko, dass sie die Krankheit im Infektionsfall verschlimmern – ein Problem, das sich zum Beispiel bei dem Dengue-Impfstoff von Sanofi offenbarte.

    Ebenfalls mit einem inaktivierten Virus arbeitet der indische Impfstoffhersteller Bharat. Auch er will noch im Sommer eine große Phase-3-Studie starten und in diesem Jahr einen Covid-19-Impfstoff auf den Markt bringen.

    Wettlauf der Technologien

    Bei den westlichen Impfstoffentwicklern dominieren dagegen moderne Technologien wie die Impfung mit modifizierten Viren (virale Vektoren), Proteinbestandteilen des Virus oder die völlig neuartigen Konzepte auf Basis von Messenger-RNA (mRNA) und DNA. In diesem Fall werden Körperzellen mithilfe der Impfstoffe darauf programmiert, Virusproteine zu produzieren, auf die dann das Immunsystem reagiert.

    Der Wettlauf um Covid-19-Impfstoffe ist daher auch ein Wettlauf der Technologien. Und hier gilt die mRNA-Technologie derzeit als Favorit. Neben Biontech und Moderna ist auch die Tübinger Biotechfirma Curevac auf diesem Feld engagiert. Sie hat ihre ersten klinischen Studien mit einem Impfstoffkandidaten aber erst Ende Juni gestartet. Darüber hinaus listet die WHO in ihrer Übersicht weitere 19 RNA-basierte Impfstoffprojekte auf, darunter zum Beispiel auch ein Produkt, das Sanofi mit der US-Firma Translate Bio entwickelt.

    Biontech und Pfizer testen bisher vier Varianten des Impfstoffs BNT162 und wollen mit der besten Variante in den nächsten Tagen eine große Phase-3-Studie starten – ebenso wie Moderna.

    Anfang Juli publizierten Biontech und Pfizer Resultate von 45 Studienteilnehmern, wonach ihr Impfstoff die Bildung von neutralisierenden Antikörpern relativ deutlich anregt. Die Konzentrationen solcher Antikörper, die das Virus am Eindringen in die Zellen hindern, erreichten demnach 28 Tage nach der ersten Impfung das 1,8- bis 2,8-Fache der Werte, die bei Rekonvaleszenten beobachtet wurden.

    Weitere Daten aus einer deutschen Studie mit 60 Teilnehmern zeigen laut Biontech zudem, dass der RNA-Wirkstoff auch eine solide Aktivierung von T-Zellen des Immunsystems auslöst. Dies wiederum gilt als wichtiger Indikator für die längerfristige Schutzwirkung eines Impfstoffs.

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    Ähnliche, wenn auch nicht ganz vergleichbare Ergebnisse publizierte Moderna für ihren Impfstoffkandidaten mRNA-1273. Auch er generierte Antikörperkonzentrationen, die höher sind als bei Vergleichspersonen, die eine Covid-19-Infektion überstanden haben.

    Das britische Unternehmen Astra-Zeneca, das seinen Produktkandidaten an mehr als 1000 Personen testete, meldete Antikörperkonzentrationen, die vergleichbar seien mit denen von Rekonvaleszenten. Dennoch wurden die Daten des Pharmakonzerns von Analysten teilweise mit gewisser Ernüchterung interpretiert. Die Wirksamkeitsdaten seien ermutigend, aber das Nebenwirkungsprofil nicht ideal, heißt es in einem Kommentar von HSBC.

    Der Impfstoff von Astra-Zeneca besteht aus einem genetisch modifizierten Adenovirus, das normalerweise bei Schimpansen auftritt. Dieses Virus hatte die Universität Oxford zuvor bereits als Impfstoffplattform für andere Vakzine entwickelt – etwa gegen das Mers-Virus und Zika-Infektionen. Für den Covid-19-Impfstoff wurden Komponenten des Sars-CoV-2-Virus in das Adenovirus eingebaut. Adenoviren verursachen normalerweise harmlose Erkältungen.

    Auf ein solches modifiziertes Adenovirus setzt auch die chinesische Firma Cansino Biologics. Allerdings handelt es sich bei ihrem Vehikel um ein Adenovirus, das auch beim Menschen verbreitet ist. Daraus wiederum ergibt sich die Herausforderung, dass viele Personen eine gewisse Vorimmunität gegenüber diesem Virus besitzen, was die Wirkung gegen das Coronavirus einschränken könnte.

    Begrenzte Aussagekraft

    Unabhängig von diesen Unterschieden in der Impftechnologie gilt für alle Produktkandidaten, dass die bisherigen Resultate letztlich nur begrenzte Aussagekraft haben. Die Zahl der behandelten Personen ist durchweg relativ gering im Vergleich zu den Populationen, die später einmal geimpft werden sollen.

    Für besonders gefährdete Personengruppen, also ältere und vorerkrankte Menschen, liegen bisher praktisch noch gar keine Testresultate zu den Impfstoffkandidaten vor. Sie sollen überwiegend erst in den noch laufenden Phase-2-Tests oder den nachfolgenden großen Phase-3-Studien erhoben werden. Auch zur Dauer der Immunitätswirkung gibt es bisher wenig Erkenntnisse. Dazu ist die Beobachtungszeit der Testpersonen schlicht zu kurz.

    Eine weitere Unsicherheit ergibt sich daraus, dass die bisher untersuchten Parameter letztlich nur Ersatzendpunkte sind. Noch ist nicht ganz klar, inwieweit hohe Antikörperkonzentrationen und T-Zell-Reaktionen wirklich auch mit einer Schutzwirkung gegen das Coronavirus einhergehen.

    Der Vergleich mit anderen Impfstoffen spricht zwar dafür, dass diese Parameter sehr gute Indikatoren sind. Aber definitiv belegt ist die Wirkung für die Covid-19-Vakzine bisher nicht. „Wir brauchen mehr Kenntnisse über Antikörper und T-Zellen hinaus“, fordert daher Pharmaexperte Michael Leuchten von der Schweizer Großbank UBS. Solche Kenntnisse jedoch werden erst die noch anstehenden großen Studien liefern.

    Mehr: Curevac und Biontech: Die deutsche Biotechbranche kann neue Stars gut gebrauchen

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    • Die Komponente "Hoffnung auf Erfolg" des Leistungsmotivs ist eine starke Triebfeder für Pharmaunternehmen als auch Investoren zugleich.
      Die Realitätsprüfung muss unter objektiven Gesichtspunkten noch erfolgen.

      "Detaillierte" Medienberichterstattung über Impfstoffversuche sind nun an der Tagesordnung:
      Nachrichten über "frühen Erfolg", "vielversprechende erste Ergebnisse" und steigende Lagerbestände aufgrund von "Impfoptimismus".
      Hoffnung weckt starke Emotionen und Erwartungen, die sich hervorragend vermarkten lassen, jedoch ist die Aussicht auf ein "normales Leben" in weiter Ferne.

      Biologisch gesehen ist es unwahrscheinlich, dass ein Impfstoff gegen das COVID-19-Virus einen vollständigen Schutz bietet.

      Interessanter dürfte der Wettbewerb um die Grundversorgung, wie Phiolen, ablaufen.

      Der Anteil der Eltern mit einer grundsätzlich positiven Haltung gegenüber Schutzimpfungen liegt in Deutschland bei rund 88 Prozent. Im Kontrast dazu weigern sich 2,6 Prozent der befragten Eltern strikt, ihre Kinder impfen zu lassen – egal gegen welche Krankheit. (Quelle: Jean Paul Stahl vom Hospital Grenoble)
      Hierzulande waren 7,8 Prozent der befragten Eltern gegen jede Form von Pflichtimpfungen. Weitere 18,2 Prozent machten dies von der jeweiligen Impfung abhängig und 73,1 Prozent waren prinzipiell dafür, zumindest einige Schutzimpfungen für Kinder vorzuschreiben.

      Ein weiteres Problem ist die "gefakte Skepsis": https://ajph.aphapublications.org/doi/10.2105/AJPH.2018.304567.

      Eng mit der Impfakzeptanz verknüpft ist (möglicherweise) der Grad des Vertrauens gegenüber dem Gesundheitssystem und offiziellen Informationsquellen. Die Medien und Presseabteilungen überbieten sich zur Zeit mit Erfolgsaussichten (https://www.nytimes.com/interactive/2020/science/coronavirus-vaccine-tracker.html). Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass ein COVID-19-Impfstoff all diese hohen Erwartungen erfüllt.

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