Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke
Adblue für Dieselfahrzeuge

Abgasreinigung mit Adblue: Heikle Absprachen der Hersteller über das Gemisch.

(Foto: picture alliance / Stefan Puchne)

Kartellverdacht EU-Kommission verschärft Ermittlungen – für deutsche Autobauer wird es ernst

Die Brüsseler Behörden präzisieren ihren Kartellvorwurf gegen die Autohersteller. Sie untersuchen überraschend auch mögliche Absprachen bei Benzinmotoren.
Update: 18.09.2018 - 13:02 Uhr 1 Kommentar

Brüssel/DüsseldorfDie EU-Kommission verschärft ihre Kartellermittlungen gegen die deutschen Autokonzerne. Die Kommission wolle eingehender untersuchen, „ob BMW, Daimler und VW vereinbart haben, bei der Entwicklung und Einführung wichtiger Technologien zur Verringerung der Schadstoffemissionen von Benzin- und Diesel-Pkw nicht miteinander zu konkurrieren“, teilte EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager am Dienstag in Brüssel mit.

Ein schwerer Vorwurf: „Falls dieser Verdacht zutreffen sollte, hätten die Hersteller den Verbrauchern die Möglichkeit vorenthalten, umweltfreundlichere Autos zu kaufen, obwohl die entsprechenden Technologien zur Verfügung standen“, sagte Vestager.

Die Kommission hatte bereits vor längerem Voruntersuchungen eingeleitet, nachdem Daimler und Volkswagen den Wettbewerbshütern umfangreiches Hinweismaterial übergeben hatten. Nachdem der „Spiegel“ den Verdacht öffentlich gemacht hatte, statteten die Ermittler den beteiligten Unternehmen im Oktober Besuche ab, um weitere Akten sicherzustellen.

Die Kommissionsbeamten haben die Untersuchung seither weit vorangetrieben. Kartellexperten waren davon ausgegangen, dass die Behörde im nächsten Schritt ihre Vorwürfe in einer Beschwerdemitteilung an die Unternehmen zusammenfasst. Die nun bekanntgegebene vertiefte Untersuchung bedeutet aber noch einen Zwischenschritt.

Offenbar, so vermuten Beobachter, wollte die Kommission damit die Initiative zurückgewinnen, nachdem zuletzt immer wieder Einzelheiten der Untersuchung an die Presse durchgesickert waren. Zuletzt hatte das Handelsblatt über neue Dokumente berichtet, die den Absprache-Verdacht erhärteten.

Zudem könnte die Behörde den Druck auf BMW erhöhen wollen. Das Münchener Unternehmen streitet die Vorwürfe ab und scheint bislang nicht zur Zusammenarbeit mit den Kartellhütern bereit. Da Daimler und Volkswagen hoffen könne, als Kronzeugen Erlass auf mögliche Bußgelder zu bekommen, steht vor allem für BMW viel auf dem Spiel.

Auf die Ausweitung der Ermittlungen reagierten die betroffenen Unternehmen zugeknöpft. Daimler, VW und BMW bestätigten, dass gegen sie ermittelt werde. Eine Anklageschrift ist bei den Firmen aber bislang nicht eingegangen. Eine Sprecherin von Daimler betonte: „Wir kooperieren vollumfänglich mit der Behörde und haben einen Kronzeugenantrag gestellt“. Zu Details lehnte sie wie auch BMW und VW einen Kommentar mit Verweis auf das laufende Verfahren ab.

Grafik

Sollten sich die Hinweise im Zuge der weiteren Untersuchung aber erhärten, drohen den Herstellern Strafen in Milliardenhöhe. Das liegt vor allem an der hohen Zahl der von den möglichen Absprachen betroffenen Fahrzeuge, die in die Millionen geht. In dem sie sich auf ein Settlement einlassen, könnten die Unternehmen die Summen spürbar reduzieren.

Inzwischen konzentrieren sich die Ermittlungen vor allem auf zwei Technologien: die Abgasreinigung von Dieselfahrzeugen mit sogenannten SCR-Motoren und Feinstaub-Partikelfilter für Otto-Motoren. Bislang war in Industriekreisen davon ausgegangen worden, dass lediglich die Adblue-Technologie in den SCR-Motoren im Fokus der Ermittlungen steht. Dass nun auch Otto-Motoren Teil der vertieften Untersuchung sind, erweitert die Zahl der womöglich betroffenen Autos noch einmal erheblich – und damit auch die Höhe möglicher Strafen.

Für Erleichterung bei den Herstellern dürfe hingegen sorgen, dass die Kommission derzeit „keine Anhaltspunkte“ dafür sieht, dass sich die Unternehmen auch beim Einsatz illegaler Abschalteinrichtungen in der Abgasreinigung abgesprochen haben.

Diese stehen im Mittelpunkt des VW-Skandals und der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen gegen die anderen Hersteller. Hinweise auf Absprachen bei der Manipulationssoftware hätten ein weiteres Imagedesaster für die Industrie bedeutet.

Auch die Untersuchung möglicher Absprachen des „Fünfer-Kreises“ auf anderen Gebieten wie Cabriodächern legt die Kommission vorerst auf Eis. Die Ermittlungen konzentrieren sich damit bis auf Weiteres auf Partikelfilter und Adblue.

Das Handelsblatt hatte zuletzt über den sich erhärtenden Absprache-Verdacht bei den Systemen zur Reinigung von Diesel-Abgasen berichtet. Die neuen Dokumente befinden sich in den Akten der Staatsanwaltschaft Braunschweig, die wegen des Dieselskandals gegen VW ermittelt. Zwei der Hinweise datieren bereits aus dem Jahr 2008. In den Dokumenten geht es vor allem um die Größe von Tanks für das Harnstoffgemisch Adblue. Dies wird zur Neutralisierung giftiger Stickoxide in den Verbrennungsprozess eingespritzt.

Im Fokus der Kartellwächter stehen neben den Benzinern vor allem Diesel, die bei der VW-Tochter Audi entwickelt wurden und mit einem sogenannten SCR-Katalysator ausgestattet waren. SCR steht für „selektive katalytische Reduktion“. Dahinter verbirgt sich ein chemisches Verfahren, mit dem giftige Stickoxide mithilfe von Adblue in harmlosen Stickstoff und Wasserdampf umgewandelt werden. Wenn das Auto auf dem Prüfstand getestet wurde, steuerte eine Software den Ausstoß der notwendigen Menge Adblue so, dass die Umweltgrenzwerte eingehalten wurden. Im Straßenbetrieb schaltete sie die Abgasreinigung ab.

Einen Hinweis gibt eine bisher unbekannte Mail aus der Technischen Abteilung von Audi. Dort ist einerseits ein „Vorstandsauftrag“ genannt, Kosten beim Adblue-System zu sparen. Andererseits verweist der Autor auf eine „langfristige Tankvolumenstrategie, die auch von den Häusern VW, BMW und Daimler getragen wird“.

Als die Behörden den Abschalteinrichtungen (Defeat-Device) auf die Spur kamen, warnten sich Konkurrenten offenbar. So hieß es Ende 2012 in einer Mail aus dem VW-Konzern an einen Daimler-Mitarbeiter: „Treffen mit deutschen Behörden am 5.12.2012... Hinweise auf Defeat-Device-Arbeitskreis Audi, BMW, Daimler, Porsche und VW.“

Der Vorwurf wiegt schwer: Mehr als 200 Mitarbeiter der Unternehmen sollen sich seit den 1990er-Jahren in geheimen Arbeitskreisen abgestimmt und auf diese Weise den Wettbewerb außer Kraft gesetzt haben. Es soll um alle Details der Autoentwicklung gegangen sein.

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
Startseite

Mehr zu: Kartellverdacht - EU-Kommission verschärft Ermittlungen – für deutsche Autobauer wird es ernst

1 Kommentar zu "Kartellverdacht: EU-Kommission verschärft Ermittlungen – für deutsche Autobauer wird es ernst"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Verstehe ich das richtig:
    Die EU-Kommission will, dass auch bei Umweltschutz ein knallharter Wettbewerb zwischen den Herstellern herrscht und keine Zusammenarbeit.
    Das bedeutet: Wenn Firma A etwas neues, tolles, geniales erfindet, dann bleibt es der Firma A vorbehalten. Firmen B-Z profitieren nicht davon. Da braucht es dann auch keine gemeinsamen Arbeitskreise, keine gemeinsamen Budgets - aber auch nur eine von vielen Firmen bringt dann den Umweltschutz voran - alle anderen eben nicht.
    Schön, dass die Firma A dann damit werben kann - "nur wir, die Firma A, ist bei dieser einen Erfingung toll - alle anderen nicht". Dann kommt die Firma B und hat ne andere tolle Erfindung... irgendwann interessiert es den Kunden "die Bohne" - also total egal.
    Der Umwelt hilft es nicht!
    Die EU zwingt die Hersteller also das Rad mehrmals zu erfinden! Ich halte das für absoluten Unsinn!!!!

    Mein Eindruck ist, dass die EU gerne in die Taschen der Autofahrer - indirekt über die Hersteller greift - schließlich wollen die EU Beamten weiterhin extrem gut bezahlt werden und der Brexit führt zu geringeren Einnahmen.

    Da kann man doch gerne die Automobilhersteller zur Kasse bitten - da findet man schon mal das Haar in der Suppe!