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Klagewelle in den USA Urteil im dritten Glyphosat-Prozess steht bevor – Druck auf Bayer-Führung steigt

Der dritte Glyphosat-Prozess gegen Bayer steht vor dem Abschluss. Schon vor dem Urteil erhöhen Aktionäre den Druck auf die Bayer-Führung.
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Glyphosat-Prozess: Urteil gegen Bayer steht kurz bevor Quelle: dpa
Unkrautvernichtungsmittel Roundup

Das Mittel steht in Verdacht, krebserregend zu sein

(Foto: dpa)

Düsseldorf Der dritte Prozess um den umstrittenen Unkrautvernichter Glyphosat tritt in die entscheidende Phase. Die Jury des Gerichts im kalifornischen Alameda nahe San Francisco wird sich voraussichtlich an diesem Mittwoch nach den Schlussplädoyers der Anwälte zu Beratungen zurückziehen.

Im Raum stehen ein Freispruch oder eine erneute Verurteilung des Glyphosatherstellers Monsanto zu einer millionenschweren Schadenersatzzahlung. Monsanto gehört seit Juni 2018 zur Bayer AG, die nach der Übernahme auch die Rechtsrisiken des US-Konzerns tragen muss. Glyphosat ist Hauptwirkstoff in dem Monsanto-Produkt Roundup und steht im Verdacht, krebserregend zu sein.

Die beiden ersten Verfahren im August 2018 und März 2019 haben die Unternehmen verloren. Monsanto wurde jeweils zu rund 80 Millionen Euro Schadenersatz verurteilt.

Die mit Laien besetzten Jurys sahen es in beiden Fällen als erwiesen an, dass Glyphosat für die Krebserkrankung der jeweiligen Kläger mitverantwortlich ist. Sie warfen Monsanto zudem vor, die Risiken bewusst verschwiegen zu haben.

Gegen das erste Urteil in San Francisco, in dem Bayer zu 79 Millionen Dollar Schadensersatz verurteilt wurde, hat der Konzern inzwischen Berufung eingelegt. Hier rechnet Bayer mit einer Entscheidung gegen Ende des Jahres.

Bayer hat nach den Urteilen mehr als 30 Prozent an Börsenwert verloren, weil die Anleger Rechtskosten in Milliardenhöhe fürchten. Am Stichtag 11. April waren mehr als 13.200 Klagen wegen einer möglichen Krebsgefahr von Glyphosat vor amerikanischen Gerichten anhängig. Die Zahl dürfte seither weiter gestiegen sein.

Ende April hatten die Aktionäre von Bayer ihrer Wut über den massiven Kursverlust auf der Hauptversammlung Luft gemacht: Sie stimmten mehrheitlich gegen die Entlastung des Vorstands und entzogen ihm damit das Vertrauen. Wie das Management und der Aufsichtsrat auf diesen Vorfall reagieren wollen, ist noch offen.

Die Investoren verlangen keinen Managementwechsel, sehen aber Defizite im Aufsichtsrat, weil dort ihrer Ansicht nach bislang kein ausgewiesener Kenner des Agrochemiegeschäfts vertreten ist. Diese Kritik wurde auf der Hauptversammlung deutlich.

Die Fondsgesellschaft der Sparkassen, Deka, macht nun Druck in diese Richtung und fordert, dass schnellstmöglich Experten für US-Recht und fürs Landwirtschaftsgeschäft in das Kontrollgremium einziehen. „Bis zur nächsten Hauptversammlung können wir damit nicht warten“, sagte Ingo Speich, Leiter Nachhaltigkeit und Corporate Governance bei der Deka, der FAZ.

Eine erneute Verurteilung von Monsanto in dem nun endenden dritten Prozess dürfte den Druck auf die Bayer-Führung unter CEO Werner Baumann auf jeden Fall erhöhen. Je mehr Verfahren die Deutschen verlieren, desto schwächer wird ihre Position im gesamten Glyphosat-Rechtskomplex und desto wahrscheinlicher werden außergerichtliche Vergleiche mit den Klägern, die Milliarden kosten könnten.

Experten vertreten gegensätzliche Ansichten

Bayer betont weiterhin, sich vehement vor Gericht verteidigen zu wollen und führt wissenschaftliche Erkenntnisse sowie die Beurteilungen der Zulassungsbehörden an, die jeweils keine Krebsgefahr durch Glyphosat erkennen. Vor wenigen Tagen unterstrich die amerikanische Umweltbehörde EPA nach erneuter Prüfung diese Überzeugung.

Bayers Anwälte konnten diese EPA-Entscheidung im aktuellen Prozess allerdings nicht nutzen, sie wurde von der Richterin als Beweismittel nicht zugelassen. Insgesamt verlief das dritte Verfahren hinsichtlich Prozessführung und Argumentation bisher ähnlich wie die beiden vorherigen.

Geklagt hat diesmal ein Ehepaar: Alberta und Alva Pilliod, beide über 70 Jahr alt, sind an verschiedenen Typen von Lymphdrüsenkrebs erkrankt und machen dafür Glyphosat verantwortlich. Sie haben den Unkrautvernichter jahrzehntelang auf ihrem privaten Anwesen intensiv zur Unkrautbeseitigung eingesetzt.

Ihre Anwälte legten der Jury Studien vor, die eine von Glyphosat ausgehende Krebsgefahr zeigen sollten – Bayers Verteidigung konterte mit Untersuchungen, die die Vorwürfe entkräften sollten. Dazu riefen beide Parteien Zeugen auf, darunter mehrere Ärzte, die teils auch schon in den früheren Prozessen auftraten. Bezeichnend für das Verfahren ist: Vertreter der gleichen medizinischen Institutionen machten komplett gegenteilige Aussagen.

So sah es ein Pathologe des City of Hope National Medical Center, eines kalifornischen Krebsforschungszentrums, als erwiesen an, dass Glyphosat krebserregend sei. Eine Kollegin vom gleichen Institut wiederum bestritt dies und warf ein, der Lymphdrüsenkrebs der Kläger könnte verschiedene Ursachen haben – bei dem Mann etwa eine ausgeprägte Immunschwäche.

Mit dieser schwierigen Erkenntnislage muss sich nun die mit Laien besetzt Jury des Gerichts in Alameda beschäftigen und zu einem Urteil kommen. Es geht auch um die Frage, ob Monsanto intern von einer Krebsgefahr durch Glyphosat gewusst und dies bewusst und in böswilliger Absicht verschwiegen hat.

In den beiden ersten Fällen haben die Jurys jeweils einstimmig Monsanto verurteilt. Bei dem aktuellen Verfahren ist dies nicht nötig: Es findet an einem State Court, also an einem einzelstaatlichen Gericht statt.

Dort muss die zwölfköpfige Jury nur zu einem Mehrheitsvotum von neun Stimmen kommen. Die Beratungen der Geschworenen könnten mehrere Tage dauern – in dem im März abgeschlossenen Prozess hat Jury über eine Woche bis zur Entscheidungsfindung gebraucht.

Vor den heutigen Schlussplädoyers gab es noch einmal Aufregung um das Vorgehen der Klägeranwälte. Zu dem Prozess waren der Musiker Neil Young und die Schauspielerin Daryl Hannah („Blade Runner“) nach Alameda gekommen, die beide als scharfe Gegner von Monsanto gelten.

Bayers Verteidiger warfen den Klägeranwälten daraufhin vor, die Jury beeinflussen zu wollen. Mehrere Juroren hatten offenbar außerhalb des Gerichtssaals um Fotos mit den Prominenten gebeten.

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