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Kleines Etikett, großer Ärger - Wein aus Champagne im Kanton Waadt Champagne und das Recht am eigenen Namen

Champagner sei das einzige Getränk, das Frauen schöner macht, je mehr sie davon trinken, soll die Madame Pompadour gesagt haben. Die Dame, Mätresse des französischen Königs Ludwig XV., steht nicht nur in Sachen Wein im Ruf einer Kennerin.
Quelle: dpa
(Foto: dpa)

DÜSSELDORF. Wie auch immer, es gibt wohl kein Getränk auf dieser Welt, dessen Ruhm heller strahlt als der des strahlenden Schaumweins aus der französischen Landschaft gleichen Namens. Es gibt aber auch kaum ein Getränk, dessen Ruf, Name und mitunter mutiger Preis mit härteren Methoden verteidigt wird als eben der Schaumwein, der es in der Arie in Mozarts Don Giovanni sogar musikalisch zu Weltruhm gebracht hat.

Die Bauern aus Champagne können ihr Lied davon singen. Champagne, das ist, ohne den Champagnern nahe treten zu wollen, ein wenig prickelndes 700-Seelen-Dorf am Neuenburger See im französischsprachigen Kanton Waadt, Westschweiz. Champagne, ein paar rot gedeckte Bauernhäuser, Äcker, ein paar Reben – und schon steckt man inmitten einer Geschichte, in der aus einem kleinen Schweizer Wein durch eisenharten Lobbyismus eine europäische Haupt- und Staatsaktion wird, die nun zur Entscheidung am Europäischen Gerichtshof in Luxemburg angelangt ist und – wer weiß – vielleicht sogar den Verhandlungen über den Welthandel im Rahmen der WTO einen neuen Dreh geben könnte. Doch der Reihe nach.

Im Dorf Champagne wird, die Urkunden deuten es an, seit dem 13. Jahrhundert Wein angebaut, heute liegt die Produktion bei etwa 260 000 Flaschen Stillweins, weiß, herb, unbedeutend. Vielleicht wäre das alles so geblieben, hätten sich die Champagner Winzer vor vielleicht 35 Jahren nicht diesen Gag mit den Sektflaschen einfallen lassen, in die sie ihren Wein mit dem Dorfnamen auf dem Etikett abfüllten. An diesem Tag hörte für die CIVC endgültig der Spaß auf.

CIVC? Das ist das Comité Interprofessionnel du Vin de Champagne, die Dachorganisation der Winzer und Handelshäuser der Champagne und damit, der Deutsche Bauernverband wird es entschuldigen, die wohl schlagkräftigste Agrarlobby Europas. Auf etwa 15 Millionen Euro schätzen Experten den Jahresetat des Verbands, 100 Leute arbeiten in der Champagnerzentrale, in den großen Importländern gibt es eigene Büros, weltweit stehen renommierte Anwälte unter Vertrag.

Wenn das trotzdem nicht reicht, dann weiß der CIVC, dass sein langer Arm bis auf einen Louis-Seize- Schreibtisch mit scharlachroter Lederauflage reicht. Er steht im Elysée-Palast, der einst Madame Pompadour gehörte. Heute wohnt hier Jacques Chirac. Für den Präsidenten der Republik hört beim Champagner der Spaß auf.

„Der Schutz des Namens , das ist ein permanenter Kampf auf der ganzen Welt“, sagt Alain Fion, Repräsentant des CIVC in Deutschland. Die USA, China und Russland, das seien global betrachtet die Problemregionen. Den Namensschutz (siehe Kasten) versucht der CIVC mit Hilfe der EU durchzusetzen. Brüssel verhandelt dafür sowohl auf der Ebene der Welthandelsorganisation WTO als auch bilateral. Jüngst konnte mit Kanada ein Abkommen erreicht werden, dort ist Champagner ab 2014 geschützt.

Die USA aber bocken, seit zwei Jahrzehnten. Dabei geht es nicht nur um Champagner, sondern auch um andere regionale europäische Spezialitäten wie etwa Parma-Schinken oder Rheinwein. Doch Champagner ist das Reizthema schlechthin, wohl auch deshalb, weil alles, was sprudelt und nach Wein schmeckt, dort seit Generationen „Champagne“ genannt wird. In Europa hingegen habe man den „totalen Schutz“ des Namens bereits erreicht, lobt Nicolas Ozanam, der neue Generalsekretär des Champagnerverbands.

In ganz Europa? Nein, denn das kleine Dorf im äußersten Westen der Schweiz wehrt sich noch immer gegen die Macht im Reich des Schaumweins. Dabei war die Schampuslobby auch in der Alpenrepublik so gut wie am Ziel. Denn als die Schweizer im Rahmen einer Volksabstimmung den Beitritt zur EU verweigerten und die Union daher Ende der 90er-Jahre neue Vertragsverhandlungen mit den Eidgenossen begann, stand sehr schnell auch das Thema Champagne auf der Tagesordnung. Und was Schweizer Diplomaten zunächst ein „Agrarproblemchen“ nannten, sollte sich sehr bald als Problem von nationaler Tragweite entpuppen.

Es ist der 16. Juni 1999, eine jener nicht enden wollenden, schon fast heißen Frühsommernächte in Brüssel. Die bilateralen Verträge zwischen der EU und der Schweiz sind bereits fix und fertig, als es in den Verhandlungen ans Eingemachte geht. „Non“, sagen die Franzosen, „il est de Champagne mais il n’est pas du Champagne (der ist aus Champagne, aber es ist kein Champagner). Erst müsse der Name Champagne auf den Weinetiketten aus der Schweiz verboten werden, dann erst sei Staatspräsident Jacques Chirac bereit, die Verträge zu akzeptieren, wird der Schweizer Delegation bedeutet.

Es geht auf Mitternacht, die Telefone stehen nicht still, um den Druck noch etwas zu erhöhen, droht Paris damit, der Swissair Landerechte zu verweigern. Die Schweizer unter Staatssekretär Jakob Kellenberger winden sich, denn sie wissen, dass das Thema bereits emotional besetzt ist. Schließlich muss das Volk die Verträge billigen, per Volksabstimmung; und der Kampf der Schweizer Landbevölkerung gegen Großmachtallüren hat Tradition.

Stunden später sind die Eidgenossen weich geklopft, ab Juni 2004 muss Champagne von den Etiketten verschwinden, steht in einem der letzten Anhänge des gewaltigen Vertragswerkes. „Das ist uns verdammt schwer gefallen“, sagt ein Regierungsmitglied heute, der Fall läuft in der Schweizer Bundeshauptstadt seither als „Dossier der letzten Nacht“. „Mein Vater kauft den Wein jetzt kistenweise – aus Nationalstolz“, erzählt ein Beamter in Bern.

Bis heute heißt es, vor allem die Swissair habe den Abschluss ermöglicht. Zur Beschwichtigung des Volkszorns versprach die Schweizer Nationalairline – an zusätzlichen Flugverbindungen mehr als rege interessiert –, die Hälfte der Weinernte aus Champagne in ihren Flugzeugen auszuschenken. Das geschah zunächst auch, dann aber ging die Swissair Pleite. An Bord des Nachfolgeunternehmens Swiss gibt es jetzt Chardonnay aus dem Tessin. Die Leute aus Champagne aber wollten die Schmach nicht auf sich sitzen lassen. Und so gründeten sie einen Verein und begannen, Franken für ihre guten, alten Namen zu sammeln.

Als sie 60 000 Franken beisammen hatten, übergaben sie ihren Fall an den Brüsseler Anwalt Denise Waelbroeck, Mitglied der britischen Kanzlei Ashurst. Der Anwalt gilt als Spezialist für Kniffliges und stritt unter anderem gegen die französischen Atomversuche im Pazifik.

„Das ist ein lustiges Verfahren“, sagt er zum Fall Champagne. Auch die Richter in Luxemburg muss Wein-David gegen Schaumwein-Goliath amüsiert haben. Trotz massiver Interventionen der Franzosen hat das Europäische Gericht in erster Instanz den Fall akzeptiert. Aus Brüsseler Kreisen heißt es, dies sei ein Präzedenzfall, noch nie habe es eine einzelne Gemeinde vermocht, gegen einen Staatsvertrag erfolgreich zu klagen. Noch in diesem Jahr soll das Urteil fallen.

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