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Klimaforscher Manfred Fischedick im Interview „Es ist sinnlos, Deutschland zu deindustrialisieren“

Der Wuppertaler Energie- und Klimaforscher über die richtige Balance beim Klimaschutz und die Rolle von Industrie und Politik in der laufenden Debatte.
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Der Forscher ist Vizepräsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt und Energie. Quelle: Wuppertal Institut
Manfred Fischedick

Der Forscher ist Vizepräsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt und Energie.

(Foto: Wuppertal Institut)

DüsseldorfManfred Fischedick ist Vizepräsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt und Energie. Im Handelsblatt-Interview spricht er über die politischen Rahmenbedingungen, Innovationsdruck und „Fridays for Future“.

Herr Fischedick, ist die Dringlichkeit des Klimaschutzes in der Wirtschaft angekommen?
In den letzten fünf Jahren hat sich in der deutschen Unternehmenslandschaft viel getan. Die große Mehrheit der Industrie beurteilt das Ziel, die CO2-Emissionen bis 2050 um 80 Prozent im Vergleich zu 1990 zu reduzieren, inzwischen als volkswirtschaftlich tragbar und bewertet die damit verbundenen Innovationsimpulse positiv. Etwas kritischer sieht die Industrie das 95-Prozent-Ziel bis 2050. Doch auch hier wächst die Bereitschaft, sich auf die Diskussion über die Umsetzungsmöglichkeiten einzulassen.

Wie könnten die aussehen?
Bei den energieintensiven Industrien reden wir über Strukturen, die über Jahrzehnte gewachsen sind. Um die Emissionen um 95 Prozent zu reduzieren, muss man in einigen Branchen tief in die Prozesse eingreifen. Das macht es so kompliziert. Ich habe aber den Eindruck, dass die Unternehmen stärker dafür sensibilisiert sind und sich fragen: Wie könnte so etwas denn in der Realität funktionieren, wie viel Zeit braucht die Umsetzung und was sind erste notwendige Schritte?

Sagen Sie es uns.
Neben der technologischen Machbarkeit spielen faire Rahmenbedingungen im globalen Wettbewerb, unterstützende politische Rahmenbedingungen und die Passform zu den Investitionszyklen eine ganz wichtige Rolle. Stimmen diese Faktoren, ist die Bereitschaft der Firmen groß, ihre Prozesse umzustellen.

Woher kommt das Umdenken? Klimaschutz ist ja schon seit Jahrzehnten ein Thema.
Das Pariser Klimaschutzabkommen hat seine Wirkung nicht verfehlt: Mehr als 190 Nationen haben sich zu den Zielen bekannt – hierdurch entsteht automatisch auch ein Druck auf die Unternehmen einen Beitrag zur Zielerfüllung zu leisten. Hinzu kommt, dass einige Schwächen des Emissionsrechtehandels zuletzt beseitigt wurden. Die Zertifikate sind deutlich teurer geworden, die Freimengen sind gesunken. CO2 auszustoßen kostet jetzt mehr Geld.

Welche Rolle spielen Protestwellen wie „Fridays For Future“?
Die Industrie merkt, dass sie an gesellschaftlicher Akzeptanz einbüßt, wenn es ihr nicht gelingt sich als Teil der Lösung und nicht als zentraler Teil des Problems zu präsentieren. Es geht darum, ein neues Selbstverständnis zu erzeugen, von einer vorwärts gerichteten, den Klimaschutz fördernden Industrie.

Und die Technologie?
Das eine oder andere, was früher unwirtschaftlich war, hat sich in den vergangenen Jahren als machbar herausgestellt. In vielen Bereichen befinden wir uns auf der technologischen Machbarkeitsskala sehr weit oben. Das trägt natürlich auch dazu bei, dass die Unternehmen heute bereitwilliger schauen, was sie technologisch an welcher Stelle verändern können.

Was muss die Politik tun?
Die Politik muss Rahmenbedingungen schaffen, damit sich Investitionen rechnen. Demonstrationsanlagen und auch Infrastrukturmaßnahmen können mit Förderungen von Seiten des Bundes und der EU unterstützt werden. In einer globalen Marktwirtschaft muss aber über kurz oder lang ein Markt für „grüne Produkte“ entstehen, der es ermöglicht die Zusatzkosten wettbewerbsneutral abzudecken. 

Reicht das bisherige Tempo aus?
Das derzeitige Tempo reicht sicher noch nicht. Andererseits ist es ein phasenweiser Prozess. In späteren Phasen kann es durchaus dazu kommen, dass technologisch bedingt eine stärkere Umsetzungsdynamik entsteht. Auch Infrastruktur fällt nicht vom Himmel, das alles braucht Zeit. Wir müssen aber endlich anfangen ernsthaft in einen substanziellen Minderungspfad einzuschwenken, wenn wir die Ziele erreichen wollen.

Brauchen die Firmen mehr Druck?
Es ist ja sinnlos, Deutschland oder Europa zu deindustrialisieren. Dann wandern die Emissionen einfach mit in andere Länder wo die Produkte produziert werden, die wie hier einsetzen. Das ist derzeit nicht der Fall, würde aber passieren, wenn man die Schrauben zu schnell zu fest anzieht. Es kommt auf die richtige Balance an: Anreize für Minderung schaffen, Wettbewerbsneutralität gewährleisten und über technologische Entwicklungen anderen Ländern vormachen, wie es geht, und sie darüber mitzunehmen. Das muss der Weg sein.

Mehr: Extremes Wetter und höhere Preise für Treibhaus-Emissionen werden die Unternehmen laut einer Studie stark belasten. Doch die Umsatzchancen sind wesentlich größer.

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