US-Fertigung bei Daimler

Der Handelsstreit belastet den Autoabsatz.

(Foto: Daimler AG)

Konjunkturprognosen Geht der deutsche Boom zu Ende?

Reihenweise kürzen die auslandsstarken Dax-Unternehmen ihre Jahresprognosen. Und auch die längerfristigen Aussichten verheißen nichts Gutes.
2 Kommentare

DüsseldorfDie Trendwende in der deutschen Großindustrie nach ihrem Rekordjahr 2017 zeichnet sich schon etwas länger ab. Am sichtbarsten an der Börse. Seit dem Hoch Ende Januar, als der Dax auf sein Rekordniveau von 13.500 Punkten gestiegen war, geht es abwärts. Erst langsam, in den letzten Wochen aber immer rasanter.

15 Prozent verlor der Dax seit seinem Rekordstand, zehn Prozent seit Jahresbeginn. Einzelne Aktien wie die des Zulieferers Continental, des Spezialchemiekonzerns Covestro und des Baukonzerns Heidelberg Cement verloren über 30 Prozent.

Wie immer an der Börse versuchen Investoren, die Zukunft vorwegzunehmen – und haben dabei offenbar das richtige Gespür. Mittlerweile folgen die Ökonomen der Skepsis der Investoren. Sie streichen ihre Wachstumsprognosen zusammen. „Mit fallenden Aktienkursen kann die Stimmung in der Wirtschaft schlechter werden“, warnt Bernd Meyer, Chefanlagestratege bei der Privatbank Berenberg.

Wie schon oft in der Vergangenheit scheint genau diese Kettenreaktion aus Spekulation, Psychologie und Realität erneut aufzugehen. Der Internationale Währungsfonds reduzierte seine Wachstumsprognose für die Weltwirtschaft in diesem Jahr von 3,9 auf 3,7 Prozent.

Die EU-Kommission rechnet für Europa, das mit starken Wachstumsraten im vergangenen Jahr die Krise hinter sich zu lassen schien, mit einem Plus von 2,1 Prozent – nach 2,3 Prozent zu Jahresbeginn. Angesichts alarmierender Nachrichten aus Italien, wo viele Unternehmen bei Weitem nicht mehr das verdienen wie im Vorjahr, dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, bis bei den Vorhersagen für Europa und sein Wachstum eine Eins vor dem Komma steht.

Grafik

Das Exportland Deutschland ist mittendrin. Das Handelsblatt Research Institute (HRI) reduzierte seine Prognose auf 1,9 Prozent. Anfang des Jahres war man mit einem kräftigen Wachstum von 2,5 Prozent noch sehr viel optimistischer gewesen. „Die rückläufigen Konjunkturerwartungen für die Weltwirtschaft und damit auch für Europa und die deutsche Volkswirtschaft zeigen zunehmend deutlich, dass sich die exportstarken deutschen Unternehmen nicht auf eine kurze Delle, sondern mutmaßlich auf einen längerfristigen Abschwung einstellen müssen“, warnt HRI-Chef Bert Rürup, der ehemalige Chef der Wirtschaftsweisen.

Leidtragende dieser globalen Schwäche sind die deutschen Unternehmen. Ihr Geschäft ist stark internationalisiert. Die börsennotierten Konzerne im Dax und in den nachfolgenden Börsenindizes erzielen rund 20 Prozent ihrer Umsätze in Deutschland, 30 Prozent in Rest-Europa, rund 20 Prozent in Amerika, 15 Prozent in China und die restlichen 15 Prozent im Rest der Welt. Wenn es also in gleich mehreren regionalen Märkten kriselt, wirkt sich das aus.

So bremsten den Konsumgüterkonzern Henkel steigende Rohstoffpreise und Währungsturbulenzen in seinen wichtigen Absatzländern Russland, Türkei und Mexiko aus. Das bereinigte Ergebnis je Vorzugsaktie soll im laufenden Jahr voraussichtlich zwischen drei und sechs Prozent zulegen, nachdem der Konzern vorher ein Plus zwischen fünf und acht Prozent in Aussicht gestellt hat.

Auch die Deutsche Post, der Mischkonzern Thyssen-Krupp, der Autobauer Daimler und der Zulieferer Continental strichen ihre Jahresprognosen zusammen. Sie machten damit Hoffnungen zunichte, dass sich der Boom aus dem Vorjahr 2018 fortsetzt. In dieser Woche folgten der Gesundheitsdienstleister Fresenius mit seiner ebenfalls im Dax notierenden Dialysetochter Fresenius Medical Care (FMC) und der Baustoffkonzern Heidelberg Cement.

Den vielen deutschen Industriekonzernen gelingt es nicht mehr wie noch 2017, prozentual zweistellige Preissteigerungen in nur einem Jahr bei wichtigen Rohstoffen eins zu eins an ihre Endabnehmer weiterzureichen. Der Ölpreis beispielsweise hat sich binnen eines Jahres um gut 40 Prozent verteuert.

Darüber hinaus sorgen das Brexit-Votum der Briten und die zunehmende Verunsicherung über einen ungeordneten Austritt des Königreichs aus der Europäischen Union für Verunsicherung – ebenso der von US-Präsident Donald Trump ausgelöste Handelskonflikt. Die Folge sind auch hier Zurückhaltung bei den Kunden und drohende Ertragseinbußen.

Das spüren die deutschen Autohersteller. Etwa BMW mit seiner Mini-Produktion in Oxford, die die Münchener voraussichtlich für vier Wochen schließen werden. Zölle verteuern nicht nur den Export des Minis in andere europäische Länder, sondern auch die Produktion an sich, weil viele Einzelteile aus dem Ausland nach Oxford transportiert werden und sich deshalb ebenfalls verteuern.

Viele regionale Brandherde

BMW lieferte im September im Vergleich zum Vorjahr fünf Prozent weniger Fahrzeuge der Marken BMW und Mini in Europa aus. Global setzte BMW 23 7781 Autos ab, ein Prozent weniger als im Vorjahr. Ein Grund ist zwar der neue und kompliziertere Abgastest, aber auch der Handelsstreit zwischen den USA und China belastet. Auch hier verteuern die Zölle die Ausfuhr aus den USA. BMW-Finanzvorstand Nicolas Peter bezifferte die Kosten für den Konflikt in diesem Jahr auf rund 300 Millionen Euro. Blieben die Zölle 2019 bestehen, könnte der Gesamtjahreseffekt bei einer halben Milliarde Euro liegen.

Konkurrent Daimler rechnet damit, wegen der Abgaben in China künftig weniger Geländewagen zu verkaufen als bislang erwartet. China zählt zu den wichtigsten Absatzmärkten für die deutschen Autobauer. Bislang geht das Kalkül von Trump auf, mit seinem Handelskonflikt größtmöglichen Druck auf andere Wirtschaftsnationen auszuüben, ohne selbst die eigene Wirtschaft zu gefährden.

So steigerten die 500 größten US-Konzerne ihre im Vorjahr eingefahrenen Rekordgewinne im ersten Halbjahr noch einmal um 25 Prozent. Im dritten Quartal zeichnet sich ein Plus von über 20 Prozent ab. Überdurchschnittlich stark legen die Technologiegiganten wie Apple, Microsoft und Amazon zu.

Gut stehen auch die Ölkonzerne Exxon und Chevron da sowie Banken wie JP Morgan, die von den anziehenden Zinsen profitieren. Amerikas starker Binnenmarkt mit seiner Fast-Vollbeschäftigung sowie die drastisch gesenkten Unternehmensteuern sorgen hier für eine Sonderkonjunktur.

Noch deutet in Deutschland nichts darauf hin, dass der 2009 begonnene Aufschwung, der im vergangenen Jahr seinen Höhepunkt fand, geradewegs in eine Rezession mündet. Allerdings haben Ökonomen in der Vergangenheit noch nie Rezessionen vorhersagen können – nicht einmal auf dem Höhepunkt der Finanzkrise 2008.

Damals prognostizierten Analysten, dass dem Boomjahr 2007 ein neuerliches Rekordjahr folgen werde. Diese Prämisse galt sogar noch im Frühsommer 2008, als die Immobilienkrise längst zu einer weltweiten Bankenkrise ausgeufert war.

Tatsächlich brachen die Gewinne im Gesamtjahr 2008 um 40 Prozent gegenüber 2007 ein. Grund war eine kollektive und weltweite Schockstarre vieler Verbraucher und vor allem der Unternehmen, die sich mit Anschaffungen zurückhielten und Aufträge stornierten, nachdem die US-Investmentbank Lehman im September 2008 Insolvenz angemeldet hatte.

Solche Schocks sind nicht in Sicht. Dennoch: Es gibt viele Brandherde. Der drohende ungeordnete Austritt Großbritanniens aus der EU, der eskalierende Handelskrieg, die aufflammenden Schulden- und Währungskrisen in Italien, Argentinien und der Türkei – sie werden zwar nicht zu einer Rezession führen.

Noch gilt die Prognose: Die deutschen Unternehmen werden 2018 etwas weniger verdienen als 2017. Und das war beileibe kein schlechtes Jahr. Mit 95 Milliarden Euro netto hatten die 30 Dax-Konzerne so viel verdient wie noch nie in ihrer Unternehmensgeschichte. Aber die Firmen werden vorsichtiger. Stagnation ist in Sicht.

Startseite

Mehr zu: Konjunkturprognosen - Geht der deutsche Boom zu Ende?

2 Kommentare zu "Konjunkturprognosen: Geht der deutsche Boom zu Ende?"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Liebe Frau Edelgard Kah,
    ihren Kommentar stimme ich uneingeschränkt zu.
    Es ist auch sehr interessant, dass Unternehmen, die sehr, sehr gut verdienen und leider im aktuellen Geschäftsjahr weniger als im Rekordjahr 2017, MASSIV abgestraft werden.
    Sie verdienen immer noch sehr gut - aber das wird aus charttechnischen Gründen ignoriert.
    Nun sind über 80% der börsennotierten Aktien in ausländischer Hand. Da wird gerne spekuliert. Dieses Auf und Ab verunsichert die Verbraucher. Das kann wirklich eine Krise auslösen. Die Politik, die mit massiver Steuererhöhung die Aktiengewinne besteuert, hat der Spekulation Vorschub geleistet.
    Eine steuerliche gleiche Behandlung aller Anlageklassen Aktien, Metalle, Immobilien, Anleihen und Devisen ist notwendig.

  • Sehr geehrter Herr Dr. Sommer,

    Prognosen für das Wirtschaftswachstum gibt es reihenweise. Sowohl für die Weltwirtschaft als auch für einzelne Wirtschaftsräume wie beispielsweise für Europa oder für Deutschland. Alle Prognosen erwarten in seltener Einmütigkeit, dass sich das Wirtschaftswachstum im kommenden Jahr geringfügig abschwächt.

    Beispiele sind die Prognosen des IWF für die Weltwirtschaft (geringfügige Wachstumsabschwächung von 3,9 % auf 3,7 %) und die Prognose der EU-Kommission für Europa (geringfügige Wachstumsabschwächung von 2,3 % auf 2,1 %). Damit ist eigentlich alles gesagt. Weitere Kommentare sind überflüssig.

    Natürlich darf jedermann seine eigene Meinung haben und meinetwegen einen schweren Einbruch der Weltwirtschaft erwarten. Aber dann sollte er wissenschaftlichem Brauch folgen und seine Annahmen und Schlußfolgerungen auf den Tisch legen. Mit selektiver Wahrnehmung und bloßer Stimmungsmache, die nicht einmal in eine zahlenmäßig bezifferte Prognose münden, ist niemandem gedient.

    Was die Börse mit der Wirtschaft zu tun hat, zeigt das Bild von Herr und Hund. Die Wirtschaft ist der Herr, die Börse der Hund. Dieser Hund kann seinem Herrn lange und weit vorauseilen oder auch zurückbleiben. Der Hund agiert völlig eigenständig und tut was er will.

    Nehmen Sie beispielsweise den DAX. Von seinem Tief im März 2009 bis zum Frühjahr 2018 hat er sich verdreifacht, aber die Wirtschaftsleistung (BIP) in Deutschland stieg nur um ein Drittel. Schon diese scherenhafte Auseinanderentwicklung zeigt, dass der DAX alles andere als ein Konjunkturindikator ist. Sie macht stattdessen deutlich, dass der Hund seinem Herrn weit vorausgeeilt ist und nunmehr eine Pause machen oder ein Stück zurückkommen muß. Technische Analysten sagen deshalb, der Index sei im Frühjahr 2018 in eine Konsolidierungsphase eingetreten. Sie beseitigt eine Übertreibung und hat mit einer Konjunkturprognose nichts zu tun.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%