Konzern in der Krise Die ehrgeizigen Pläne von Thyssen-Interimschef Kerkhoff

Thyssen-Krupp legt Ziele für die nächsten drei Jahre fest. Interims-CEO Kerkhoff plant offenbar eine längere Amtszeit – und einen Strategiewechsel.
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In den nächsten drei Jahren sollen die Kosten deutlich sinken. Quelle: ThyssenKrupp Steel Europe Fotog
Thyssen-Krupp-Zentrale in Essen

In den nächsten drei Jahren sollen die Kosten deutlich sinken.

(Foto: ThyssenKrupp Steel Europe Fotog)

DüsseldorfGuido Kerkhoff war lange Zeit der zweite Mann bei Thyssen-Krupp. Als Finanzchef des Essener Industriekonzerns handelte er Käufe und Verkäufe aus, verwaltete Budgets und pflegte die Beziehungen zu den Geldgebern. Doch nach dem Rücktritt von Vorstandschef Heinrich Hiesinger vor einigen Wochen übernahm Kerkhoff auch die Gesamtleitung des Konzerns – und setzt als Interims-Vorstandschef nun erstmals eigene Akzente.

Zwar erhielt der 50-Jährige nach Hiesingers Rückzug den Auftrag, die bisherige Strategie fortzusetzen. Doch die Zahlen für das dritte Quartal im Geschäftsjahr 2017/18, die das Unternehmen am Donnerstag vorlegte, zeigen: Bei Thyssen-Krupp gibt es erhebliches Potenzial für Verbesserungen. So sank der Quartalsgewinn nach Steuern von 124 Millionen Euro im Vorjahr auf einen Fehlbetrag von 240 Millionen Euro.

Der Verlust geht vor allem auf das Konto der Industriegüter-Sparte, in der die Geschäftsbereiche Anlagenbau und Marine Systems zusammengefasst sind: Vor Steuern und Investitionen fiel ein Minus von rund 250 Millionen Euro an. Kerkhoff will die Probleme nun angehen. „Im Kernanlagenbau brauchen wir schnellstmöglich den Turnaround“, erklärte er am Donnerstag. Das Geschäft soll nun stärker auf kleine und mittlere Aufträge ausgerichtet werden, das margenstärkere Servicegeschäft eine größere Rolle spielen.

Erstmals ein Dreijahresplan

Doch das ist längst nicht das einzige ambitionierte Projekt, das sich der Interimschef auf die To-do-Liste gesetzt hat: Erstmals legte Thyssen-Krupp bei der Präsentation der Ergebnisse auch konkrete Dreijahresziele fest. Das ist einerseits eine Folge der Auslagerung des Stahlgeschäfts, das jede Planung wegen der starken Konjunkturabhängigkeit bisher schwierig gemacht hatte. Doch Kerkhoff erklärte auch: „Wir sind überzeugt, dass in unserem Unternehmen eine Menge Potenzial steckt. Dieses wollen wir transparent machen.“

Die Maßgaben für die einzelnen Geschäftsbereiche orientieren sich vor allem am Mittelzufluss, der in diesem Jahr zwar vermutlich erneut negativ ausfallen wird, aber immerhin besser als im Vorjahr, als ein negativer Free Cashflow vor Verkäufen und Übernahmen von 855 Millionen Euro aufgelaufen war. Für das Geschäftsjahr 2020/21 gab Kerkhoff nun eine Steigerung auf mindestens eine Milliarde Euro als Ziel aus.

Den größten Teil davon soll ausgerechnet das notleidende Geschäft mit Anlagen und Schiffen beisteuern, mit einem Free Cashflow vor M&A von mehr als 800 Millionen Euro. Doch auch die Ziele der anderen Sparten sind ambitioniert.

So sollen die operativen Ebit-Margen verglichen mit dem Geschäftsjahr 2016/17 bis 2020/21 deutlich steigen: bei der Komponentenfertigung von fünf auf mehr als sieben Prozent, bei Aufzügen von zwölf auf mehr als 13 Prozent, im Anlagenbau von einem auf etwa sechs Prozent, im Werkstoffhandel von zwei auf etwa drei Prozent. Im Marinegeschäft traut sich der Konzern indes weniger zu: Die Marge soll zwar positiv sein, aber wohl geringer als 2016/17, als Marine Systems eine bereinigte Ebit-Marge von vier Prozent verbuchte.

Auf eine Prognose für die Stahlsparte verzichtet Thyssen-Krupp: Das Geschäft wird auf absehbare Zeit in ein Joint Venture mit der europäischen Stahlsparte von Tata eingebracht. Derzeit befinden sich die Konzerne noch in den Vorbereitungen für die Anmeldung bei den zuständigen Wettbewerbsbehörden in der EU und außerhalb. Kommt es zur Transaktion, wovon auszugehen ist, dürfte das Eigenkapital unter den aktuellen Voraussetzungen von derzeit zehn auf mehr als 15 Prozent steigen.

Das ist vor allem auf die sinkenden Pensionslasten zurückzuführen: Rund vier Milliarden Euro Pensionsschulden bringt Thyssen-Krupp in das Joint Venture ein. Für den Konzern verringern sich die Lasten dadurch auf rund die Hälfte. Im abgelaufenen Geschäftsjahr musste Thyssen-Krupp noch rund 516 Millionen Euro für Pensionen aufwenden – nach der Stahlfusion soll der Wert um 200 Millionen Euro sinken.

Um zusätzliche Potenziale in den anderen Sparten zu heben, will Kerkhoff vor allem Kosten drücken. Im Aufzugsbereich sollen etwa die Verwaltungskosten um 100 Millionen Euro gesenkt werden, gleichzeitig soll das Servicegeschäft jährlich um vier Prozent wachsen.

Auch die Konzernzentrale, die im Jahr 2016/17 mit Kosten in Höhe von 535 Millionen Euro zu Buche schlug, soll kleiner werden. Angepeilt sind hier Ausgaben deutlich unter 400 Millionen Euro für das Geschäftsjahr 2020/21. Finanzinvestoren wie Cevian und Elliott hatten in der Vergangenheit mehrmals zu hohe Kosten beklagt.

Verhaltene Reaktion

An der Börse wurden Kerkhoffs Pläne mit Gleichmut aufgenommen. Der Aktienkurs des Ruhrkonzerns gab zum Nachmittag um 1,7 Prozent auf rund 21 Euro nach. Die Erwartungen vieler Analysten wurden im abgelaufenen Quartal zwar weitgehend erfüllt. Carsten Riek von der UBS zeigte sich am Donnerstag „positiv überrascht“ von den Einsparungen in der Verwaltung: Hier konnte Kerkhoff in den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres mehr als 100 Millionen Euro sparen und die Kosten so um rund 20 Prozent drücken – das ist deutlich über Plan.

Kritisch beurteilten einzelne Analysten aber die neuen Mittelfristziele: So schrieb Sven Diermeyer von Independent Research in einer Studie, die ausgegebenen Margenziele seien nicht überzeugend. Die Enttäuschung bei manchen Anlegern dürfte vor allem damit zusammenhängen, dass sich die angepeilten Ebit-Margen im Vergleich zum Geschäftsbericht 2016/17, wenn überhaupt, nur marginal verändert haben. Neu ist vor allem der Zeithorizont von drei Jahren – bisher hatte Thyssen-Krupp darauf verzichtet, für seine Ziele ein Datum zu nennen.

So ist die jetzige Ankündigung wohl vor allem als Signal an den Aufsichtsrat zu verstehen. Der hatte Kerkhoff nach Hiesingers Rücktritt damit beauftragt, den bisherigen Weg übergangsweise fortzusetzen. Derzeit sucht das Gremium nach einem Nachfolger für den ebenfalls zurückgetretenen Vorsitzenden Ulrich Lehner, der dann eine Entscheidung über die weitere Strategie fällen soll.

Hiesinger und Lehner waren im Streit mit Finanzinvestoren zurückgetreten, die für die Geschäftsbereiche mehr Unabhängigkeit forderten. Auch Verkäufe einzelner Sparten, etwa des Aufzugsgeschäfts, sollten dabei erwogen werden, lautet beispielsweise eine Forderung des US-Hedgefonds Elliott. Dazu erklärte Vorstandschef Kerkhoff nun: „Egal, in welcher Aufstellung wir in die Zukunft gehen – und egal in welcher Konstellation von Aufsichtsrat und Vorstand: Thyssen-Krupp wird nur dann erfolgreich sein, wenn sich alle Geschäfte mit den Besten im Markt messen können.“ Der Vorstand wolle sich daher auf das konzentrieren, was er selbst in der Hand habe.

Mit den nun ausgegebenen Dreijahreszielen gibt Kerkhoff innerhalb seines Mandats dennoch eine klare Richtung vor: Thyssen-Krupp soll effizienter werden – und weniger komplex. Damit bringt sich der frühere Finanzchef in Stellung für die anstehende Führungsdebatte.

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