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Kooperation Ford und Streetscooter bauen den großen E-Transporter gemeinsam

Bei Ford in Köln entsteht das große Modell aus der Streetscooter-Reihe. Fraglich bleibt, ob die Post-Tochter damit schwarze Zahlen schreiben kann.
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Der StreetScooter WORK XL wird von Ford in Köln gebaut. Quelle: obs/Accor Hotellerie Deutschland GmbH
Groß, aber elektrisch

Der StreetScooter WORK XL wird von Ford in Köln gebaut.

(Foto: obs/Accor Hotellerie Deutschland GmbH)

Köln, Stuttgart Das Innere der Halle sieht eher aus wie eine große Werkstatt und weniger wie eine moderne Autofabrik. Mehr als 30 Hebebühnen sind hintereinander aufgereiht, an jeder einzelnen Station wird gehämmert, geschraubt und manchmal sogar geschweißt.

Schon daran wird deutlich, dass hier kein normales Autowerk steht. Ford selbst spricht von einer „Manufaktur“. Es gibt also keine anonyme Produktionsstraße, die das Arbeitstempo vorgibt. In der vergleichsweise kleinen Halle im Kölner Norden zählt Handarbeit.

Bei den Ford-Werken hat die Produktion eines völlig neuen Fahrzeugs begonnen. Nicht der Fiesta, der nebenan in der riesigen Fabrik von 4000 Beschäftigten 1400-mal täglich gefertigt wird. Und auch kein anderes Ford-Modell wie der Focus oder der Mondeo. Die deutsche Ford-Tochter ist in diesem Fall so etwas wie ein Zulieferer geworden, der für einen fremden Auftraggeber ein Fahrzeug produziert. So wie etwa Magna in Österreich, die für Mercedes und BMW Autos produzieren.

Ford-Kunde in Köln ist die Deutsche Post. Besser gesagt deren Tochterunternehmen Streetscooter. Der deutsche Ableger des US-Autokonzerns produziert in der kleinen Kölner Werkhalle den Streetscooter, den dritten eigenen Elektrotransporter der Post, den großen Work XL. 180 Mitarbeiter sind dort beschäftigt, in zwei Schichten können sie dort bis zu 3500 Elektrofahrzeuge pro Jahr produzieren. Seine beiden kleineren Modelle fertigt Streetscooter bislang in Aachen und in Düren.

Im Spätsommer 2016 haben Ford-Entwicklungschef Jörg Beyer und Streetscooter-Gründer Achim Kampker erstmals über den größeren Elektrotransporter mit 20 Kubikmetern Ladevolumen gesprochen. „Der Plan ist mehr oder weniger auf dem Bierdeckel entstanden“, sagte Beyer am Dienstag beim Produktionsstart in Köln. Gut zwei Jahre hat es dann gedauert, bis die Fertigung beginnen konnte. Deutlich weniger als die üblichen vier Jahre, die in der Automobilindustrie für solch ein Fahrzeug normalerweise gebraucht werden.

So soll die Zukunft des Post-Streetscooters aussehen

„Wir haben mit Ford einen idealen Partner, um etwas Neues zu schaffen“, entgegnete Streetscooter-Geschäftsführer Kampker. Und er verteilte auch einen kleinen Seitenhieb an die großen deutschen Autokonzerne wie Volkswagen und Daimler. „Wir arbeiten an der Lösung und bringen das Auto auf die Straße“, sagte er. Ford ist auch Vertriebspartner der Post beim Verkauf der Streetscooter-Fahrzeuge an andere Kunden.

2014 hatte die Deutsche Post das aus der Aachner Universität heraus gegründete Start-up vollständig übernommen – weil sich in der Automobilindustrie niemand so recht für das Projekt begeistern konnte. Die Post will vor allem in den Städten auf ein umweltgerechtes und emissionsfreies Logistikkonzept umstellen. Deshalb hatte sie sich dazu entschieden, das Streetscooter-Konzept in den Bonner Konzern zu integrieren. Weil von den Autoherstellern keine Ideen kamen, entschied sich die Post, die Produktion von einfachen und leichten E-Transportern selbst in die Hand zu nehmen.

Streetscooter fertigt in seinen eigenen Produktionsstätten bislang zwei kleinere Elektrotransporter mit vier und acht Kubikmetern Ladevolumen. Diese rein elektrisch betriebenen Fahrzeuge werden vor allem im kleinteiligen Briefdienst eingesetzt. Der mehr als doppelt so große Work XL soll hingegen in erster Linie bei der innerstädtischen Verteilung von Paketen Verwendung finden.

Für den neuen Work XL ist die Post bislang ihr bester eigener Kunde. Doch irgendwann soll es dieses mehr als sieben Meter lange Fahrzeug nicht nur in den klassischen Post-Farben, sondern auch bei anderen Logistik-Unternehmen geben. „Mögliche andere Kunden können sich jetzt für eine Testphase bewerben“, kündigte Kampker an.

Eine Stellungnahme zur Ertragslage seines Unternehmens lehnt der Streetscooter-Gründer ab. Aus Geschäftsberichten der Post war vor einigen Wochen durchgesickert, dass die Tochter in diesem Jahr voraussichtlich bei 200 Millionen Euro Jahresumsatz einen Verlust von etwa 70 Millionen Euro verbuchen wird.

Kampker wollte sich auch nicht dazu äußern, ob das neue gemeinsam mit Ford produzierte Modell die Ertragslage entscheidend verbessern wird. Insgesamt werde Streetscooter in diesem Jahr etwa 20.000 Fahrzeuge produzieren. Eine weitere Vergrößerung der Modellpalette sei grundsätzliche möglich. „Darüber sprechen wir aber erst, wenn es soweit ist“, ergänzte Kampker. Immerhin hat die Post-Tochter jetzt einen weiteren bekannten Partner für das Streetscooter-Projekt dazugewonnen.

Bosch vermietet E-Transporter vor Baumärkten

Weiteren Schwung erhält die E-Mobilität der Post durch den Einstieg von Bosch ins Carsharing mit der Vermietung von aktuellen Streetscooter-Modellen der Post. Von Dezember an wird Bosch an Toom-Baumärkten solche elektrischen Transporter zur Miete anbieten, wie Bosch jetzt mitteilte.

Geplant ist, zunächst jeweils ein Fahrzeug an den zum Rewe-Konzern gehörenden Baumärkten in Freiburg, Berlin, Frankfurt, Leipzig und Troisdorf bei Köln zu positionieren. Der Test ist auf ein Jahr angelegt. Danach könnte das Modell auf alle 330 Toom-Baumärkte in Deutschland ausgerollt werden.

Den Gesamtmarkt hält der weltgrößte Automobilzulieferer für sehr attraktiv. Nach Schätzung der Schwaben gibt es in Deutschland bereits zwei Millionen Carsharing-Nutzer. Die Einführung von Elektrofahrzeugen geschieht laut Bosch eher bei Flotten besonders in Ballungsgebieten als auf dem Privatmarkt. In Deutschland hat jedes zehnte Carsharing-Auto einen Elektroantrieb.

Für Ford ist die Produktion des neuen großen Streetscooters ein wichtiges Prestigeprojekt. Die Europa-Tochter des US-Konzerns schreibt rote Zahlen. Immer wieder kochen in der Konzernzentrale in Detroit Gerüchte hoch, dass Ford auch in Europa vor einem großangelegten Stellenabbau steht. Bei leichten Nutzfahrzeugen verbucht Ford in Europa immerhin Erfolge und schreibt schwarze Zahlen. Mit einem Projekt wie dem großen Streetscooter-Modell kann Ford beweisen, dass das Unternehmen auch das entsprechende Know-how beim Elektroantrieb besitzt.

Der neue Streetscooter Work XL bekommt sein Grundgerüst vom Transit, dem Standardtransporter von Ford Europa. Das Ford-Werk in der Türkei liefert dafür einen „Glider“ – „gleitend“, weil ohne Motor – nach Köln. Dieses Rohfahrzeug besteht aus Fahrerkabine und einem Stahlkonstrukt auf vier Rädern. In der Ford-Manufaktur in der Nähe des Rheins kommt dann der Rest dazu: Elektromotor, digitale Ausstattung der Fahrerkabine, Batterie und der Aufbau („Koffer“), in dem später die Pakete transportiert werden.

Die Batterie stammt allerdings nicht von Ford, sie wird von Streetscooter angeliefert. Der E-Transporter dürfte für Fremdkunden etwa 60.000 Euro kosten, der Preis liegt damit voraussichtlich etwas unter dem Niveau eines E-Crafter von Volkswagen, der etwa halb so viel Stauraum hat.

Bei der Post wird darüber nachgedacht, zusätzliche Partner in das Tochterunternehmen Streetscooter zu holen. Aufgrund der engen Kooperation wäre Ford ein naheliegender Partner. Doch die Kölner zieren sich. Sie wollen nichts dazu sagen, ob sie sich möglicherweise an der Post-Tochter beteiligen werden. „Bei uns im Haus wird über Verschiedenes nachgedacht“, war das Einzige, was sich Entwicklungschef Beyer entlocken ließ.          

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