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Krankenhausmarkt „2022 kommt der Kassensturz“ – Sinkende Patientenzahlen setzen Kliniken unter Druck

Nicht nur wegen Corona werden weniger Menschen stationär behandelt. Laut einer Studie könnte sich die wirtschaftliche Lage der Kliniken in den nächsten Jahren massiv verschlechtern.
16.06.2021 - 14:11 Uhr Kommentieren
Die Zahl der Patienten in Krankenhäusern ist in der Pandemie deutlich gesunken. Die Branche erwartet, dass auch künftig weniger Betten als vor der Pandemie belegt sind, weil sich mehr Patienten ambulant behandeln lassen. Quelle: dpa
Leere Krankenhausbetten

Die Zahl der Patienten in Krankenhäusern ist in der Pandemie deutlich gesunken. Die Branche erwartet, dass auch künftig weniger Betten als vor der Pandemie belegt sind, weil sich mehr Patienten ambulant behandeln lassen.

(Foto: dpa)

Frankfurt Die Corona-Pandemie hat im vergangenen Jahr für einen Einbruch der Patientenzahlen in Krankenhäusern gesorgt. Insgesamt wurden nach Berechnungen des aktuellen Krankenhaus-Rating-Reports 13 Prozent weniger Fälle versorgt – weil Behandlungen in der Pandemie verschoben und Bettenkapazitäten für potenzielle Covid-19-Patienten freigehalten wurden.

„In der ersten Welle im vergangenen Frühjahr gab es dramatische Einbrüche“, sagt Studienmitautor Sebastian Krolop, Vorstandsmitglied der Healthcare Information and Management Systems Society (HIMSS), und verweist auf vorübergehende Rückgänge von 30 Prozent.

In diesem Jahr erwarten die Studienautoren acht Prozent weniger Patienten als im Referenzjahr 2019 vor der Pandemie, als in Deutschland 19,4 Millionen Behandlungsfälle gezählt wurden.

Krankenhausmanager wie Thomas Lemke stellen sich auf eine noch anhaltende Flaute ein: „Von Januar bis Mai lag die Auslastung im Durchschnitt 20 Prozent unter 2019. Jetzt kommt das traditionell schwächere Sommerquartal. Wir können froh sein, wenn wir am Jahresende eine Auslastung von 90 Prozent verglichen mit 2019 schaffen“, sagt der Vorstandsvorsitzende des privaten Klinikbetreibers Sana Kliniken AG.

Auch wenn die Pandemie viele Krankenhäuser zeitweise an den Rand ihrer Leistungsfähigkeit bei der Versorgung von Corona-Patienten gebracht hat: Wirtschaftlich betrachtet konnte die Branche die Krise dank hoher Ausgleichszahlungen eigentlich deutlich besser verkraften als manch anderer Wirtschaftszweig.

Mit Pauschalen für freigehaltene Betten, Zuschlägen für Intensivplätze und Schutzkleidung hat die Branche insgesamt 10,2 Milliarden Euro vom Bund erhalten. Das ist mehr, als die Krankenhäuser durch Mindereinnahmen wegen der insgesamt geringeren Belegung eingebüßt haben, wie auch der Krankenhaus-Rating-Report aufzeigt.

Der Bundesrechnungshof hatte in der vergangenen Woche kritisiert, dass es bei den Ausgleichszahlungen für die Krankenhäuser zu einer massiven „Überkompensation aus Steuermitteln“ gekommen sei. Auch die Zahlungen für Intensivbetten standen in der Kritik. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) hielt dagegen: Die Zahlungen hätten verhindert, dass während der Pandemie Krankenhäuser schließen und Beschäftigte in Kurzarbeit geschickt werden mussten, wie der DKG-Vorstandsvorsitzende Gerald Gaß betonte.

Ernst wird es für die Branche ab 2022

Die Autoren des Krankenhaus-Rating-Reports haben hochgerechnet, dass die Krankenhäuser (psychiatrische Kliniken ausgenommen) im Jahr 2020 rund 3,7 Prozent mehr Erlöse gemacht haben. Allerdings im Durchschnitt, denn etwa 20 Prozent der Kliniken hätten keinen ausreichenden finanziellen Ausgleich erhalten.

„Eine Vergütungsregelung zu treffen, die zu einer leichten Überkompensation führt, ist in einer Pandemie, in der man Krankenhäuser braucht, besser als eine Unterkompensation“, sagt Studienautor Boris Augurzky, Leiter Gesundheit beim RWI-Leibniz Institut für Wirtschaftsforschung. Zudem seien die Ausgleichszahlungen ab 1. Juli ausdifferenziert und angepasst worden.

Auch durch dieses zweite Jahr der Pandemie werde die Branche noch vergleichsweise gut kommen, erwarten die Branchenexperten. Denn auch 2021 erhalten die Kliniken bis Mitte Juni noch Ausgleichszahlungen, die sich laut dem Bundesamt für Sozialsicherung auf die Summe von insgesamt 5,6 Milliarden Euro belaufen sollen.

Ernst wird es für die Branche aber ab 2022. Denn wenn sich die Entwicklung der Vorpandemiejahre fortsetzt, drohen der Branche, der mehr als 1900 Kliniken mit einem Jahresumsatz von mehr als 100 Milliarden Euro angehören, wachsende wirtschaftliche Probleme.

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„2021 ist das Übergangsjahr, und 2022 kommt der Kassensturz“, sagt Sana-Manager Lemke. „Die gesetzlichen Krankenkassen werden einen Milliardenbedarf haben, um die Gesundheitsleistungen zu finanzieren. Gleichzeitig ist durch die Pandemie das Finanzpolster stark geschrumpft. Ich erwarte massive Einschnitte für die Krankenhausbranche.“

Die Fallhöhe sei hoch, weil in den letzten Jahren keine Strukturen angefasst worden seien. Die Gesetze der vergangenen Jahre hätten zu immer mehr Leistungsausgaben in der Gesundheitsbranche geführt, so Lemke weiter: „Unser grundsätzliches Problem ist, dass das ganze System immer teurer und ineffizienter wird.“

Für die Autoren des Rating-Reports ist beim Blick in die Zukunft die zentrale Frage, wie sich die Zahl der Patienten entwickelt. Bleibt das Leistungsniveau nach der Pandemie weiter niedrig, käme es zu einer dramatischen Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage der Krankenhäuser. Nahezu drei Viertel der Häuser schrieben dann bereits ab 2022 Verluste und bis 2030 betrüge das durchschnittliche Jahresergebnis minus zehn Prozent.

Schon 2019 war ein schlechtes Jahr für Deutschlands Krankenhäuser

Kehren die Fallzahlen wieder auf das Niveau von 2019 zurück, würde der Anteil der Häuser mit einem Jahresverlust bis 2030 auf 34 Prozent wachsen.

Allerdings sei schon das Vorpandemiejahr 2019 ein sehr schlechtes Jahr für die Branche gewesen, wie Studienautor Krolop betont. Der Anteil der Krankenhäuser mit einem Jahresverlust lag bereits bei 33 Prozent. Grund ist die seit 2017 stagnierende Leistungsmenge der Krankenhäuser bei gleichzeitig steigenden Kosten.

Auch der Trend zu mehr ambulanten Behandlungen trug dazu bei, denn stationäre Fälle bringen den Klinken deutlich mehr Geld als ambulante Behandlungen. Laut Studie bestand 2019 für insgesamt 13 Prozent der Krankenhäuser eine erhöhte Insolvenzgefahr. Das durchschnittliche Jahresergebnis betrug 0,8 Prozent der Erlöse. Im Jahr 2016 waren es noch 2,2 Prozent.

Damit sich die Lage in der Krankenhausbranche in den kommenden Jahren stabilisiert, empfehlen die Autoren des Krankenhaus-Rating-Reports, die Strukturen in der Branche zu optimieren. Die Kapazitäten müssten angepasst, sprich Betten abgebaut und gegebenfalls Krankenhäuser geschlossen werden. Versorgungskonzepte, die ambulante und stationäre Angebote für den Patienten verbinden, seien gefragt. Auch die Digitalisierung sei ein wichtiger Baustein, um die Situation von Kliniken und Patienten zu verbessern, so die Studienautoren.

Der aktuelle Krankenhaus-Rating-Report ist eine Gemeinschaftsarbeit von RWI, HIMSS, dem Institut für Health Care Business und der Bank im Bistum Essen. Datengrundlage für die Analysen und Hochrechnungen ist eine Stichprobe der Jahresabschlüsse von insgesamt 951 Krankenhäusern aus den Jahren 2018 und 2019.

Mehr: Kliniken senden Notruf – Ohne neue Hilfen drohen ab Frühjahr Insolvenzen

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