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Landwirtschaft Bizarrer Streit über Heuschreckenplage in Afrika

Riesige Schwärme fressen die Felder in Ostafrika kahl. Bis zu 25 Millionen Menschen droht die Hungersnot. Pestizide könnten helfen – doch Umweltschützer wehren sich.
24.06.2020 - 13:50 Uhr Kommentieren
Riesige Heuschreckenschwärme verderben den ostafrikanischen Bauern die Ernte Quelle: dpa
Heuschreckenplage in Kenia

Riesige Heuschreckenschwärme verderben den ostafrikanischen Bauern die Ernte

(Foto: dpa)

Kapstadt Die Bilder aus Ostafrika sind dramatisch – und haben einmal nichts mit dem Coronavirus zu tun. Sie zeigen unzählige Heuschrecken, die scheinbar aus dem Nichts heraus über Felder und Dörfer herfallen und sich dabei auf alles Essbare stürzen: Getreide, Sorghumhirse und Mais, selbst Tomaten und Zwiebeln.

In kurzer Zeit ist alles, was die Bauern zuvor mühselig angepflanzt haben und bald ernten wollten, von den gigantischen Schwärmen kahlgefressen und zerstört. Der größte bisher gesichtete Schwarm in Kenia war 40 mal 60 Kilometer groß und zählte rund 200 Milliarden Tiere. An nur einem Tag frisst eine solche Zahl Heuschrecken in etwa so viel wie 35.000 Menschen essen würden.

Als Folge droht in der Region wieder einmal der Hunger, vor allem in Somalia und Nordkenia, aber womöglich auch in Teilen von Uganda und dem Südsudan. Die Vereinten Nationen (UN) schätzen, dass durch die aus Arabien nach Afrika gelangten Insekten die Ernährung von bis zu 25 Millionen Menschen akut gefährdet ist.

Millionen von Kleinbauern, die in Afrika das Rückgrat der Landwirtschaft bilden, sind von der Plage bedroht – der schlimmsten Heimsuchung für den Ostteil des Kontinents seit einem Vierteljahrhundert.

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    Der Kampf gegen Corona verschlimmert die Lage zusätzlich: Durch die Reiseverbote und die Schließung der Grenzen drohen vielerorts die Pestizide auszugehen. Die insektentötenden Pflanzenschutzmittel sind aus Sicht vieler Experten nötig, aber über ihren Einsatz hat sich ein Streit entfacht: Die Chemieindustrie will in die bedrohten Regionen liefern, Umweltschützer und NGOs lehnen den großflächigen Einsatz der Pestizide ab.

    „Es ist sehr schwer, riesige Schwärme im Nachhinein einzudämmen“, sagt Liam Condon, der im Bayer-Vorstand die Agrardivision Crop Science und auch die Region Afrika verantwortet. „Ab einer gewissen Größe geht es nur noch mit Pestiziden, sonst kriegt man die Lage nicht mehr unter Kontrolle. Die Ernte ist dahin. Und es droht Hunger, aber auch die Abwanderung der Bauern in die Städte.“

    Erbitterter Streit über die Modernisierung der Landwirtschaft

    Trotz der dramatischen Lage wehren sich einige NGOs im Westen vehement gegen den grundsätzlichen Einsatz solcher Mittel in der Region. Pestizide töteten nicht nur Heuschrecken, sondern auch nützliche Insekten wie Käfer und Bienen und brächten das gesamte Ökosystem durcheinander, warnen sie.

    Der Streit über die Bekämpfung der Heuschrecken und die dazu eingesetzten Pestizide ist typisch für die erbittert geführte Debatte um die Modernisierung der rückständigen afrikanischen Landwirtschaft. Die Agrarindustrie und die Kritiker eines industriell geprägten Ackerbaus stehen sich frontal gegenüber. Dabei sind die Herausforderungen gewaltig – allein schon, weil sich die Bevölkerung des Kontinents in den nächsten 30 Jahren auf 2,5 Milliarden Menschen verdoppeln dürfte.

    Der Landwirtschaft und ihren Anbaumethoden wird eine Schlüsselrolle in der Entwicklung Afrikas zukommen, davon ist Reiner Klingholz überzeugt. Der langjährige Chef des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung hat in den letzten zehn Jahren viel zu dem Thema publiziert. Nur höhere Produktivität und Einkommen und ein damit verbundener bescheidener Wohlstand würden auf Dauer zu sinkenden Kinderzahlen und einer besseren Berufsperspektive führen.

    Der Bevölkerungsforscher hofft, dass Afrika im Zuge der Modernisierung seines Agrarsektors von den Erfolgen anderer Weltregionen lernt, wo man mit verbessertem Saatgut sowie einer effizienteren Düngung und Bewässerung die Ernten stark verbessert habe. Gleichzeitig müsse Afrika auf dem Weg in seine eigene „grüne Revolution“ jedoch darauf achten, nicht die Fehler anderer Regionen zu wiederholen und zum Beispiel durch einen zu hohen Dünger- und Pestizideinsatz das Grundwasser zu gefährden.

    Gerade den großflächigen Einsatz von Pflanzenschutzmitteln lehnen Kritiker ab. Foodwatch spricht von Gesundheitsgefahren durch den Einsatz der Mittel. Die katholische Entwicklungsorganisation Misereor warf jüngst den Agrarchemieherstellern vor, in Teilen Afrikas und in Südamerika Pestizide zu vermarkten, die in der EU gar keine Zulassung hätten. Bayer und BASF konterten, dies würde nichts über die Sicherheit der Produkte aussagen.

    Vor Ort scheint das Verhältnis zwischen den lokalen NGOs und den Großkonzernen dabei oft weniger angespannt zu sein, als die Anfeindungen in der westlichen Öffentlichkeit dies vermuten lassen. Nicht selten würden beide im jeweiligen Land sogar gut zusammenarbeiten, erläutert Bayer-Vorstand Condon. Er weist Horrorvorstellungen von großen Giftwolken, die im Zuge der Schädlingsbekämpfung angeblich blindlings versprüht würden, zurück.

    Kritik an genetisch modifiziertem Saatgut

    Dabei sei auch Bayer im Rahmen seiner Langzeit-Strategie für Afrika an einer nachhaltigen, schonenden Landwirtschaft gelegen, erläutert Condon. Die Kritik von Misereor und anderen Organisationen, dass eine sichere Anwendung von Pestiziden in Teilen Afrikas wegen fehlender Schutzausrüstung nicht gegeben sei, hält er für unberechtigt. In der Schädlingsbekämpfung sei die Realität ganz anders: Die eingesetzten Mittel würden niedrig dosiert und von ausgebildeten Kräften versprüht, damit sie keine Schäden anrichteten.

    NGOs kritisieren, dass auch bei der Bekämpfung der Heuschreckenplage Pflanzenschutzmittel eingesetzt würden, die in der EU keine Zulassung haben. Bayer sieht auch dies nicht als problematisch. Zum einen verkaufe der Konzern seit 2016 nur Produkte, deren Wirkstoffe in mindestens einem Land der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) registriert sind. 2019 kündigte Bayer an, Pflanzenschutzprodukte nur noch auf den Markt zu bringen, wenn sie die lokalen Sicherheitsstandards ebenso wie die Anforderungen einer Mehrheit der führenden Zulassungsbehörden erfüllen.

    Condon verweist zudem darauf, dass auch in den Entwicklungsländern insgesamt die Regulierungen sehr strikt seien. Entschieden wehrt er sich auch gegen Vorwürfe, die großen Chemiekonzerne zerstörten mit ihren Produkten wie genetisch modifiziertem Saatgut die Biodiversität in Afrika und verschlechterten dadurch die Lage der Kleinbauern.

    Der Bayer-Vorstand sieht in der Gentechnik große Chancen auch für Afrika. Etwa bei der Bekämpfung des Herbst-Heerwurms, der dort ganze Mais-Ernten vernichte. In das Mais-Saatgut könnte ein in manchen Pflanzen häufig vorkommendes Gen eingebaut werden, das die Pflanze widerstandsfähiger mache und auch den Einsatz von Pestiziden verringere, erläutert er.

    Umwelt-NGOs und Entwicklungsorganisationen lehnen den Einsatz gentechnisch veränderter Pflanzen aber ab. Sie fürchten, dass die Bauern zu sehr in Abhängigkeit von den großen Saatgutherstellern geraten, und fordern für Afrika eine biologisch ausgerichtete Landwirtschaft mit besserer Infrastruktur für Kleinbauern.

    Wegen einer der schlimmsten Heuschreckenplagen seit 70 Jahren warnen Experten vor einer massiven Hungersnot in Ostafrika. Quelle: dpa
    Sohn eines Bauern aus Kenia

    Wegen einer der schlimmsten Heuschreckenplagen seit 70 Jahren warnen Experten vor einer massiven Hungersnot in Ostafrika.

    (Foto: dpa)

    Klar ist: Ohne den Einsatz moderner Technologie wird der Ackerbau in Afrika nicht den nötigen Produktivitätssprung machen. Seit Jahren wächst die Bevölkerung dort bei gleicher Nutzfläche massiv, was die Ernährungssicherheit zunehmend gefährdet, vor allem bei äußeren Schocks wie der aktuellen Heuschreckenplage. Die UN Food and Agriculture Organisation (FAO) schätzt, dass die globale Nahrungsmittelproduktion bis 2050 um rund 70 Prozent über das Niveau von 2010 steigen müsse, um die Nachfrage zu sättigen.

    Milliardenschwere Nahrungsmittelimporte

    Wichtig ist eine höhere Produktivität aber auch deshalb, weil Afrika bereits jetzt Lebensmittel im Wert von rund 50 Milliarden Dollar im Jahr einführen muss – eine Summe, die sich bereits in fünf Jahren mehr als verdoppeln dürfte. Auf diese Weise verschwendet Afrika kostbare Devisen, die weit nutzbringender in Kapitalgüter wie Traktoren oder Drohnen fließen könnten.

    Für Kanayo Nwanze sind die Importe ein Unding. „Wir subventionieren damit Arbeitsplätze in Asien, die wir in Afrika selbst dringend benötigen“, sagt der gebürtige Nigerianer, der lange Zeit dem International Fund for Agricultural Development vorstand.

    Nwanze ärgert dieses Versäumnis, weil einst auch Europa und Amerika zunächst ihre Eigenversorgung mit Nahrungsmitteln sicherstellten und erst dann die Industrialisierung angingen. „In Afrika glaubt man offenbar, den umgekehrten Weg gehen zu können“, seufzt er. „Dabei ist die Landwirtschaft mit ihren kleinen Parzellen in ihrer gegenwärtigen Form fast nur für den Eigenbedarf geeignet.“ Regnet es, gibt es was zu essen. Regnet es nicht oder kommen die Heuschrecken, kommt der Hunger.

    Auch aus diesem Grund will Bayer bis 2030 rund 100 Millionen Kleinbauern mit geringem Einkommen in Afrika und Asien unterstützen. Vorrangig gehe es dabei um den Zugang zu vernünftigem Saatgut und um Pflanzenschutz, aber auch um gute landwirtschaftliche Praktiken, sagt Condon. Denn ohne eine stärkere Teilhabe der Kleinbauern an der Wirtschaft werde es zu einer Abwanderung in die bereits überfüllten Städte kommen.

    Für Condon wie für Entwicklungsforscher Klingholz liegt die Zukunft der afrikanischen Landwirtschaft im Überspringen gewisser Entwicklungsstufen, dem sogenannten „leap frogging“. Dazu gehöre moderne Technologie wie der Einsatz von Drohnen, die vielerorts die fehlende Infrastruktur ersetzen könnten.

    Condon hat miterlebt, wie die Flugkörper die Erträge der Kleinbauern in Südostasien massiv erhöht haben. Drohnen könnten auch bei der Ortung und großräumigen Bekämpfung von Heuschrecken helfen, zumal sie effizienter, sicherer und zielgerichteter arbeiteten als ein Kleinbauer mit Sprühkanister auf dem Rücken. Die Anschaffung solcher Drohnen können sich Kleinbauern allerdings kaum leisten, weshalb viele Hersteller nun vermehrt die Geräte vermieten.

    Die Modernisierung von Afrikas Landwirtschaft ist längst zu einem Wettlauf gegen die Zeit geworden. Um die wachsende Bevölkerung zu ernähren, müssten die Erträge von ein bis zwei Tonnen Getreide pro Hektar auf mehr als vier Tonnen steigen.

    Bayer-Vorstand Condon hält dies nach seinen in Südostasien gemachten Erfahrungen für möglich. Die dringend nötige Produktivitätssteigerung dürfe aber nur mit nachhaltigen Methoden erreicht werden, unterstreicht er. „Für mich war und ist Afrika ein Kontinent der Zukunft“, sagt der passionierte Langstreckenläufer. „Aber es wird ein weiter Weg, für den man einen langen Atem braucht.“

    Mehr: Das Coronavirus verschärft die wirtschaftlichen und sozialen Probleme Afrikas.

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