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Lichtkonzern Das Alpen-Drama um Osram spitzt sich zu

AMS will mit dem Traditionskonzern einen europäischen Photonik-Champion formen. Doch kurz vor dem Vollzug der Milliardenübernahme ist das Klima vergiftet.
01.07.2020 - 17:32 Uhr Kommentieren
Die Angst wächst, dass das Unternehmen irgendwann zerschlagen werden könnte. Quelle: Reuters
Osram-Zentrale

Die Angst wächst, dass das Unternehmen irgendwann zerschlagen werden könnte.

(Foto: Reuters)

München, Wien Eigentlich ist alles bereitet für die große Übernahme. In einem Wettbieten mit Finanzinvestoren hatte der österreichische Newcomer AMS erfolgreich mehr als vier Milliarden Euro für den deutlich größeren, aber wachstumsschwächeren Traditionskonzern Osram geboten.

Das Ziel der kühnen Akquisition: unter Führung der Österreicher einen europäischen Photonik-Champion zu formen, der Expertise in den Bereichen Licht, Sensorik und Chips vereint, die immer stärker zusammenwachsen.

Bis zum 6. Juli wollen die Wettbewerbshüter in Brüssel über die Übernahme entscheiden. Bislang sah es nach einer problemlosen Genehmigung aus. Es gibt wenig Überlappungen zwischen den beiden Unternehmen.

Doch kurz vor dem erwarteten Vollzug des Milliardendeals ist das Klima vergiftet. Die Börsenaufsicht in Österreich untersucht umfangreiche Transaktionen mit der AMS-Aktie. Es gibt Gerüchte in Wien, dass die Ermittlungen auch von „frustrierten Osram-Managern“ angestoßen worden sein könnten.

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    AMS erwägt nach Informationen des Handelsblatts rechtliche Schritte. Wegen der bewusst platzierten Spekulationen über die Ermittlungen habe man am Montag Bonds nur höher verzinst am Markt platzieren können. Das koste das Unternehmen und seine Aktionäre zwölf Millionen Euro. AMS wollte die Vorgänge am Mittwoch nicht kommentieren.

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    Osram-Aufsichtsratsvize Klaus Abel von der IG Metall forderte rasche Aufklärung über die Aktiengeschäfte. Auch für die Manager von AMS gelte die Unschuldsvermutung. Die Untersuchungen verstärkten aber „Fragezeichen hinsichtlich der Integrität des AMS-Managements“, so der Arbeitnehmervertreter. Das schwierige Verhältnis zwischen der IG Metall in München und der AMS-Zentrale in Premstetten ist noch einmal frostiger geworden.

    Doch damit nicht genug. Einige fürchten, dass AMS nach der Übernahme Osram zerschlagen könnte, um den stolzen Kaufpreis teilweise zu refinanzieren. Die Österreicher seien von Anfang an vor allem an der Chip‧sparte von Osram interessiert gewesen.

    Diese Spekulationen haben nun auch eine Gruppe von Europa-Parlamentariern alarmiert. In einem Brief an Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager warnen sie, dass innovative Technologien an Unternehmen außerhalb Europas – zum Beispiel nach Asien – verkauft werden könnten.

    „Die Lichttechnologie von Osram ist im Lichte der Viruspandemie eine Schlüsselindustrie für Europa. Wir wollen wissen, wie die EU-Kommission sicherstellen will, dass diese Technologie in Europa gehalten werden kann“, sagte der Binnenmarkt-Sprecher der Christdemokraten im Europaparlament, Andreas Schwab, dem Handelsblatt.

    Den Brief an Vestager hat er gemeinsam mit seinen beiden italienischen Kollegen Alessandra Moretti, einer Sozialdemokratin aus der Lombardei, und Massimiliano Salini, einem Konservativen aus Venetien, geschrieben.

    In dem Brief an Vestager, der dem Handelsblatt vorliegt, heißt es: „Wir müssen sicherstellen, dass Unternehmen mit möglichen innovativen Technologien wie Osram weiterhin im EU-Markt operieren.“ Osram sei zum Beispiel die einzige Firma, die UV-C-Technologie für die Oberflächendesinfektion anbiete, die im Kampf gegen das Coronavirus helfe.

    Österreicher weisen Befürchtungen zurück

    Die Abgeordneten weisen auch darauf hin, dass ein Hauptaktionär von AMS bereits aus Asien kommt. Der Staatsfonds von Singapur, Temasek, ist nach Angaben der Schweizer Börse mittlerweile mit 5,4 Prozent zum größten Einzelaktionär der in Zürich notierten AMS AG aufgestiegen.

    Die EU-Kommission hat sich als Reaktion auf die Coronakrise zum Ziel gesetzt, verstärkt wichtige Produktionen in Europa zu halten und eine Abwanderung beispielsweise nach Asien zu verhindern. Das Abgeordnetentrio fordert, genau diese Maßgabe auch bei der wettbewerbsrechtlichen Genehmigung genau zu überprüfen. „Wir müssen sehr sorgfältig darauf achten, dass die EU-Kommission ihre eigenen politischen Ziele auch in der Fusionskontrolle anwendet“, sagte Schwab.

    In österreichischen Industriekreisen wurden die Befürchtungen zurückgewiesen: AMS sei ja gerade an den Hochtechnologien von Osram interessiert und habe daher keinerlei Interesse, zukunftsträchtige Bereiche zu verkaufen. „Der Grund, warum sie mehr als vier Milliarden Euro für Osram geboten haben, ist ja gerade Hightech.“

    Falls AMS später einmal theoretisch Teile von Osram zum Beispiel nach Asien verkaufen wolle, greife im Übrigen das Außenwirtschaftsgesetz. Auch Brüssel habe da ein Wörtchen mitzureden.

    Die Spekulationen über eine Filetierung kommen nicht von ungefähr. „Wir sind dabei, das Portfolio anzuschauen. Wir gehen davon aus, dass nicht alle Teile zum neuen Konzern passen“, hatte AMS-Chef Alexander Everke im Gespräch mit dem Handelsblatt eingeräumt.

    Erster Kandidat ist die Digitalsparte von Osram. Die hat zwar einen zukunftsträchtigen Namen. Doch dahinter verbirgt sich ein defizitäres Sammelsurium, zu dem auch die elektronischen Vorschaltgeräte gehören. AMS hatte die Sparte anfangs zur Disposition gestellt, dann aber erklärt, man werde die Zukunft gemeinsam mit Osram prüfen.

    Arbeitnehmer fürchten Zerschlagung

    In Industriekreisen wird darauf verwiesen, dass sich auch Osram allein Gedanken über Digital hätte machen müssen – man könne nicht die Österreicher für alle Einschnitte verantwortlich machen, die womöglich ohnehin gekommen wären. AMS hatte sich in den vergangenen Jahren mit gutem Wachstum und Profitabilität deutlich besser entwickelt als Osram.

    Doch es geht nicht um die Digitalsparte allein. Zuletzt gab es Hinweise, dass auch große Teile des Auto-Bereichs von Osram abgespalten werden könnten.

    Die Automotive-Sparte ist der größte Geschäftsbereich von Osram, der für rund die Hälfte des Umsatzes von 3,5 Milliarden Euro verantwortlich ist. In einer internen Präsentation waren Teile davon in einer Holdingstruktur ähnlich wie Digital separat aufgehängt worden, was manche als Vorbereitung eines Verkaufs werteten.

    Dabei geht es nach Handelsblatt-Informationen um traditionelle Autobeleuchtung wie Xenon und Halogen, also nur um einen Teil von Automotive. Die leidet jetzt ohnehin unter dem Nachfragerückgang in der Coronakrise.

    Eine mögliche Zerschlagung sei von vornherein die große Befürchtung der Arbeitnehmervertreter gewesen, sagte Aufsichtsratsvize Abel dem Handelsblatt. „Das wird nun noch einmal bestätigt.“
    AMS wies die Spekulationen um einen Verkauf der Autosparte zurück. „Wir können weder die Schlussfolgerungen in jüngsten Pressespekulationen in irgendeiner Weise nachvollziehen, noch sehen wir eine Grundlage dafür“, teilte der Konzern mit.

    Im Umfeld von AMS können sie die Aufregung ohnehin so ganz nicht verstehen. Der österreichische Konzern habe doch gezeigt, dass er immer auf die neuesten Technologien setze und daraus erfolgreich Produkte entwickeln könne. So wurde AMS zum Beispiel zu einem wichtigen Zulieferer von Apple.

    Ermittlungen der Aufsicht

    Doch wird auch in österreichischen Industriekreisen eingeräumt, dass sich AMS nicht immer geschickt verhalten hat. Es gelang den Österreichern nicht, die in Deutschland mächtige IG Metall mit ins Boot zu holen. Die Gewerkschaft hatte bei Osram in den vergangenen Jahren eine konstruktive Rolle gespielt – unterstützte aber eine mögliche Übernahme durch Finanzinvestoren.

    Womöglich fürchteten die Arbeitnehmervertreter ja um Aufsichtsratssitze, wenn der Sitz des neuen Konzerns in Österreich ist, wird im Umfeld von AMS gemunkelt.

    Zudem kommunizierte AMS in den vergangenen Monaten nur wenig. So empfinden manche in München das Agieren der neuen Herren als undurchsichtig.

    Die Spekulationen um die Aktiengeschäfte verstärkten diesen Eindruck in den vergangenen Tagen. Das Handelsblatt hatte berichtet, dass die Wiener Finanzmarktaufsicht (FMA) wegen umfangreicher Geschäfte mit AMS-Aktien ermittelt. Nach Informationen der Zeitung „Die Presse“ wurde die Untersuchung durch einen anonymen Brief ausgelöst.

    Dabei verfolgt die Börsenaufsicht nach Informationen des Handelsblatts aus dem Umfeld der Untersuchungen mehrere Ermittlungsstränge. Zum einen werde geprüft, ob sogenannte Directors Dealings, also Aktiengeschäfte von Vorständen und Aufsichtsräten, nicht nur in der Schweiz, wo AMS gelistet ist, hätten gemeldet werden müssen, sondern auch in Österreich.

    Darüber hinaus würden aber auch andere Tatbestände geprüft. AMS betonte in einer Mitteilung, es gebe laut FMA keine Untersuchungen gegen das Unternehmen selbst. Die Behörden hätten aber mitgeteilt, dass „es Ermittlungen wegen möglichen Insiderhandels gegen natürliche oder juristische Personen gibt, die entweder mit AMS in Verbindung oder nicht in Verbindung stehen können“. Vieles ist also noch unklar. Es droht eine Fortsetzung des Alpendramas.

    Mehr: Angst vor Osram-Zerschlagung: Europa-Parlamentarier schlagen Alarm

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