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Lichtkonzern Osram lockt Investoren an – BMW-Manager übernimmt kriselnde Chipsparte

Investoren prüfen eine Übernahme des Lichtkonzerns und könnten ihn von der Börse nehmen. Doch erst muss Osram die Probleme in der Chipsparte in den Griff kriegen.
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Vollzug bei der derzeit wichtigsten offenen Personalie. Quelle: AFP/Getty Images
Osram-Chef Olaf Berlien

Vollzug bei der derzeit wichtigsten offenen Personalie.

(Foto: AFP/Getty Images)

München, FrankfurtNoch keine sechs Jahre ist die ehemalige Siemens-Tochter Osram an der Börse. Doch die Anteilseigner haben bereits eine wahre Achterbahnfahrt hinter sich. Als das Unternehmen im Herbst 2015 eine neue Strategie – den Ausbau des Chipgeschäfts – verkündete, stürzte das Papier an einem Tag um mehr als 30 Prozent auf unter 40 Euro ab.

Tatsächlich boomte das Chipgeschäft aber – und die Aktie kletterte bis auf 80 Euro. Im vergangenen Jahr halbierte sich der Kurs jedoch schon wieder. Osram hatte gleich zwei Gewinnwarnungen ausgegeben – und die Nachfrage aus der für das Unternehmen so wichtigen Autobranche kühlte sich ab.

Nun könnte Osram womöglich wieder von der Börse genommen werden: Die Finanzinvestoren Bain Capital und Carlyle erwägen eine Komplettübernahme. Nach Informationen des Handelsblatts prüfen die Finanzinvestoren bereits die Bücher in einer Due Dillgence. Noch ist keine Entscheidung getroffen.

Sollte der Milliardencoup gelingen, gilt es laut Industriekreisen als eine von mehreren Optionen, Osram für einige Jahre von der Börse zu nehmen. Das Lichtunternehmen befinde sich in einer technologischen Transformationsphase, in der die quartalsgetriebene Kapitalmarktnotierung nicht immer hilfreich sei, heißt es.

Osram leidet derzeit unter der Schwäche des Automarkts und der niedrigeren Nachfrage nach LED-Chips. Zum Start ins neue Geschäftsjahr sanken die Umsätze um 15 Prozent auf 828 Millionen Euro. Unter dem Strich machte das Unternehmen einen leichten Verlust.

Die Ex-Siemens-Tochter befindet sich in einer Transformationsphase. Quelle: AFP
Osram-Beleuchtung am Petersplatz in Rom

Die Ex-Siemens-Tochter befindet sich in einer Transformationsphase.

(Foto: AFP)

Herausforderungen gibt es also genug für Osram-Chef Olaf Berlien. Doch immerhin kann er nun pünktlich zur Hauptversammlung am Dienstag Vollzug bei der derzeit wichtigsten offenen Personalie vermelden. Ein Jahr lang suchte das Unternehmen einen neuen Chef für die Chiptochter OS.

Nun ist er nach Informationen des Handelsblatts aus Industriekreisen gefunden. Dieter May, derzeit bei BMW für digitale Produkte und Services verantwortlich und lange in der IT-Branche aktiv, wird den schwierigen Posten übernehmen. Nach Jahren des Booms musste OS zuletzt einen herben Umsatzeinbruch hinnehmen. „Es gab ruhigere Zeiten, den Job zu übernehmen“, drückt es ein Insider aus.

Kritik am Ex-Chef der Chipsparte

Die hohen Wachstumsraten und Umsatzrenditen von OS hatten bei Osram lange Zeit Umsätze und Aktienkurs in die Höhe getrieben. Nun werfen Kritiker Ex-OS-Chef Aldo Kamper vor, zu euphorisch in den zyklischen Abschwung hineininvestiert zu haben.

In Regensburg, wo gerade erst 800 Stellen aufgebaut worden waren, werden nun wieder 300 Stellen plus 200 Zeitarbeiterjobs gestrichen. Kamper wechselte im vergangenen Jahr als Chef zu Leoni – und kam damit vom Regen in die Traufe. Dort musste er gerade die Mittelfristziele kassieren, der Aktienkurs stürzte ab.

Alle Autozulieferer mussten heftige Kursrückgänge hinnehmen. Bei Osram machte der Kurssturz das Unternehmen wieder für Finanzinvestoren interessant. Fonds der Allianz besitzen inzwischen zehn Prozent der Anteile. Am Donnerstag nun teilte die Schweizer Großbank UBS mit, dass sie fünf Prozent hält. Osram müsse aufpassen, nicht zum Spielball der Investoren zu werden, meint ein Insider.

Bain und Carlyle mussten aus der Deckung kommen, als Spekulationen über ihr Interesse die Runde machten. Osram bestätigte am Mittwoch „vertiefte Gespräche“. In Finanzkreisen geht man davon aus, dass bei einer üblichen Übernahmeprämie von 20 Prozent ein Gebot über 40 Euro liegen müsste. „Manche Investoren wollen sogar eine Fünf vorne sehen“, heißt es. Derzeit wird Osram mit knapp vier Milliarden Euro bewertet.

Der BMW-Manager soll die kriselnde Chipsparte von Osram führen. Quelle: Osram
Dieter May

Der BMW-Manager soll die kriselnde Chipsparte von Osram führen.

(Foto: Osram)

Nach Einschätzung in Finanzkreisen müssten Bain und Carlyle viel Eigenkapital einsetzen, da die Banken ein großes Kreditengagement scheuten. Ein mögliches Gebot sei voraussichtlich nicht vor April zu erwarten, es sei aber noch völlig offen, ob es dazu komme. „Da müssten sie schon sehr sicher sein, dass sie es besser können und zusätzliches Potenzial bei Osram heben können.“

Die Beschäftigten sind durch die vielen Spekulationen alarmiert. „Es gibt viel Beunruhigung“, sagte der stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende von der IG Metall, Michael Knuth, dem Handelsblatt. Die Arbeitnehmer wollten vor einer Übernahme mit Investoren über die Zukunft von Jobs, Standorten und der Altersversorgung sprechen.

Im Umfeld des Konzerns wird das Interesse der Investoren erst einmal als Bestätigung der Strategie von Konzernchef Berlien gesehen. Die Probleme bei OS – die Umsätze der Chiptochter sanken zum Start ins neue Geschäftsjahr um 17 Prozent – hatten die alte Strategiediskussion wieder aufleben lassen.

Berliens Kritiker fühlen sich bestätigt: Die umstrittene Entscheidung im Jahr 2015, bis zu eine Milliarde Euro in ein Chipwerk in Malaysia zu investieren und damit das Geschäft auch mit Chips in der umkämpften Allgemeinbeleuchtung auszubauen, habe sich als falsch herausgestellt. Berlien und Aufsichtsratschef Peter Bauer müssten Konsequenzen ziehen, fordern die Kritiker.

In Industriekreisen wird das zurückgewiesen. „Die Halbleiter-Industrie ist immer zyklisch“, sagt einer, der maßgeblich an der damaligen Entscheidung beteiligt war. Die Entscheidung sei in einer Boomzeit getroffen worden. „Damals wollte jeder unbedingt die Halbleiter von Osram haben.“ Nun müsse Osram einerseits die Kosten senken, gleichzeitig aber auch massiv in die Zukunftsfähigkeit der Sparte investieren. „Das ist ein Geschäft, in dem man konstant sprinten muss. Sonst wird man in wenigen Jahren wieder komplett abgehängt.“

Osram stand damals vor einer Weichenstellung. Mit der Abspaltung des stark rückläufigen Glühbirnengeschäfts hatte sich die Ex-Siemens-Tochter von 40 Prozent der Umsätze getrennt. Doch wie sollte das Unternehmen wieder zu alter Größe zurückfinden? Nach Informationen des Handelsblatts aus Industriekreisen stand damals auch ein Ausbau des Leuchtengeschäfts als Alternative auf dem Plan.

Osram prüfte eine Übernahme des Konkurrenten Zumtobel für etwa 1,5 Milliarden Euro. „Der Leuchtenmarkt ist aber noch umkämpfter und hat deutlich niedrigere Margen“, sagt ein Insider. Hätte Osram das Leuchtengeschäft statt des Chipgeschäfts mit einer Milliardeninvestition gestärkt, hätten wohl hohe Abschreibungen gedroht: Der Zumtobel-Kurs stand in der Spitze bei 30 Euro.

Aufsichtsrat stützt Strategie noch

In Industriekreisen wird zudem betont, dass Osram mit dem Werk in Kulim in das volatile Geschäft mit Chips für die Allgemeinbeleuchtung eingestiegen sei, um das bestehende Geschäft zu schützen. Denn Osram war mit OS stark bei LED-Chips für Spezialanwendungen, wie zum Beispiel für die Autoindustrie. Diese Chips werden auf Basis einer anderen, kostspieligeren Technologie hergestellt.

Nun werden die günstigeren Chips aus der Allgemeinbeleuchtung aber zunehmend auch bei Spezialanwendungen eingesetzt, zum Beispiel im Autoinneren. Die Experten sahen also das Kerngeschäft von Osram bedroht. Daher habe es nur die Alternative gegeben, die Chipsparte im Boom zu einem guten Preis zu verkaufen oder aber selbst im großen Stil in das Geschäft mit Chips für die Allgemeinbeleuchtung einzusteigen.

Dabei gab es zwei Möglichkeiten: Osram hätte auch einen Wettbewerber, der bei Chips für die Allgemeinbeleuchtung stark ist, kaufen können. Dabei spielte Osram nach Informationen des Handelsblatts eine Übernahme von Seoul Semiconductors durch. Man entschied sich aber schließlich, selbst ein modernes Werk in Malaysia zu errichten.

Der zwischenzeitliche Chipboom gab Berlien erst einmal recht. „Ich bin ein wenig überwältigt und mehr als glücklich“, schwärmte er bei Eröffnung des Werks in Kulim im Herbst 2017. Doch nun hat sich der Wind gedreht.

Angesichts der Umsatzrückgänge steht die Strategie nun wieder unter besonderer Beobachtung. Im Aufsichtsrat gibt es noch Rückendeckung für den Kurs. Das Gremium stehe zur Entscheidung für Kulim, sagte ein Kontrolleur dem Handelsblatt. Auch Konzernchef Berlien beteuerte im Gespräch mit dem Handelsblatt: „Die Strategie ist intakt, und die Trends, auf die wir setzen, sind intakt.“

Bei der Hauptversammlung wird Berlien aber auch Fehler einräumen. „Unsere Prognosefähigkeit muss besser werden“, hat er bereits im Gespräch mit dem Handelsblatt zugegeben. Die Korrekturen hätten Glaubwürdigkeit gekostet. „Da ärgere ich mich schwarz darüber.“ Berlien hatte im Herbst auch die Mittelfristprognosen kassiert. Seine neue Strategie, Osram als Photonics-Spezialisten zu positionieren, hat an der Börse noch nicht recht gezündet. Auch bei einer Übernahme durch Finanzinvestoren gilt sein Job nicht als sicher.

Für die wenig treffsicheren Prognosen machen im Nachhinein manche im Unternehmen aber auch Ex-OS-Chef Kamper verantwortlich. Schon im Boom war das Wachstum stärker ausgefallen als erwartet, auch der Abschwung traf Osram dann teilweise unerwartet. Kamper ging vor einem Jahr, seither führte Technikvorstand Stefan Kampmann OS vorübergehend.

Nun soll es Dieter May richten. Der BMW-Digitalexperte bringt viel Branchenexpertise mit, arbeitete schon für Nokia, Infineon, Motorola und IBM. Er muss nun im Abschwung die Kosten drücken und gleichzeitig in Innovationen investieren. „In diesem Geschäft“, sagt ein Insider, „braucht man starke Nerven.“

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