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Lkw-Hersteller MAN vor radikalem Umbau: Jede sechste Stelle soll wegfallen

Der Lkw-Hersteller will 6000 Stellen streichen. Die Traton-Tochter muss den Konjunktureinbruch bewältigen und den Abschied vom Diesel einleiten.
12.03.2020 - 04:10 Uhr 1 Kommentar
Der zur Volkswagen-Tochter Traton gehörende Lkw-Hersteller hinkt bei der Profitabilität seinem Schwesterkonkurrenten Scania deutlich hinterher. Quelle: dpa
MAN-Trucks

Der zur Volkswagen-Tochter Traton gehörende Lkw-Hersteller hinkt bei der Profitabilität seinem Schwesterkonkurrenten Scania deutlich hinterher.

(Foto: dpa)

München, Düsseldorf, Frankfurt Anfang der Woche erklärte MAN-Chef Joachim Drees den gut 36.000 Beschäftigten des Lkw-Herstellers, dass „ein signifikanter Stellenabbau“ nötig sei, um das Unternehmen in die Zukunft zu führen. Wie tief bei MAN eingeschnitten werden soll, sickert nun durch.

Nach Planungen des Vorstands sollen bis zu 6000 Arbeitsplätze abgebaut werden, erfuhr das Handelsblatt aus Konzernkreisen. Vor allem die Verwaltung und die Entwicklungsabteilungen sollen kräftig ausgedünnt werden. Nach wie vor sei MAN immer noch viel zu stark auf die Entwicklung von Dieselmotoren ausgerichtet, heißt es in Konzernkreisen. Teil der Überlegung ist auch die Schließung des Standorts im österreichischen Steyr.

Zwar habe MAN in den vergangenen Jahren bereits „kontinuierlich an der Steigerung seiner Profitabilität gearbeitet und seine Kosten deutlich gesenkt“, hatte Drees gesagt. Für die Zukunft reiche das aber nicht, um MAN deutlich profitabler zu machen. „Wir wollen einzelne Bereiche gezielt stärken, andere Aktivitäten verringern oder ganz einstellen“, stellte Drees klar.

In Zukunft sollen die Lastwagen aus München vor allem mit Strom oder Wasserstoff fahren. Ein Großteil dieser Entwicklungsaufgaben wird aber künftig im Konzern erledigt.

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    Mit seinem Umbauplan reagiert die Unternehmensführung auf die anhaltend schwache Ergebnislage. MAN gehört seit neun Jahren mehrheitlich zum Volkswagen-Konzern, der die Gesellschaft inzwischen mit Scania in der börsennotierten Lkw-Holding Traton gebündelt hat. Während die schwedische Konzernschwester Scania überdurchschnittliche Gewinne abliefert, weist MAN selbst in guten Jahren kaum Überschüsse aus.

    MAN wollte die Zahlen nicht kommentieren. Aus Konzernkreisen verlautete am Mittwoch, dass die Gespräche mit den Arbeitnehmern noch am Anfang stünden. Dennoch hofft das Management, bis zum Sommer eine Lösung zu finden.

    Der Druck wächst täglich: Denn neben den strukturellen Problemen von MAN droht nun auch noch die Corona-Epidemie die Prognosen für dieses Jahr zu verhageln. Aktuell geht man von einem Marktrückgang von zehn bis 20 Prozent in diesem Jahr aus. Bereits seit Mitte 2019 fährt die Lkw-Branche die Produktion zurück, um die Preise für Lastwagen nicht noch mehr in den Keller zu drücken.

    MAN ist mit einer operativen Rendite von 3,6 Prozent der deutlich schwächere Teil der Traton SE. Die Schwester Scania macht derzeit eine Umsatzrendite von 11,6 Prozent.

    Der Druck für die jetzt anstehende Sanierung kommt deshalb von der Traton-Mutter aus Wolfsburg. Für den Autokonzern ist der Lastwagenbau ein Erbfall aus der Ära Piëch, den man lieber heute als morgen in die Selbstständigkeit entlassen würde.

    Piëch träumte davon, Volkswagen wie Daimler mit Lkws und Bussen zu einem Weltkonzern für Nutzfahrzeuge zu erweitern. Wirklich in den Griff bekommen haben die Wolfsburger Manager die neue Einheit aber nie.

    Richtig kompliziert wurde das Unterfangen durch die gleichzeitige Übernahme des MAN-Rivalen Scania. Die erhofften Synergien blieben lange aus. Die Schweden pflegen bis heute ein Eigenleben – gelten sie doch als der profitabelste Lkw-Hersteller der Welt.

    Nach Volkswagen und Audi soll nun auch MAN in die Transformation

    Für Wolfsburg ist das Lkw-Geschäft nach wie vor eine eigene Welt. Die Kunden von Lkws unterscheiden sich grundlegend von Autokäufern, was im VW-Vorstand lange Zeit beharrlich ignoriert wurde. Um der Sparte mehr Gewicht zu verleihen, warb Piëch vor fünf Jahren Andreas Renschler beim Konkurrenten Daimler ab. Seit seinem ersten Arbeitstag im Februar 2015 mühte sich der Schwabe um mehr Eigenständigkeit.

    Mit der Umfirmierung zur Traton SE und dem Börsengang Mitte vergangenen Jahres ist Renschler zumindest formal am Ziel. Doch die Unwucht im Geschäft bleibt: Während Scania weiter ordentliche Gewinne schreibt, verdient MAN noch nicht einmal das Geld für die anstehenden Investitionen.

    Für die Volkswagen-Manager ist das ein Unding. Nach dem Abbau von 23.000 Jobs bei Volkswagen und dem angekündigten Streichen von 15.000 Jobs bei Audi ist die Schonzeit in München vorbei. „MAN darf da nicht außen vor bleiben“, sagt ein Beteiligter.

    Grafik

    Rein formal ist MAN als Teil von Traton abgelöst vom Volkswagen-Konzern, allerdings halten die Wolfsburger noch immer die Mehrheit. Renschler sitzt als Traton-Chef im Vorstand von VW. Dort gilt die Sanierung von MAN als notwendig, um sich des Lkw-Themas mittelfristig zu entledigen. Denn nur eine nachhaltig profitable Traton kann in Zukunft weitere Anteile am Kapitalmarkt platzieren.

    Dabei schreckt man offensichtlich auch vor Maßnahmen zurück, die bislang als Tabu galten. Bei der Vorstellung ihrer Überlegungen brachte die MAN-Führung auch die Schließung eines Standorts ins Spiel. Bedroht ist demnach das Werk in Steyr. In Österreich werden leichte und mittelgroße Lastwagen gefertigt. Die Produktion könnte nach Deutschland und Polen verlagert werden, hieß es in den Kreisen.

    Akut bedroht wären damit allein 2300 Beschäftigte, die in Steyr arbeiten. Ein Schritt, der im Nachbarland schnell zum Politikum werden könnte. Immerhin sitzt ein Teil der Familie Porsche/Piëch als Mehrheitseigentümer des VW-Konzerns in Österreich.

    Noch aber ist es nicht so weit. Bislang habe die Führung um Joachim Drees ihre Vorstellungen lediglich dem Betriebsrat um den Vorsitzenden Saki Stimoniaris bei einem Treffen vorgestellt. „In Verhandlungen soll nun ein Konzept erarbeitet werden, um MAN nachhaltig profitabel aufzustellen“, sagte eine mit den Vorgängen vertraute Person. Bis zum Sommer soll dann eine Vereinbarung stehen.

    Viele Argumente werden die Arbeitnehmer nicht haben. Der Zeitpunkt für den Umbau ist nicht zufällig gewählt. Die Hersteller von Lastwagen sind besonders anfällig für Konjunkturschwankungen, da die Kunden Eintrübungen sofort zu spüren bekommen.

    Schwächt sich die Wirtschaft ab, dann stellen die Spediteure die Bestellung neuer Lastwagen zurück. In der Regel lassen sich die bereits auf den Straßen befindlichen Fahrzeuge problemlos einige Jahre länger nutzen. Genau dieser Effekt ist seit Mitte 2019 zu beobachten. Nach einem Marktrückgang von rund fünf Prozent im vergangenen Jahr könnten es in diesem Jahr zehn bis 20 Prozent sein, erwarten Experten.

    Die Branche ist andere Zahlen gewöhnt. In den drei vergangenen Jahren feierten die Hersteller Rekordaufträge. Konkret verkaufte die gesamte Industrie in dieser Zeitspanne laut Daten von IHS Markit pro Jahr weit mehr als drei Millionen Lastwagen über sechs Tonnen Gesamtgewicht. Einzelne Märkte überhitzten regelrecht – mit teils kuriosen Folgen.

    Daimler etwa hatte Aufträge ablehnen müssen, weil die Werke voll ausgelastet waren. MAN aber schaffte es auch in diesem Boom nicht, seine Zielrenditen zu erfüllen. Zumal die Krise nun härter ausfallen dürfte als bislang erwartet. Mit der Ausbreitung des Coronavirus verschlechtern sich die Wirtschaftsprognosen der Volkswirte. Nicht weniger bedeutend als die gedämpften Aussichten ist der psychologische Faktor, der mit dem Virus einhergeht. „Wer weiß, was der Wirtschaft noch blüht?“, sagte ein VW-Vertreter.

    Der US-Partner Navistar könnte MAN langfristig helfen

    Bislang sind diese Aussichten nicht in den Planungen der Lkw-Hersteller berücksichtigt. Weder Traton noch Daimler haben ihre Prognose dazu angepasst. Zum aktuellen Zeitpunkt hätte diese unverändert Bestand, sagte ein Manager aus der Branche. Mitte Dezember hatte Martin Daum, Chef der Daimler-Lastwagensparte, bereits einen „deutlichen“ Rückgang der Lkw-Absatzzahlen für Europa und Nordamerika prognostiziert. An dieser Erwartung hat nun in der Branchen niemand mehr Zweifel.

    Für Traton und MAN könnte das Heil in einer Übernahme liegen, die der Konzern vor wenigen Wochen angekündigt hat. Anfang Februar ließ Traton die Öffentlichkeit wissen, den US-Hersteller Navistar für 3,2 Milliarden Dollar kaufen zu wollen.

    Traton hat im Unterschied zu anderen großen Lastwagenkonzernen einen strategischen Nachteil: Die VW-Tochter, die im Wesentlichen von den beiden europäischen Herstellern Scania und MAN getragen wird, ist zwar vor allem in Südamerika und eben auch in Europa präsent. In Nordamerika, also allen voran in den USA, ist die Volkswagen-Tochter hingegen nur vergleichsweise schwach vertreten. Das gilt genauso für den großen chinesischen Lkw-Markt.

    Mit den Übernahmeplänen zu Navistar könnte Traton die eigene Präsenz in den USA entscheidend verbessern. „Die vorgeschlagene Transaktion würde einen Marktführer im Bereich Nutzfahrzeuge mit globaler Reichweite schaffen“, begründete Traton-Vorstandschef Andreas Renschler den Übernahmeversuch. Die VW-Tochter hält schon seit drei Jahren knapp 17 Prozent der Navistar-Anteile und durfte auch einen Vertreter in den Verwaltungsrat des US-Konkurrenten entsenden.

    Zeitgleich mit dem ersten Einstieg bei Navistar begann auch eine Kooperation beider Lkw-Unternehmen. Navistar verwendet schon jetzt Bauteile, die aus dem VW-Konzern kommen. Traton hofft darauf, dass der Kaufprozess bis spätestens Ende des Jahres abgeschlossen werden kann. Die VW-Tochter stellt sich auf einen längeren Genehmigungsprozess ein, weil rund um den Globus etliche Kartellbehörden einem Navistar-Kauf zustimmen müssen.

    Von der Kooperation hat bisher vor allem die amerikanische Seite profitiert. Noch vor wenigen Jahren hatte Navistar mit größeren wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu kämpfen. Die Zusammenarbeit mit Traton hat wesentlich dazu beigetragen, dass sich der US-Hersteller wieder stabilisieren konnte.

    Aber auch für MAN ist das Geschäft eine Chance. Navistar könnte Komponenten und Motoren von MAN bekommen, die Deutschen könnten ihre Entwicklungskosten auf einen weiteren Abnehmer verteilen. Die Notwendigkeit der Sanierung ersetzt der Deal aber nicht.

    Mehr: In diesen Bereichen hat Volkswagen noch Rückstand auf Toyota und Tesla

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    1 Kommentar zu "Lkw-Hersteller: MAN vor radikalem Umbau: Jede sechste Stelle soll wegfallen"

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    • Offensichtlich eine notwendige Anpassung - Zuviel Bürokratie.
      Der "Speck" muss weg.

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