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Luftfahrtindustrie David Calhouns erstes Jahr als Boeing-Chef endet mit einem Milliardenverlust

Schon vor dem Amtsantritt bei Boeing war der neue Chef umstritten. Sein erstes Jahr endet nach großen Herausforderungen nun mit einem Rekorddefizit.
27.01.2021 - 19:09 Uhr Kommentieren
Der Manager rückte nach dem Desaster um die Absturzmaschine 737 Max auf den Chefposten bei Boeing. Quelle: The NewYorkTimes/Redux/laif
David Calhoun

Der Manager rückte nach dem Desaster um die Absturzmaschine 737 Max auf den Chefposten bei Boeing.

(Foto: The NewYorkTimes/Redux/laif)

New York Der neue Boeing-CEO war schon umstritten, bevor er seinen Job überhaupt angetreten hatte. Nun ist David Calhoun ein Jahr im Amt und hat für die vergangenen zwölf Monate den höchsten Verlust in der Geschichte des amerikanischen Luftfahrtkonzerns hingelegt. Knapp zwölf Milliarden Dollar hat der Airbus-Konkurrent 2020 verloren, wie das Unternehmen am Mittwoch in Chicago mitteilte. Der Aktienkurs rauscht nach unten.

Calhoun war nach dem Desaster um die Absturzmaschine 737 Max auf den Chefposten nachgerückt, als der Druck auf seinen Vorgänger Dennis Muilenburg zu groß geworden war. Beobachter zweifelten schon damals daran, ob der heute 63 -Jährige ehemalige Private-Equity-Manager ohne technische Expertise die richtige Wahl war. Abgesehen von der fehlenden Branchentiefe hatte er in den zehn Jahren vor dem 737-Max-Desaster im Aufsichtsrat gesessen und den Kurs der Gewinnmaximierung auf Kosten der Sicherheit damit mitgetragen.

Tatsächlich waren die Herausforderungen, die Calhoun dann 2020 meistern musste, schon bald weniger von technischen Details wie Abrissströmungen oder Sensoren an der 737 Max geprägt, sondern von einer weltweiten Pandemie und dem Einbruch des Flugverkehrs. „2020 war ein Jahr der tief greifenden gesellschaftlichen und globalen Disruption, das unsere Branche stark strapaziert hat. Der enorme Einfluss der Pandemie auf den zivilen Flugverkehr, kombiniert mit dem Flugverbot der 737 Max hat sich auf unsere Ergebnisse ausgewirkt“, kommentiert Calhoun.

Zunächst hatte er beim damaligen Präsidenten Donald Trump um 60 Milliarden Dollar Staatshilfen geworben. Als die Regierung dafür Sicherheiten und eine Aktienbeteiligung verlangte, ließ er verlauten, dass Boeing die Hilfen nicht brauche.

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    Daraufhin ging der ehemalige Blackstone-Manager ganz wie ein Finanzinvestor vor: 30.000 Mitarbeiter – knapp ein Fünftel der Belegschaft – mussten gehen, ohne jede Möglichkeit der Teilzeitarbeit, um etwa wichtiges Know-how im Unternehmen zu halten.

    Eine Entscheidung, die Scott Hamilton vom renommierten Fachinformationsdienst Leeham äußerst kritisch sieht. Boeing müsse noch in diesem Jahrzehnt einen Ersatz für die 737 Max als Konkurrenz zum Airbus Neo entwickeln. Wenn man seine Ingenieure rausschmeiße, dürfte das schwierig werden. Auch „die Schließung des Forschungs- und Entwicklungszentrums in Seattle sendet das falsche Signal“, kommentiert Hamilton.

    Bonus für die 737-Max-Fluggenehmigung

    Für sich selbst hat Calhoun trotz der Boeing-Krise einen lukrativen Deal herausgeschlagen. Er sicherte sich zunächst ein Gehalt von zwei Millionen Dollar, auf das er erst später auf Druck der Investoren verzichtete. Außerdem ließ er sich einen Bonus von sieben Millionen Dollar garantieren, sollte die 737 Max ihre Fluggenehmigung vor Ende 2020 bekommen. Das ist so geschehen.

    Aber viele Mitarbeiter, die daran gearbeitet haben, bekamen keinen Bonus zu sehen. Auch mit der Transparenz ist es nicht weit her bei Calhoun. Er hat sogar schon Pressekonferenzen nach Quartalszahlen abgesagt, um kritischen Fragen auszuweichen.

    Die ersten 26 Jahre seiner Karriere verbrachte der Betriebswirtschaftler mit Schwerpunkt Accounting ausgerechnet bei General Electric. Damit wuchs er beruflich in einer Unternehmenskultur auf, die ebenfalls stark auf Kostensenken und Shareholder-Value setzte. Eine Kultur, die sich in den vergangenen Jahren auch dort gerächt hat. Bei GE verbrachte Calhoun nur eine kurze Zeit in der Flugzeug-Turbinen- und der Transportsparte, zuletzt führte er dort die Infrastruktursparte.

    Ab 2006 leitete der Manager den Dateninformationsdienst Nielsen, den unter anderem der Finanzinvestor Blackstone übernommen hatte. Dort brachte er das Unternehmen auch an die Börse. Zuletzt verantwortete Calhoun das globale Private-Equity-Portfolio bei Blackstone.

    Management im General-Electric-Stil

    Das Urteil des Branchenexperten Hamilton zu Calhoun ist vernichtend: „Als er im Aufsichtsrat saß, war Calhoun ausschlaggebend, als es darum ging, die allgemeinen Ziele, den Kurs und die Kultur des Unternehmens zu bestimmen“, sagt Hamilton. „Als CEO sieht er nun aus erster Hand die Früchte, und das ist kein schöner Anblick.“

    Es sei das Ergebnis von jahrzehntelangem Management im General-Electric-Stil. Calhoun renne von einem Feuer zum nächsten. Und das sei das Ergebnis von jahrzehntelangem Management im General-Electric-Stil. Die Aktionäre sehen das ähnlich. Sie schickten den Kurs der Boeing-Aktie auf Talfahrt.

    Mehr: Boeings 737 Max darf in Europa wieder abheben – unter Bedingungen

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