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Luxusautobauer So rüstet sich die VW-Tochter Bentley für die Brexit-Folgen

Der Luxusautobauer hat zuletzt schlechte Zahlen abgeliefert. Bentley-Chef Adrian Hallmark ergreift drastische Maßnahmen, um die VW-Tochter auf Kurs zu bringen.
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Der überwiegende Teil des Produktionsprozesses erfolgt in Handarbeit. Quelle: Reuters
Bentley Continental GT

Der überwiegende Teil des Produktionsprozesses erfolgt in Handarbeit.

(Foto: Reuters)

Crewe Bei dem Luxusautohersteller Bentley aus dem nordenglischen Crewe glänzten zuletzt nur die Autos. Die Zahlen waren im letzten Jahr so schlecht, dass das Traditionsunternehmen bei der Konzernmutter Volkswagen als Sorgenkind gilt.

Nun steht Bentley vor dem nächsten Problem: dem Austritt Großbritanniens aus der EU. Man müsse die Entscheidung natürlich respektieren, aber „ich kann dem Brexit nichts Positives abgewinnen“, sagt Bentley-Chef Adrian Hallmark im Gespräch.

Wenn Großbritannien am 31. Oktober die Europäische Union ohne Handelsabkommen verlässt, könnten auf alle Autohersteller und somit auch auf Bentley neue Zölle zukommen. Diese dürften nicht vollständig durch Kosteneinsparungen und höhere Verkaufspreise ausgeglichen werden können, sagt Hallmark. Man verliere entweder Gewinn oder Absatz. „Das wäre ärgerlich. Aber es bringt uns nicht um.“

Höhere Priorität hatte zunächst die Planung für unmittelbar mögliche Folgen durch Lieferschwierigkeiten. Rund drei Dutzend Mitarbeiter wurden beauftragt, Lieferketten und Lieferanten zu überprüfen, zusätzliche Lagerbestände aufzubauen und Alternativen zum bisher genutzten Hafen Dover auszuloten.

Statt über Dover-Calais kann nun rund die Hälfte der aus der EU importierten Bauteile, etwa von der Konzernschwester Porsche aus Stuttgart, zukünftig über Bremerhaven-Immingham geliefert werden. Benötigte Komponenten werden mindestens doppelt so lange wie bisher vorgehalten. „Wir haben uns so gut wie möglich vorbereitet“, sagt Hallmark.

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„Etwa drei, vier Millionen Pfund“ hätten diese Maßnahmen bislang gekostet. Aber er sehe es als eine Art Versicherungspolice, für die er gern bezahle: Wenn die Produktion stillstände, dürften sich die Kosten auf Hunderte Millionen belaufen. „Und was passiert, wenn ein Autohersteller keine Autos liefern kann, sehen Sie an den Zahlen von 2018.“

Im vergangenen Jahr hatte Bentley operativ 288 Millionen Euro Verlust verbucht, der Absatz sank um fünf Prozent auf knapp 10.500 Fahrzeuge, aufgeteilt in 4323 SUV Bentayga, 3336 Continental, 2316 Flying Spur und 519 Mulsanne. „Das Jahr war furchtbar“, gibt Hallmark zu, „uns hat der perfekte Sturm getroffen.“ Die Einführung der neuen europäischen WLTP-Abgasstandards verursachte Probleme. Dazu kam, dass Bentley mitten in der Entwicklung neuer Modelle steckte.

Um die Probleme anzugehen, hat Hallmark, der im Februar 2018 den Chefposten übernahm, in den vergangenen Monaten im nordenglischen Crewe alles auf den Prüfstand gestellt und nach Einsparmöglichkeiten gesucht – im Produktionsprozess genauso wie beim Einkauf des Druckerpapiers und der Sandwiches, die in Meetings verzehrt werden.

Die Zahl der Mitarbeiter sank um fast zehn Prozent. Autos werden 25 Prozent schneller produziert. Mithilfe eines Spaghetti-Diagramms, das die Bewegungen jedes Arbeiters bei jedem Produktionsschritt aufzeichnet und analysiert, wurden überflüssige Arbeitsschritte identifiziert, zusammengelegt und der Arbeitsablauf entsprechend verändert.

Statt 54 Metern muss der Bentley-Angestellte nun beim Einbau der Türen sechs Meter zurücklegen – und kann damit zusätzliche Aufgaben übernehmen.

Kein Massenprodukt

Trotz der Neuerungen kommen bei der Produktion noch immer lediglich zwei Roboter – die von den Arbeitern Romeo und Julia genannt werden – zum Einsatz. Der überwiegende Teil des Produktionsprozesses erfolgt in Handarbeit. Das begründet Hallmark mit den unterschiedlichen Arbeitsschritten, die wegen der zahlreichen Individualisierungsmöglichkeiten erforderlich seien.

Schließlich sind die Fahrzeuge, die in Crewe von den 4000 Mitarbeitern zusammengebaut werden, alles andere als ein Massenprodukt: Mindestens 200.000 Euro kostet eines der Autos, die – ganz nach Wunsch – mit dem Leder süddeutscher Rinder, dem Holz kalifornischer Walnussbäume oder Humidor ausgestattet werden und in denen sich unter anderem Königin Elisabeth II. und andere Royals chauffieren lassen.

„Ich kann dem Brexit nichts Positives abgewinnen.“ Quelle: Reuters
Bentley-Chef Adrian Hallmark

„Ich kann dem Brexit nichts Positives abgewinnen.“

(Foto: Reuters)

Ein Fahrer könnte jedoch eines Tages überflüssig werden. Zum 100. Firmenjubiläum im Juli wurde der Bentley EXP 100 GT vorgestellt. Das futuristisch wirkende Konzeptfahrzeug basiert auf einer vollelektrischen Plattform, soll eine Reichweite von 700 Kilometern haben und mit Künstlicher Intelligenz sowie veganen Sitzbezügen ausgerüstet sein. „Wir müssen Luxus und Mobilität nachhaltig machen“, erklärt Hallmark, „dahinter steckt eine neue Philosophie, wie wir in Zukunft Autos bauen.“

Das Plug-in-Hybrid-SUV Bentayga war das erste elektrifizierte Fahrzeug aus Crewe, bis 2023 sollen alle Modelle mit dieser Option angeboten werden. Rein elektrische Autos sollen 2025 auf den Markt kommen. „Das ist deutlich später als Konkurrenten wie Aston Martin“, gibt Autoexperte David Bailey von der Universität Birmingham zu bedenken. „Bentley hinkt hinterher.“

Seiner Meinung nach muss sich das Unternehmen auf Nachhaltigkeit fokussieren, um sich neu zu erfinden: „Die Zukunft ist elektrisch“, sagt Bailey, „bei Bentley hofft man, das zu schaffen und gleichzeitig den Absatz zu steigern. Das wird nicht leicht, wenn man gleichzeitig seinen Ruf als Luxusmarke erhalten will.“

Hallmark ist überzeugt, auf dem richtigen Weg zu sein. Kritik, auch von der Konzernspitze, kann er nachvollziehen. Natürlich habe es Fragen gegeben, als man Verluste verbuchte, sagt er, aber in Wolfsburg stehe man hinter Bentley. In 13 der vergangenen 16 Jahre habe man Gewinne erzielt.

Mindestens der Breakeven soll 2019 erreicht werden. „Der Turnaround ist im Gange“, sagt Hallmark. „Wir sind fast am Ziel. Dieses Unternehmen ist eine kleine Goldmine. Warten Sie nur ab.“

Mehr: Fast ein Jahrzehnt ging es in der Autoindustrie immer nur aufwärts. Nun kippt die Konjunktur und viele Zulieferer klagen über scharfe Einbrüche.

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