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VW-Betriebsratsversammlung

Die Belegschaft reagiert mit Unmut auf die Pläne von Chef Herbert Diess.

(Foto: VW-Betriebsrat / Kevin Nobs)

Machtkampf in Wolfsburg Showdown bei Volkswagen – Widerstand von unten

VW-Betriebsratschef Osterloh wirft Konzernchef Diess Missmanagement vor und fordert langfristige Job-Garantien. Der deutet hingegen einen noch größeren Stellenabbau an.
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Wolfsburg, FrankfurtIrgendwann ist jeder Versammlungsort einmal voll. Bei Volkswagen ist dieser Ort auf dem Wolfsburger Werksgelände die Halle elf. Rund 20.000 Mitarbeiter sind an diesem Mittwoch dem Aufruf von Betriebsratschef Bernd Osterloh gefolgt. Mehr als sonst – und das hat einen Grund: Vorstandschef Herbert Diess stellte sich der Belegschaft.

Der Unmut über den Mann an der Spitze ist derzeit groß. Osterloh wirft Diess vor, dass er Zusagen gebrochen und ein geplantes Sparpaket ohne Rücksprache mit den Arbeitnehmern an die Öffentlichkeit getragen hat. Das Land Niedersachsen schließt sich dieser Kritik als Großaktionär ausdrücklich an.

Schon zum Beginn der Versammlung um 9.30 Uhr ist die Kapazität von Halle elf erschöpft. Der Volkswagen-Werksschutz muss das Gebäude aus Sicherheitsgründen schließen. Mitarbeiter, die mit etwas Verspätung kommen, müssen draußen bleiben und sich die Betriebsversammlung auf eigens aufgestellten Bildschirmen ansehen.

Auf Tausenden von Stühlen hat der Betriebsrat Flugblätter auslegen lassen. „Verlässlichkeit verbindet. Dies(s) tut das nicht“, steht darauf geschrieben. Auf dem Papier ist nur die Silhouette von Diess zu erkennen, dahinter das Logo von Volkswagen und auch das Signet der IG Metall.

Seit zwei Wochen nun schwelt der Streit zwischen Betriebsrat und Management um die künftige Ausrichtung des Konzerns. Ein zusätzliches Sparprogramm, mit dem bis zu 7.000 Beschäftigte vor allem in der Verwaltung ihren Arbeitsplatz verlieren würden, hat das Fass zum Überlaufen gebracht.

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Die Betriebsversammlung ist eine Veranstaltung der Arbeitnehmervertretung. Deshalb hat Osterloh zuerst das Rederecht. Und der Wolfsburger Betriebsratschef macht ziemlich schnell deutlich, dass zunächst Vorbedingungen erfüllt werden müssen, bevor er sich mit Herbert Diess zu neuen Verhandlungsrunden zusammensetzt. Das Management habe zunächst seine selbst verschuldeten Fehler zu beseitigen, dann sei er zu Gesprächen bereit.

„Bevor diese Fragen nicht beantwortet und mit klaren Vereinbarungen versehen sind, wie wir diese Fehler beheben, werden hier keinerlei Gespräche zu weiteren Effizienzsteigerungen stattfinden“, ruft Osterloh den VW-Beschäftigten unter deren starkem Beifall zu, berichteten Teilnehmer nach der Betriebsversammlung. Die Belegschaft habe einmal mehr im vergangenen Jahr die von ihr erwartete Leistung erbracht. „Sie liefert, wenn es schwierig wird. Jetzt liefern endlich auch Sie!“, sagte er Richtung von Diess und den anderen Vorstandsmitgliedern.

Osterloh zählt eine ganze Liste von Fehlern auf, die das Management und nicht die Belegschaft zu verantworten habe. Verluste in Milliardenhöhe gingen auf das Konto des Vorstands, Konzernchef Herbert Diess inklusive. An erster Stelle nannte der Betriebsratschef das – so wörtlich – „WLTP-Desaster“, das den Konzern im vergangenen Jahr mindestens eine Milliarde Euro an entgangenem Gewinn gekostet habe.

Zudem verfolge das Unternehmen eine „hochriskante Einkaufsstrategie“ und habe erhebliche Verzögerungen bei wichtigen Fahrzeugprojekten zu verantworten. Die größten Sorgen bereitet Volkswagen der neue Golf in der achten Generation, dessen Produktion eigentlich im zweiten Halbjahr beginnen soll. Der Betriebsrat hält dem Vorstand zudem Vertragsbruch vor, weil der Vorstand eine Elektrovariante des VW-Transporters („Bulli“) entgegen früherer Zusagen wieder aus dem Modellprogramm gestrichen hatte.

Den vor einer guten Woche vom Vorstand verkündeten Stellenabbau in der Verwaltung will der Betriebsrat blockieren. Die vom Unternehmen ausgegebene Zielsetzung besitze keinerlei Grundlage, der Vorstand könne die Zahl von 7.000 selbst nicht begründen.

„Mit dem einseitigen Ausrufen der Zahl habe das Unternehmen den bisher erprobten Weg der gemeinsamen Konfliktbewältigung verlassen und große Ängste in der Belegschaft geschürt“, sagte Osterloh nach Angaben aus Teilnehmerkreisen. „Sie müssen uns nachweisen, dass tatsächlich die Arbeit entfällt, damit ein Arbeitsplatz nicht wiederbesetzt wird. Solange das nicht der Fall ist, wird hier jede Stelle nachbesetzt.“

Zudem verlangte Osterloh ein neues Programm zur Beschäftigungssicherung für alle VW-Mitarbeiter in Deutschland. Bislang gibt es nur in den Volkswagen-Fabriken Hannover und Emden eine Beschäftigungssicherung bis Ende 2028 wegen der Umstellung auf Elektrofahrzeuge und den damit verbundenen Risiken. „Ende 2028 muss für alle VW-Standorte in Deutschland gelten“, forderte der Volkswagen-Betriebsratschef.

Diess folgt Osterloh als zweiter Redner. Er hat ein vorbereitetes Redemanuskript mitgebracht, an das er sich weitestgehend hält. Darin ist kein Raum für die wenige Minuten zuvor erhobenen Forderungen von Betriebsratschef Osterloh, der Vorstandsvorsitzende geht darauf nicht ein.

Stattdessen spricht er lieber von der gemeinsamen Verantwortung von Management und Betriebsrat. „Osterloh und ich sind nicht immer einer Meinung. Wir reiben uns. Und manchmal streiten wir auch“, sagte Diess. Aber die Ziele seien häufig dieselben. Der einzige Unterschied bestehe darin, dass er meistens auf ein höheres Veränderungstempo dränge als der Betriebsratschef.

Er schätze Osterloh. „Weil er kein Blockierer ist, sondern im Gegenteil wie ein Unternehmer im Unternehmen denkt.“ Nur vereinzelt sind Pfiffe aus der Masse zu hören.

Zweifel an der Konkurrenz

Diess will ein höheres Tempo. Am Morgen war er erst aus den USA zurückgekehrt. Er hatte dort den Handelsgiganten Amazon besucht, der sich mehr und mehr zum IT- und Logistikkonzern wandelt. Neue Konkurrenten entstehen damit für die Autohersteller, die neben der Produktion von Fahrzeuge auch lernen müssen, wie die Mobilität von morgen aussehen wird. „Es ist heute keine ausgemachte Sache, dass wir den Wandel schaffen“, sagte Diess.

Mit der Warnung an die Belegschaft geht er weiter als bisher. Keiner ist aus seiner Sicht sicher: „Ford kämpft gerade darum, in Europa bleiben zu können. Opel hat in den letzten Jahren Abertausende Jobs verloren und ist jetzt wieder profitabel. Aber wie lange?“, sagte Diess vor versammelter Belegschaft. Auch die Schwergewichte sieht er unter Druck. BMW und Daimler führen Kostenprogramme und „arbeiten aus schierer Not schon beim autonomen Fahren und wohl bald auch bei Plattformen zusammen“, zählt Diess auf.

Die halb öffentlich geäußerten Zweifel am Kurs der Wettbewerber fallen in einer sensiblen Zeit. Für den weiteren Verlauf des Mittwochs war eine Telefonkonferenz mit Daimler-Chef Dieter Zetsche und BMW-Boss Harald Krüger geplant. Teilnehmen sollte auch der Präsident des Branchenverbands VDA, Bernhard Mattes.

Thema des Gesprächs ist die künftige Ausrichtung des VDA. Der soll laut Diess bei der Bundesregierung darauf hinwirken, dass die steuerliche Förderung von Verbrennern auf Elektroautos umgeschichtet wird. E-Fahrzeuge sollen bevorzugt werden. Zetsche und auch Krüger lehnen dies vehement ab. Ein Kompromiss gilt im Moment als wenig wahrscheinlich. Denkbar ist für das VW-Management sogar ein Ausstieg aus dem VDA geworden.

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Bei dem Krisengespräch wollen sich die führenden Köpfe der deutschen Automobilindustrie darum bemühen, doch noch einen Kompromiss zu finden. „Allerdings halten wir das für wenig wahrscheinlich, da VW mit Diess eine extreme Position eingenommen hat“, sagte ein Vertreter aus der Branche. BMW-Chef Harald Krüger machte am Mittwoch aus seinem Ärger keinen Hehl. „Wo ich ganz klar anderer Meinung bin, ist Technologieoffenheit“, sagte Krüger auf der Bilanzpressekonferenz in München.

Denn die Elektromobilität werde sich keineswegs in allen Weltregionen so schnell durchsetzen, deshalb müsse BMW flexibel auf die Nachfrage reagieren können. „Daraus ergibt sich heute Nachmittag Diskussionsbedarf“, sagte der BMW-Chef mit Blick auf die Telefonkonferenz. In München hält man die von Diess lancierten Pläne für eine offene Provokation.

Der oberste VW-Lenker bringt Freund und Feind gegen sich auf. Und er hat eine Begründung für seine Haltung: Über 30 Milliarden Euro investiert sein Konzern in die Umstellung auf strombetriebene Fahrzeuge, bei der einige Werke komplett auf die Fertigung von E-Fahrzeugen umgerüstet werden. Ohne diese Investitionen würde VW nicht die von der EU-Kommission geforderte Reduzierung des Kohlendioxidausstoßes schaffen.

Der Umbau wird zulasten der Belegschaft gehen. Angesichts dieser Umstellung vermeidet der Vorstandschef eine völlige Beschäftigungsgarantie. „Aber es gibt keine Alternative“, sagt Diess. Der geplante Stellenabbau ist Teil eines Sparpakets, mit dem das Jahresergebnis ab Ende 2023 um mindestens 5,9 Milliarden Euro gesteigert werden soll.

Volkswagen ist weiter finanzstark  

Bis zu 30 Prozent der Stellen könnten in der Produktion durch den Wechsel zum Elektroantrieb wegfallen, wie er erklärt. „Es wird schwer, das nur mit Fluktuation und Altersteilzeit zu bewältigen. In den nächsten Jahren bewegen sich die geburtenstarken Jahrgänge in Richtung Rente. Wir werden gemeinsam mit dem Betriebsrat alles daransetzen, diese Möglichkeiten maximal auszuschöpfen“, sagte er.

Volkswagen sei heute noch finanzstark genug, um seine Zukunft selbst gestalten zu können. Das gehe aber eben nur mit mehr Tempo. „Je besser wir uns als Unternehmen für das elektrische und digitale Zeitalter aufstellen, desto sicherer sind die Arbeitsplätze bei Volkswagen auf lange Sicht.

Für uns, für unsere Kinder und für diese Region“, schloss Diess seine Rede. Der VW-Chef erntete sogar Zustimmung für seine Rede. Anders als bei früheren Betriebsversammlungen, als Diess auch größere Proteststürme über sich ergehen lassen musste. Daniela Cavallo, Stellvertreterin von Bernd Osterloh, die das Treffen leitete, hatte zu Anfang dazu aufgerufen, „dass wir höflich zu allen Rednern sind“, berichteten Teilnehmer. Die Botschaft war angekommen, auch für Herbert Diess.

Sicher ist, dass sich die Beteiligten zusammenraufen müssen. Für Freitag ist eine Sitzung des Präsidiums des Aufsichtsrats angesetzt, an dem neben Diess und Osterloh auch Wolfgang Porsche teilnehmen wird. „Wir haben immer noch einen Weg gefunden“, sagte Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch im Vorfeld der Betriebsversammlung, der im Moment auch zwischen Vorstand und Arbeitnehmerseite vermittelt.

Wahrscheinlich ist der Druck in der Branche auch einfach zu groß – für Herbert Diess und Bernd Osterloh gibt es keine Alternative, sie müssen gemeinsam eine Lösung finden.

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1 Kommentar zu "Machtkampf in Wolfsburg: Showdown bei Volkswagen – Widerstand von unten"

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  • Würde man sinnvollerweise auf Hybride setzen, die aufgrund der kleineren Batterien erschwinglich für das Volk sind, dann würde Diess seinen Auftrag Wagen für das Volk, also Volkswagen, zu produzieren gerecht. Die Arbeitsplätze von Tausenden wären mittelfristig bis langfristig gesichert:
    Eine Evolution von einem Hybrid mit anfänglich 70 km Reichweite über Hybride, deren Reichweite kontinuierlich steigen, hin zum reinen Elektroauto wäre wohl aus Sicht der Mitarbeiter, der Kunden (Pendler) und auch aus ökologischen Gesichtspunkten am sinnvollsten.

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