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Marihuana als Medizin Zahl der Cannabis-Patienten steigt – aber nicht so schnell wie erwartet

Seit vier Jahren darf Cannabis zu medizinischen Zwecken in Deutschland eingesetzt werden. Die großen Wachstumserwartungen haben sich aber nicht erfüllt.
19.01.2021 - 03:57 Uhr Kommentieren
Mehr als 80.000 Patienten bekommen in Deutschland Cannabis als Medizin verordnet. Quelle: dpa
Blühende Cannabispflanze

Mehr als 80.000 Patienten bekommen in Deutschland Cannabis als Medizin verordnet.

(Foto: dpa)

Frankfurt Schwerkranke Patienten dürfen in Deutschland Cannabis auf Rezept erhalten. Laut Statistik der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) ist die Zahl der Verordnungen 2019 um 44 Prozent gestiegen, 2020 dürfte der Zuwachs bei rund 20 Prozent liegen.

Insgesamt sind in Deutschland im vergangenen Jahr mehr als 320.000 Verordnungen bewilligt worden, rechnet man die für die ersten neun Monate vorliegenden GKV-Zahlen auf das Gesamtjahr hoch. Die gesetzlichen Krankenkassen dürften damit brutto rund 150 Millionen Euro für Cannabis als Medizin ausgegeben haben.

„Der Markt für medizinisches Cannabis in Deutschland hat sich nicht so stürmisch entwickelt, wie es manche Anbieter anfangs erwartet hatten. Auch deshalb, weil die bürokratischen Hürden in Deutschland hoch sind, denn die Erstattung ist eine Einzelfallentscheidung“, sagt Tobias Haber, Cannabisexperte beim Marktforschungsinstitut Insight Health.

Außerdem hätten viele Ärzte noch Berührungsängste, sich dem Thema zu nähern. „Denn Cannabis ist vielerorts noch als Freizeitdroge stigmatisiert, und die Therapieentscheidungen erfordern sehr viel Spezialwissen“, so Haber.

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    Wie viele Patienten in Deutschland Cannabis auf Rezept bekommen, ist unklar, da es darüber keine bundesweite Statistik gibt. Die Erstattung der Kosten muss der Patient, der Medizinalhanf verordnet bekommt, bei seiner Krankenkasse beantragen.

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    Nach Recherchen des Handelsblatts sind bei den drei großen Krankenkassen AOK, Techniker und Barmer, die für mehr als die Hälfte des Marktes stehen, seit der Freigabe 2017 fast 70.000 Anträge eingegangen – knapp zwei Drittel davon wurden genehmigt.

    Marktschätzungen gehen davon aus, dass derzeit mehr als 80.000 Menschen in Deutschland Cannabis für therapeutische Zwecke verordnet bekommen – Privatversicherte und Selbstzahler inklusive. Größter Einsatzbereich sind laut Krankenkassen-Erhebungen chronische Schmerzen, gefolgt von Multipler Sklerose, die häufig mit schmerzhaften Spastiken verbunden ist.

    Große Cannabisproduzenten wurden enttäuscht

    Als der Deutsche Bundestag im Januar 2017 beschloss, dass in Deutschland fortan auch Cannabisblüten und -extrakte zu medizinischen Zwecken auf Kassenrezept verordnet werden dürfen, war die Euphorie insbesondere bei kanadischen Cannabisproduzenten groß. Börsennotierte Unternehmen wie Canopy Growth, Aphria, Aurora und Tilray starteten mit eigenen Tochterunternehmen in Deutschland und kauften sich bei Großhändlern und anderen Spezialisten im Markt ein.

    Die Hoffnung war, dass wie in Kanada auch in Deutschland innerhalb weniger Jahre ein Prozent der Bevölkerung mit therapeutischem Cannabis versorgt werden könnte, was etwa 800.000 Patenten entspricht. „Die Erwartungen des Kapitalmarkts waren damals sehr hoch. So haben die Unternehmen höhere Absatzzahlen formuliert, als der tatsächliche Bedarf hergab“, sagt Benedikt Sons, Mitgründer und CEO des 2017 gegründeten deutschen Medizinalcannabis-Händlers Cansativa.

    Wie Cansativa stiegen auch viele andere deutsche Start-ups in den Markt ein. Nach den Daten von Insight Health gibt es derzeit etwa 90 Anbieter in Deutschland, die Cannabisblüten, -extrakte oder -arzneimittel vertreiben. 70 bis 80 davon importieren Blüten, teilweise aber nur sehr kleine Mengen.

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    Denn der Hauptlieferant für Deutschland ist die niederländische Bedrocan, deren Liefermenge für Deutschland von der niederländischen Cannabisbehörde OMC auf 200 Kilogramm pro Monat begrenzt ist. Wer als Importeur ausschließlich auf Bedrocan setzte, bekam in den letzten Monaten nur drei Kilogramm Cannabisblüten pro Monat zugeteilt.

    Neben Bedrocan sind die kanadischen Unternehmen die großen Lieferanten für den deutschen Markt, die aus ihren Anlagen in Kanada und teilweise auch schon aus neu errichteten Anlagen in Europa exportieren. Auch von Anbauern in Portugal, Spanien und neuerdings auch Australien werden Blüten eingeführt.

    2017, im Jahr der Freigabe von Cannabis für therapeutische Zwecke, wurden laut Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (Bfarm) rund 1,2 Tonnen Cannabisblüten für medizinische Zwecke importiert. 2019 waren es bereits mehr als 6,7 Tonnen und im vergangenen Jahr bis Ende September knapp sechs Tonnen.

    Cannabis aus Deutschland

    Demnächst wird es auch Cannabis „made in Germany“ geben. Drei Unternehmen haben die entsprechende Ausschreibung des Bfarm gewonnen und hierzulande eigene Cannabisplantagen hochgezogen: die deutschen Tochterunternehmen von Aphria und Aurora aus Kanada sowie das 2017 gegründete Berliner Unternehmen Demecan.

    Die ersten Blüten sollen nach Angaben des Bfarm am Ende des ersten Quartals dieses Jahres geliefert werden. Die Corona-Pandemie hat einige Prozesse verzögert, Demecan etwa gibt an, die ersten Cannabisblüten in der zweiten Jahreshälfte liefern zu wollen.

    Bis die einst anvisierte Marke von 800.000 und mehr Patienten in Deutschland erreicht wird, dürfte wohl noch einige Zeit vergehen. Dennoch sieht Branchenexperte Haber von Insight Health noch ein hohes Wachstumspotenzial für Medizinalcannabis: „Denn es gibt Millionen Patienten, für die eine Therapie infrage kommen könnte“, sagt er. Auch die Zahl der Ärzte, die sich dem Thema öffnen, steige. „Wir sehen, dass Ärzte aus allen Fachgruppen mittlerweile Cannabis als Medizin verordnen.“

    Cannabis als Medizin gibt es in Form von Blüten, Extrakten, Dronabinol mit dem Cannabiswirkstoff THC oder Fertigarzneimittel. Das Mundspray Sativex beispielsweise ist schon seit 2011 zur Behandlung von Verkrampfungen bei Multipler Sklerose zugelassen.

    Laut der Statistik der gesetzlichen Krankenkassen entfielen von Januar bis September 2020 rund 19 Prozent der Verordnungen auf Fertigarzneimittel, 38 Prozent auf Cannabisblüten und 42 Prozent auf Dronabinol und Extrakte.

    Laut Barmer-Krankenkasse lagen die Kosten pro Patient und Monat im vergangenen Jahr bei etwas mehr als 1200 Euro, wenn unverarbeitete Cannabisblüten verordnet wurden, und bei rund 550 Euro bei anderen Cannabismitteln. Mit den brutto rund 150 Millionen Euro Kosten gehört Cannabis im mehr als 50 Milliarden Euro schweren GKV-Arzneimittelmarkt nicht zu den teuren Arzneimittelgruppen.

    Mehr: Die Cannabisbranche konsolidiert sich: Aphria und Tilray fusionieren

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