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Mark Russell Der neue Nikola-Chef verteidigt das Start-up gegen die Betrugsvorwürfe

Das Lkw-Start-up steht seit Wochen in der Kritik. Vorstandschef Russell erklärt, warum Nikola keine Luftnummer sei – und wie er in Europa ein Netz von Wasserstoff-Tankstellen aufbauen will.
20.10.2020 - 15:00 Uhr Kommentieren
Ende 2019 haben Nikola und die Iveco-Mutter CNH ihren gemeinsam geplanten mit Wasserstoff betriebenen Truck in Turin präsentiert. Quelle: Reuters
Gemeinschaftsprojekt

Ende 2019 haben Nikola und die Iveco-Mutter CNH ihren gemeinsam geplanten mit Wasserstoff betriebenen Truck in Turin präsentiert.

(Foto: Reuters)

New York Kann Nikola zum Tesla der Lkw-Industrie werden – oder ist das Unternehmen eine Luftnummer wie Wirecard? Diese Frage treibt seit einigen Wochen die Investoren des amerikanischen Truck-Start-ups um, das Lkws mit Strom und Wasserstoff betreiben will. Ein Bericht des Shortsellers Hindenburg ließ Zweifel an den hehren Versprechen des Shootingstars aufkommen – und die Aktie dramatisch abstürzen.

Im Gespräch mit dem Handelsblatt weist der neue Vorstandsvorsitzende Mark Russell die Kritik entschieden zurück und betont die gute Zusammenarbeit mit Partnern wie Bosch und dem Iveco-Mutterkonzern CNH. Außerdem erläutert er, wie er im großen Stil den Wasserstoff erzeugen und vertreiben will, den die Nikola-LKW benötigen werden.

„Wir sind sehr klar, was unsere Milestones angeht“, sagt Russell dem Handelsblatt. Sein Unternehmen mache wie angekündigt Fortschritte und das Geschäftsmodell funktioniere, lautet die Botschaft. „Ich würde Sie einladen, sich genau anzuschauen, was wir bisher getan haben und wohin die Richtung geht“, hält er den Kritikern entgegen.

Die werfen Nikola vor, noch keinen Umsatz zu haben und lediglich die Ideen und Technologien anderer zusammenzubauen. Genau das sieht Russell als Stärke: Nikola sei ein Integrator. „Wir sind die, die alles in eine Lösung integrieren, die Ihnen einen Laster, die Wartung und Treibstoff bieten können, alles für einen gebündelten Preis“, erklärt der Manager, der im Juni zum Vorstandsvorsitzenden aufgestiegen ist. „Deshalb hat Nikola ein interessantes Geschäftsmodell, und deshalb sind unsere Partner interessiert daran, mit uns zu arbeiten.“

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    Russell hat einen unbequemen Job übernommen: Noch vor wenigen Monaten wurde Nikola als Tesla der LKW-Branche gefeiert. Im Juni hatte Nikolas Börsenbewertung mit rund 25 Milliarden Dollar sogar die des Autokonzerns Ford überholt.

    „Wir sind die, die alles in eine Lösung integrieren, die Ihnen einen Laster, die Wartung und Treibstoff bieten können, alles für einen gebündelten Preis“ Quelle: Nikola
    Nikola-Chef Mark Russell

    „Wir sind die, die alles in eine Lösung integrieren, die Ihnen einen Laster, die Wartung und Treibstoff bieten können, alles für einen gebündelten Preis“

    (Foto: Nikola )

    Doch im September warf der Shortseller Hindenburg dem Unternehmen in drastischen Worten Betrug vor. Nikola-Gründer Trevor Milton, der damals noch Executive Chairman war, habe die Anleger mit Dutzenden Lügen über die Fortschritte des Unternehmens getäuscht.

    Hindenburg Research verwies auf Beweise wie Anrufe, Textnachrichten, E-Mails und Fotos. Allerdings verdient ein Shortseller wie Hindenburg auch an fallenden Kursen. Und tatsächlich ist Nikolas Aktienkurs seit den Vorwürfen um zwei Drittel eingebrochen. Milton musste auf Druck der Investoren sein Amt niederlegen. General Motors (GM) verschob den Abschluss der Verhandlungen über die angekündigte Kooperation für einen gemeinsamen Elektro-Pick-up.

    Bosch ist Investor und industrieller Partner

    Bereits vorhandene wichtige Partner wie Bosch und CNH sind bisher aber nicht abgesprungen. „Wir sind sehr dankbar, dass unsere Kooperationspartner uns in diesen Turbulenzen zur Seite stehen“, sagt Russell.

    Bosch ist industrieller Partner und Investor zugleich. Das Unternehmen hat sich schon in frühen Finanzierungsrunden an Nikola beteiligt und hat auch einen Vertreter in den Verwaltungsrat entsendet.

    Bosch soll die Brennstoffzellen für die Nikola-Laster liefern und arbeitet laut Russell auch bei den Batterien, der Elektronik und den Motoren mit den Amerikanern zusammen. „Sie waren einfach ein unglaublicher Partner für Nikola“, lobt der CEO die Deutschen. „Wir sind sehr zufrieden mit dem Fortschritt, den wir gemeinsam mit Bosch bei der Entwicklung eines Brennstoffzellensystems für Anwendungen bei schweren Lastern machen.“ Es gebe derzeit zwei Prototypen für Brennstoffzellensysteme von Bosch, die wiederum in den Prototypen der Nikola-Laster getestet würden.

    Mit CNH baut Nikola in Ulm gemeinsam den Batterie-Truck Nikola Tre, der im vierten Quartal 2021 in Serienproduktion gehen soll. Russell war nach eigenen Angaben im Juli in Ulm und hat dort die Fortschritte bei den fünf Prototypen für die elektrischen LKW gesehen, die kurz vor der Fertigstellung stünden.

    Dabei nutze CNH seinen ursprünglich auf Dieseltechnik basierenden Lastwagen S-Way für die Kooperation. Nikola dagegen bringt laut Russell „die Software ein, die 100 Prozent Nikola ist: sowohl die Software für die Fahrzeugkontrolle als auch jene für das Infotainment und das telematische System“.

    „Letzte Woche hatten wir den ersten der fünf Prototypen auf der Teststrecke, was sehr aufregend für uns war“, berichtet Russell. Die Chancen stünden gut, „dass wir die ersten Trucks 2021 den Kunden übergeben können“.

    Grafik

    Ein weiterer wichtiger Meilenstein ist der Bau der ersten von 700 Wasserstoff-Tankstellen in den USA im zweiten Quartal 2021, damit im Jahr 2023 die ersten brennstoffzellenbetriebenen Laster von Nikola auf den Markt kommen können.

    John Saager vom Analysehaus ISI Evercore bezeichnet Nikolas Ziele als „sehr ambitioniert“. Dennoch glaubt er, dass die Brennstoffzellentechnik bei Lastern, die lange Strecken fahren, durchaus Sinn mache. Bisher sei die Technologie an der fehlenden Infrastruktur gescheitert. „Aber zum Glück ist Nikola nun mit einer Lösung gekommen“, sagt Analyst Saager im Hinblick auf die Wasserstoff-Tankstellen, die Nikola gleich mitliefern will.

    Tatsächlich möchte Nikola seine Trucks gar nicht verkaufen, sondern ausschließlich zum Leasing anbieten. Im Preis ist dann die Wartung ebenso inbegriffen wie der Treibstoff. Je günstiger Nikola seine Tankstellen versorgen kann, umso besser ist das für die Marge. In den USA setzt Russell für die Produktion von Wasserstoff vor allem auf Sonnenenergie, deren Preis dank technischem Fortschritt zuletzt immer weiter gesunken ist.

    Um die Kosten für das Tankstellennetz so niedrig wie möglich zu halten, plant Nikola auf ein standardisiertes Tankstellenmodell, das überall in der Welt gleich produziert werden kann: „Wir wollen die Tankstellen in Massenproduktion herstellen.“ Dabei schätzt er die Kosten für eine Tankstelle auf 16 Millionen Dollar.

    Trotz der Berichte, dass der Ölkonzern BP zuletzt abgesprungen sei, hält Russell daran fest, dass er noch vor Jahresende eine Kooperation für den Bau von Tankstellen ankündigen wird. Nikola sei mit Betreibern von Lkw-Tankstellen ebenso im Gespräch wie mit Versorgern, Stromhändlern, Industriegas-Unternehmen und einigen Ölkonzernen.

    Der Nikola-CEO schwärmt von der Flüssiggas-Infrastruktur in den Niederlanden

    Zunächst sollen die Tankstellen in den USA gebaut werden, damit die Brennstoffzellentrucks, die 2023 ausgeliefert werden sollen, dort auch tanken können. Aber auch Europa steht auf dem Plan. „Wir glauben, dass in Europa weniger Tankstellen nötig sind, weil die Tankstellen im Durchschnitt größer sein werden in Europa“, sagt Russell und begründet das mit dem engmaschigeren Straßennetz.

    Was die Versorgung mit grünem Strom für die Gewinnung des Wasserstoffs angeht, schaut Russell in Europa mit Interesse auf die Niederlande: „Es gibt derzeit sehr interessante Projekte im Norden der Niederlande mit Strom, der durch Windkraft aus der Nordsee produziert wird“, lobt er. „Dort gibt es eine Infrastruktur, die seit Jahrzehnten für Flüssiggas genutzt wird, und die konvertiert werden kann, um Wasserstoff zu transportieren. Sie haben dort sogar potenzielle Speicher.“

    Man könnte den Windstrom nachts, wenn er nicht gebraucht wird, zur Herstellung von Wasserstoff nutzen und ihn mit einer Pipeline transportieren. Mit einem solchen Projekt wäre Wasserstoff wirtschaftlicher als fossile Brennstoffe.

    Laut Russell spricht Nikola bereits seit einiger Zeit mit den Hauptakteuren des niederländischen Konsortiums. „Wie wären gerne darin involviert und hätten gerne Zugang zu diesem erneuerbaren Strom und zu diesem mit erneuerbaren Energien produzierten Wasserstoff und zu der Pipeline, die den Wasserstoff vertreibt“, sagt er. „Das wäre ein sehr kosteneffizienter Weg, die Wasserstoff-Infrastruktur aufzubauen, die in Europa für den Schwertransport gebraucht wird.“

    Russell räumt ein, dass die Elektrolyse zur Herstellung des Wasserstoffs am Anfang noch nicht ausschließlich mit erneuerbarem Strom betrieben werden kann. Nikola wolle Wind-, Sonnen- und Wasserenergie einsetzen, werde aber auch auf Atomstrom zurückgreifen, wenn es nötig sei – und auch auf „andere Optionen“.

    „Aber das wird nur vorübergehend sein auf dem Weg zum Ziel, nachhaltig zu sein“, verspricht Russell: „Unser Ziel ist es, 100 Prozent erneuerbaren Strom zu nutzen, was den Wasserstoff 100 Prozent erneuerbar und nachhaltig macht."

    Was die Verhandlungen mit GM angeht, gibt sich Russell bedeckt. „Wir sind sehr an einer Zusammenarbeit mit GM interessiert, und unsere Diskussionen mit ihnen gehen weiter“, sagt er. Die beiden Unternehmen wollten gemeinsam den E-Truck „Badger“ in einem GM-Werk produzieren.

    GM habe als Teil des Abkommens eine elfprozentige Beteiligung an Nikola erhalten, was zum Zeitpunkt der Ankündigung einem Wert von zwei Milliarden entsprach. Da seitdem der Aktienpreis stark gesunken ist, gilt es als sehr wahrscheinlich, dass der Autokonzern nun einen größeren Anteil fordert. Russell hatte jüngst gesagt, dass Nikola es sonst auch ohne GM schaffen werde.

    Mehr: Ein GM-Veteran soll bei Nikola die Zweifel ausräumen

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