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Mathieu Floreani im Interview Synlab-Chef: „Corona-Schnelltests werden falsch eingesetzt“

Antigentests versprechen Ergebnisse innerhalb weniger Minuten. Der Chef des Labordienstleisters Synlab warnt aber davor, sich darauf zu sehr zu verlassen.
03.12.2020 - 13:13 Uhr Kommentieren
Das Münchener Laborunternehmen arbeitet an noch schnelleren PCR-Tests. Quelle: Reuters
Corona-Test bei Synlab

Das Münchener Laborunternehmen arbeitet an noch schnelleren PCR-Tests.

(Foto: Reuters)

München Die hohe Nachfrage nach Corona-Schnelltests sorgt für einen Boom in der Diagnostikabranche. Insbesondere die sogenannten PCR-Tests, bei denen ausführliche Untersuchungen im Labor gemacht werden, haben zunächst das Geschäft getrieben. Inzwischen kommen die schnelleren Antigentests hinzu, bei denen die Ergebnisse wenige Minuten nach dem Abstrich vorliegen.

Vor falscher Sicherheit bei solchen Antigentests warnt allerdings Mathieu Floreani, Chef des Laborkonzerns Synlab. „Nur PCR-Tests sind sensitiv genug, um ein klares Bild zu liefern, ob jemand an Sars-CoV-2 leidet oder nicht, sagte der Manager, der von Deutsche Post DHL zum Münchener Unternehmen gestoßen ist, im Interview mit dem Handelsblatt.

Eigene Stichproben hätten gezeigt, dass die Schnelltests in 38 Prozent der Fälle keine Corona-Infektion angezeigt hätten. „Wenn etwa ein Altersheim glaubt, damit eine sichere Umgebung garantieren zu können, macht es einen schweren Fehler“, erläutert Floreani.

Bei Synlab, das mit 20.000 Mitarbeitern rund 2,1 Milliarden Euro umsetzt, versucht man derzeit, die Ergebnisse von PCR-Tests schneller verfügbar zu machen. „Für das nächste Jahr ist es unser Ziel, dass wir in einer Zeitspanne zwischen zwölf und 24 Stunden Testresultate liefern“, sagt Floreani.

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    Lesen Sie hier das komplette Interview:

    Herr Floreani, in der Covid-19-Krise werden Tests immer wichtiger. Welchen kann man vertrauen?
    In der medizinischen Wissenschaft zählt der beabsichtigte Nutzen, das „Label“ eines Tests. Es gibt keine schlechten Testmethoden – solange man sie so nutzt, wie es der Hersteller beabsichtigt hat.

    Der Synlab-Chef hält Antigen-Schnelltests bei Massenscreenings für nicht geeignet. Quelle: SYNLAB Gruppe
    Mathieu Floreani

    Der Synlab-Chef hält Antigen-Schnelltests bei Massenscreenings für nicht geeignet.

    (Foto: SYNLAB Gruppe)

    Viele setzen inzwischen auf Antigen-Schnelltests statt auf PCR-Tests. Ein Fortschritt?
    Nein, das ist eine Gefahr. Nur PCR-Tests sind sensitiv genug, um ein klares Bild zu liefern, ob jemand an Sars-CoV-2 leidet oder nicht. Antigen-Schnelltests sind für Leute gedacht, die Symptome aufweisen, und zwar zwischen dem ersten und fünften Tag. Wohlgemerkt: Das sind jedenfalls die Empfehlungen der Hersteller. Sie sind nicht gemacht für Menschen ohne Symptome.

    Gibt es keine Einsatzfelder für solche Schnelltests?
    Wenn Ärzte in einem Krankenhaus schnell entscheiden müssen, wer wie behandelt wird, dann helfen solche Schnelltests. Wenn aber ein Altersheim glaubt, damit eine sichere Umgebung garantieren zu können, macht es einen schweren Fehler. Ein Besucher ohne Symptome, der in Wahrheit positiv ist, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht entdeckt. Das ist ein großes Risiko.

    Also eine klare Warnung Ihrerseits.
    Wenn man solche Schnelltests jenseits des engen, ursprünglichen Ziels verwendet, gibt es nur zwei Resultate: „positiv“ oder „nicht schlüssig“. Man kann eben nicht definitiv sagen, dass jemand „negativ“ getestet wird. Da bleibt natürlich eine große Unsicherheit. Wenn die Frage ist, ob es ein solcher Test ermöglicht, risikolos die betagten Eltern zu besuchen, kann man nur sagen: „Finger weg!“

    Sie haben bei Synlab selbst das Produkt eines bekannten Herstellers überprüft. Ergebnis: In 38 Prozent der positiven Fälle hätten Schnelltests die Infektion nicht angezeigt.
    Wir haben damit nur bewiesen, dass die Labels der Hersteller korrekt sind. Sie sehen eben nicht vor, eine sichere Umgebung zu garantieren, sondern sind nur im Rahmen der Herstellerangaben zu nutzen – also um bei einem konkreten Verdacht Antigene des Sars-CoV-2-Virus festzustellen. Am Ende waren unsere Resultate keine Überraschung. Bei noch kleineren Virenvorkommen wären sogar nur elf Prozent der Infizierten entdeckt worden.

    Einige sagen, wenn diese Leute so wenige Viren haben, sind sie auch nicht ansteckend.
    Das ist ein gefährliches Statement. Es gibt derzeit keinen medizinischen Beweis, weder in die eine noch in die andere Richtung. Wer am Anfang einer Infektion wenige Viren in sich trägt, kann später immer noch viele Menschen anstecken.

    Synlab testet auch europäische Fußballklubs. Bei Lazio Rom ermittelten sie drei infizierte Spieler, in anderen Tests aber waren sie negativ. Es kommt häufig zu solchen Konfusionen. Wie ist das zu erklären?
    Das hängt in unserem Fall offenbar mit unterschiedlichen Methoden einzelner Laborbetriebe zusammen. Wir haben einzelne Klubs in nationalen Fußballligen davor gewarnt, bei ihren Profis Antigen-Schnelltests anzuwenden. Manchmal drangen wir damit nicht durch. In einem anderen Fall steckten sich in der Folge sogar neun Spieler an. Die Schnelltestresultate waren alle negativ gewesen.

    In der Slowakei und in Südtirol wurde sogar die ganze Bevölkerung per Antigentests überprüft.
    Antigen-Schnelltests sind jedoch nicht für Massentests gemacht. Viele Infizierte werden dabei nicht entdeckt, und es wird einige geben, die falsch positiv getestet werden. Unabhängig davon kann man natürlich sagen, dass beim Testen von beispielsweise einer Million Menschen – abhängig von der Virusverbreitung in der Bevölkerung – eine Anzahl von tatsächlich Infizierten auf diese Art gefunden wird und in Quarantäne kommt. Wirklich problematisch ist es aber, allen anderen Unbedenklichkeit zu bescheinigen.

    Manche raten auch zu Schnelltests in Hotspots der Pandemie.
    Da gilt das Gleiche wie für die Slowakei. Wenn vermeintlich negativ Getestete danach munter auf Partys gehen, sie aber positiv sind, haben wir ein echtes Problem. Wenn es nicht darum geht, eine sichere Umgebung zu gewährleisten, sondern nur zusätzliche Infizierte zu entdecken, zum Beispiel beim Einsatz von Antigen-Schnelltests in Schulen, haben diese durchaus ihre Berechtigung. Aber auch hier muss nach einem Antigen-Schnelltest weiter auf Abstands- und Hygieneregeln geachtet werden.

    Die Charité in Berlin hat viele Antigen-Schnelltests gecheckt und empfiehlt einige. Sie seien sehr sensitiv.
    Ich kenne die konkreten Fälle nicht. Sicher ist: Wenn jemand viele Viren in sich trägt, ist ein Schnelltest sehr gut. Aber nur dann. Wir alle wollen raus aus dieser Pandemie. Aber wenn bei allen Krankheitsverläufen solche Antigen-Schnelltests genutzt werden, verbreitet sich das Virus nun einmal schneller. Deshalb setze ich mich gegen den falschen Einsatz der Antigen-Schnelltests ein.

    Grafik

    Versuchen Sie, Politiker persönlich zu überzeugen?
    Es ist nicht meine Aufgabe, Politikern Handlungsempfehlungen zu geben. Spanien und Großbritannien verlangen aus guten Gründen negative PCR-Tests für die Einreise und nicht irgendwelche anderen Nachweise. Wenn solche Länder wissen wollen, ob der Tourist aus dem Ausland wirklich negativ ist, hilft nur ein PCR-Test. Tests sollten nur für die Zwecke verwendet werden, für die sie auch geeignet sind. Wir haben in vielen Ländern über Antigen-Schnelltests informiert. Für welchen Weg sich die Regierungen letztlich entscheiden, liegt in ihrem Ermessen.

    In den USA kann man sich jetzt Antigen-Schnelltests für den Hausgebrauch kaufen. Da eröffnet sich ein Markt, in dem ein Laborkonzern wie Synlab keine Rolle spielt.
    Für mich ist es wichtig, die Pandemie zu stoppen – und nicht, ob Synlab bei solchen Tests dabei ist oder nicht. Ein Selbsttest zu Hause ist schwierig. Man muss dafür geschult sein. Und es ist ein wenig schmerzhaft, deshalb geht mancher dann nicht weit genug in den Rachen oder in die Nase hinein. Wenn aber schon die Probenahme nicht korrekt durchgeführt wurde, dann versagt ein Antigen-Schnelltest mit noch höherer Wahrscheinlichkeit.

    Was tun Sie konkret gegen die Corona-Bedrohung?
    Wir investieren kontinuierlich in die Weiterentwicklung der PCR-Tests. Deren Ergebnisse müssen schneller verfügbar sein. Für das nächste Jahr ist es unser Ziel, dass wir in einer Zeitspanne zwischen zwölf und 24 Stunden Testresultate liefern. Das wird der Gesellschaft helfen.

    Herr Floreani, vielen Dank für das Interview.

    Mehr: Dank Corona-Tests boomt die Diagnostikbranche – aber wie lange noch?

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