MDax-Konzern: Bafin prüft Gerresheimer-Bilanz – Aktie stürzt ab
Düsseldorf. Die Finanzaufsicht Bafin hat ein Prüfverfahren gegen den Spezialverpackungshersteller Gerresheimer wegen möglicher Verstöße gegen Rechnungslegungsvorschriften eingeleitet – wodurch der Aktienkurs des Unternehmens massiv einbrach.
Nach Angaben der Behörde bestehe der Verdacht, dass Gerresheimer Umsatzerlöse aus bestimmten Kundenverträgen bereits gebucht habe, obwohl diese noch nicht realisiert waren.
Konkret untersucht die Bafin den Konzernabschluss zum 30. November 2024 sowie den dazugehörigen Lagebericht. Die Aktien von Gerresheimer brachen in der Folge am Mittwoch zeitweise um mehr als 30 Prozent ein.
In einer Stellungnahme erklärte Gerresheimer, es gehe um Bestellungen, für die im letzten Drittel des Geschäftsjahres 2024 sogenannte „Bill-and-hold“-Vereinbarungen mit Kunden geschlossen worden seien. Strittig sei, ob diese Erlöse bereits im Abschluss 2024 ausgewiesen werden durften oder erst im laufenden Geschäftsjahr 2025.
Der Konzern bekräftigte, die Umsätze und Gewinne im Einklang mit den Rechnungslegungsvorschriften periodengerecht bilanziert zu haben. „Wir nehmen die Prüfung durch die Aufsichtsbehörde sehr ernst“, sagte Finanzchef Wolf Lehmann, der seit September im Amt ist. „Wir werden vollumfänglich mit der Bafin kooperieren, um eine vollständige und transparente Klärung zu ermöglichen.“
Eine Bill-and-hold-Vereinbarung ist eine spezielle Art von Verkaufsgeschäft. Dabei stellt ein Unternehmen einem Kunden eine Rechnung für verkaufte Waren aus, liefert diese aber nicht sofort aus. Stattdessen lagert der Verkäufer die Ware für den Kunden ein, bis dieser sie zu einem späteren Zeitpunkt abruft.
Der Düsseldorfer Produzent von Verpackungen für die Pharma- und Kosmetikindustrie hatte für 2024 ein Umsatzplus von 2,9 Prozent auf gut zwei Milliarden Euro ausgewiesen. „Die im Rahmen von ‚Bill-and-hold‘-Vereinbarungen im Geschäftsjahr 2024 erfassten Umsätze entsprechen insgesamt einem niedrigen zweistelligen Millionenbetrag“, teilte das Unternehmen weiter mit.
Gerresheimer ist Zulieferer für Abnehmspritzen
Das Unternehmen rückte stärker in den Fokus von Anlegern, da es als wichtiger Zulieferer von sogenannten Abnehmspritzen gilt. Gerresheimer produziert unter anderem Spezialbehälter und Systeme, die für die Herstellung und Verabreichung der Medikamente benötigt werden.
Der Konzern hat zudem das Interesse von Investoren geweckt und in diesem Zuge mit dem überraschenden Austausch seines Finanzvorstands im August für Aufsehen gesorgt. Bernd Metzner verließ den Angaben zufolge auf eigenen Wunsch das Unternehmen. Lehmann wurde ab September sein Nachfolger. Metzner stand nach dem geplatzten Verkauf von Gerresheimer an Finanzinvestoren und dem Verfall des Aktienkurses verstärkt im Fokus.
Im August ist ein aktivistischer Fond bei dem MDax-Unternehmen eingestiegen. Der neue Großaktionär Active Ownership Capital fordert den Verkauf weiterer Unternehmensteile und ein Sparprogramm. AOC ist mit 5,3 Prozent an Gerresheimer beteiligt und hat sich über Kauf- und Verkaufsoptionen Zugriff auf weitere 1,9 Prozent gesichert. Damit ist der aktivistische Investor nun zweitgrößter Aktionär hinter der Vermögensverwaltungstochter der US-Bank Goldman Sachs (8,9 Prozent).
Schon zuvor hatte Gerresheimer mit Finanzinvestoren über eine mögliche Übernahme verhandelt. Die Gespräche verliefen allerdings ergebnislos.
Parallel hat der Konzern sein Portfolio umgebaut: Randbereiche wurden verkauft, während der Fokus mehr auf margenstärkere Produkte für Biotech- und Pharmakunden gelegt wurde. Besonders die starke Nachfrage nach Komponenten für Abnehmspritzen hatte den Aktienkurs in der Vergangenheit gestützt.