Medikamente

In den USA steht die Pharmabranche bereits seit mehreren Jahren stark unter Druck.

(Foto: dpa)

Medikamentenpreise Trump drängt „Big Pharma“ in die Defensive

Pfizer, Novartis und Co. reagieren auf die Kritik des US-Präsidenten. Am grundlegenden Trend im Pharmageschäft ändert sich durch die Attacken aber wenig.
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FrankfurtDer US-Präsident twittert, und schon gehen die Medikamentenpreise in den Keller. Diesen Eindruck konnte man in den vergangenen Tagen gewinnen, nachdem gleich mehrere große Arzneimittelhersteller den Verzicht auf Preiserhöhungen auf dem US-Markt oder sogar Preissenkungen angekündigt haben.

Zuletzt verpflichtete sich der Pharmakonzern Merck & Co., seine Preise nicht stärker anzuheben als die Inflationsrate; der Preis für das Hepatitismittel Zepatier soll sogar um 60 Prozent sinken. Zuvor verkündeten bereits Novartis und Pfizer den Verzicht auf Preisanhebungen, nachdem Donald Trump den Branchenführer Pfizer scharf attackiert hatte. Dieser wollte die Preise für rund 100 Produkte zur Jahresmitte anheben.

Das Scharmützel zwischen Trump und den Pharmariesen zeigt einmal mehr, wie heftig die Preispolitik in den USA unter Beschuss steht. Sie bedeuten für sich genommen jedoch keinen grundlegenden Wandel für die Branche. Denn was die Preisfreiheit auf dem US-Markt angeht, hat sich die Großwetterlage für „Big Pharma“ schon seit einigen Jahren verschlechtert.

Die jüngsten Zugeständnisse fallen wirtschaftlich nicht stark ins Gewicht. Denn sie betreffen nur kleine Teilbereiche im Geschäft der Pharmakonzerne. Zudem sind die potenziell gefährlichsten Waffen – eine Genehmigung von Pharma-Reimporten in die USA sowie die Erlaubnis für direkte Preisverhandlungen der staatlichen Versicherer Medicare und Medicaid – in Trumps Aktionsplan gegen hohe Pharmapreise nach wie vor nicht vorgesehen.

Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund haben die jüngsten Attacken des Präsidenten und die nachfolgende Demut der Pharmariesen an der Börse nur wenig Eindruck hinterlassen. Trotzdem befindet sich die Branche schon seit mindestens vier Jahren in der Defensive, auch wenn die exorbitanten Preise für diverse neue Spezialmedikamente leicht einen anderen Eindruck erwecken.

Den maßgeblichen Druck entfalten dabei nicht unbedingt die US-Politiker, sondern vor allem Versicherer und sogenannte Pharmacy Benefit Manager (PBM) – Serviceunternehmen, die im Auftrag der Versicherer den Medikamenteneinkauf und die Preisverhandlungen mit den Herstellern managen und damit durchaus ansehnliche Erträge für die eigenen Aktionäre erwirtschafteten. Sie setzten in den letzten Jahren zusehends höhere Rabatte gegenüber den Pharmakonzernen durch.

Anders als noch im vergangenen Jahrzehnt, als man mit jährlichen Preissteigerungen noch relativ mühelos die Umsätze treiben konnte, ist es für die Pharmahersteller inzwischen insgesamt schwieriger geworden, auf diese Weise noch Umsatzwachstum auf dem wichtigen US-Markt zu generieren. Sie sind viel stärker auf Neuentwicklungen und Mengenwachstum angewiesen.

Das hat sich längst auf die Zahlen der Konzerne durchgeschlagen, wie etwa eine kürzlich publizierte Studie des führenden Pharma-Marktforschungsunternehmens Iqvia (ehemals IMS Health) für den US-Markt zeigt: Danach sind die Ausgaben für Arzneimittel in den USA 2017 netto, das heißt wenn man Preisnachlässe mitberücksichtigt, nur noch um 0,6 Prozent auf 324 Milliarden Dollar gewachsen.

Die Rabatte, die Hersteller gegenüber ihren Listenpreisen gewähren, addierten sich danach auf fast 130 Milliarden Dollar oder 28 Prozent der Listenpreise. Innerhalb von vier Jahren hat sich danach das Volumen der Rabatte fast verdoppelt.

Insgesamt bietet der Pharmamarkt damit ein paradoxes Bild: Einerseits konnten die Hersteller in den letzten Jahren die Zahl der Neuentwicklungen wieder deutlich steigern und die Preise für diese Innovationen deutlich nach oben treiben. Diverse innovative Spezialmedikamente, etwa gegen Krebs oder seltene Erbkrankheiten, sind inzwischen zu Jahreskosten von mehr als 100.000 Dollar auf dem Markt.

Auf der anderen Seite ist das Gesamtwachstum der Pharmabranche trotzdem nur mäßig. Die führenden 30 Unternehmen der Branche sind im letzten Jahr organisch (ohne Zukäufe) im Schnitt nur um etwa 2,5 Prozent gewachsen. Seit 2011 legten die weltweiten Pharmaumsätze nach Daten der britischen Analysefirma Evaluate Pharma auf Dollarbasis gerade mal um rund acht Prozent zu.

Drei Faktoren setzen „Big Pharma“ unter Druck

Dieser Widerspruch zwischen superteuren Neuentwicklungen und schwachen Wachstumsraten erklärt sich vor allem mit der Struktur des Marktes: Die hochpreisigen Topmedikamente stellen letztlich nur einen relativ kleinen Ausschnitt des Gesamtmarktes mit seinen Zehntausenden von Einzelprodukten dar.

Im großen Rest des Marktes wiederum sorgen vor allem drei Faktoren für deflatorischen Druck.

Erstens: Die regulären Patentabläufe führen immer wieder zu kräftigen Einbußen bei den Originalherstellern. Sie verlieren dann in der Regel riesige Umsätze an die deutlich preisgünstigeren Konkurrenten aus der Generikabranche. Pfizer zum Beispiel erzielte mit seinem Cholesterinsenker Lipitor vor zehn Jahren noch mehr als zwölf Milliarden Dollar Umsatz, 2017 dagegen nur noch 1,9 Milliarden Dollar. Novartis büßte nach den Patentabläufen mehr als fünf Milliarden Dollar Umsatz bei seinem Blutdrucksenker Diovan und drei Milliarden Dollar beim Krebsmittel Gleevec ein.

Der Preisverfall, der mit solchen Patentabläufen einhergeht, wird in Politik und Öffentlichkeit kaum beachtet. Die Preise für viele gängige Medikamente wie Blutdruck- oder Magenmittel zum Beispiel sind im Laufe der letzten beide Jahrzehnte zum Teil um mehr als 90 Prozent gesunken. In Deutschland zum Beispiel geben die gesetzlichen Kassen für Cholesterinsenker nur noch halb so viel aus wie Anfang der 2000er-Jahre, obwohl sich die Verordnungen seither mehr als verdoppelt haben.

Zweitens: Innerhalb des Marktes für patentfreie Medikamente (Generika) hat sich der Preiswettbewerb in den letzten zehn Jahren verschärft, zunächst in Europa, seit knapp zwei Jahren auch auf dem bisher noch sehr profitablen US-Markt. So hat dort die Arzneimittelbehörde FDA die Zulassung für Generika deutlich beschleunigt, Versicherer nutzen die höhere Konkurrenz, um niedrigere Preise durchzusetzen.

Zwar sorgen kleine Hersteller immer wieder mit exorbitanten Preiserhöhungen bei einzelnen speziellen Nischenprodukten für Aufsehen und Empörung in der Politik. Das Gesamtbild sieht indessen anders aus. Die Generikabranche ist auf dem US-Markt ab 2016 zusehends unter Druck geraten und musste trotz diverser größerer Patentabläufe heftige Einbußen verkraften, die sich vorerst offenbar fortsetzen. Die Novartis-Tochter Sandoz etwa berichtete für das erste Halbjahr 2018 einen Umsatzrückgang von 17 Prozent im US-Generikageschäft, „hauptsächlich bedingt durch anhaltenden Preisdruck“, wie es im Zwischenbericht des Konzerns heißt.

Drittens: Auch im Segment der patentgeschützten Medikamente hat sich der Preiswettbewerb in den USA teilweise verschärft, insbesondere dort, wo mehrere vergleichbare Mittel zur Verfügung stehen. Pharmafirmen mussten zum Teil deutliche Zugeständnisse machen, um auf den Verordnungslisten der PBMs zu bleiben. Das führte in den letzten Jahren unter anderem bei den Herstellern von Diabetes- und Asthmamitteln zu Einbußen.

Auch bei den neuen Hepatitis-C-Medikamenten führte der Konkurrenzkampf relativ schnell zu deutlichen Preissenkungen, nachdem zunächst der US-Konzern Gilead den Markt mit ungewöhnlich hohen Preisen für seine Neuentwicklung Sovaldi geschockt hatte. Mit der angekündigten Preissenkung für sein neues Medikament Zepatier setzt Merck & Co. diesen Trend nun fort. Der Innovationswettbewerb innerhalb der Branche scheint sich damit weiter zu verschärfen.

Insgesamt sorgten diese Trends bisher dafür, dass die Pharmabranche trotz einer Rekordzahl an Neuentwicklungen in den letzten Jahren kaum an Schwung gewonnen hat. Manager aus der Branche und manche externe Experten trauen der Branche für die nächsten Jahre zwar wieder stärkeres Wachstum zu. Der Kapitalmarkt indessen signalisiert angesichts der anhaltenden Preisdebatten eher Skepsis.

Große Pharmakonzerne wie Pfizer, Roche, Sanofi oder Glaxo Smithkline werden an der Börse fast durchweg mit weniger als dem 15-fachen der erwarteten Gewinne bewertet – und damit deutlich niedriger als der Gesamtmarkt. Um diesen Malus abzuschütteln, werden sie beweisen müssen, dass sie den Angriff auf die Pharmapreise mit durchschlagenden Neuentwicklungen wirklich abwehren können.

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