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Medizin-Nobelpreis „Meilenstein im Kampf gegen Krebs“ – Nobelpreisträger legen Basis für Milliardenmarkt

James Allison und Tasuku Honjo haben die Grundlage für die Krebsimmuntherapie gelegt. Heute ist es das wachstumsstärkste Segment der Pharmabranche.
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Revolutionäre Entdeckung. Quelle: dpa
Medizin-Nobelpreisträger James Allison und Tasuku Honjo

Revolutionäre Entdeckung.

(Foto: dpa)

FrankfurtFür die Eiweißmoleküle, mit denen sich die Molekularbiologen James Allison in Texas und Tasuku Honjo in Kyoto in den frühen 90er-Jahren befassten, interessierte sich damals in der Pharmawelt niemand. Dabei hatten es die Forschungsobjekte in sich.

Denn die Zellproteine CTLA-4 und PD-1 fungieren beide als eine Art Bremse für das Immunsystem. Die beiden Wissenschaftler fanden heraus: Diese Wirkung machen sich viele Krebszellen zunutze, um die körpereigene Immunabwehr in die Irre zu führen.

Auf getrennten Wegen haben die beiden Forscher damit die Grundlagen für ein völlig neues Konzept in der Krebsbehandlung, die Krebsimmuntherapie, gelegt – und zugleich die Basis für einen neuen Milliardenmarkt im Pharmageschäft.

Am Montag wurden sie für ihre Pionierleistungen mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet. Ihre Entdeckung, so das Nobel-Komitee am schwedischen Karolinska Institut, markiere „einen Meilenstein im Kampf gegen Krebs“.

Tatsächlich ist die Bedeutung der Forschungsarbeiten sowohl in medizinischer als auch kommerzieller Hinsicht kaum zu unterschätzen. Die Idee, das Immunsystem gegen Krebs zu aktivieren, existiert zwar bereits seit fast 100 Jahren. Aber erst die grundlegenden Arbeiten von Allison und Honjo ebneten den Weg für echte klinische Erfolge.

Inzwischen gilt die Krebsimmuntherapie sowohl in der akademischen Forschung als auch in der industriellen Arzneimittelentwicklung als wichtigster und aussichtsreichster neuer Ansatz.

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Wirkstoffe, die gezielt die Zellproteine PD-1 und CTLA-4 blockieren, sogenannte Checkpoint-Inhibitoren, entpuppten sich in klinischen Studien als überraschend erfolgreich: etwa bei Krebsarten, die in der Vergangenheit als unheilbar galten wie Lungenkrebs oder metastasierendem Hautkrebs.

Sechs dieser sogenannten Checkpoint-Inhibitoren konnten Pharmafirmen seit 2011 auf den Markt bringen. Als siebter Vertreter aus dieser Gruppe erhielt am Tag der Nobelpreis-Verkündung der Wirkstoff Libtayo von Sanofi und Regeneron eine erste Zulassung durch die US-Arzneimittelbehörde FDA. Zahlreiche ähnliche Substanzen befinden sich in klinischer Entwicklung.

Erhebliches Potenzial

Das wirtschaftliche Potenzial der Immuntherapien gilt als erheblich. Die sechs bisher zugelassenen Produkte erzielten im ersten Halbjahr 2018 einen Umsatz von zusammen rund 7,4 Milliarden Dollar, rund 57 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Produktkategorie dürfte damit zurzeit das wachstumsstärkste Segment der Pharmabranche repräsentieren. Die Umsätze mit Krebsmitteln insgesamt legen derzeit um etwa zwölf Prozent jährlich zu.

Als aussichtsreichste Einzelsubstanz gilt dabei das Krebsmittel Keytruda des US-Konzerns Merck & Co. Dessen Umsatz sieht das britische Analyseunternehmen Evaluate Pharma bei fast 13 Milliarden Dollar im Jahr 2024, für Opdivo lauten die Schätzungen auf mehr als elf Milliarden Dollar. Insgesamt dürfte das Produktsegment nach Schätzungen von Analysten schon in einigen Jahren die Schwelle von 30 Milliarden Dollar Umsatz überschreiten.

Ein halbes Dutzend Pharmakonzerne, darunter auf deutscher Seite die Darmstädter Merck-Gruppe, sowie zahlreiche Biotechfirmen treiben die klinische Forschung mit bereits zugelassenen sowie weiteren Immuntherapien voran. Sie testen ihre Substanzen in zahlreichen Kombinationen mit anderen Checkpoint-Inhibitoren sowie etablierten Wirkstoffen. Weltweit dürften inzwischen mehr als 2000 klinische Studien auf dem Gebiet laufen.

Die Herausforderung besteht unter anderem darin, die Wirksamkeit der Substanzen zu verbreitern und ihre zum Teil noch erheblichen Nebenwirkungen zu reduzieren. Ungeachtet aller Euphorie sind die Immuntherapien, die aus der Grundlagenforschung von Allison und Honjo hervorgegangen sind, bisher noch längst keine Allheilmittel gegen Krebs. Die bisher zugelassenen Substanzen wirken letztlich nur bei 20 bis 30 Prozent der Patienten in einer Reihe spezieller Krebsarten.

Wie sich inzwischen herausstellte, hängt ihre Wirkung stark davon ab, inwieweit zuvor bereits Immunzellen in das Krebsgewebe eingewandert sind. Die Strategien der Pharmaforscher konzentrieren sich daher inzwischen verstärkt darauf, mit zusätzlichen Medikamenten das Mikroumfeld von Tumoren zu verändern, um das Vordringen von Immunzellen zu begünstigen.

Aus „kalten“ Tumoren hofft man auf diese Weise „heiße“ Tumore zu machen, die dann auf den Einsatz der Checkpoint-Inhibitoren ansprechen. Auch für die bislang erfolglose Idee, therapeutische Impfstoffe gegen Krebs einzusetzen, könnten sich in Kombination mit den Checkpoint-Inhibitoren neue Perspektiven eröffnen.

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