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Medizinische Versorgungszentren 200 Zahnarztpraxen mit Investorenbeteiligung: Gutachten soll Kritik an Modell widerlegen

Investoren steigen zunehmend bei Zahnarztzentren ein. Die Kassenärztliche Vereinigung warnt vor Nachteilen für Patienten, die Praxen selbst wollen das per Studie widerlegen.
25.11.2020 - 13:08 Uhr 1 Kommentar
Immer öfter schließen sich Ärzte zu Ketten zusammen – mit dabei sind Finanzinvestoren. Quelle: Getty Images
Zahnarztpraxis

Immer öfter schließen sich Ärzte zu Ketten zusammen – mit dabei sind Finanzinvestoren.

(Foto: Getty Images)

München In der Coronakrise haben viele Menschen den Gang in die Arztpraxis aufgeschoben, solange es nicht unbedingt nötig war. Das gilt auch für Kontrolltermine beim Zahnarzt. „Vor allem in der Anfangsphase von Corona gab es bei vielen Zahnärzten Umsatzrückgänge“, sagt Jörn Thiemer, Geschäftsführer des Praxisnetzwerks KonfiDents GmbH.

Diese Entwicklung könnte seiner Ansicht nach den Konsolidierungsdruck unter den Praxen verstärken: „Der eine oder andere Zahnarzt wird sich überlegen, ob er sich lieber einer investorengeführten Gruppe anschließt.“ Thiemer selbst ist diesen Weg vor zwei Jahren bei KonfiDents gegangen und zog zugleich in die Geschäftsführung ein. Die Gruppe hat 20 Standorte mit 600 Mitarbeitern, Investor ist das schwedische Private-Equity-Unternehmen Altor.

Vielfach kaufen Investoren Praxen auf und schließen diese zu Versorgungsgruppen zusammen. „Wir sehen die Entwicklung mit Sorge“, sagte Christian Berger, Vorsitzender der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Bayerns (KZVB), angesichts der wachsenden Zahl von investorengeführten zahnmedizinischen Versorgungszentren (iMVZ) dem Handelsblatt. Die iMVZ wollen derweil mit einem Gutachten belegen, dass viele Vorurteile gegen das Modell unberechtigt seien.

Ein Grund für den Trend zu Praxen in Investorenhand ist demnach die schwierige Nachfolgesuche für viele Zahnärzte: „Schon heute gibt es mancherorts auf dem Land eine regelrechte Unterversorgung, weil ältere Zahnärzte für ihre Praxis schlichtweg keinen Nachfolger mehr finden“, sagt Ruben Stelzner, Geschäftsführer der AllDent GmbH. Dieser Trend werde sich in den nächsten Jahren weiter verstärken.

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Standort erkennen

    Dem im Auftrag mehrerer iMVZ erstellten Gutachten zufolge ist jeder dritte Zahnarzt in Deutschland älter als 56 Jahre. Die meisten jungen Absolventen scheuten aber die Übernahme oder die Gründung einer eigenen Praxis, sagt Thomas Bäumer, CEO von Colosseum Dental Deutschland.

    „Die Gründe dafür liegen zum einen in dem hohen finanziellen Risiko, der steigenden Bürokratie, einer hohen Arbeitsbelastung und der Vereinbarkeit von Beruf und Familie.“ Gleichzeitig steige der Bedarf an Investitionen in Digitalisierung und in neue Geräte.

    „Immer mehr Einzelpraxen müssen schließen und verschwinden für immer. Genau deshalb brauchen wir größere Einheiten“, so AllDent-Geschäftsführer Stelzner. Deren Vorteil habe sich auch in der Coronakrise gezeigt: „Je kleiner die Praxis, desto stärker hat die Pandemie sie getroffen.“ Für kleinere Praxen sei es nicht nur schwieriger, die Auflagen zu erfüllen. Es drohe zudem schnell die Schließung, wenn der Zahnarzt oder das Personal in Quarantäne müssten.

    In der Klinikbranche gibt es den Trend zu immer größeren Ketten wie Helios und Asklepios schon länger. Die Entwicklung ist mit Gruppen wie Dr. Z mit mehr als 20 Standorten auch in der Zahnmedizin angekommen. Im Jahr 2015 hatte der Gesetzgeber medizinische Versorgungszentren (MVZ) mit angestellten Ärzten ermöglicht, auch im Dentalbereich. So entdeckten Finanzinvestoren über eine Hintertür den Markt: den vorherigen Erwerb einer Klinik. Die schwedische EQT ist ebenso engagiert wie die Jacobs-Holding.

    Einer anderen Studie des IGES-Instituts im Auftrag der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung (KZBV) zufolge gibt es deutschlandweit bereits 1000 zahnärztliche MVZ. Etwa ein Fünftel davon befinde sich im Eigentum von Finanzinvestoren. Die Zahl der Standorte in Investorenhand ist angesichts von gut 40.000 Zahnarztpraxen noch vergleichsweise niedrig, hat sich aber binnen zwei Jahren auf 207 nahezu vervierfacht.

    „Es gibt ein Nachfolgeproblem, aber in der Regel auf dem Land“, sagt KZVB-Chef Berger. Der Gesetzgeber habe die Voraussetzungen medizinischer Versorgungszentren einst geschaffen, um die Versorgung in unterversorgten Gebieten auf dem Land zu verbessern.

    „Im zahnmedizinischen Bereich sind aber 80 Prozent der Versorgungszentren nicht auf dem Land, sondern in deutlich überversorgten städtischen Gebieten.“ Das iMVZ-Gutachten kommt dagegen zu dem Schluss, dass mit dem Anteil von mehr als 20 Prozent jene 22 Prozent der Bevölkerung versorgt werden könnten, die auf dem Land leben.

    Laut Gutachten bleibt Umsatz stabil

    Ein Verdacht der Kassenzahnärztlichen Vereinigungen ist, dass investorengeführte Häuser zu aufwendige Behandlungen vornehmen könnten, um die Rendite nach oben zu treiben. „Wir beobachten, dass investorenbetriebene zahnmedizinische Versorgungszentren in den ersten Jahren versuchen, möglichst viel Umsatz zu machen“, sagt KZVB-Chef Berger. Die pro Patient erzielten Honorare seien im Durchschnitt höher als in Einzelpraxen. Wenn sich ein Standort nicht rechne, ziehe der Investor oft weiter.

    Laut iMVZ-Gutachten, das dem Handelsblatt vorliegt, steigt der Anteil der Privatpatienten nach der Übernahme durch Investoren in den Praxen nicht. Auch bleibe der Umsatz pro Patient stabil oder sinke. Teurer Zahnersatz und Implantate würden seltener abgerechnet – weil der Fokus stärker auf der Vorsorge liege.

    KonfiDents-Geschäftsführer Thiemer betont, seine Praxis gebe es seit mehr als 40 Jahren, er selbst habe sie vor 25 Jahren übernommen. „Seit ich vor zwei Jahren der Gruppe beigetreten bin, bin ich nicht plötzlich teurer geworden. Für die Patienten hat sich gar nichts geändert.“

    Er spüre keinen Renditedruck. Gerade weil ein Investor Geld verdienen wolle, werde er die Praxis nicht ausbluten lassen oder die Serviceleistungen verschlechtern. Auch AllDent-Geschäftsführer Stelzner sagt: „Am Abrechnungsverhalten der Praxen ändert sich durch die Beteiligung eines Investors überhaupt nichts.“ Im Gegenteil, die Qualität der Behandlung verbessere sich und sie könne wegen der Skaleneffekte günstiger angeboten werden.

    Vertrauen als Geschäftsgrundlage

    Colosseum, das sich als Teil der Jacobs-Holding als sehr langfristig orientierter Investor versteht, will die Zahl der Standorte im kommenden Jahr auf deutlich mehr als 70 steigern. „Unser langfristiges Ziel ist es, dass irgendwann jeder Patient in Deutschland unsere Behandlungsqualität in Anspruch nehmen kann“, sagt Bäumer.

    Der Trend wird sich wohl fortsetzen, auch wenn der Gesetzgeber die Hürden für den Einstieg von Investoren etwas erhöht hat. „Es wird in zehn Jahren sicher deutlich mehr zahnmedizinische Versorgungszentren geben – aber auch immer noch die klassischen Einzelpraxen“, ist KonfiDents-Geschäftsführer Thiemer überzeugt.

    Und auch der KZVB-Vorsitzende Berger ist überzeugt, dass auch in Zukunft Einzelpraxen und Praxisgemeinschaften die Regel bleiben. Die Patienten seien daran interessiert, immer vom selben Zahnarzt behandelt zu werden: „Da gibt es ein Vertrauensverhältnis.“

    Der Zahnarzt, der seinen Patienten seit Jahren kenne, wisse am besten, wann bei diesem eine Behandlung notwendig sei. Für junge Patienten in den Städten, die spontan an einem Zahnarzttermin in der Fußgängerzone interessiert seien, könnten die Ketten etwas sein, nicht aber für die breite Masse.

    Mehr: Dieser Zahnschienen-Hersteller bringt seine Shops nach Deutschland.

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    1 Kommentar zu "Medizinische Versorgungszentren : 200 Zahnarztpraxen mit Investorenbeteiligung: Gutachten soll Kritik an Modell widerlegen"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Diese Ärztezentren halte ich für eine Katastrophe. Bei den Augenärzten haben Investoren den Praxismarkt bereits abgegrast und die Folgen sind, dass der hippokratische Eid hinter Gewinnspanne und Umsatz zurücktritt.. Ich vermeide diese Ärztezentren und such mir lieber Ärzte mit eigener Praxis / Praxisgemeinschaft. Bei Augenärzten ist das aber wirklich schwer geworden.
      Ich bin ein großer Freund des Marktes, aber hier sollte der Gesetzgeber echt mal einen Riegel vorschieben.

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