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Medizintechnik Utz Claassen häuft mit Syntellix Verluste an, will aber trotzdem an die Börse

Seit zehn Jahren schreibt der Manager mit seinem Medizinunternehmen Syntellix keine Gewinne. Trotzdem will er es bald an die Börse bringen.
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Claassen arbeitete schon bei VW, führte das Pharmaunternehmen Sartorius und den Stromriesen EnBW. Quelle: Bernd Roselieb für Handelsblatt
Utz Claassen

Claassen arbeitete schon bei VW, führte das Pharmaunternehmen Sartorius und den Stromriesen EnBW.

(Foto: Bernd Roselieb für Handelsblatt)

DüsseldorfSein Unternehmen ist das allerbeste, daran hat Utz Claassen keinen Zweifel. Vor einem Jahr wurde seine Medizinfirma Syntellix als Innovator des Jahres ausgezeichnet. Preisgeber des „TOP 100“ Wettbewerbs war die Compamedia aus Überlingen, gewinnen konnte nur, wer eine Gebühr und den Kostenbeitrag von 8700 Euro zahlte. 414 Bewerber machten mit, 262 wurden ausgezeichnet. Syntellix erreichte Platz 1 in der Kategorie für Kleinfirmen. Claassens Freude war riesig: „Zu den TOP 100 zu gehören, ist an sich schon super, aber TOP der TOP 100 zu sein, ist unbeschreiblich.“

Nun ist Claassen ein Mann, den so leicht nichts aus der Fassung bringt. Als Schüler machte er ein Wunderabitur, dann galt er als Managertalent. Claassen arbeitete bei VW, führte das Pharmaunternehmen Sartorius und den Stromriesen EnBW. Sein Ruf eilte ihm voraus. Solar Millennium zahlte ihm im Januar 2010 neun Millionen Euro Antrittsgeld. 74 Tage später ging Claassen wieder. Den Kollaps 2011 erlebte er aus sicherem Abstand.

Bei Syntellix sind die Vorzeichen anders. Claassen und seine Frau halten rund drei Viertel der Aktien. Anfang 2018 donnerte ein „Paukenschlag“, wie Claassen formulierte. Jürgen Fitschen, Ex-Co-Chef der Deutschen Bank, steige als Schlüsselinvestor ein und ziehe in den Aufsichtsrat ein. Fitschens Schlüssel war klein – er übernahm nur 0,66 Prozent der Anteile. Doch sei’s drum. Claassen selbst wollte fortan den Vorstand führen. Aufsichtsräte und Investoren hätten ihn darum gebeten.

„Die erfolgreichsten Börsengänge von technologieorientierten Start-up-Unternehmen der letzten Jahre waren nahezu durchgängig dadurch gekennzeichnet, dass der Gründer auch als CEO persönlich auftritt“, sagte Claassen. Als Beispiel nannte er Apple, Google und Facebook. Nun sind die US-Giganten ein gewagter Vergleich für eine Firma wie Syntellix. Sie feierte 2018 ihren zehnten Geburtstag.

Facebook kam zu diesem Jubiläum auf einen Jahresumsatz von 12,5 Milliarden Dollar – mehr als 6000 Mal so viel wie Claassens Unternehmung. Ein Messen nach Gewinn fiele noch schlechter aus – Syntellix hat keinen. Das Start-up aus Hannover ist seit Gründung durchgehend defizitär.

Gründer war Claassen zudem nur auf dem Papier. Zwar meldete er Syntellix 2008 beim Handelsregister Hannover an. In den ersten Jahren hatte Syntellix aber nur einen Mitarbeiter, und der hieß nicht Claassen.
Sein Name ist Robert Schavan.

Der Bruder der Ex-Bundesforschungsministerin arbeitete früher im Weltkonzern Synthes. Er sollte Syntellix aufbauen und Studien für eine Idee in Auftrag geben, die Claassen an der medizinischen Hochschule Hannover gefunden hatte: Schrauben aus Magnesium.

Studenten im Sonderforschungsbereich 599 hatten jahrelang an bioresorbierbaren Implantaten geforscht. Um Gelenke zu stabilisieren und Knochen zusammenzuhalten, setzen Chirurgen Schrauben und Platten ein. Oft müssen die Patienten erneut operiert werden, um sie wieder zu entfernen.

Üblicherweise sind diese Hilfsmittel aus Stahl oder dem Leichtmetall Titan. Was wäre nun, dachten die Forscher, wenn man ein sich selbst auflösendes Material verwendet? Das würde Zeit und Geld sparen, die zweite Operation entfiele.

Schavan organisierte über sein Netzwerk die wissenschaftliche Forschung, aus der Idee wurde ein Protoptyp: die Magnezix-Schraube. 3,2 Millimeter lang und vom Körper abbaubar. 2013 wurde die Schraube als Medizinprodukt zugelassen.

Eine Schraube macht noch keinen Medizinkonzern. Erst Anfang 2015 konnte Syntellix vermelden, 1500 Implantate in Verkehr gebracht zu haben. Bis Januar 2016 waren es 10.000 Implantate, anschließend blieben die Steigerungsraten bescheiden.

Warum? Schavan sagt dazu nichts. Er gab 2013 sein Vorstandsamt ab, 2018 schied er bei Syntellix aus. Zu den Gründen oder überhaupt äußert sich der Mann der ersten Syntellix-Stunde nicht, offenbar gibt es eine Verschwiegenheitserklärung. Sein Nachfolger Thomas Mayer unterschrieb gerade einen Aufhebungsvertrag und soll auf der bevorstehenden Hauptversammlung nicht entlastet werden. Den Grund dafür kennt er nicht. „Davon höre ich jetzt zum ersten Mal“, sagt Mayer auf Anfrage des Handelsblatts. Mehr wolle er nicht sagen.

Vor fünf Jahren, als Aufsichtsratsvorsitzender, bezifferte Claassen den Markt für seine Schrauben auf drei Milliarden Euro und kündigte an, ihn aufzurollen. Syntellix entwickelte weitere Schrauben und erhielt auch für sie Zulassungen. „Wir wollen in unserer Welt der Tesa-Film und die Nivea-Creme werden“, sagte Claassen. Und tatsächlich: Syntellix nennt sich heute Weltmarktführer.

Jeder kann seinen Markt frei definieren. Auf dem Markt für Operationen ist das Unternehmen praktisch nicht vorhanden. 2016 schaffte Syntellix einen Umsatz von 1,1 Millionen Euro – kaum eine Steigerung zum Vorjahr. Viel schneller wuchsen die Verluste. Zwischen 2013 und 2016 verfünffachte sich der Bilanzverlust auf 8,6 Millionen Euro. Ende 2016 lag der Kassenbestand bei 1220 Euro.

Dann wurde Geld nachgeschossen. 2017 war Syntellix in 30 Ländern aktiv. Im März verkündete Syntellix, es habe „eine Schallmauer durchbrochen.“ Bis Ende des Jahres wolle man 70.000 Implantate in Verkehr gebracht haben. Auch das klappte nicht. Laut Jahresabschluss kam die Firma nur auf 40.000 Einheiten. Der Umsatz, einmal mit vier Millionen Euro geplant, lag bei 1,8 Millionen Euro. Der Verlust nach Steuern betrug 3,8 Millionen Euro, der Bilanzverlust 12,4 Millionen Euro.

Das Handelsblatt befragte Chirurgen, was sie von der Syntellix-Schraube halten. Das Ergebnis: Kaum jemand hat damit Erfahrung. „Wir sind mit Titanschrauben gut bedient“, sagt ein Spezialist aus dem Kölner Dreifaltigkeitskrankenhaus. „Die lässt man heutzutage bei vielen Patienten einfach drin.“

Hat Syntellix den Markt falsch eingeschätzt? Konzentriert sich das Unternehmen zu viel auf den Gewinn von Preisen und zu wenig auf die Bearbeitung des Marktes? Wer Fragen an Utz Claassen schickt, erhält eine Rückmeldung von Sprecher Klaus Kocks. Gefragt nach den hohen Verlusten und niedrigen Steigerungsraten antwortet er, das Unternehmen befinde sich im „kontinuierlichen Wachstumsprozess“. Die für 2017 lägen „trotz verschlechterter weltwirtschaftlicher Rahmenbedingungen im erwarteten Ergebniskorridor“.

Am Donnerstag muss Claassen seinen Aktionären erklären, warum 40.000 Einheiten im selben Korridor liegen wie 70.000. Bei der Hauptversammlung in Hannover hat er aber noch einiges mehr vor. Laut Tagesordnung soll die Syntellix AG bis 2020 an die Börse. Geplanter Umsatz bis dahin: mehr als 34 Millionen Euro.
Dazu braucht es Motivation. Auf der Weihnachtsfeier kündigte Claassen eine Mitarbeiterbeteiligung an. Nun kommt erst mal der Vorstand dran. Der Aufsichtsrat soll auf der Hauptversammlung ermächtigt werden, dem Vorstand bis zu 300.000 neue Aktien zum Preis von je einem Euro zu übertragen. Außerdem soll die Zahl der Aufsichtsräte von Syntellix von neun auf zwölf steigen – bei einem Umsatz von 1,8 Millionen Euro. Die

Machtverhältnisse würden sich nicht ändern: Claassen soll statt drei künftig vier Mitglieder benennen. Die Aufseher wären berechtigt, Claassen Einzelvertretungsberechtigung zu erteilen.

Als Alleinherrscher wäre Claassen freilich auch allein verantwortlich. Nach Auskunft eines Syntellix-Sprechers liegt die Zahl der seit Gründung in Verkehr gebrachten Implantate bei 45.000. Claassen ist seit Januar Vorstandschef. Unter seiner Führung hätte das Unternehmen damit in fast acht Monaten ganze 5000 Einheiten verkauft. Vielleicht wählt Claassen bei nächster Gelegenheit einen anderen Vergleich als mit Apple und Google.

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