Mehrheit an Joint Venture BMW sichert sich mit Milliardendeal mehr Macht in China

Als erster ausländischer Autohersteller übernehmen die Münchener die Mehrheit an einem Joint Venture. Die Produktion in China wird kräftig aufgestockt.
Update: 11.10.2018 - 03:53 Uhr Kommentieren
BMW übernimmt mit Milliardendeal mehr Macht in China Quelle: AFP
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Mit Brilliance produziert BMW seit 2003 im nordchinesischen Shenyang. Zur Zeit werden dort die 3er- und 5er-Reihe sowie der X1 und der X3 gebaut.

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Shenyang/MünchenShenyang, so schrieb einst ein chinesischer Kolumnist, ist mit Deutschland verheiratet. Wer sich in der Stadt bewegt, kommt nicht umhin, die vielen Werbeplakate für Mercedes, VW und Lufthansa zu bemerken. Die Straßen sind mit deutsch-chinesischen Wimpeln gesäumt, Laster mit frisch gefertigten BMWs brausen vorbei. Für die Zeremonie hat man ein weißes Festzelt mitten aufs Bauland gestellt.

Die deutschen Gäste grinsen breit. Es wird Großes verkündet: Der BMW-Konzern übernimmt ab 2022 die Mehrheit an dem Gemeinschaftsunternehmen mit seinem chinesischen Partner Brilliance. Entsprechende Verträge unterzeichneten die Münchener in der Nacht zum Donnerstag unter dem weißen Zelt in Shenyang.

Für die Anteilsaufstockung bei BMW Brilliance Automotiv (BBA) um 25 auf 75 Prozent will der deutsche Autohersteller rund 3,6 Milliarden Euro zahlen. Zudem kündigte BMW an, eines der Produktionswerke in China deutlich zu erweitern. Damit steigt die Fertigungskapazität in China von heute 400.000 auf 520.000 Autos pro Jahr.

BMW ist damit der erste ausländische Hersteller, der in China eine Mehrheitsbeteiligung eingehen darf. Bislang durften Ausländer maximal fünfzig Prozent an den Gemeinschaftsunternehmen mit chinesischen Partnern halten. Mit Brilliance produziert BMW seit 2003 im nordchinesischen Shenyang. Zur Zeit werden die 3er und 5er-Reihe gebaut, zudem der X1 und der X3.

Ein größerer Joint-Venture-Anteil für die Münchener liegt auf der Hand: Seit 2013 hat der Konzern seine Verkäufe in China fast verdoppeln können. Mittlerweile ist China für BMW der größte Markt der Welt. Allein im ersten Halbjahr setzte BMW dort fast 300.000 Autos ab – fast doppelt so viele wie in Deutschland. Insgesamt verkaufte das Unternehmen 1,24 Millionen Fahrzeuge der Marken BMW, Mini und Rolls-Royce.

Während in Europa und den USA der Markt stagniert, wächst China weiter. Zudem dürfte BMW die Gelegenheit nutzen, weitere Modelle von den USA nach China zu verlagern. Zur Zeit exportiert BMW aus seinem Werk in South Carolina rund 80.000 Autos pro Jahr nach China. Durch den schwelenden Handelskrieg zwischen China und den USA sind diese Exporte mit Einfuhrzöllen mit bis zu 40 Prozent belegt.

Die Brilliance Gruppe, zu der unter anderem auch das 1992 gegründeten Brilliance Auto und die Minibus Marke Jinbei gehören, wurde 2002 als staatliches Unternehmen von der nordostchinesischen Provinzregierung Liaonings ins Leben gerufen. Bisher liegt der BMW-Anteil bei 50 Prozent, Brilliance verfügt über 40,5 Prozent und die restlichen 9,5 Prozent besitzt die Stadt Shenyang. Während der chinesische Hersteller das Personal, die Fabriken und den Vertrieb organisiert, sind die Münchener für Modelle, Technik und Produktion verantwortlich.

Der Anteilsaufstockung gingen lange Verhandlungen voraus, mehrfach sprach BMW-Chef Harald Krüger bereits in China vor. Schon Mitte April hatte die oberste Planungsbehörde Chinas mitgeteilt, dass der Joint-Venture-Zwang und die Beteiligungsbegrenzung schrittweise wegfallen sollte: für Elektroautos und Spezialgefährte schon dieses Jahr, bei Nutzfahrzeugen im Jahr 2020 und bei Pkws im Jahr 2022.

Krüger erzählte beim Event, dass chinesische Ministerpräsident Li Keqiang Verhandlungen höchstpersönlich unterstützt habe. Mit der Werkserweiterung werden zusätzlich zu den 18.000 bestehenden Jobs weitere 5000 geschaffen – das ist wichtig für eine Region, die vom Strukturwandel betroffen ist.

Qi Yumin, der Vorsitzende der Brilliance Gruppe, dankte mehrmals der chinesischen Zentralregierung, ohne die sein Unternehmen seine Erfolge nie hätte erzielen können und bestärkte BMW und Brilliance, künftig noch enger zu kooperieren. „Brilliance wird seine Marke weiterentwickeln und weiter vom Meister lernen, so dass wir künftig neben Riesen bestehen können und das BMW für die Welt werden können.“

Brilliance würde ohne Joint Venture rote Zahlen schreiben

BMW-Chef Harald Krüger (links), hier mit Chinas Premier Li Keqiang, hat schon mehrfach in China vorgesprochen. Quelle: Reuters
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BMW-Chef Harald Krüger (links), hier mit Chinas Premier Li Keqiang, hat schon mehrfach in China vorgesprochen.

(Foto: Reuters)

Die Brilliance Gruppe würde ohne das Joint Venture rote Zahlen schreiben. 2017 erzielte BBA einen Profit von rund 670 Millionen Euro für Brilliance, insgesamt kam der Brilliance Konzern jedoch nur auf einen Gewinn von rund 560 Millionen Euro.

„Seit Beginn der Partnerschaft war Brilliance wie ein großes Baby, dass von BMW durchgefüttert werden musste“, urteilt der Jeffrey Gui, Senior Manager bei der internationalen Beratungsfirma AT Kearney. „Die Deutschen haben fast alles gemacht: Forschung, Entwicklung, strategische Planung und Marketing.“ Auf der Pressekonferenz ließ sich Brilliance davon aber nichts anmerken.

Tatsächlich jedoch meint Gui, dass Brilliance dazu „angeregt wurde, BMW als einem der größten Steuerzahler der Region entgegenzukommen“. Seit die oberste Planungsbehörde Chinas im April eine Lockerung der Beteiligungsgrenze und Gemeinschaftsunternehmenspflicht bekannt gegeben hat, können sich die einstigen Trittbrettfahrer nicht mehr auf den Schutz des Staates ausruhen.

Doch auch nach fünfzehn Jahren Partnerschaft mit BMW gilt die eigene Marke von Brilliance, wie der Auto-Analyst von UBS Paul Gong sagt, „als unbedeutend und von schlechter Qualität“. Während in China vergangenes 28,8 Millionen Autos verkauft wurden, kam Brilliance mit seinen selbst entwickelten Autos nur auf magere rund 130.000 selbst entwickelte Vehikel.

Außerdem haben sich mit privaten Marken wie Geely Nio oder Great Wall jenseits der Joint Venture Strukturen in den vergangenen Jahren starke Alternativen entwickelt und arbeiten aus Sicht der Zentralregierung sehr viel zielführender.

Geste der Pekinger Regierung

Die Verkündigung der Beteiligungserhöhung für einen ausländischen Autohersteller wie BMW wertet Gong als eine Geste der Pekinger Regierung. „Sie wollen damit signalisieren, dass China seine Versprechen für mehr Marktöffnung halten wird – trotz des Handelskrieges“, sagt er. BMWs Entscheidung, mehr Produktion nach China zu verlagern, sei hingegen nicht politisch. „Hierbei spielen vor allem kommerzielle Faktoren eine Rolle.“

Welche politische Bedeutung dem Schritt beigemessen wird, sieht man dann auch an den geladenen Gästen der Veranstaltung. Während die Deutschen vor allem von BMWs Führungsspitze repräsentiert werden, haben die Chinesen Regierungsvertreter vorgeschickt.

Li sendete seine persönlichen Glückwunsche und beschrieb den Vertrag als ein Symbol für Chinas Versprechen, seinen Markt weiter öffnen und gleiche Bedingungen schaffen zu wollen. Kanzlerin Angela Merkel wiederum ließ ausrichten, dass es „beispielhaft für die auf Langfristigkeit und Kooperation ausgerichtete wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Deutschland und China“ sei.

Auf die Strafzölle aus Washington reagierte Peking mit Gegenmaßnahmen. Unter anderem werden nun auf aus USA importierten Autos Einfuhrabgaben in Höhe von insgesamt 40 Prozent erhoben. Erst Anfang Oktober sagte der BMW Finanzchef Nicolas Peter der Nachrichtenagentur Reuters, dass der Handelskrieg zwischen den USA und China dem Unternehmen in der zweiten Jahreshälfte fast 350 Millionen Dollar kosten werde. Im Juli und August verzeichnete BMW bei importierten Autos auf dem chinesischen Markt einen Rückgang der Verkäufe von jeweils 44 und 38 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

2017 exportierte BMW allein aus dem Werk in South Carolina 81.000 Fahrzeuge nach China. Um dies aufzufangen, erhöhte BMW den Preis für seine Fahrzeuge dort um vier bis sieben Prozent. Die unverbindliche Preisempfehlung in China für ein BMW X5 liegt bei rund 105.000 Dollar, während er in den USA für 57.000 Dollar verkauft wird. Eine Ausweitung der Produktionskapazitäten in Shenyang würde BMWs Abhängigkeit vom US-Standort verringern.

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