Mercedes-Hersteller Daimlers Motor gerät ins Stottern – die Baustellen des Autokonzerns

Das Image ist angekratzt, die Zahlen unter Plan, die Aussichten trübe: Bekommt Daimler-Chef Dieter Zetsche die vielen Probleme noch in den Griff?
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Der Daimler-CEO spricht bei der Präsentation eines neuen Modells in Peking: Der erfolgsverwöhnte Manager kämpft derzeit mit vielen Problemen. Quelle: Reuters
Dieter Zetsche

Der Daimler-CEO spricht bei der Präsentation eines neuen Modells in Peking: Der erfolgsverwöhnte Manager kämpft derzeit mit vielen Problemen.

(Foto: Reuters)

DüsseldorfIst die langfristige Strategie intakt, so das Credo von Aktionärsschützer Marc Tüngler, verzeihen Anleger Unternehmen auch „kurzfristige Tiefschläge“. Von Letzteren mussten Daimler-Anteilseigner zuletzt gleich mehrere einstecken.

So verdonnerte die Bundesregierung Deutschlands automobilen Vorzeigekonzern (Leitspruch: „Das Beste oder nichts“) am 11. Juni dazu, Hunderttausende Dieselfahrzeuge wegen „unzulässiger Abschalteinrichtungen“ in die Werkstätten zu rufen. Bei der Elektrooffensive EQ droht Verzug, die Marke Smart fährt ohne Plan. Und vergangene Woche kassierte Daimler erstmals seit fast sechs Jahren auch noch seine Gewinnprognose.

„Nach den zahlreichen Negativschlagzeilen in den vergangenen Wochen muss Daimler liefern“, fordert Tüngler im Gespräch mit dem Handelsblatt. Bei dem Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) steigen die Erwartungen.

Daimler-Chef Dieter Zetsche drohe seine wichtigste Währung zu verspielen, „das verbliebene Vertrauen“, warnt Tüngler. Schließlich dümpelt die Aktie auf einem Zweijahrestief. Das saubere Image des Mercedes-Herstellers ist angekratzt. Die Zahlen liegen unter Plan. Und die Aussichten verdüstern sich zusehends.

Die Zweifel, ob die Richtung bei Daimler noch stimmt, mehren sich. Nicht zuletzt, weil die Kommunikation der Schwaben mehr Fragen aufwirft, als sie Antworten liefert. Die Gewinnwarnung begründete Daimler beispielsweise „maßgeblich“ mit dem Handelsstreit zwischen den USA und China.

Zweifelsfrei: Höhere Zölle würden Daimler empfindlich treffen. In Tuscaloosa im US-Bundesstaat Alabama produzieren die Stuttgarter ihre sportlichen Geländewagen (SUV) für den Weltmarkt. Zehntausende Modelle davon werden jährlich ins Reich der Mitte verschifft.

Autobranche fürchtet neue US-Zölle

Sollte Peking auf die von US-Präsident Donald Trump angekündigten Handelshemmnisse gegen chinesische Produkte mit zusätzlichen Einfuhrtarifen in Höhe von 25 Prozent auf US-Importe reagieren, kämen auf Daimler unschöne Belastungen zu. Zudem droht Trump den heimischen Autobauern noch an einer weiteren Front – nämlich mit Zöllen auf EU-Importe. So twitterte der US-Präsident, die EU belaste die USA und ihre Firmen mit unfairen Handelshemmnissen: „Wenn diese Zölle und Barrieren nicht bald eingerissen und beseitigt werden, werden wir 20 Prozent Zoll auf alle ihre Autos erheben, die in die USA kommen.“

Noch handelt es sich freilich um Drohgebärden im Konjunktiv. Die ökonomischen Klingen werden gewetzt, aber noch nicht eingesetzt. „Wenn man schon in dem sich erst anbahnenden Handelskrieg mit einen Grund für eine Gewinnwarnung sieht, mag man sich nicht ausmalen, was passiert, wenn dieser wirklich ausbricht“, zeigt sich Aktionärsschützer Tüngler verwundert und besorgt zugleich.

Damit ist er nicht allein. „Ungewöhnlich“ und „merkwürdig“ nennen die Analysten von Evercore ISI das Vorgehen von Daimler, den Handelsstreit als einen wesentlichen Grund für die gekappte Prognose anzuführen. Die Experten des Investmenthauses mutmaßen vielmehr, etwas anderes könnte dahinterstecken. Lässt sich etwa das „alternde SUV-Portfolio“ nicht mehr so gut verkaufen?“, fragt Evercore.

Völlig abwegig ist diese These nicht. „Die Party im Automobilmarkt ist erst einmal vorbei“, konstatiert Stefan Bratzel. Der Direktor des Center of Automotive Management (CAM) an der Wirtschaftsfachhochschule in Bergisch Gladbach ist überzeugt: Nach „sieben fetten Jahren“ stehen Daimler, BMW und Co. nun eher magere Zeiten bevor. „Auf die Hersteller kommt eine Vielzahl an Unsicherheiten zu: Da ist das Damoklesschwert von Strafzöllen, die Milliardeninvestitionen in die Elektromobilität, denen unmittelbar keinerlei Einnahmen gegenüberstehen, und immer rigidere Vorgaben bei den CO2-Emissionen“.

Daimler stoppt Auslieferung mehrerer Modell

Einen weiteren Punkt nennt Daimler in seiner Gewinnwarnung: Die Umstellung auf den neuen, strengeren Zulassungsstandard WLTP, den jedes Auto künftig durchlaufen muss. Dieser Hinweis überrascht, hatte Daimler doch bislang behauptet, gut vorbereitet zu sein, um den zusätzlichen Aufwand bewältigen zu können. „In Märkten, in denen CO2 höher besteuert wird, kämpfen wir mit Absatzproblemen bei Dieselfahrzeugen“, sagt nun eine Führungskraft.

Zum Hintergrund: Weil die Autos bei WLTP anders als früher die Grenzwerte für den Ausstoß von Kohlenstoffdioxid nicht nur auf dem Prüfstand im Labor einhalten müssen, sondern auch unter realen Bedingungen auf der Straße, „steigen die CO2-Emissionen pro Fahrzeug an“, erklärt Autoprofessor Bratzel. Die Folge: In Märkten wie den Niederlanden, in denen Autos danach besteuert werden, wie umweltfreundlich sie sind, werden viele Dieselmodelle für Kunden nun tendenziell teurer und damit unattraktiver.

Hinzu kommt: „Alle prügeln sich um die Teststände“, sagt ein Manager. Mehrkosten entstünden vor allem durch Umsätze, die nicht getätigt werden können – weil Autos, die nicht zugelassen sind, auch nicht verkauft werden dürfen. „Unglaublich viele Autos stehen aktuell auf Halde“, erläutert CAM-Direktor Bratzel das Branchenproblem: „Das ist eine Folge des Abgasskandals.“

Laut Funke-Mediengruppe hat Daimler seine Händler zudem angewiesen, die Auslieferung von einigen Mercedes-Modellen zu stoppen. Grund ist der angekündigte Rückruf für Dieselautos mit der Norm 6d. Daimler möchte erst die Software aktualisieren, bevor die Fahrzeuge an die Kunden gehen. Es dürften zwar nur einige Hundert Autos betroffen sein.

Aber Daimler-Chef Zetsche schlingert weiter im Dieselskandal, Hoffnungsmärkte wie Lateinamerika brechen weg. Der Handelsstreit verunsichert. Und intern hört man häufiger das Wort „Preisdruck“. Alles in allem: trübe Aussichten für den Mann, der sein letztes Amtsjahr mit Rekordzahlen abschließen will.

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