Merck beerdigt Krebsmittel Pharmariese scheitert mit „Hochrisiko-Projekt“

Seit den 90er Jahren hat Merck kein neues Arzneimittel aus eigener Forschung mehr auf den Markt gebracht. Nun scheitert auch ein potenzielles Krebsmittel in klinischen Tests. Der Druck auf den Pharmariesen wächst.
Der Pharmakonzern muss einen Flop verdauen. Quelle: Ulrich Baumgarten/Getty Images
Forschung bei Merck

Der Pharmakonzern muss einen Flop verdauen.

(Foto: Ulrich Baumgarten/Getty Images)

FrankfurtDer Darmstädter Chemie- und Pharmakonzern muss einen weiteren Rückschlag in seiner Pharmaforschung verkraften: Sein potenzielles Krebsmittel Evofosfamide zeigte in klinischen Studien enttäuschende Ergebnisse in der Behandlung von Weichteil- und Bauchspeicheldrüsenkrebs und soll daher in diesem Bereich nicht weiter verfolgt werden. Die für Evofosfamide vorgesehenen Mittel werde man nun in andere Entwicklungsprogramme und Arzneimittelkandidaten investieren, darunter das Krebsimmun-Medikament Avelumab, teilte Merck am Montag mit.

Evosfamide war bisher das am weitesten vorangeschrittene Projekt der Merck-Pharmasparte. Merck hatte gehofft, das Produkt 2016 zur Zulassung einzureichen. Der Wirkstoff wird außerdem noch gegen Haut- und Lungenkrebs getestet, befindet sich dort aber noch in einer früheren Phase der klinischen Studien.

Der Flop bestätigt einmal mehr die Schwäche des Darmstädter Konzerns in der Pharmaforschung. Merck hat schon seit den 90er Jahren kein neues Arzneimittel aus eigener Forschung mehr auf den Markt gebracht und ist in den zurückliegenden Jahren auch mit einlizenzierten Produkten immer wieder gescheitert. Für das potenzielle Multiple-Sklerose-Medikament Cladribin, das vor fünf Jahren in der Zulassung durchfiel, will Merck 2016 allerdings einen neuen Anlauf nehmen und das Produkt auf Basis neuer Daten erneut einreichen.

Den Wirkstoff Evofosfamide hatte Merck Anfang 2012 vom amerikanischen Biotechunternehmen Threshold Pharmaceuticals einlizenziert. Das Projekt wurde damit schon unter der Ägide des damals neu engagierten Pharmachefs und künftigen Merck-Chefs Stefan Oschmann gestartet.

Merck hatte nach dem Ausfall von Cladribin einen umfassenden Umbau seiner Pharmasparte gestartet und in diesem Zuge sowohl das Forschungsprogramm als auch das Management weitgehend ausgetauscht. Seine Pipeline betrachtet das Unternehmen inzwischen als weitaus solider und aussichtsreicher. Noch vor wenigen Wochen bekräftigte der scheidende Firmenchef Karl-Ludwig Kley seine Zuversicht, dass die Zeit der Pharma-Misserfolge bei Merck bald vorbei sei.

Allerdings hatte er dabei wohl weniger Evosfamide im Auge sondern eher das potenzielle Krebsmittel Avelumab, das Merck in Kooperation mit dem US-Pharmariesen Pfizer entwickelt. Avelumab ist ein Krebsimmunwirkstoff, mit dessen Hilfe man hofft, die Immunabwehr gegen Krebszellen zu aktivieren. Das Konzept sorgt derzeit für erhebliche Furore. Auch Merck macht sich entsprechend große Hoffnungen für den Wirkstoff, der sich in einer abschließenden Testphase gegen Lungenkrebs befindet und darüber hinaus gegen eine Reihe anderer Krebsarten getestet wird. Pfizer zahlt für die Beteiligung an dem Merck-Projekt bis zu 2,8 Milliarden Dollar.

Evosfamide dagegen hatte Kley zuletzt bereits als „Hochrisiko-Projekt“ bezeichnet. Auch Analysten und Investoren hatten für das Projekt offenbar nicht allzu große Hoffnung. Die Aktie des Entwicklungspartners Threshold dümpelt schon seit mehr als einem Jahr bei Kursen um die vier Dollar und war in den letzten Wochen verstärkt unter Druck geraten. Die Merck-Aktie gab in Reaktion auf den Evosfamide-Flop am Montagmorgen um gut drei Prozent nach.

Die größten Pharmakonzerne der Welt
Platz 20: Astellas
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Gemessen am reinen Pharmaumsatz ist Astellas die Nummer zwei der japanischen Pharmaindustrie. Der Schwerpunkt liegt auf Transplantationsmedizin, Onkologie und Antiinfektiva. Die Japaner kamen im vergangenen Jahr auf einen Umsatz von 11,1 Milliarden Dollar.

Platz 19: Boehringer
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Das Labor von Boehringer Ingelheim: Der zweitgrößte deutsche Pharmakonzern ist fest in Familienhand. Die Schwerpunkte liegen auf Mittel gegen Atemwegserkrankungen wie etwa das Lungenmittel Spiriva. Ein weiteres bekanntes Mittel ist Pradaxa, das zur Thrombose-Prävention eingesetzt wird. Geschätzter Umsatz 2015: 12,6 Milliarden Dollar.

Platz 18: Takeda
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Takeda ist der größte japanische Pharmahersteller und bietet Mittel in verschiedenen Therapiegebieten. Die Japaner haben sich 2014 durch die Fusion mit Nycomed deutlich vergrößert und kamen voriges Jahr auf einen Pharmaumsatz von 13,8 Milliarden Dollar.

Platz 17: Allergan
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Allergan hieß früher einmal Actavis und ist unter anderem Hersteller von Botox. 2015 machte das Unternehmen einen Umsatz von 15,1 Milliarden Dollar.

Platz 6: Bayer
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Der größte deutsche Pharmakonzern hat sich im Gegensatz zu dem Jahr 2015 um ganze zehn Platze verbessern können. Der Umsatz 2017: 43,1 Milliarden Dollar. Top-Produkte sind beispielsweise der Gerinnungshemmer Xarelto und das Augenmedikament Eylea.

Platz 15: Novo Nordisk
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Die Produktion von Langzeitinsulin der Firma Novo Nordisk: Der dänische Arzneihersteller ist einer der weltweit führenden Anbieter von Mitteln gegen Diabetes. Er kam im vergangenen Jahr auf einen Umsatz von 16,1 Milliarden Dollar.

Platz 14: Bristol-Myers Squibb
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Der New Yorker Konzern hat seinen Schwerpunkt bei Mitteln gegen HIV und in der Immunologie, aber auch in der Onkologie. Der Pharmaumsatz lag 2015 bei 16,6 Milliarden Dollar.

Für Merck wäre ein Entwicklungserfolg in der Pharmasparte sehr wichtig, um diesen wichtigen, rund 6,5 Milliarden Euro Umsatz starken Teilbereich des Konzerns mittelfristig wieder auf Wachstumskurs zu bringen. Die derzeitigen Spitzenprodukte, das Multiple-Sklerose-Mittel Rebif und das Krebsmittel Erbitux geraten zunehmend unter Konkurrenzdruck.

Insgesamt hat der Darmstädter Konzern allerdings seine Abhängigkeit vom Pharmageschäft in den letzten Jahren durch große Zukäufe im Chemie- und Lifescience-Bereich stark gemindert. Insbesondere durch die vor kurzem vollzogene Übernahme des amerikanischen Laborreagenzienherstellers Sigma-Aldrich verstärkt Merck seine Position als Zulieferer im Biotechbereich. Der Umsatzanteil des Gesundheitsgeschäfts dürfte dadurch erstmals wieder auf unter 50 Prozent sinken, während die Lifescience-Sparte einschließlich Sigma künftig wohl etwas mehr als ein Drittel zum Konzernumsatz beisteuern wird.

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