Merck-Chef Stefan Oschmann „Im Gesundheitssystem herrscht ein überkommenes Denken – wir sind zum Systemwechsel bereit“

Der Chef des Darmstädter Pharma- und Chemiekonzerns Merck erklärt im Interview, warum die Pharmabranche seiner Meinung nach zu Unrecht als Preistreiber am Pranger steht und wie Merck mit neuen Produkten vorankommen will.
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Merck-Chef Stefan Oschmann: „Die Vergütung für Medizin sollte sich daran orientieren, was dabei herauskommt“ Quelle: picture alliance / Boris Roessle
Merck-Vorstandschef Oschmann

„Im Gesundheitssystem herrscht ein altes, überkommenes Denken.“

(Foto: picture alliance / Boris Roessle)

DarmstadtNicht in der schicken Firmenzentrale im Darmstädter Norden empfängt der Merck-Chef das Handelsblatt zum Interview, sondern in einem kleinen Besprechungszimmer im Kongresszentrum Darmstadtium. Deutschlands ältestes Chemie- und Pharmaunternehmen feiert dort sein 350-jähriges Jubiläum mit einer prominent besetzten Wissenschaftskonferenz. Nach dem Interview muss er zurück ins Plenum eilen, um einen neuen hochdotierten Preis zu verkünden, den Merck künftig für herausragende Forschungsleistungen vergibt.

Herr Oschmann, sind Sie froh, dass US-Präsident Trump noch nicht gegen Merck getwittert hat?
Ach, dafür sind wir doch nicht groß genug.

Der Pharmakonzern Pfizer ist eingeknickt, nachdem Trump Preiserhöhungen für dessen Arzneien per Tweet kritisiert hat. Andere kündigten daraufhin vorsorglich an, die Preise nicht zu erhöhen. Ist das der neue Politikstil in den USA?
Ich will den Fall Pfizer nicht bewerten. Aber sicherlich ist der Politikstil des Präsidenten etwas ganz Neues. Ich glaube, da hat sich noch niemand so richtig drauf eingestellt.

Das gilt wohl auch beim Thema Handelskonflikt. Wie stark wäre die Pharmaindustrie von einer Ausweitung betroffen?
Die Pharmaindustrie schöpft ihre Werte vor allem in der Forschung, und die findet zu einem großen Teil in den USA statt. Ich mache mir deswegen um unsere Branche weniger Gedanken. Mich besorgt eher, dass ein Handelskonflikt die ohnehin fragile wirtschaftliche Lage der Welt beschädigt. Die Zentralbanken könnten im Fall einer neuen massiven Krise sicher nicht noch einmal so eingreifen, wie sie es nach 2008 getan haben.

Ist ein globaler Handelskrieg noch vermeidbar?
Bisher sehe ich eher Handelskrieg-Rhetorik. Ich habe die Hoffnung, dass sich die Vernunft durchsetzt. Darauf deuten ja die jüngsten Entwicklungen, auch gerade der vergangenen Woche, hin.

Trump setzt bekanntlich seine Wahlversprechen um. Dazu gehört, dass er Medikamente erschwinglicher machen will. Nehmen Sie den US-Präsidenten daher als Gegner der Pharmaindustrie wahr?
Trump kümmert sich um seine Wählerbasis und schickt ihr einfache Botschaften. Das muss man ernst nehmen. Zugleich muss man aber sehen, dass das amerikanische Gesundheitssystem Innovationen sehr stark fördert. Ich müsste mich doch sehr täuschen, wenn sich das ändern würde. Unsere Devise heißt daher: Keine Panik!

Das heißt, der US-Markt bleibt im internationalen Vergleich weiter ein Schlaraffenland für die Arzneihersteller?
Es ist sehr schwer zu interpretieren, was in der US-Gesundheitspolitik auf uns zukommen wird. Der Markt ist für unsere Branche extrem wichtig. Die USA stehen wie viele andere Länder auch vor der Herausforderung, wie das Gesundheitssystem nachhaltig finanzierbar bleibt und zugleich all der medizinische Fortschritt den Patienten zugutekommen kann.

In der Öffentlichkeit herrscht daher oft der Eindruck, dass sich die Pharmaindustrie – salopp gesagt – beim Verkauf neuer Medikamente die Taschen vollmacht.
Dieser Eindruck ist so weitverbreitet wie falsch. Es gibt so viele Mythen über unsere Branche. In Europa sind die Ausgaben für Arzneimittel in den letzten Jahren nur leicht oberhalb der Inflationsrate gewachsen. Und rational betrachtet, sollte es am Ende egal sein, wie viel ein Pharmaunternehmen verdient, solange seine Produkte entsprechend echten Fortschritt für die Patienten bringen und somit Wert schaffen. Das nennt sich dann Innovation.

Das wird aber bei manchen Neuentwicklungen in Frage gestellt.
Jede Industrie muss darstellen, welchen neuen Wert ihre Produkte erbringen. Wir müssen an das Thema Preise viel rationaler und weniger emotional herangehen.

Wie soll das gelingen?
Im Gesundheitssystem herrscht noch ein altes, überkommenes Denken. Bezahlt wird nach Aktivität: pro Tablette, pro Injektion. Ärzte und Kliniken werden dafür bezahlt, was sie tun, und nicht dafür, was sie erreichen. Die Vergütung für Medikamente sollte sich viel mehr daran orientieren, was dabei herauskommt.

Ist das nicht zu schwierig zu messen?
Nehmen wir ein neues, wirksames Krebsmedikament. Der Preis muss sich daran orientieren, wie viel besser das Mittel im Vergleich zu bestehenden Therapieoptionen ist. So eine neue Technologie bringt überall Ersparnisse, etwa bei Krankenhausaufenthalten. Daran muss man den Preis messen. Wir sind zu einem solchen Systemwechsel bereit, die Politik ist am Zug.

Fühlen Sie sich von der Politik gebremst?
Ich war jüngst in Paris bei einem Treffen mit dem französischen Staatspräsidenten Macron. Es war beeindruckend.

Was hat er gemacht?
Es ging darum, wie die Wettbewerbsfähigkeit Frankreichs verbessert werden kann. Ich fand es stark zu sehen, wie die Regierung mit Kraft und Ideen für Investments das Land voranbringen will.

Vermissen sie das in Deutschland?
Ich glaube, dass so ein intensiver Dialog gefolgt von konkreten Entscheidungen in Deutschland gegenwärtig nicht möglich wäre. Der Grund dafür ist: Wir nehmen die positive wirtschaftliche Entwicklung als viel zu selbstverständlich wahr. In Frankreich ist eine richtige Aufbruchstimmung spürbar.

Braucht der Pharmastandort Deutschland so etwas?
Deutschland ist ein guter Pharmastandort mit starken Firmen und einer leistungsfähigen Forschungslandschaft. Ich vermisse aber eine dezidierte Politik, die sich auf die neuen Themen und Herausforderungen einstellt. Etwa auf den Einfluss von Big und vor allem Deep Data oder auf das Ziel, die Forschung einfacher zu machen.

Wie stehen Sie zum jüngsten Urteil des Europäischen Gerichtshofes hinsichtlich Mutagenese im Rahmen von Genom-Editierung?
Geschäftlich dürfte diese Entscheidung für Merck keine wesentliche Rolle spielen. Aus wissenschaftlicher Sicht halte ich das Ergebnis für bedenklich und höchst bedauernswert.

Sie definieren Merck heute als Wissenschafts- und Technologieunternehmen. Ist das bereits Realität oder eher eine Zukunftsvision?
Das ist schon Realität, wenn Sie sich unser heutiges Portfolio anschauen. Wir machen Genom-Editing, Biotech, hochspezialisierte Krebsmedikamente, Elektronikchemikalien für die nächste Generation von Mikroprozessoren. Es gibt fast keinen Wissenschaftler auf der Welt, der im Labor nicht mit Produkten und Lösungen aus unserer Life Science Sparte arbeitet.

Aber reicht die Wissenschaft als Klammer? Andere Konglomerate wie Siemens oder Thyssen tun sich gerade schwer damit, ihre diversifizierten Strukturen zusammenzuhalten?
Wir sind ja kein klassisches Konglomerat mit vollkommen unabhängigen Teilbereichen. Alle Geschäftsbereiche sind letztlich aus der Merck-Chemie- und Pharmageschichte heraus entstanden. Die Merck-Familie als Mehrheitseigner wünscht, dass wir in innovativen Spezialgeschäften aktiv sind und aber einen gewissen Risikoausgleich schaffen. Aber es gibt viele Synergien zwischen den Sparten.

Bei Pharma und Laborprodukten liegen die auf der Hand. Aber was haben diese Geschäfte mit Elektronik und Sensortechnik gemein?
Wir sind überzeugt, dass Biologie, Materialwissenschaften und Elektronik bei der Entwicklung von Innovationen sehr stark zusammenrücken werden. Das zeigt sich nicht nur bei uns, sondern in der ganzen Branche. Die rasant fortschreitende Digitalisierung vieler Prozesse sorgt zusätzlich für Vernetzung.

Im Moment scheint Merck trotz der Innovations-Offensive eher eine Stagnationsphase zu durchlaufen.
Bei den Umsätzen sehe ich keine Stagnation. Hier werden wir letztlich nur durch negative Währungseinflüsse gebremst. Das können wir nicht beeinflussen. Healthcare und Life Science erzielen organisch solides Wachstum. Die Integration von Sigma-Aldrich haben wir sehr erfolgreich durchgezogen. Wir wachsen bei Life Science stärker als der Markt.

Die Sparte Performance Materials steht dagegen mit dem Flüssigkristallgeschäft derzeit stark unter Druck.
Hier spüren wir Gegenwind durch weiterhin rückläufige Preise und nun stagnierendes Mengenwachstum. Wir gehen nicht von einer Rückkehr auf das alte Niveau aus. Andererseits machen Flüssigkristalle heute weniger als die Hälfte des Spartenumsatzes aus. Zugleich sind sie nach wie vor ein sehr gutes Geschäft mit Margen weit über dem, was in der Spezialchemie üblich ist.

Wann wird Merck die Delle überwinden?
Ab 2020 wollen wir mit der Sparte wieder zulegen. Unsere neue Strategie für Performance-Materials, die wir jüngst vorstellten, kam am Kapitalmarkt gut an. Wir sehen gute Wachstumschancen für Pigmente und Materialien für die Halbleiterproduktion. Auf den Elektronikbereich werden wir uns künftig stark konzentrieren. Bereits heute adressieren rund 80 Prozent unseres Spartenportfolios dieses gigantische Marktsegment und wir sind hier ein führender Anbieter für Spezial-Materialien.

Merck setzte in der Vergangenheit auch stark auf Akquisitionen. Werden Sie in dieser Hinsicht das Tempo bald wieder verschärfen?
Momentan sehe ich das nicht. Wir haben noch knapp zehn Milliarden Euro Schulden in der Bilanz und haben klar gesagt, dass der Schuldenabbau zunächst Priorität genießt.

Immerhin könnte der Erlöse aus dem Verkauf Ihrer Consumer Health Sparte wieder neuen Spielraum eröffnen.
Mit diesem Deal sind wir sehr zufrieden und betrachten Procter & Gamble als einen sehr guten Käufer. Der Erlös wird uns sicher beim Schuldenabbau helfen. Aber vorerst liegt unser Fokus weiter auf organischem Wachstum.

Was werden dabei die Wachstumstreiber sein?
Wir sehen insgesamt weiterhin vier Milliarden Euro Umsatzpotenzial durch neue Produkte, davon die Hälfte im Pharmabereich, wo wir über eine sehr gute Pipeline verfügen.

Andererseits sorgen hohe Forschungskosten gerade für rückläufige Erträge und Margen.
Das wird sich mit den neuen Produkten wieder normalisieren. Wir haben bewusst entschieden, dort vorrübergehend stärker in die Forschung und Entwicklung zu investieren. Das ist langfristig richtig für das Unternehmen und genau das Gegenteil von Stagnation. Wir kämpfen hier angesichts unserer starken Pipeline mit einem gewissen Luxus-Problem. Aber wir müssen jetzt auch schauen, dass wir die Profitabilität entsprechend gestalten.

Suchen Sie deshalb nach weiteren Partnern für die Entwicklung ihrer Produkte?
Es ist richtig, dass wir für wichtige Kandidaten unserer Pipeline derzeit Gespräche führen. Wir sind sehr offen für Partnerschaften. Und unsere Eigentümer erwarten mit Recht, dass wir da klug herangehen.

Hohe Forschungsinvestitionen haben im Pharmabereich nicht immer kommerziellen Erfolg garantiert.
Das mag sein. Aber ohne Innovation kommt in unserer Industrie auch kein Unternehmen zurecht. Man muss das differenziert betrachten. Was die Entwicklung neuer Produkte angeht, war die Pharmabranche in den letzten Jahren außerordentlich produktiv, wie etwa die Erfolge in der Krebsimmuntherapie und die hohen Zulassungszahlen zeigen. Eine Herausforderung dagegen sind rapide steigende Kosten in der Forschung. Wenn man die Forschungsproduktivität im finanziellen Sinne betrachtet, dann geht die Kurve im Grunde seit den 50er Jahren nach unten. Das ist etwas, was mir Sorgen bereitet.

Was müsste sich ändern?
Wir müssen insgesamt schauen, dass wir den Aufwand und die Zeit in der Arzneimittelentwicklung und Zulassung reduzieren, so dass wir schneller mehr Fortschritt bekommen.

Sie plädieren für liberalere Zulassungsregelungen?
Ich meine nicht liberalere, sondern modernere Regeln. Die klinische Forschung ist extrem reguliert, und wir brauchen da sicherlich auch rigorose Standards, die die Sicherheit der Patienten gewährleisten. Aber wir müssen auf der anderen Seite auch offen sein für den Fortschritt und neue Konzepte.

Zum Beispiel?
Es gibt ein Riesenpotenzial zur Verbesserung durch digitale Techniken.
Wir arbeiten im Augenblick zum Beispiel an einem Projekt, mit dem wir einen komplett neuen Ansatz zum Datenmanagement in der Forschung ermöglichen wollen. Wir nennen das salopp ein ,Spotify of science‘.

Sie wollen Wissenschaft streamen?
Das Modell von Spotify besteht letztlich darin, dass Anbieter ihre Daten in ein System reinladen, und die Nutzer diese Daten über ein Abonnement kaufen. In der Forschung haben wir bisher noch viel zu wenig von dieser Art Data-Sharing. Wir sehen da ein riesiges Potenzial und arbeiten an dem Projekt mit einer ganzen Reihe von Partnern, sowohl aus dem Datenbereich als auch zum Beispiel mit Krebszentren.

Und Sie teilen dabei auch ihre eigenen klinischen Daten mit anderen?
Unter Umständen ja. Aber hier geht es in erster Linie um die frühe, translationale Forschung. Geplant ist ein offenes Modell, welches eindeutig in unserer Life Science Sparte angesiedelt wäre.

Ist es ein letztlich ein Problem, dass zu viele Firmen noch immer vor allem im eigenen Stübchen forschen?
Ich bin ein großer Fan von Kooperationen und denke, wir sollten uns noch stärker in diese Richtung bewegen. Aus dem Austausch anonymisierter Daten in der Grundlagenforschung ergeben sich ganz neue Forschungsprojekte und Therapiemöglichkeiten. Ich glaube, dass solche Modelle in Zukunft ein ganz wichtiger Faktor für unsere Industrie sein werden. Der Datenschutz spielt hierbei eine wichtige Rolle!
Herr Oschmann, vielen Dank für das Interview.

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