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Milliarden-Übernahme IG Metall sieht Osram-Übernahme kritisch: „AMS versucht zu tricksen“

Die Gewerkschaft fordert den Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen und Erhalt der Mitbestimmung. Der Osram-Vorstand hat den Widerstand gegen die Österreicher aufgegeben.
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Die anstehende Übernahme durch AMS sieht die Gewerkschaft IG Metall kritisch. Quelle: dpa
Osram

Die anstehende Übernahme durch AMS sieht die Gewerkschaft IG Metall kritisch.

(Foto: dpa)

München Aller Widerstand in München hat nichts genützt: Der österreichische Sensorik-Spezialist AMS steht kurz vor der Übernahme des fast dreimal größeren Osram-Konzerns. Die konkurrierenden Finanzinvestoren Bain und Advent haben sich aus dem Bieterwettkampf zurückgezogen, der Osram-Vorstand seinen Widerstand gegen AMS aufgegeben.

Doch die bei Osram mächtige IG Metall ist weiter skeptisch. „Ich sehe die Übernahme nicht als unvermeidlich an“, sagte der stellvertretende Osram-Aufsichtsratsvorsitzende und IG-Metall-Vorstand Klaus Abel dem Handelsblatt. Die Gewerkschaft forderte den Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen und den Erhalt von Tarifbindung und Mitbestimmung.

AMS hatte am Freitagabend eine neue Übernahmeofferte angekündigt. Die Österreicher bieten zwar wie beim vor wenigen Wochen gescheiterten Anlauf wieder nur 41 Euro. Doch senkten sie die Mindestannahmequote auf 55 Prozent. Beim ersten Versuch lag diese bei 62,5 Prozent und wurde nicht erreicht. In Industriekreisen wird damit gerechnet, dass die Österreicher die notwendigen 55 Prozent – oder noch mehr – nun einsammeln können. Damit dürfte die Übernahme gelingen.

Der Osram-Vorstand jedenfalls fügt sich schon ins Unvermeidliche. „Wir haben in den vergangenen Tagen konstruktive Gespräche mit AMS über die Rahmenbedingungen für ein neues Übernahmeangebot geführt“, sagte Osram-Chef Olaf Berlien. Der Vorstand begrüße die bisher erzielten Fortschritte und sei „zuversichtlich, dass sich beide Seiten auf ein zukunftsfähiges strategisches Konzept verständigen werden“.

Die Osram-Führung hatte sich lange gegen die Übernahme gewehrt. Sie setzte anfangs voll auf Bain und Carlyle, die 35 Euro je Aktie geboten hatten. Die Finanzinvestoren sicherten in einer Investorenvereinbarung zu, das Unternehmen nicht zu zerschlagen. Allerdings ging der Plan nicht auf, AMS funkte mit einer Gegenofferte von 38,50 Euro dazwischen. Als Bain mit dem neuen Partner Advent wiederum ein höheres Angebot ankündigte, stockte AMS auf 41 Euro auf. Die Österreicher stolperten aber über die selbst gesetzte Mindestannahmeschwelle von 62,5 Prozent. AMS muss ausreichend Anteile einsammeln, um auf der Hauptversammlung eine 75-Prozent-Mehrheit für einen Beherrschungs- und Gewinnabführungsvertrag zu erreichen.

Eigentlich hätte AMS nun ein Jahr Pause einlegen müssen. Allerdings gründeten die Österreicher einfach eine neue Zweckgesellschaft, die ams Offer GmbH, und umgingen so die zeitliche Sperre.

IG Metall ist skeptisch

Bei der IG Metall hat dieses die Skepsis noch verstärkt. Das Vorgehen erwecke nicht den Eindruck, dass AMS seriös vorgehe, sagte Aufsichtsrats-Vize Abel: „ AMS versucht zu tricksen.“

Die Gewerkschaft hatte von Anfang an Widerstand geleistet. Die Arbeitnehmervertreter fürchten eine Zerschlagung des Unternehmens und massiven Stellenabbau. Abel betonte aber, die IG Metall betreibe keine Fundamentalopposition. „Wir sind nicht grundsätzlich gegen die Österreicher.“ Es gelte: „Wir sind immer zu belastbaren Vereinbarungen bereit.“

Kernforderungen seien der Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen und der Erhalt der Tarifbindung und  Mitbestimmung – zum Beispiel durch Gründung einer SE nach österreichischem Recht mit paritätischer Mitbestimmung. „Wir werden dieses gegenüber AMS in der kommenden Woche erneut deutlich machen“, kündigte Abel an. Er erwarte von AMS rechtlich verbindliche Zusagen. Diese habe es bislang nicht gegeben.

Die IG Metall habe in den vergangenen Jahren gezeigt, dass sie zu konstruktiven Lösungen bereit sei, sagte Abel. Osram befindet sich in der Transformation. Hierbei fielen Arbeitsplätze weg, das sei auch der IG Metall klar. Doch müssten die betroffenen Beschäftigten „die Möglichkeit haben, sich für neue Aufgaben im Unternehmen zu qualifizieren oder sozialverträglich auszuscheiden“. Diese Kultur müsse auch im neuen Konzern erhalten bleiben, wenn es zur Übernahme komme.

Auch Osram-Chef Berlien hatte Zweifel an der Strategie von AMS und an der Finanzierung des Deals geäußert. Die Übernahme soll zunächst komplett über Kredite finanziert werden. Dies wird den neuen Konzern, wenn die Akquisition gelingt, von Beginn an belasten, zumal AMS schon heute relativ hoch verschuldet ist. Inzwischen aber betont auch Osram den strategischen Sinn eines Zusammengehens. „Durch einen Zusammenschluss mit AMS könnte diese unter anderem bei der Entwicklung innovativer Sensorik- und Photonik-Lösungen und durch die Nutzung der etablierten Kundenzugänge profitieren“, hieß es in einer Mitteilung.

Operative Probleme bei Osram

Auch AMS-Chef Alexander Everke sagte: „Die strategische Logik, einen weltweit führenden Anbieter von Sensorlösungen und Photonik mit starken europäischen Wurzeln zu schaffen, ist unverändert und bietet eine überzeugende Chance für Osram, AMS und unsere Aktionäre.“ Man strebe nun eine Aktualisierung der bestehenden Kooperationsvereinbarung an. AMS bekräftige die Zusagen, unter anderem die bestehenden deutschen Produktionsstandorte von Osram für einen Zeitraum von mindestens drei Jahren weiterzuführen, Arbeitsplätze in der Fertigung und Entwicklung in Deutschland zu schaffen und  München als Co-Hauptsitz der gemeinsamen Gruppe „mit starker Präsenz für globale Unternehmensfunktionen“ festzulegen.

AMS erhofft sich bei einem Zusammenschluss Wachstums- und Kostensynergien von 300 Millionen Euro im Jahr. Der Großteil davon soll innerhalb der ersten 24 Monate gehoben werden. Die Integrationskosten bezifferten die Österreicher auf 400 Millionen Euro.

AMS stand nach dem ersten gescheiterten Versuch, Osram zu übernehmen, unter Druck, schnell nachzulegen. Denn die Österreicher hatten über die Börse bereits knapp 20 Prozent der Osram-Aktien gekauft. Damit hatten sie ein Pfand in der Hand und konnten Übernahmen durch andere Interessenten blockieren. Allerdings wurde in Industriekreisen spekuliert, dass die kreditgebenden Banken das nicht lange mitmachen würden. Die 20-Prozent-Beteiligung an Osram kostete die bereits relativ hoch verschuldete AMS etwa 750 bis 800 Millionen Euro. Ohne Übernahmephantasie drohten Kurs- und Buchverluste.

Auf üppige Dividendenzahlungen durften die Österreicher angesichts der operativen Probleme bei Osram nicht hoffen. „Die Banken werden schon nervös“, hieß es in Industriekreisen. Daher war es für AMS keine Option, erst einmal abzuwarten, wie sich zum Beispiel die Finanzinvestoren positionieren. Für AMS-Chef Everke wäre die Osram-Übernahme ein enorm wichtiger Schritt. Zwar konnte das Unternehmen in den vergangenen Jahren stark wachsen und machte auch Fortschritte bei der Profitabilität.

Doch zum einen sind die Österreicher nach Einschätzung von Industriekreisen eigentlich zu klein, um in der Branchenkonsolidierung eine zentrale Rolle zu spielen. Ohne eine Verstärkung droht die Gefahr, selbst übernommen zu werden. Zudem sei AMS sehr stark von einem Kunden – nämlich Apple – abhängig. Falls der Smartphone-Konzern seine Einkaufspolitik umstelle oder die Teile, die derzeit von AMS bezogen werden, selbst herstelle, komme AMS enorm unter Druck. Die Österreicher liefern zum Beispiel optische Sensoren für die Gesichtserkennung an Apple. 

Mehr: Osram hat sich zu früh festgelegt – ein Kommentar.

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