Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Milliardendeal abgesagt Airbus stoppt den Verkauf seiner deutschen Werke

In einem Jahrzehnt an der Konzernspitze hat Tom Enders Airbus auf Kurs gebracht. Doch einen heiklen Job wird der Airbus-Chef seinem Nachfolger überlassen.
Kommentieren
Der moderne Airbus-Jet besteht etwa zur Hälfte aus Kohlefaserwerkstoffen des hauseigenen Zulieferers Premium Aerotec. Quelle: dpa
A350

Der moderne Airbus-Jet besteht etwa zur Hälfte aus Kohlefaserwerkstoffen des hauseigenen Zulieferers Premium Aerotec.

(Foto: dpa)

MünchenWenn Tom Enders in wenigen Monaten als Airbus-Chef abtritt, kann er auf eine Erfolgsbilanz verweisen. Die Auftragsbücher des Flugzeugbauers sind voll, die Auslieferungen steigen, die Gewinne sprudeln. Nach einem Jahrzehnt an der Spitze des Unternehmens hat Enders Airbus wieder auf Kurs gebracht.

Doch einen heiklen Job wird der Airbus-Chef seinem Nachfolger überlassen: die Sanierung und den Verkauf der deutschen Airbus-Werke – gebündelt in der Tochter Premium Aerotec. Monatelang hatte der Konzern Gespräche mit möglichen Käufern geführt, der Kreis der Interessenten sei sehr groß gewesen, bestätigten Beteiligte dem Handelsblatt.

Vor der Sommerpause stoppte Airbus den Milliardendeal plötzlich: „Too many operational issues“ – zu viele operative Probleme bekamen die potenziellen Investoren aus der Airbus-Zentrale zuletzt zu hören. Erst 2019, wenn die Nachfolger von Enders und Finanzchef Harald Wilhelm gefunden sind, dürfte das Thema wieder auf den Tisch kommen, heißt es in Airbus-Kreisen. .

Die Enttäuschung in den Reihen der Finanzinvestoren, Staatsfonds und der chinesischen Luftfahrtindustrie ist groß. Seit Langem hoffen sie auf einen Deal, den Boeing bereits 2005 vollzog: Um die hohen Investitionen in die Entwicklung von Flugzeugrümpfen nicht selber stemmen zu müssen, brachten die Amerikaner ihre Zulieferwerke unter dem Namen Spirit an die Börse.

Auch die von Airbus 2009 gegründete Premium Aerotec mit ihren vier deutschen Werken und fast 10 000 Beschäftigten sollte rasch in die Unabhängigkeit folgen. Doch in der Finanzkrise blies Enders den Verkauf ab. Bis heute ist Premium Aerotec eine hundertprozentige Tochter ihres größten Auftraggebers.

Und in dessen Produktion läuft es nicht rund: Mit Hochdruck arbeitet man in Toulouse eine riesige Auftragsliste ab – und hadert mit der Zulieferkette. Weil die Triebwerkshersteller nicht genug der neuen spritsparenden Motoren liefern, stehen derzeit rund 70 Maschinen ohne Triebwerke in den Endmontagen Toulouse und Hamburg. Zusätzliche Risiken in der Versorgung mit Flugzeugrümpfen will sich Guillaume Faury, der neue Chef der Zivilflugzeugsparte, nicht einhandeln, wie es in Konzernkreisen heißt.

Faury braucht in den kommenden Monaten mehr Rumpfteile aus den deutschen Werken und keine zusätzlichen Abenteuer durch einen Eigentümerwechsel. Die Probleme könnten sich schnell potenzieren: Premium Aerotec hat ihrerseits rund 2 000 meist mittelständische Zulieferer, die jedes Jahr für mehr als eine Milliarde Euro liefern..

Kerngeschäft läuft, Kleinigkeiten nicht – Airbus im gebremsten Aufwind

Für Airbus geht es bei Premium Aerotec um eine strategische Frage: Was ist eigentlich das Kerngeschäft eines Flugzeugbauers im kommenden Jahrzehnt? Feste Antworten stehen noch aus. Auf der Luftfahrtshow in Farnborough überraschte Airbus mit der Ankündigung, Triebwerksgondeln künftig selbst zu bauen und nicht mehr Zulieferern zu überlassen. Der Rumpf, die Kernkompetenz der deutschen Standorte, ist ein sensibler Bestandteil der Lieferkette.

In den Werken Augsburg, Bremen, Nordenham und Varel entstehen die Hüllen für sämtliche Airbus-Modelle. Airbus hat auch mithilfe üppiger Luftfahrtsubventionen in modernste Fertigungsstraßen investiert: Produktionsroboter, 3D-Druckverfahren und die weltgrößten Maschinen zur Kohlefaserverarbeitung sind im Einsatz. Für das A350-Programm, den derzeit modernsten Langstreckenjet, wurden völlig neue Produktionsverfahren entwickelt.

Doch das hat auch negative Konsequenzen: Die saldierten Anlaufverluste für die kräftig erhöhte Produktion des Kohlefaserfliegers A350 sind der größte Posten im Jahresverlust von 264 Millionen Euro für 2017 – bei einem Umsatz von zwei Milliarden Euro. Zudem bleibt die Nachfrage trotz des dicken Auftragsbuchs der Mutter volatil: Während auch die Produktion des zweiten Bestsellers A320 kräftig erhöht wird, fehlen bei dem Riesen A380 und beim Militärprogramm A400M die Bestellungen.

Hinzu kommt die unglückliche hauseigene Konstruktion der Premium Aerotec. So ist der Airbus-Chefeinkäufer Klaus Richter gleichzeitig Vorsitzender des Aufsichtsrates der Augsburger Tochter. Was Richter für Airbus einspart, schlägt bei Premium Aerotec in der Bilanz durch. Nun soll aber das Verrechnungssystem geändert werden: Statt Pauschalpreisen für ganze Baugruppen sollen demnächst die Teile einzeln abgerechnet werden. Mehr Transparenz ist die Voraussetzung für einen Verkauf.

Vor allem chinesische Flugzeugbauer sind interessiert

Für potenzielle Investoren ist zudem klar: Der deutsche Werksverbund braucht dringend zusätzliche Aufträge jenseits von Airbus. Tatsächlich sind Boeing und der chinesische Staatskonzern Comac an einer Zusammenarbeit interessiert – aber nur, wenn Airbus nicht mehr der Hauptgesellschafter sei, sagt ein Branchenvertreter. Boeing hat den Auftrag zum Bau von Druckkalotten – große Schotts zum Druckausgleich von Passagierkabinen – der Premium Aerotec wieder entzogen.

Gleichzeitig drängen Anbieter aus China, Russland und der Türkei in das Geschäft. Das gilt insbesondere für Zulieferungen an die neuen Airbus-Endmontagen im chinesischen Tianjin und in Mobile im US-Bundesstaat Alabama. Die US-Regierung und die Chinesen erwarten mehr lokale Wertschöpfung, Airbus vergleicht die Preise von Premium Aerotec mit denen neuer Anbieter aus Übersee. In der hochsubventionierten Luftfahrtindustrie erkämpft man sich mit Kampfpreisen den Markt.

In Deutschland bleibt der Investitionsbedarf hoch – erst recht, wenn Airbus ab Mitte des kommenden Jahrzehnts für einen Nachfolger der A320 einen neuen Flugzeugrumpf entwickeln muss. Branchenkreisen zufolge haben die Finanzinvestoren KKR, Cerberus und Onex bereits Interesse signalisiert – jede dieser Adressen hat in den vergangenen Jahren gute Deals mit Beteiligungen in der Luftfahrtindustrie gemacht. Als Musterfall gilt der Münchener Triebwerkshersteller MTU, den KKR 2005 an die Börse gebracht hat und der seitdem kräftig gewachsen ist..

Vor allem die chinesische Flugzeugindustrie ist an einem Einstieg sehr interessiert, heißt es in der Branche. Der Aufbau einer eigenen Luftfahrtindustrie ist das erklärte Ziel der chinesischen Führung. Der staatliche Luftfahrtkonzern Comac hat zwar mit der C919 bereits einen Passagierjet in der Produktion, doch das Niveau der Weltmarktführer Airbus und Boeing ist noch fern. Den Chinesen fehlt Spezialwissen bei Material und Serienfertigung.

Das wird seit geraumer Zeit gezielt zugekauft: Der österreichische Airbus-Zulieferer und Kohlefaserspezialist FACC befindet sich bereits mehrheitlich im Besitz von Xian Aircraft. Im Mai übernahm die chinesische AT&M den Airbus-Zulieferer Cortesa im sächsischen Mittweida – ein Deal, der auch dafür sorgte, dass die Bundesregierung den Einstieg in deutsche Schlüsselindustrien erschweren will.

Bei der wesentlich größeren Premium Aerotec ist zudem Rüstungstechnologie im Spiel: Mit den Zulieferungen für die A400M, den Eurofighter und das geplante neue Kampfflugzeug FCA hätte die Politik jedes Recht, ungeliebte Käufer zu stoppen. Die Interessenten dürfen weiter hoffen: „Unser langfristiges Ziel mit Blick auf Premium Aerotec bleibt unverändert“ bestätigt ein Sprecher dem Handelsblatt die Verkaufsabsichten. „Wir sind allerdings mit einem Verkaufsprozess nicht in Eile“. Premium Aerotec sei ein wichtiger Bestandteil der Produktionskette, und man arbeite „operativ wie finanziell“ an Verbesserungsmöglichkeiten.

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
Startseite

Mehr zu: Milliardendeal abgesagt - Airbus stoppt den Verkauf seiner deutschen Werke

0 Kommentare zu "Milliardendeal abgesagt: Airbus stoppt den Verkauf seiner deutschen Werke"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote