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Millionenschaden VW verklagt Zulieferer Prevent wegen Lieferstopps

Die Auseinandersetzung zwischen VW und dem Zulieferer Prevent geht in die nächste Runde: Die Wolfsburger klagen auf Schadenersatz in Millionenhöhe.
07.01.2020 Update: 07.01.2020 - 18:21 Uhr Kommentieren
Der durch die Produktionsausfälle entstandene Schaden beläuft sich laut VW auf mehr als 100 Millionen Euro. Quelle: dpa
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Der durch die Produktionsausfälle entstandene Schaden beläuft sich laut VW auf mehr als 100 Millionen Euro.

(Foto: dpa)

Düsseldorf Der Autobauer Volkswagen hat gegen ehemalige Zulieferer Klage auf Schadensersatz in Millionenhöhe eingereicht. „Die Lieferstopps im August 2016 durch ES Guss und Car Trim waren vertrags- und rechtswidrig“, teilte Volkswagen am Dienstag mit. Der durch die Produktionsausfälle entstandene Schaden beläuft sich laut VW auf mehr als 100 Millionen Euro. Die beiden Firmen hatten sich damals geweigert, ihren Großkunden mit Getriebe- und Sitzteilen zu beliefern.

ES Guss und Car Trim sind Teil des weitverzweigten Prevent-Firmengeflechts. Die Unternehmensgruppe gehört der Familie Hastor, die bosnische und deutsche Wurzeln hat. Firmengründer Nijaz Hastor gilt als reichster Unternehmer aus Bosnien und Herzegowina, hat die Prevent-Leitung aber inzwischen an seine Söhne Kenan und Damir übergeben. Die Familie hat sich seitdem zu einer Art VW-Intimfeind entwickelt. Prevent streitet seit Jahren mit dem Autobauer um Lieferkonditionen – immer wieder auch vor Gericht.

Die nun von VW eingereichte Klage richte sich nicht nur gegen die Unternehmen, mit denen die Lieferverträge bestanden, „sondern ausdrücklich auch gegen deren Muttergesellschaften der Prevent-Gruppe, die für die Lieferstopps aufgrund entsprechender rechtswidriger Weisungen verantwortlich sind“, teilte VW mit.

Für die Skoda-Ansprüche habe Volkswagen vor dem Landgericht Braunschweig die erste Klage auf Schadensersatz eingereicht. Welches Gericht für die Ansprüche der weiteren Konzernmarken zuständig ist, müsse zunächst am Oberlandesgericht Dresden geklärt werden. Ein Prevent-Sprecher teilte auf Anfrage mit, der Gruppe lägen die VW-Klagen noch nicht vor. Zu Details wollte sich Prevent deshalb nicht äußern.

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    Wer den Streit zwischen der deutsch-bosnischen Familie und den Wolfsburgern verstehen will, muss zurückgehen bis zu einem Dienstag im Juni 2016. An diesem Tag geht in der Zentrale der sächsischen Prevent-Tochter Car Trim ein Fax aus Wolfsburg ein. Darin teilen VW und die Konzerntochter Porsche mit, dass sie bereits beschlossene Entwicklungskooperationen mit dem Zulieferer stornieren, angeblich wegen Qualitätsmängeln. Kündigungsfrist: zwei Tage.

    Prevent verliert eigenen Angaben zufolge fest einkalkulierte Aufträge im Wert von 500 Millionen Euro. Weil sich die Gruppe das nicht gefallen lassen will, stellen die beiden Prevent-Töchter Car Trim und ES Automobilguss sämtliche Lieferungen an Volkswagen ein. Für die Wolfsburger ist es unmöglich, kurzfristig Ersatz zu organisieren.

    Die Folge: In sechs deutschen VW-Werken muss die Produktion vorübergehend ruhen, unter anderem in der Golf-Produktion des Wolfsburger Stammwerks. Im Werk Emden müssen 7 500 der 9 000 Beschäftigten in Kurzarbeit gehen, in den anderen fünf Fabriken sind weitere rund 21 000 Beschäftigte betroffen. Auch in Brasilien kommt es zum Streit mit einer Prevent-Tochter. Dort ruht die Produktion für 160 Tage.

    Waffenstillstand mit Ablaufdatum

    In der Volkswagen-Datenbank stehen mehr als 40 000 Zulieferer. Doch derart radikaler Widerstand ist für den Autobauer neu. Um den Schaden zu begrenzen, einigen sich die Wolfsburger mit der Zulieferergruppe auf ein sogenanntes Eckpunktepapier, das die weitere Zusammenarbeit regeln soll. Die Unternehmen, so heißt es damals offiziell, wollen die Zusammenarbeit wieder auf eine verlässliche Basis stellen.

    Doch der Waffenstillstand hat ein Ablaufdatum. Weil der VW-Konzern verhindern will, dass Prevent ihn noch einmal in die Knie zwingt, sucht er sich Ersatzlieferanten. Als der Hagener Zulieferer TWB, der ebenfalls zu Prevent gehört, im Januar 2018 die Preise für seine Rücksitzlehnen um acht Euro pro Stück anhebt, scheint das Maß in Wolfsburg voll. VW kündigt zwei Monate später fristlos alle Lieferverträge mit ES Guss, Car Trim und TWB. Doch während die Töchter Stellen streichen und Kurzarbeit anmelden, bereitet Prevent den nächsten Feldzug vor.

    Die Unternehmensgruppe hat zwischenzeitlich die Saarbrücker Gießerei Neue Halberg-Guss (NHG) übernommen, die Motorenteile herstellt. Ein weiterer Zulieferer, von dem VW abhängig war. Auch NHG stellt bald Preisforderungen. Diesmal ist es jedoch der Autobauer, der den Bezug stoppt. Für NHG ist es der Anfang vom Ende. Im September 2019 meldet die inzwischen verkaufte und unter dem Namen Avir firmierende Gießerei Insolvenz an.

    VW hatte Prevent in den vergangenen Jahren immer wieder Erpressung vorgeworfen. „Die Lieferstopps im August 2016 durch ES Guss und Car Trim waren vertrags- und rechtswidrig – das wurde mittlerweile durch diverse erst- und zweitinstanzliche Urteile bestätigt“, erklärte der Konzern nun. Der Prevent-Sprecher hingegen betonte, dass diese Entscheidungen nur in Verfahren des einstweiligen Rechtsschutzes ergangen und nicht rechtskraftfähig seien: „Prevent ist zuversichtlich, dass diese von VW vertretene Auffassung in den anstehenden Verfahren revidiert wird.“

    In dem Streit geht es nicht nur um Geld, sondern vor allem um das Verhältnis zwischen Herstellern und Zulieferern sowie die Frage, wer am längeren Hebel sitzt. Autoexperte Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management sieht die Autobauer dabei in einer grundsätzlich stärkeren Position: „Im Idealfall sind Verträge für beide Seiten auskömmlich. Aber manche Hersteller nutzen ihre Position, um den Zulieferern Knebelbedingungen aufzuzwingen.“

    Deshalb habe es 2016 auch Firmen gegeben, die Prevent heimlich applaudierten: „Manchen gefiel es, dass endlich mal jemand rebelliert. Doch mit dem Lieferstopp ist Prevent über das Ziel hinausgeschossen.“ Es sei klar gewesen, dass VW es sich nicht gefallen lassen würde, von einem Zulieferer in Geiselhaft genommen zu werden. Aus Herstellersicht, sagt Bratzel, gehe es deshalb bei der eingereichten Klage auch darum, „ein Zeichen zu setzen“.

    Prevent scheint aber auch nicht daran interessiert, das Verhältnis zu VW zu entspannen. Die Gruppe wirft dem Konzern weiterhin vor, seine Marktmacht zu missbrauchen. Erst Mitte November hat sie VW deshalb ihrerseits auf Schadensersatz verklagt. In einer beim US-Bezirksgericht in Detroit eingereichten Klage wirft die Gruppe Volkswagen vor, in den USA Zulieferer wie Prevent an der Übernahme kleinerer Wettbewerber gehindert zu haben, um die eigene Marktmacht zu sichern.

    So habe der Konzern kleine Betriebe verpflichtet, ihr Geschäft nicht an Prevent zu verkaufen und Angebote anderer Firmen zu melden. Selbst vor Spionage seien die Wolfsburger nicht zurückgeschreckt, um ihre Marktmacht zu sichern. Der Konzern soll Berichten zufolge eine Berliner Firma damit beauftragt haben, „Zielpersonen“ aus dem Prevent-Umfeld zu überwachen. VW erklärte, es habe sich um Auskünfte „im Rahmen der rechtlichen Vorschriften“ gehandelt: „Recherchen“ seien nötig gewesen, um die Strukturen Zulieferernetzwerks offenzulegen.

    Prevent fordert in den USA nun 750 Millionen US-Dollar Schadensersatz. Die Anklageschrift umfasst 75 Seiten. Zwei der von VW unter Druck gesetzten US-amerikanischen Unternehmen befinden sich nach Angaben des Prevent-Sprechers bereits in der Insolvenz. Die jüngste VW-Forderung bezeichnet er als „die angekündigte hastige Antwort“ der Wolfsburger auf die US-Klage. Auch mit Daimler liegt Prevent wegen Lieferkonditionen noch immer im Clinch.

    Autoexperte Bratzel zweifelt daran, dass Prevent sich mit den Attacken einen Gefallen tut. Die Gruppe habe nur noch wenig Spielraum, ihr Ruf in der Branche sei „völlig zerstört“. Keiner, der es vermeiden kann, werde Bratzel zufolge noch mit Prevent zusammenarbeiten.

    Mehr: Der Automobilzulieferer wirft dem deutschen Autobauer vor, Übernahmen der Zulieferer von kleineren Firmen verhindert zu haben. Prevent klagt auf Schadenersatz.

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