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Die VW-Tochter Moia will in Hamburg einen digitalen Mitfahrdienst mit Kleinbussen etablieren.

(Foto: dpa)

Mobilität mit Moia VW plant in Hamburg mit Kleinbussen die Verkehrsrevolution

In der Hansestadt sollen ab April Hunderte VW-Kleinbusse über die Straßen rollen – und billigere Fahrten anbieten als Taxis. Es ist der weltweit größte Feldversuch.
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Hamburg Volkswagen macht Ernst mit seinem Shuttle-Service Moia: Ab April sollen zunächst 100, ein Jahr später 500 Kleinbusse durch Hamburg rollen. Moia-Chef Ole Harms kündigte am Mittwoch an, das Projekt werde das wohl weltweit größte seiner Art. Nach einem Testlauf mit 150 Autos in Hannover will er das System in der Hansestadt für den weltweiten Einsatz fertigentwickeln. Der Dax-Konzern verspricht sich davon ein neues Geschäftsfeld.

Was plant Volkswagen konkret?

Mit Moia können Nutzer per App Fahrten buchen – so ähnlich wie heute schon bei der Taxi-App MyTaxi. Der Unterschied: Moia ist ein sogenanntes Ride-Sharing-System. Die dahinterstehende Software erkennt, welche Nutzer ähnliche Wege fahren wollen. Dazu müssen die Nutzer in der App Start und Ziel angeben. In dem Wagen sitzen also möglicherweise bereits andere Fahrtgäste, steigen während der Fahrt zu oder aus. Dafür ist die Fahrt günstiger als eine Taxi-Tour – laut Moia soll der Durchschnittspreis für eine gut sechs Kilometer lange Strecke bei sechs bis sieben Euro liegen.

Was ist der Unterschied zu Diensten wie Uber?

Der Uber-Service ist in der Form, wie er in den USA sehr erfolgreich ist, in Deutschland nicht erlaubt. Bei Uber fahren Privatleute im eigenen Auto und nehmen Menschen mit, die Fahrten per App anfordern. Moia hingegen setzt eigene Kleinbusse ein und arbeitet mit festangestellten Fahrern. 250 Fahrer hat VW dafür in Hamburg bereits eingestellt, bis zum Ende des Testzeitraums 2020 sollen es über 1000 sein.

Die Fahrer brauchen wie beim Taxi einen Personenbeförderungsschein. Rechtlich funktioniert das System über eine Sondergenehmigung, die eine Experimentierklausel im Personenbeförderungsgesetz ermöglicht. Es habe ein Jahr gedauert, um das System in Zusammenarbeit mit der Hamburgischen Verkehrsbehörde rechtssicher zu machen, sagte Harms.

Welche Wagen setzt Moia ein?

Volkswagen hat ein eigenes Fahrzeug für das Hamburger Experiment entwickelt. Anders als in Hannover fahren die Kleinbusse elektrisch. Sie haben Platz für sechs Fahrgäste und Gepäck. Von außen wirken die klobigen goldgelb-schwarzen Busse mit ihren Design-Scheinwerfern futuristisch, von innen strahlen sie trotz Einzelsitzen, Info-Bildschirm und Ladesteckdosen recht nüchterne Kleinbus-Atmosphäre aus. Behindertenfreundlich sind sie nicht.

Die Software hat Moia mit über 100 Mitarbeitern in Hamburg entwickelt, gebaut werden die Wagen im Werk Osnabrück. Weitere 100 Menschen arbeiten in den Moia-Büros in Berlin und Helsinki.

Wer ist die Zielgruppe?

Die Stadt Hamburg hat bereits vor zwei Jahren einen umfangreichen Vertrag mit Volkswagen geschlossen. Der Konzern soll die Stadt mit Blick auf den weltweiten Logistikkongress ITS im Jahr 2021 zu einem Testfeld für moderne Logistik machen – von Moia über selbstfahrende Autos bis zur Hafenlogistik.

Moia hat dabei den Auftrag, seinen Teil dazu beizutragen, klassische Autofahrer zum Umsteigen auf neue Verkehrsmittel zu bewegen. Im Idealfall spart Moia private Autos ein und forciert die Elektromobilität. Es ist ein Baustein zwischen Bus, Bahn, Taxi, diversen Anbietern von Carsharing, Emmy-Roller-Sharing und Stadtrad.

Wem macht Moia Konkurrenz?

Die Volkswagen-Tochter verbündet sich mit dem U-Bahn-Betreiber Hochbahn und soll in dessen Carsharing-Plattform Switchh integriert werden. Moia hat sich verpflichtet, stets einen höheren Preis zu verlangen als der öffentliche Nahverkehr, bei dem eine Einzelkarte 3,30 Euro kostet.

Größere Konkurrenz könnte Moia den Carsharing-Angeboten von Daimler und BMW machen: Der neue Dienst deckt einen ähnlichen Stadtbereich ab wie Car2Go und DriveNow. Preislich liegt er wohl nur etwas über den Minutentarifen der Carsharing-Anbieter, erspart jedoch die Parkplatzsuche und das Risiko, selbst am Steuer zu sitzen. Moia ist dabei eine Alternative zu Einzelfahrten im Stadtgebiet, bei dem ein Carsharing-Auto nur kurzzeitig für eine Strecke genutzt wird.

Gibt es bereits ein ähnliches Angebot?

Ja. Das Start-up Clever Shuttle, an dem inzwischen die Deutsche Bahn die Mehrheit hält, ist bereits in mehreren deutschen Städten, darunter Hamburg, unterwegs. Der Service funktioniert sehr ähnlich. Es gibt jedoch einige kleinere Unterschiede. Clever Shuttle hat einen Vorteil bei den Autos: Der Service setzt wasserstoffbetriebene Pkw ein, meist von Toyota. Sie bieten ein komfortables Limousinen-Fahrgefühl - anders als die Moia-Kleinbusse.

Zudem lässt sich Clever Shuttle an jeden Punkt im Bediengebiet ordern, während Moia dem Nutzer kurze Fußwege von einigen Hundert Metern bis an die nächste Kreuzung zumuten kann. Clever Shuttle hat in der Praxis aber bislang deutliche Unzulänglichkeiten: Oft sind die Wartezeiten lang, oder es ist gar kein Shuttle verfügbar.

Grund ist die niedrige Zahl an Fahrzeugen: „In Hamburg sind aktuell 30 Fahrzeuge eingeflottet, bis Ende Januar werden 50 Fahrzeuge auf der Straße sein“, sagte ein Sprecher des Unternehmens auf Anfrage. Spezielle Angebote zur Abwehr von Moia seien nicht geplant. Ein weiterer Konkurrent im Rahmen der Hamburger Versuche ist Ioki. Dieser Shuttle-Service der Bahn ist allerdings mit 20 Fahrzeugen nur in einem kleinen Stadtgebiet von Hamburg aktiv. Er soll Bus und Bahn ergänzen und ist mit einem Busticket nutzbar.

Wie sind die bisherigen Erfahrungen?

In Hannover meldet Moia 60.000 Anmeldungen per App – das ist rechnerisch ein Zehntel der Hannoveraner. Konkurrent Clever Shuttle berichtet, im Schnitt fänden 53 Prozent der Fahrten mit mehreren Parteien statt. Angenommen, dass diese Fahrten keine Radtouren oder Bahnfahrten ersetzen, würden also tatsächlich Fahrzeuge auf der Straße eingespart.

In sechs Städten bundesweit (Hamburg, Berlin, München, Leipzig, Dresden und Stuttgart) fahren laut dem Unternehmen inzwischen im Monat 110.000 Menschen mit 220 Autos von Clever Shuttle. Der Fahrpreis soll im Schnitt bei Clever Shuttle 60 Prozent unter dem Taxi-Preis liegen.

Was verdienen die Fahrer?

Anders als bei Uber, bei dem in den USA sehr geringe Stundenlöhne kritisiert werden, verdienen Fahrer bei Moia ein berechenbares Einkommen. Moia arbeitet also nicht mit Lohndumping, sondern bezahlt auf dem Marktniveau. In aktuellen Stellenausschreibungen verspricht Moia 2080 Euro Monatsbrutto, das entspricht einem Stundenlohn von zwölf Euro.

Dazu kommen Schichtzulagen von 25 Prozent in der Nacht, 50 Prozent am Sonntag und 100 Prozent am Feiertag. Clever Shuttle bietet 11,50 Euro pro Stunde zuzüglich bis zu 1,50 Euro Bonus sowie 25 Prozent Nachtzuschlag. Laut der Hamburger Taxigenossenschaft Hansetaxi verdienen Fahrer in einer Funktaxe „deutlich über zehn Euro“ pro Stunde – allerdings inklusive Trinkgeld.

Taxifahrer, die nicht an eine Funkzentrale angeschlossen sind, verdienen dagegen wegen langer Wartezeiten oft deutlich weniger. Zum Vergleich: Busfahrer bei der Hamburger Hochbahn erhalten nach drei Monaten 2.452 Euro zuzüglich Nacht- und Wochenendzuschlägen. Die Gehälter sind auch getrieben durch die hohe Nachfrage an Fahrern: Moia hat 1000 Berater in Jobcentern mit Infomaterial ausgestattet und will auch Langzeitarbeitslose beschäftigen.

Wie reagieren die Taxifahrer?

Anfängliche Proteste haben sich gelegt – wohl auch, weil die Verkehrsbehörde in Hamburg statt beantragter 1000 Moia-Fahrzeuge zunächst nur 500 genehmigt hat. Inzwischen zeigt sich etwa Hansa-Taxi entspannt: „Das ist nicht der Untergang des Abendlands“, sagt ein Sprecher. „Wir haben nichts gegen neue Wettbewerber.“ Taxifahrer könnten mehr Service anbieten – etwa Krankenfahrten. Zudem hat Hansa-Taxi nach eigenen Angaben als bundesweiter Vorreiter eine eigene Ridesharing-Funktion in seiner App implementiert.

Allerdings sparen Fahrgäste hier nur, wenn sich tatsächlich ein Mitfahrer findet, was wohl noch selten gelingt. Zugleich ist das Taxigewerbe skeptisch, dass Moia auf dem engen Hamburger Arbeitsmarkt tatsächlich die gewünschten 1000 Fahrer findet. Außerdem verweist der Sprecher darauf, dass noch immer 90 Prozent der Taxi-Bestellungen am Telefon ankämen – während Moia, Clever Shuttle und die Carsharing-Anbieter nur per App erreichbar sind.

Wie geht es weiter mit Moia?

Moia-Chef Harms will den Test in Hamburg wissenschaftlich auswerten lassen, bevor er das System weiter ausrollt. Im Idealfall soll das System auf Städte weltweit ausgeweitet werden. Anders als einst Uber und auch Clever Shuttle will Harms jedoch zunächst sichergehen, dass das System möglichst perfekt ist – und nimmt dafür Zeitverzögerungen in Kauf. Wann Moia profitabel sein soll, wollte er am Mittwoch nicht sagen. Einen deutlichen Profitabilitätssprung könnte es geben, falls künftig autonom fahrende Kleinbusse ohne Fahrer eingesetzt werden können. Doch das ist noch Zukunftsmusik.

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