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Modelprojekt „Smart Infrastructure“ Wie das Matterhorn für Siemens zum Zukunftslabor für die neue Konzernstruktur wird

Intelligente Infrastruktur ist eine tragende Säule in der neuen Konzernstruktur. Ein Modellprojekt in den Alpen zeigt, wie Siemens künftig wachsen möchte.
02.09.2018 - 19:56 Uhr Kommentieren
Zukunftsorientierte Modellprojekte haben für Siemens derzeit hohe Bedeutung. Quelle: Siemens
Technik in den Bergen

Zukunftsorientierte Modellprojekte haben für Siemens derzeit hohe Bedeutung.

(Foto: Siemens)

Zermatt Es ist eine der höchsten Baustellen Europas. Auf 3.883 Meter Höhe bohren und schrauben am Klein Matterhorn über Zermatt derzeit Arbeiter mit Pudelmütze und Bergstiefeln. Während Seilschaften auf den Weg zum Breithorn aufbrechen und Sommerskifahrer zum Gletscher gehen, laufen die letzten Arbeiten für die höchste Dreiseilumlaufbahn Europas. Sie soll ab dem 29. September 2.000 Touristen in der Stunde auf das Klein Matterhorn transportieren.

Elektrifiziert wird die neue Seilbahn von Siemens. Im Stollen durch den Berggipfel ist eine gasisolierte Mittelspannungsanlage des Münchener Technologiekonzerns verbaut. Siemens spricht stolz von der „höchsten Schaltanlage Europas“. Solche Modellprojekte haben für Siemens derzeit eine hohe Bedeutung. Zermatt ist eine Art Zukunftslabor für die neue Unternehmenseinheit „Smart Infrastructure“, die sich gerade formiert.

Die Mittelspannungstechnik und weitere Geschäfte werden in der „Vision 2020+“ von Joe Kaeser der Gebäudetechnik zugeschlagen, die damit künftig eine zentrale Rolle spielen soll.

Noch vor wenigen Jahren galt die Gebäudetechnik als Verkaufskandidat und schien eher ein Anhängsel neben Großgeschäften wie den Gaskraftwerken, Zügen und der Medizintechnik. Mit Kaesers Umbau wird sie nun aber neben dem Kraftwerksgeschäft und den digitalen Industrien die dritte zentrale Säule des Konzerns: Das neue „operative Unternehmen“, wie Kaeser die drei Kerngeschäftseinheiten nennt, kommt mit Teilen des Energiemanagements auf 14 Milliarden Euro Umsatz und 71.000 Mitarbeiter.

Damit ist „Smart Infrastructure“ genauso groß wie das viel beachtete Geschäft mit der Digitalen Fabrik und der Automatisierung der Prozessindustrie. Sitz der neuen Einheit ist Zug in der Schweiz. Geführt wird das „Unternehmen“, zu dem künftig unter anderem auch die Intelligenten Netze, Verteilungssysteme und die Niederspannungsprodukte gehören, von Siemens-Vorstand Cedric Neike.

Der Aufstieg zur zentralen Säule ist kein Zufall. „Es geht längst nicht mehr darum, nur ein paar Rauchmelder zu verkaufen“, sagt ein Siemens-Manager. Gebäude würden immer stärker zum Energieproduzenten – zum Beispiel durch Photovoltaik und Blockheizkraftwerke. Daher sei es sinnvoll, die Aktivitäten mit dem Energiemanagement zu verknüpfen. „Wenn man das richtig angeht, passt das gut zueinander.“

Davon ist auch Vorstand Neike überzeugt. „Gebäude und Energienetze arbeiten bereits heute eng zusammen“, sagte er dem Handelsblatt. Gebäude seien weltweit für etwa 40 Prozent des Energieverbrauchs verantwortlich. Im Zeitalter der Dezentralisierung der Energieversorgung würden Gebäude zunehmend auch zu Produzenten von Strom und Wärme. Es entstünden dezentralisierte Energiesysteme, Ladeinfrastrukturen und Energiespeicher „rund um den Stromzähler“ mit zunehmender Bedeutung der Digitalisierung.

Daher habe Siemens die Geschäftseinheiten unter einem Dach gebündelt.

Aus dem eher kleinteiligen Gebäudetechnikmarkt ist so eine für Siemens attraktivere Zukunftsbranche entstanden. Die Steigerung der Energieeffizienz ist das große Thema – auch für das Erreichen der weltweiten Klimaschutzziele. Laut einer Studie von Arthur D. Little wird das Energiemanagement dabei in den nächsten Jahren zum wichtigsten Teil des sogenannten Smarthome-Markts werden, vor der Steuerung von Licht und Fenstern.

Nach Schätzungen von Siemens ist der Markt für Gebäudetechnik weltweit 60 Milliarden Euro groß, der für Energiemanagement insgesamt 110 Milliarden Euro. In der „Intelligenten Infrastruktur“, die die neue Einheit abbilden soll, hofft Siemens laut Industriekreisen auf Wachstumsraten von 15 Prozent und mehr. Zudem soll der Bereich eine operative Umsatzrendite von zehn bis 15 Prozent erreichen. Zuletzt lagen die Geschäfte bei etwa elf Prozent.

Vorausschauendes Energiemanagement

Um das Zusammenspiel zu organisieren, spielt in der Gebäudetechnik die Steuerung eine immer wichtigere Rolle. Auch hier gibt es bei Zermatt ein Musterbeispiel: In der futuristischen neuen Monte-Rosa-Hütte haben Siemens und Hochschulinstitute fast alles verbaut, was bei Eröffnung vor neun Jahren an Gebäude- und Automatisierungstechnik möglich war.

Wenn Ivan Lötscher, der das Projekt von Anfang an für Siemens mitbetreute, seinen Laptop aufklappt, kann er von jedem Punkt der Welt aus den Ladezustand der Batterien mit ihren 5.200 Amperestunden Kapazität kontrollieren und die Gebäudelüftung steuern. „Das Interesse an dem System war weltweit groß“, berichtet er. Aus New York und Asien bekam er Anfragen, viele neue Hütten wie die Hörnlihütte am Matterhorn übernahmen Teile der Technik.

Als die neue Hütte vor neun Jahren eröffnet wurde, war sie ein Besuchermagnet. Das Gebäude im Stil eines Bergkristalls liegt unterhalb der 4.634 Meter hohen Dufourspitze, der Blick nach unten wird vom mächtigen Grenzgletscher dominiert.

In die silbern schimmernde Aluminium-Außenwand sind Photovoltaikzellen integriert, das Wasser wird von einem thermischen Solarkollektor erwärmt. Eine Lüftungsanlage sorgt für Wärmerückgewinnung, versorgt die Räume mit frischer Luft und heizt. Die Computersteuerung berücksichtigt, wie viele Gäste erwartet werden und die Wetterprognose. Vorausschauendes Energiemanagement.

Hüttenwirt Jonas Rubin verlässt sich auf die automatische Steuerung. Sein Vorgänger griff noch gern selbst ein – gerade wenn das Wetter schlecht und ihm etwas langweilig war. Im Winter, wenn die Hütte geschlossen ist, bekommt Rubin Meldungen aufs Handy, ob die Systeme einwandfrei laufen. Die Automatisierung helfe, sagt er. Wenn der Diesel knapp wird, der zusätzlich gebraucht wird, erfährt er das beizeiten.

Doch klar ist auch, dass die Monte-Rosa-Hütte ein Musterprojekt ist. „Es würde auch mit etwas weniger Technik funktionieren“, räumt Jonas ein. Er muss Messstationen unterhalten, die für die Weiterentwicklung Erkenntnisse bringen sollen. Denn aus dem Projekt haben alle Beteiligten gelernt. Die Abwasseranlage ist mit dem Einsatz von Bakterien kompliziert geraten und verbraucht viel Strom. Bei der Hörnlihütte wurde ein einfacheres System gewählt.

Das neue „operative Unternehmen“ soll solche komplexen Projekte an Land ziehen und so die Existenzberechtigung unter dem Dach von Siemens unter Beweis stellen – andernfalls lassen sich die „operativen Unternehmen“ eines Tages ja auch leicht abspalten. Ob die Rechnung aufgeht, ist offen. Im Energiesektor hat Siemens den Zuschnitt immer wieder verändert. Die Bruchstellen seien nur verschoben worden, meint ein Insider.

Die Kundenzugänge und Marktbedingungen bei Energiemanagement und Gebäudetechnik seien oft unterschiedlich. Ob es diesmal wirklich gelinge, Synergien zu bergen, müsse sich erst zeigen.

Auf der Monte-Rosa-Hütte hat sich der Ansturm inzwischen gelegt. Nach der Eröffnung kamen mehr als 1.000 Übernachtungsgäste im Jahr, derzeit sind es noch etwa halb so viele. Der vierstündige Anstieg ist vor allem vielen Tagesgästen zu lang. Zudem ist der Weg über den Gletscher schwieriger geworden, seit dieser sich durch den Klimawandel immer mehr zurückzieht.

Ein neuer Weg, bei dem weniger Höhenmeter zu absolvieren sind, soll ab dem nächsten Jahr wieder mehr Tagesgäste locken. Doch die neue Siemens-Einheit „Smart Infrastructure“ kann ja künftig auch noch einmal 1.000 Meter höher auf dem Klein Matterhorn zeigen, was sie kann.

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