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Möbelhersteller Schieders Schreckgespenst

Der größte europäische Möbelhersteller Schieder kämpft gegen die Pleite. Nicht nur, dass das Geschäft Probleme machte; das Management soll auch noch die Bilanzen frisiert haben. Dabei sah bis vor kurzem alles nach einer Erfolgsgeschichte aus. Doch dann kamen die Enthüllungen. Die Firma und der namensgebende Ort stehen Kopf.
Rolf Demuth gilt als Henry Ford der Möbler. Foto: dpa Quelle: dpa

Rolf Demuth gilt als Henry Ford der Möbler. Foto: dpa

(Foto: dpa)

DÜSSELDORF/SCHIEDER/LIECHTENSTEIN. Der Mann arbeitet gründlich. Erst inspiziert er den Kofferraum des anthrazitfarbenen VW-Golfs, dann das Handschuhfach und schließlich die Aktentasche des Fahrers. Am Ende wirft er sogar einen Blick unter die Fußmatten im Wagen. Auch dort könnten Akten versteckt sein, vertrauliche Unterlagen, die das alte Management des Unternehmens beiseite schaffen will. Doch Fehlanzeige. Der Wagen darf die rot-weiße Schranke passieren. Und der Sicherheitsmann verschwindet wieder in seinem Pförtnerhäuschen – bis der nächste Wagen oder der nächste Mitarbeiter Feierabend hat und das Firmengelände des Möbelherstellers Schieder hier im tiefsten Westfalen verlassen will.

„Seit einer Woche geht das hier schon so mit diesen Durchsuchungen“, berichtet ein Mitarbeiter, nachdem er am Werkstor seinen Leinenbeutel hat vorzeigen müssen. „Jeder Arbeiter, jeder Wagen wird durchgecheckt, selbst der eines einfachen Arbeiters, dabei haben wir doch nichts zu verbergen, sondern die da oben.“

Die da oben – das ist das Management des größten europäischen Möbelherstellers, dessen Name bis vor kurzem nur Profis kannten, weil Schieder seine Ware an Händler und nicht an Endkunden liefert. Spätestens seit Pfingsten allerdings kennt beispielsweise auch die Staatsanwaltschaft in Bielefeld Schieder. Kleinlaut mussten die neuen Manager dort einräumen, dass sie in den Geschäftsbüchern falsche Zahlen entdeckt haben. Seither ist im Schieder-Land nichts mehr, wie es mal war. Eine Firma zittert, ein ganzer Ort ist in Sorge, viele fragen sich, wie das passieren konnte. Eine Spurensuche.

Wichtigster Arbeitgeber

Schieder-Schwalenberg – das ist ein Örtchen in Ostwestfalen. Sanft gewellte Hügel, viel Grün, viel Gemütlichkeit, gut 9 000 Einwohner verteilt auf fünf Dörfer. „Die Toscana des Nordens“, sagt Bürgermeister Gert Klaus. Und wie er das so sagt, die Mundwinkel ganz leicht nach oben gezogen, weiß man nicht genau, ob er es nicht vielleicht ironisch meint. Schieder mit seinen 600 Jobs ist in Schieder mit Abstand der wichtigste Arbeitgeber. Seit acht Jahren ist Klaus Bürgermeister, seit mehr als 30 Jahren ist er in der Verwaltung, war unter anderem für die Wirtschaftsförderung zuständig. Er hat ihn erlebt, den Niedergang der heimischen Möbelbranche. Unternehmen, die wegen hoher Lohn- und Fertigungskosten aufgeben mussten, Unternehmen, deren Produkte einfach nicht mehr den Geschmack der Kunden trafen, Unternehmen, die keinen Nachfolger fanden.

Und jetzt Schieder. Als die falschen Bilanzen bekannt wurden, brach Oberstaatsanwalt Klaus Pollmann sofort seinen Urlaub ab. Seit dem Fall des Sportbodenherstellers Balsam, der auch auf seinem Schreibtisch lag, muss den Bielefelder Spezialisten für Wirtschaftskriminalität niemand mehr zum Jagen tragen. Ein Schaden von 283 Millionen Euro soll sich bei Schieder aufgehäuft haben. „Das hat man auch nicht alle Tage“, raunzt Pollmann. Kein Blatt Papier darf seither das weitläufige Firmengelände an der Bahnhofstraße verlassen. Das neue Management hat extra einen Sicherheitsdienst aus Bielefeld engagiert – angeblich sind Unterlagen im Aktenvernichter gelandet, erzählen Mitarbeiter.

Was ist schief gelaufen, fragen sie sich. Und sie sind nicht die Einzigen.

Im fernen Liechtenstein sitzen Thomas Fox und Marcel Reich an einem Konferenztisch und beugen sich über ein Organigramm. Fox, ein jovial-bulliger Typ, ist der vor vier Wochen eingeflogene Krisenmanager, Reich der Geschäftsführer von IMS, einer der vielen Tochterfirmen von Schieder. Als „Perle des Konzerns“ beschreiben die beiden den 1 700 Mitarbeiter starken Tochterbetrieb, der sich auf hochwertigere Möbelsegmente spezialisiert hat. „Von der Bilanz her sind wir eine Bank mit angeschlossenem Möbelhandel“, sagt Fox, der vor seinem Schieder-Einsatz als Krisenmanager beim schlitternden Geldtransporter Heros einiges gewohnt war und damit schon ganz andere Patienten kennen gelernt hat. Die Aufgabe des Führungsduos besteht darin, IMS aus dem Strudel hinauszurudern, in den die westfälische Muttergesellschaft geraten ist.

Ihr Problem ist jedoch das gleiche wie im Mutterhaus: Falls die Kunden nicht mitmachen, gehen auch in Liechtenstein die Lichter aus. Die Kunden brauchen absolute Sicherheit. Ikea zum Beispiel bastelt jetzt am neuen Katalog, der dann ein Jahr Gültigkeit hat. Nicht auszudenken, wenn die Couch, die dort abgebildet ist, nicht lieferbar wäre. Also müssen Fox und Reich in Liechtenstein genauso wie Ulrich Wlecke als neuer Manager am westfälischen Hauptsitz der Gruppe vor allem eines schaffen: Vertrauen.

Dazu brauchen sie eine Antwort auf die Frage: Wo lag der Fehler? Bei der Suche führt kein Weg an Rolf Demuth vorbei. Ohne ihn gäbe es Schieder nicht. Aber er gilt auch als der Mann, der zu unerlaubten Mitteln greift, als er sein Lebenswerk zwischen den Händen zerrinnen sieht.

„Der Henry Ford der Möbler“

„Der Henry Ford der Möbler“ wird der 68-Jährige mit dem grauen Vollbart und dem schütteren, kurz rasierten Haar in der Branche genannt, weil er als Erster in Deutschland die handwerkliche Möbelfertigung auf industrielle Serienfertigung umstellte. Der Mann, der einst die Wünsche der wirtschaftswunderhungrigen Deutschen schneller und preiswerter als andere befriedigen konnte, ist heute einer der vier führenden Schieder-Manager, für die Staatsanwalt Pollmann Haftbefehle auf seinem Schreibtisch liegen hat. Wenn Krisenmanager Fox auf ihn zu sprechen kommt, zuckt er bedauernd die Schultern, fühlt sich an den Firmenchef von Heros erinnert: „Der hat jetzt auch beschränkte Besuchszeiten.“

Als Demuth 1964 seinen Betrieb mit 27 Mitarbeitern im Dorf Schieder gemeinsam mit seinem Schwiegervater gründet, werden Möbel noch in Handarbeit zusammengebaut. „Ich bin ein kleiner Junge vom Land“, hat Demuth stets über sich gesagt.

Mitarbeiter veranlasst das inzwischen zu hämischen Bemerkungen. „Wäre er geblieben, wo er hingehört, und hätte nicht in der großen Welt das große Rad zu drehen versucht, wäre uns der Schlamassel jetzt wohl erspart geblieben“, sagt ein Angestellter, der gerade das Firmengelände in Schieder verlässt und die Kontrollen hinter sich gebracht hat. Fox ist emotionsloser: „Demuth hat seine Firma eigenhändig aufgebaut und wieder abgebaut. Das gibt’s.“

Der Aufbauprozess sieht so aus: Demuth spürt in den siebziger Jahren den Preisdruck in der Möbelbranche und sinnt auf Abhilfe. Er unternimmt das Wagnis und geht mit einem kommunistischen Staatsbetrieb in Polen ein Joint Venture ein. Der Plan geht auf. Heute kommt ein Großteil der Schieder-Produktion aus Osteuropa. Den zweiten Zug nach Osten verpasst Demuth allerdings – der Abbau beginnt.

Das Gros der weltweiten Möbelproduktion stammt inzwischen aus Ländern wie Malaysia oder China, wo die Lohnkosten noch deutlich unter denen von Polen oder Ungarn liegen. Demuth entdeckt China erst, als ihn der damalige Kanzler Gerhard Schröder im Jahr 2004 zu einer Reise ins Land der Mitte einlädt. Seit 2005 lässt Schieder auch dort produzieren, die Qualität ist jedoch noch immer nicht so, dass etwa IMS die Produkte aus dem Fernen Osten an prominenter Stelle in seinem liechtensteinischen Schaulager ausstellen würde.

Und dann die Organisation. Wenn Reich und Fox in Liechtenstein oder Wlecke am Hauptsitz in Schieder nachvollziehen wollen, welche Firma innerhalb des Konzerns wofür zuständig ist, verfallen sie in verzweifeltes Grübeln. 110 Gesellschaften gehören zum Imperium, 80 sind operativ unterwegs. Der Patriarch, so formuliert es einer der Beteiligten, habe eine Organisation geschaffen, die um die Menschen aufgebaut war, denen er vertraute. „Wie ein Sonnenkönig.“

Der Wettbewerbsvorteil, den Schieder eigentlich hat und der darin besteht, einer der wenigen Komplettanbieter der Branche zu sein, wird so zum Nachteil: Kaum einer weiß, wer wofür zuständig ist. Einige Kunden werden gleich mehrmals von unterschiedlichen Schieder-Tochtergesellschaften angesprochen, andere gar nicht. „In Liechtenstein“, so fasst es Reich zusammen, „waren wir froh, wenn wir einmal im Jahr unser Geld abliefern durften und dafür in Ruhe gelassen wurden.“

Iraner leitet Geschäfte

In Westfalen mehren sich unterdessen die Anzeichen für eine Krise. Demuth hatte sich eigentlich vor zwei Jahren aus dem aktiven Geschäft verabschiedet und die Führung in die Hände des iranischstämmigen Managers Samir Jajjawi übergeben. Nach außen vertritt Jajjawi, ohne mit der Wimper zu zucken, jene Bilanzen, über denen jetzt die Staatsanwaltschaft brütet. So beziffert er 2005 und 2006 den aktuellen Jahresumsatz des Konzerns je auf rund eine Milliarde Euro, während die Erlöse in Wirklichkeit nur bei der 900-Millionen-Euro-Marke pendeln.

Tatsächlich, so glauben die Ermittler inzwischen, hält Jajjawi in dieser Zeit für ein System den Kopf hin, das Demuth im Hintergrund ausgetüftelt hat. Gesellschafter-Darlehen werden als Umsatz verbucht, privates und geschäftliches Vermögen nicht mehr sauber getrennt. Genussscheine im Wert von 50 Millionen Euro zählen eigentlich zu den Verbindlichkeiten, werden in der Bilanz jedoch wie Eigenkapital behandelt. Am 4. Dezember 2006 wird es dem Iraner zu viel. Er kündigt, und der Firmengründer, der sich eigentlich nur noch seinem Hobby, dem Segeln widmen wollte, übernimmt wieder das Ruder. Die Staatsanwaltschaft in Bielefeld hindert das heute nicht, auch gegen Jajjawi zu ermitteln.

Demuth kann jetzt jedoch nicht mehr verhindern, dass die Mosaikstückchen seiner Bilanzen wie Dominosteine umfallen. Im Dörfchen Schieder machen die ersten Gerüchte die Runde. „Es gab schon einige Signale, die zwischenzeitlich aufhorchen ließen“, sagt Bürgermeister Klaus. „Etwa, als man mitbekam, dass Schieder einen Börsengang plant oder Genussscheine ausgegeben hat mit einem Zinssatz im zweistelligen Bereich.“ Als ehemaliger Wirtschaftsförderer klingeln da bei Klaus die Alarmglocken. „Das klingt ja schon nach Risiken, die damit verzinst werden.“ Was das für seine Stadt bedeutet – darüber habe er sich aber zunächst keine Gedanken machen wollen.

Am Firmensitz an der Bahnhofstraße brennt es unterdessen lichterloh. Trotz aller Tricks fehlt Geld in der Kasse, um die laufenden Geschäfte abzuwickeln – rund 70 Millionen Euro. Das Management verhandelt mit Banken über einen Überbrückungskredit und meldet im April vorsorglich Insolvenz an. Das erzeugt Druck. Nach außen gibt es keinen Grund, das scheinbar profitable, aber wenig liquide Unternehmen in den Ruin zu treiben. Demuth spielt den Banken den Schwarzen Peter zu, und die Strategie geht auf: Die Institute gewähren einen Kredit – auf Grund vermutlich falscher Zahlen, wie sich erst später herausstellt.

Doch die Banken nehmen jetzt auch das operative Geschäft in die Hand. Ulrich Wlecke vom Krisenberatungsunternehmen Alix Partners wird als Manager in Westfalen eingesetzt, Fox fliegt in Liechtenstein ein. In finanziellen Angelegenheiten berät die Investmentbank Houlihan Lokey Loward & Zukin die neue Geschäftsführung. Demuth ist raus. Wlecke will wissen, womit er es zu tun hat und arbeitet mit den neu bestellten Sonderprüfern von Pricewaterhouse Coopers die Bilanzen durch. Das Ergebnis ist verheerend. Am Gang zur Polizei führt kein Weg vorbei.

Wlecke versucht seither zu retten, was zu retten ist. Die Gespräche mit den Banken laufen. Bei IMS in Liechtenstein liegt Plan B auf dem Tisch: Fox und Reich können sich auch eine Zukunft ohne Schieder vorstellen. Bürgermeister Klaus knetet seine Hände, schaut aus dem Rathausfenster nach draußen – auf eine Wiese, auf der Schafe grasen. Zwei dunkle sind dabei. „Müssen wir vielleicht Gewerbesteuereinnahmen zurückzahlen, wenn die Bilanzen von Schieder Möbel neu erstellt werden? Das wäre der Supergau für uns“, sagt er. Und den Mitarbeitern graut es vor den Betriebsferien: „Ab Mitte Juni haben wir Urlaub“, erzählt einer aus der Produktion. „Wie es hier wohl aussieht, wenn wir wiederkommen?“

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