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Monsanto-Übernahme Bayers neue Einsatztruppe: Wie der Konzern das Glyphosat-Problem lösen will

Der Aufsichtsrat übernimmt die Kontrolle im Umgang mit den Glyphosat-Verfahren und richtet einen Sonderausschuss ein. Kommt jetzt ein Vergleich mit den Klägern?
27.06.2019 - 19:13 Uhr Kommentieren
Der Zukauf des Glyphosat-Herstellers Monsanto hat den Börsenwert von Bayer mittlerweile um ein Drittel gedrückt. Es drohen hohe Schadensersatzforderungen, da bereits 13.400 Klagen wegen Glyphosat gegen Bayer eingereicht wurden. Quelle: AFP/Getty Images
Glyphosat-Einsatz

Der Zukauf des Glyphosat-Herstellers Monsanto hat den Börsenwert von Bayer mittlerweile um ein Drittel gedrückt. Es drohen hohe Schadensersatzforderungen, da bereits 13.400 Klagen wegen Glyphosat gegen Bayer eingereicht wurden.

(Foto: AFP/Getty Images)

Düsseldorf Einen ganzen Tag lang haben die 20 Aufsichtsräte von Bayer am Mittwoch über die aktuelle Lage des Unternehmens beraten. Vor allem, wie es mit den belastenden Prozessen um Glyphosat in den USA weitergehen soll. Chefkontrolleur Werner Wenning hatte das Treffen gut vorbereitet, es sollte eine Signalwirkung haben.

Trotz kontroverser Diskussionen, so ist aus dem Umfeld des Gremiums zu hören, war die gemeinsame Linie allen schnell klar: Der Aufsichtsrat will in der misslichen Lage Verantwortung demonstrieren und übernimmt dazu die Kontrolle über das weitere Vorgehen bei den Glyphosat-Verfahren.

Um 18.37 Uhr am Mittwochabend gaben die Aufsichtsräte ihre Beschlüsse bekannt: Ein neu geschaffener Sonderausschuss aus acht Kontrolleuren soll den Vorstand bei der weiteren Prozess-Strategie nicht nur unterstützen, sondern konkrete Vorschläge machen. Der Ausschuss lässt sich von einem der erfahrensten US-Anwälte beraten: John Beisner von der Kanzlei Skadden hat mehrere der größten US-Produkthaftungsfälle begleitet. Nun soll er Bayer aus dem juristischen Schlamassel ziehen, das die Übernahme von Monsanto eingebrockt hat.

Es ist ein von Investoren erhofftes Zeichen. Sie werten die Ankündigung als Änderung der Prozess-Strategie. Statt alle Verfahren weiter bis zum Ende durchziehen zu wollen, könnte sich Bayer einem milliardenschweren Vergleich mit den Klägern öffnen. „Der gesamte Rechtskomplex belastet Bayer, die Mitarbeiter und die Aktionäre schwer“, heißt es bei einem der größeren Anteilseigner des Konzerns. „Es muss eine Lösung gefunden werden, wie man diese Last in absehbarer Zeit loswird.“

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    Die Hoffnung darauf gab der Bayer-Aktie am Donnerstag kräftig Schwung: Der Kurs stieg bis zum Nachmittag um acht Prozent auf etwas mehr als 60 Euro. Damit ist Bayer aber noch immer rund ein Drittel weniger wert als vor einem Jahr. Seither hat der Konzern mit der neuen Tochter Monsanto drei wichtige Verfahren um angebliche Krebswirkungen des Glyphosat-haltigen Unkrautvernichters Round-up verloren. Die Schadensersatzzahlungen aus den Urteilen summieren sich aktuell auf mehr als zwei Milliarden Dollar.

    Auf der Hauptversammlung Ende April hatten die Anteilseigner ihren Unmut über die Lage deutlich gemacht und den Vorstand in einer historisch einmaligen Aktion nicht entlastet. Der Aufsichtsrat bekam nur 66 Prozent Zustimmung, was ebenfalls als Klatsche galt. Es war klar, dass die Bayer-Führung auf ein solches Misstrauensvotum eine adäquate Reaktion erarbeiten musste.

    Elliott gibt sich zu erkennen

    Die Ergebnisse liegen nun vor. Sie seien im engen Austausch mit größeren Anteilseignern erarbeitet worden, heißt es in Finanzkreisen. Anders ist es auch nicht zu erklären, dass der Hedgefonds Elliott nur 30 Minuten nach der Bayer-Mitteilung eine Stellungnahme mit detaillierten Bewertungen der neuen Bayer-Pläne veröffentlichte. Als weiterer großer Anteilseigner habe der Staatsfonds Temasek aus Singapur Druck ausgeübt, heißt es in den Finanzkreisen. Temasek besitzt mehr als drei Prozent an Bayer.

    Während die Asiaten im Hintergrund agieren, hat sich Elliott nun öffentlich erklärt. Seit Monaten war bekannt, das der als aufrührerisch geltende Hedgefonds in Bayer investiert ist. Jetzt ist klar: Er besitzt nach eigenen Angaben rund zwei Prozent der Anteile.

    In einer langen Erklärung formulierte Elliott seine Sicht auf Bayer so: Der Konzern sei um 30 Milliarden Euro unterbewertet, was vor allem an den Glyphosat-Rechtsstreitigkeiten liege. Die Lösung dieses Streits könne eine deutliche Wertsteigerung bringen, doch der Fonds sieht dazu langfristig noch weitere Hebel bei Bayer. In Finanzkreisen heißt es, dass es dabei nicht unbedingt nur um die Forderung nach einer Aufspaltung von Bayer gehe, wie sie immer wieder mit Elliott in Verbindung gebracht wird.

    Bayer hat mit Elliott nun einen unbequemen Eigentümer an Bord, der zwar nur einen geringen Anteil besitzt, aber seine Vorstellungen mit öffentlichen Erklärungen und internem Druck voranzutreiben weiß. Das hat Elliott schon bei anderen deutschen Unternehmen bewiesen.

    Grafik

    Wie gewohnt zeigt sich Elliott auch bei Bayer zunächst durchaus freundlich: Die Einsetzung des Sonderausschusses im Aufsichtsrat und das Engagement des Staranwalts Beisner wird sehr wohlwollend kommentiert. Der Hedgefonds verbindet dies aber geschickt mit einer klaren Erwartungshaltung: dass Bayer mit den Glyphosat-Klägern einen „zeitnahen Vergleich mit begrenztem finanziellem Aufwand herbeiführt“.

    Eine heikle Forderung: Kann Bayer ein finanziell vertretbares Settlement mit den Klägern ausverhandeln, um sich aller mehr als 13.400 Klagen auf einen Schlag zu entledigen? Und ist dafür schon der richtige Zeitpunkt gekommen?

    „Wir sind für ein schnelles Settlement, aber nicht um jeden Preis“, sagt Markus Manns, Fondsmanager beim genossenschaftlichen Vermögensverwalter Union Investment. Fünf bis sechs Milliarden Euro an Strafzahlungen hält er für problemlos. Bei mehr als zehn Milliarden Euro aber wäre eine Schmerzgrenze erreicht. Bayer könne auch in eine bessere Verhandlungsposition gelangen, wenn einer der anstehenden Prozesse gewonnen würde. „Wir vertrauen Bayer, dass das Management dies richtig auslotet“, sagt Manns.

    Tatsächlich ist für Bayer vor allem ein Verfahren äußerst wichtig: der Berufungsprozess zum ersten Urteil, bei dem der Konzern im August 2018 zu 79 Millionen Dollar Schadensersatzzahlung an einen krebskranken Hausmeister verurteilt wurde. Es ist das erste Verfahren, bei dem nicht Laien-Jurys, sondern professionelle Richter über die Vorwürfe entscheiden. Urteilen sie im Sinne von Bayer, würde das eine massive Verbesserung der Rechtsposition insgesamt bringen. Das wäre wichtig für mögliche Vergleichsverhandlungen. Das Berufungsurteil wird aber frühestens im Herbst, vielleicht sogar erst Ende des Jahres kommen.

    Berater für den Aufsichtsrat

    Wie Bayer diese schwierige Lage nun angeht, werden zwei Männer maßgeblich steuern. Es sind der neue Aufsichtsratsberater John Beisner und Ken Feinberg, der die gerichtlich angeordnete Mediation zwischen Bayer und den Klägeranwälten in den USA moderieren wird.

    Beisner ist äußerst erfahren im US-Produktrecht, hat den bisher teuersten Vergleich bei amerikanischen Pharmaprozessen ausgehandelt: Der Hersteller Merck & Co musste 2007 rund 4,8 Milliarden Dollar an Kläger zahlen, die das Schmerzmittel Vioxx für schwere Nebenwirkungen verantwortlich machten. Der Anwalt hat aber auch erfolgreiche Berufungsverfahren geführt, etwa für den US-Pharmakonzern Johnson & Johnson.

    Er soll beim geplanten Bayer-Sonderausschuss eine „frische und unabhängige Sichtweise“ auf die Glyphosat-Verfahren einbringen. Dem Gremium sollen je vier Vertreter der Kapitalseite und der Arbeitnehmer angehören. Da dort Erfahrung mit dem US-Prozessrecht nötig sein wird, sind dafür mehrere Bayer-Aufsichtsräte prinzipiell geeignet: Neben Wenning zählen dazu Paul Achleitner, Chefkontrolleur der Deutschen Bank, Wolfgang Plischke, der als früherer Leiter des Pharmageschäfts von Bayer zahlreiche Verfahren zur Produkthaftung miterlebte, sowie Colleen Goggins, eine ehemalige Topmanagerin von Johnson & Johnson.

    Investoren begrüßen es, dass der Bayer-Aufsichtsrat nun Kontrolle in der Prozess-Strategie übernimmt. Bayer signalisiere damit, „wir haben verstanden, dass es kein Weiter-so mehr gibt“, sagt Ingo Speich, Leiter Nachhaltigkeit und Corporate Governance beim Sparkassenfondshaus Deka. Einen möglichst zeitnahen Vergleich hält auch er für wünschenswert. Zu welchem Preis dies sinnvoll sei, müssten Vorstand und Aufsichtsrat von Bayer entscheiden.

    Nach Ansicht von Union-Fondsmanager Manns zeige Bayer nun auch nach außen, dass das Unternehmen das Thema ernst nehme. Keinesfalls aber will Manns die Verstärkung im Aufsichtsrat als Misstrauen gegenüber dem Management verstanden wissen. „Bayer steckt in einer speziellen Situation, da ist eine solche Verstärkung positiv.“ Deka-Manager Speich sieht dies anders: Für ihn ist es ein Signal, dass „der Vorstand klar hinterfragt wird“.

    Anwalt Beisner gilt vor Gericht als Kämpfer, er wird Bayer sicherlich nicht sofort zu Vergleichen raten. Der Aufsichtsrat sprach die Möglichkeit eines solchen Settlements in seiner Erklärung nicht direkt an. Allerdings begrüßen die Kontrolleure die nun startende Mediation zu den Glyphosat-Verfahren. Dabei handelt es sich um ein gerichtlich angeordnetes Schiedsverfahren, in denen die Bayer-Anwälte und die Anwälte der Kläger die Chancen eines möglichen Vergleichs ausloten sollen.

    Bayer sehe der Mediation positiv entgegen und werde sich konstruktiv in den Mediationsprozess einbringen, erklärte der Aufsichtsrat und begrüßte die Benennung von Ken Feinberg als Mediator. Feinberg gilt als sehr erfahren in solchen Verhandlungen, er hat beispielsweise vor einigen Jahren die milliardenhohen Ausgleichszahlungen des Ölkonzerns BP an Geschädigte der Umweltkatastrophe im Golf von Mexiko verhandelt. Nun soll er einen Weg finden, wie Bayer und die Klägeranwälte in den USA die Causa Glyphosat außergerichtlich beenden können.

    Mehr: Kampfzone Deutschland – Wie der US-Hedgefonds Elliott die deutsche Unternehmenslandschaft durcheinanderwirbelt.

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