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Nach Brandbrief Prognosen verfehlt und Vertrauen verloren – Continental braucht die Wende

Zwei Gewinnwarnungen und ein Brandbrief: Conti strapaziert das Vertrauen der Aktionäre. Konzernchef Degenhart muss nun zeigen, dass er die Lage im Griff hat.
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Unter Investoren hat ein massiver Vertrauensverlust eingesetzt. Anlegern fällt es schwer zu glauben, was die Conti-Führung verspricht. Quelle: dpa
Vertrauensverlust

Unter Investoren hat ein massiver Vertrauensverlust eingesetzt. Anlegern fällt es schwer zu glauben, was die Conti-Führung verspricht.

(Foto: dpa)

Ende Juli herrscht noch Aufbruchstimmung in Hannover. Conti-Chef Elmar Degenhart nimmt einen Spaten in die Hand und schaufelt ordentlich Sand. Der Baubeginn für die neue Konzernzentrale soll für alle Welt sichtbar machen: Der einst biedere Reifenhersteller hat sich zum Technologiekonzern mit globalen Ambitionen gemausert.

Entsprechend selbstbewusst wendet sich Degenhart an seine Gäste. Die neue Conti-Zentrale für 1250 Mitarbeiter symbolisiere Fortschritt und die guten Perspektiven, auf die sich die Belegschaft einstellen könne. „Continental befindet sich seit vielen Jahren auf schnellem, profitablem Wachstumskurs“, erfahren die Zuhörer von Degenhart. „Jetzt schaffen wir das notwendige Platzangebot in einem modernen Hauptsitz“, verspricht der Conti-Chef.

Fünf Wochen später hängt der Haussegen in Hannover schief. Von der Zukunft und dem für 2021 geplanten Einzug in die neue Konzernzentrale ist weniger denn je die Rede. Vielmehr hat die unmittelbare Gegenwart den Continental-Konzern aufgeschreckt. Weil das Unternehmen die Entwicklung der eigenen Auftragslage völlig falsch eingeschätzt hatte, setzte es Ende August die zweite Gewinnwarnung binnen wenigen Wochen. Für den Dax-Konzern besonders schmerzlich: Unter Investoren hat ein massiver Vertrauensverlust eingesetzt. Anlegern fällt es immer schwerer zu glauben, was die Conti-Führung verspricht.

Die Verwerfungen am Kapitalmarkt schlagen auf das Unternehmen zurück: Zu Beginn der Woche hat der Konzernvorstand mit einem geharnischten Brief an das eigene Topmanagement auf die Schieflage reagiert. Degenhart und seine Kollegen nehmen die zweite Führungsebene in die Pflicht, die zumindest in Teilen die Richtung verloren habe.

„Auf diesem falschen Gleis fahren wir keinen Meter weiter. Dieser Zug stoppt genau hier und jetzt“, schreiben die acht Vorstände in ihrem Brief. Ein halbes Dutzend der 27 Geschäftseinheiten erreiche die selbst gesteckten Ziele nicht mehr, personelle Konsequenzen seien nicht mehr ausgeschlossen.

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Eine bald zehn Jahre andauernde Erfolgsgeschichte könnte eine plötzliche Wende nehmen. Nachdem Elmar Degenhart im Jahr 2009 die Führung bei Continental übernommen hatte, ging es in Hannover immer nur in eine Richtung, nämlich nach oben. Jahr für Jahr legte der Umsatz mit kräftigen Wachstumsraten zu. Mit einer operativen Rendite von mehr als zehn Prozent konnte Continental auch die meisten Automobilhersteller hinter sich lassen.

Der Vertrauensverlust an der Börse ist das Letzte, was Degenhart und seine Mitstreiter im Moment gebrauchen können. Denn Continental ist schon recht bald auf den Goodwill und die Zustimmung der Investoren angewiesen. Der Zulieferkonzern will im kommenden Jahr die Aktienmärkte mit einem Teilbörsengang seiner Antriebssparte („Powertrain“) anzapfen.

Continental erhofft sich Milliarden. Das Geld soll in die beiden großen Megatrends der Automobilindustrie fließen, Conti will damit in Digitalisierung und Elektrifizierung investieren. Andere Zulieferer wie die frühere General-Motors-Tochter Delphi haben diese Trennung längst vollzogen.

Dem Conti-Vorstand ist bewusst, was dem Unternehmen bevorsteht. „Die kommenden Monate sind von sehr hoher Bedeutung für die erfolgreiche Zukunft unserer Organisation“, schreiben die Vorstände in ihrem Brandbrief. Bis zum Jahresende soll der Bereich Powertrain als eigenständiges Unternehmen abgespalten werden – ein wichtiger Zwischenschritt vor einem möglichen Börsengang. Intern habe der Brief nach wenigen Tagen schon einiges bewirkt. „Die Organisation ist jetzt hellwach“, heißt es aus Konzernkreisen in Hannover.

Denn im schlimmsten Fall finden sich im kommenden Jahr nicht genügend Käufer für die Powertrain-Aktien – und der Börsengang müsste abgesagt werden. „Die jahrelange Erfolgsgeschichte von Continental hat mit den zwei kurz hintereinander erfolgten Gewinnwarnungen einen Knacks bekommen. Die Anleger fragen sich, wie es möglich ist, dass das Management den Durchblick bei den eigenen Geschäftsaussichten in so kurzer Zeit verlieren konnte“, sagt Winfried Mathes, Corporate-Governance-Experte von Deka Investment.

Der Kurs der Conti-Aktie ist der Seismograf der Krise: Als zu Beginn des Jahres erste Gerüchte über die Aufspaltung und einen möglichen Börsengang der Antriebssparte die Runde machten, stand das Papier noch bei 250 Euro. Heute ist fast ein Drittel des Börsenwertes verloren. Allein die zweite Gewinnwarnung im August hat die Anleger knapp 25 Euro gekostet.

Das Problem: „Im Continental-Kurs ist auch der Powertrain-Anteil enthalten“, sagt Frank Schwope, Automobilanalyst bei der NordLB in Hannover. Conti könnte den Börsengang am Ende auch von sich aus absagen – weil die Powertrain-Sparte nicht mehr die Bewertung erreicht, die sich der Konzern erhofft hatte.

Mit einem Börsengang von Powertrain wird nicht vor der zweiten Jahreshälfte 2019 gerechnet. Die Banken für die Begleitung des Börsengangs seien noch nicht mandatiert worden, heißt es in Frankfurter Institutskreisen. Damit sei frühestens Ende des Jahres oder gar erst 2019 zu rechnen.

Allerdings wird erwartet, dass Conti nach den beiden Gewinnwarnungen im ersten Halbjahr 2019 gute Zahlen liefert, um „börsenreif“ zu sein. Ansonsten würden sich die Anleger wohl zurückhalten. Bis Ende des laufenden Jahres gibt es nach Ansicht von Bankern ohnehin noch genug Arbeit, um die Zahlen des Antriebsbereichs abzugrenzen und Powertrain auf eigene Beine zu stellen.

Investoren hoffen auf Veränderung

Das gelte gerade für die Tochterunternehmen von Continental im Ausland. In der Regel dauere diese Arbeit etwa ein Jahr. Meist werde die Bilanz zum Jahresende genutzt, um einen klaren Schnitt zu machen. Entsprechend groß ist die Hoffnung einiger Investoren, dass der Conti-Vorstand die Wende schafft. „Ich sehe den Brief positiv. Denn er zeigt, wie ernst das Management die gegenwärtigen Herausforderungen nimmt und mit welcher Entschlossenheit es die Situation verbessern will“, sagt Christian von Engelbrechten, Fondsmanager bei Fidelity International.

Fundamental hat sich wenig verändert: So kalkuliert der Konzern für das laufende Jahr mit einer operativen Umsatzrendite (Ebit-Marge) von „mehr als neun Prozent“. Zuvor waren es „mehr als zehn Prozent“. Beim Umsatz geht Continental anstelle von 46 nun von 45 Milliarden Euro aus. Für das laufende Jahr rechnen Analysten, die ihre Prognosen aus den Bilanzen und Aussagen des Managements ableiten, mit einem Nettogewinn von 2,9 Milliarden Euro. Das wären gerade einmal 100 Millionen Euro weniger als im Rekordjahr 2017.

Nach Ansicht der amerikanischen Investmentbank Goldman Sachs trübt auch die zweite Gewinnwarnung die „langfristig guten Perspektiven“ für den deutschen Autozulieferer nicht ein. Gungun Verma von der US-Investmentbank Goldman Sachs sieht Continental gegenüber dem weltweiten Zuliefersektor und dem schärfsten Rivalen Valeo günstiger und damit attraktiver bewertet. Für Merrill-Lynch-Analyst Kai Müller bleibt Continental „Favorit unter den europäischen Autozuliefern“.

Am Ende werden die Eigentümer zu entscheiden haben, wie es bei Continental in den kommenden Wochen weitergeht – und die Eigentumsverhältnisse sind klar geregelt. 46 Prozent der Conti-Anteile liegen bei der Familie Schaeffler, die auch über den gleichnamigen fränkischen Automobilzulieferer bestimmt. An der Spitze des Aufsichtsrats steht der frühere Linde-Chef Wolfgang Reitzle, der mit den jüngsten Entwicklungen in Hannover ebenfalls nicht sonderlich zufrieden sein dürfte.

Die Familie Schaeffler wollte sich am Donnerstag nicht zu Gewinnwarnung und zum Brandbrief des Vorstands äußern. „Kein Kommentar“, sagte ein Familiensprecher dazu. Bei Schaeffler wurde lediglich bestätigt, dass für Ende September eine reguläre Aufsichtsratssitzung angesetzt worden ist. Ein Thema: die Vertragsverlängerung für Elmar Degenhart und Finanzvorstand Wolfgang Schäfer. Beide Vorstände, so verlautet aus Aufsichtsratskreisen, hätten nach wie vor das Vertrauen der Eigentümer.

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