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Nach Monsanto-Übernahme So will Bayer-Chef Baumann den Konzern umkrempeln

Stellenabbau, Neuorganisation, Teilverkäufe: Das Leverkusener Unternehmen will wieder angreifen und plant eine umfassende Neuordnung.
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„Das ist für viele Mitarbeiter ein Schock“ – Hier setzt Bayer den Rotstift an

Düsseldorf, Frankfurt, New York Der Mittwoch nächster Woche wird für die Führung der Bayer AG ein entscheidender Tag. Nahezu der gesamte Vorstand um CEO Werner Baumann trifft mit den wichtigsten Analysten und Fondsmanagern zusammen. Auf dem Investorentag in London wird es um Bayers Zukunft gehen: um gemeinsame Ziele mit Monsanto, um die Glyphosat-Prozesse – und um Maßnahmen, mit denen die Leverkusener ihre zahlreichen Probleme lösen wollen.

Schon jetzt zeichnet sich ab: Bayer bereitet eine umfangreiche Neuordnung vor und will die Organisation straffen. Der Konzern plant dazu ein neues Sparprogramm, inklusive eines weitreichenden Stellenabbaus, heißt es in Unternehmenskreisen. Es soll sich auf mehrere Konzernbereiche erstrecken, aber punktuell unterschiedlich stark ausfallen.

Betroffen ist vor allem das kriselnde Geschäft mit rezeptfreien Medikamenten (Consumer-Health). Auch in der Pharmaforschung und in der mit Monsanto kombinierten Agrarsparte werden wohl Jobs wegfallen. Betriebsbedingte Kündigungen wird es zumindest in Deutschland nicht geben.

Dazu kommt die mögliche Trennung von Firmenteilen, um wieder an finanzieller Kraft zu gewinnen. Der Vorstand hält sich die Option eines Verkaufs der Tiermedizinsparte offen, für die es bereits mehrere Interessenten gibt, heißt es in Finanzkreisen.

Vorstandschef Baumann will damit wieder in die Offensive kommen – und kämpft für die Zukunft von Bayer und das Milliardenprojekt Monsanto. Die Investoren allerdings sind vor allem wegen des Kurseinbruchs von 30 Prozent nach dem ersten verlorenen Glyphosat-Prozess nachhaltig irritiert und unzufrieden. Winfried Mathes von der Fondsgesellschaft Deka sagt: „Wir wollen eine Antwort, wie Bayer die Prozesslawine stoppen will.“

Wie sehr das Problem Glyphosat drängt, wird Bayer-Chef Baumann in der Leverkusener Zentrale täglich vor Augen geführt. Auf halbem Weg vom Büro zum Aufzug hängt im kleinen Steh-Café ein Monitor an der Wand, der in Echtzeit den Aktienkurs von Bayer zeigt.

Der geht seit Monaten geradewegs nach unten. Die Dimension setzt selbst hart gesottenen Bayer-Leuten zu. 94, 84, 74, 64 – so lauteten die Kurssprünge seit August. 30 Milliarden Euro Börsenwert sind weg. Etwas mehr als 60 Milliarden Euro ist Bayer an der Börse noch wert. Frappierend: Annähernd den gleichen Betrag haben die Leverkusener im Juni dieses Jahres für den Saatguthersteller Monsanto bezahlt.

Bisher war der Kauf Gift für den Aktienkurs. Wegen der hohen Rechtsrisiken nach dem verlorenen ersten Prozess um das Pflanzenschutzmittel Glyphosat sind Anleger aus der Bayer-Aktie geflüchtet. „Der Kursverlust macht uns als Investor extrem unzufrieden“, sagt Winfried Mathes, Experte für Corporate Governance bei der Sparkassen-Fondstochter Deka.

Quo vadis, Bayer? Das fragen sich nicht nur die Eigentümer, sondern auch die Mitarbeiter. In der Belegschaft seien „Nervosität und Verunsicherung spürbar“, heißt es in Kreisen der Arbeitnehmer. Auch wegen Glyphosat – aber nicht allein.

Denn es kriselt in allen Divisionen des Konzerns. Die Vorzeigesparte von Bayer, das Pharmageschäft, verliert an Schwung und braucht eine neue Perspektive. Die Consumer-Health-Division mit rezeptfreien Mitteln, die 2014 mit einem zehn Milliarden Euro teuren Zukauf erweitert wurde, präsentiert sich als Sanierungsfall. Die dritte Sparte, das Agrargeschäft, soll mit der Megaübernahme von Monsanto einen Sprung nach vorn machen. Bayer ist nun Weltmarktführer bei Saatgut und Pflanzenschutz. In der öffentlichen Wahrnehmung geht es aber bisher nur um Imageschäden und Rechtsrisiken, die sich Bayer mit dem größten Deal der Konzerngeschichte eingefangen hat.

Der Druck auf CEO Baumann ist groß, er muss Bayer aus der Defensive bringen. Der schwache Börsenkurs und die verstörten langjährigen Investoren sind Nährboden für aktive Fonds, die Bayer aufmischen könnten. Aufspaltung, Vorstandswechsel, Großverkäufe, lauten deren gängige Drohkulissen. Bisher sind Lautmacher wie etwa Elliott in Sachen Bayer noch nicht zu hören. Selbst den Hedgefonds sei die Bayer-Aktie derzeit wegen der Rechtsrisiken zu heiß, berichten Finanzkreise.

Doch Finanzmarktkenner warnen: Die aktiven Fonds könnten schnell auf der Matte stehen, wenn Bayer nicht selbst die Probleme im operativen Geschäft löst. Spätestens in zwei bis drei Jahren könnte das drohen, wenn die Folgen der Glyphosat-Prozesse für Bayer besser absehbar sind. Derzeit ist völlig offen, ob der Konzern Belastungen in Höhe von mehreren Milliarden Euro wegstecken muss, wie Anleger es befürchten. Oder ob Bayer sich vor Gericht in höherer Instanz durchsetzt und noch einmal glimpflich davonkommt.

Neues Rezept für die Medizin

Am Mittwoch kommender Woche will der Bayer-Vorstand die Chance nutzen und Vertrauen der Investoren zurückgewinnen. Auf dem Investorentag in London präsentiert die Führung die künftige Strategie und Neuausrichtung. Bayer wird den Fondsmanagern und Analysten neue Ziele nennen, die man im Agrargeschäft mit Monsanto und in den beiden Medizinsparten erreichen will. Die Zukunft der Landwirtschaft und moderne Pharmaforschung stehen auf dem Programm.

Doch es geht auch um unbequeme Pläne: Bayer will die Organisation straffen und startet dazu ein neues Programm zur Kostensenkung inklusive Stellenabbau, wie es in Unternehmenskreisen heißt. Der Abbau werde sich durch mehrere Bereiche ziehen, solle aber punktuell unterschiedlich stark ausfallen. Vor allem die Sparte Consumer-Health sei betroffen. Unklar ist, wie viele Stellen insgesamt wegfallen. Bayer wollte dies nicht kommentieren.

Das Thema Kostensenkung ist für CEO Baumann heikel. Er muss diesen Schritt machen, um die beiden Medizinsparten nach vorn zu bringen, sie müssen ihre Überlebensfähigkeit im harten Pharmawettbewerb sichern. Mit den drohenden Belastungen aus den Glyphosat-Prozessen hat das zunächst nichts zu tun. Doch in der Öffentlichkeit könnte der Eindruck entstehen, dass die Leverkusener wegen Monsanto und Glyphosat auf Sparkurs gehen.

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Enger verbunden mit dem 63 Milliarden Dollar schweren Zukauf ist die zweite strategische Weichenstellung bei Bayer. Um wieder an Finanzkraft zu gewinnen, prüft der Konzern die Trennung von Unternehmensteilen. Dabei geht es zum einen um das Geschäft mit Tiermedizin. Es ist eine im Konzernvergleich kleine Einheit mit einem Jahresumsatz von 1,6 Milliarden Euro.

Für sie liegen mehrere Optionen auf dem Tisch, wie es in Firmen- und Finanzkreisen heißt. Ein Börsengang der Tiermedizin gilt auch mittelfristig als eher unwahrscheinlich. Bei einem Verkauf könne Bayer mit Einnahmen zwischen fünf und sieben Milliarden Euro rechnen. Doch auch dieser Schritt ist nicht einfach: Die großen, finanzstarken Wettbewerber im Animal-Health-Geschäft scheiden aus kartellrechtlichen Gründen als Käufer eigentlich aus. Laut Finanzkreisen haben aber bereits mehrere Firmen ihr Interesse bekundet.

Auf der Abgabeliste steht auch die Beteiligung am Chemiepark-Betreiber Currenta. In Finanzkreisen wird zudem seit Längerem das Geschäft mit Kontrastmitteln für Diagnosen als Verkaufskandidat genannt. Mit Teilverkäufen könnte Bayer schneller die Nettoverschuldung senken, die am Jahresende bei 36 Milliarden Euro liegen wird. So würde der Konzern mehr Luft gewinnen, etwa das Geschäft mit verschreibungspflichtigen Mitteln zu stärken.

Zunächst aber sollen die Divisionen ihre operativen Hausaufgaben machen. Vor allem in der Division Consumer-Health mit dem Paradeprodukt Aspirin zückt der Konzern den Rotstift. Geplant sind ein umfangreicher Stellenabbau und die Trennung von kleineren Marken. Der neue Divisionschef und Bayer-Vorstand Heiko Schipper hat dazu ein Konzept erarbeitet, das er in London vorstellen will.

Kündigungen bei Consumer-Health

Die Sparte macht seit drei Jahren beständig weniger Gewinn und präsentiert sich als Sanierungsfall. Dabei soll sie dauerhaft an der Spitze des Weltmarkts für verschreibungsfreie Medikamente (OTC) mitspielen – dank der milliardenteuren Übernahme der OTC-Sparte vom US-Pharmakonzerns Merck & Co im Jahr 2014.

Doch die übernommenen Produkte wie Dr. Scholl’s Fußpflege und das Sonnenschutzmittel Coppertone entpuppten sich als vernachlässigt. Bayer muss seither kräftig in Innovationen und Marketing für die angeschlagenen Marken investieren. Denn der Preisdruck in der Branche ist riesig, seit vor allem die Amerikaner rezeptfreie Mittel für ihre Wehwehchen lieber bei Amazon statt in der Apotheke kaufen.

Da Consumer-Health seine Zentrale in der Schweiz, in Basel, hat, kann Bayer beim Stellenabbau dort auch zu betriebsbedingten Kündigungen greifen. Die deutschen Standorte sind davor geschützt: Hier gilt der Vertrag zur Standortsicherung, den Bayer mit den Arbeitnehmervertretern bis Ende 2020 geschlossen hat. Bayer muss sich in Deutschland bei Personalschnitten auf Fluktuation oder freiwillige Abgänge verlassen.

Das gilt auch für die zentrale Pharmasparte, die rezeptpflichtige Mittel herstellt und für fast die Hälfte des Konzernumsatzes steht. Sie ist weiter eine solide Säule, hat in den letzten beiden Jahren aber an Dynamik verloren. Die Pharmasparte hat ein perspektivisches Problem: Sie lebt von Topprodukten wie dem Gerinnungshemmer Xarelto und dem Augenmittel Eylea, die stark wachsen.

Zwei weitere Medikamente, die Bayer zu den „Hauptwachstumsprodukten“ zählt, die Krebsmittel Xofigo und Stivarga, verbuchen dagegen Umsatzrückgänge – ebenso wie der große Rest des Portfolios mit überwiegend patentfreien Produkten. Das aktuelle Produktsortiment verspricht insgesamt wenig Potenzial für die schwierige Phase ab 2023. Dann laufen die Patente auf Xarelto und Eylea aus. Es droht eine Umsatzlücke von mehr als sechs Milliarden Euro, die Bayer dann schließen muss.

Diese Herausforderung will Bayer nun intensiv angehen. Baumann holte den früheren Bayer-Manager Stefan Oelrich von Sanofi zurück. Seit 1. November verantwortet er im Vorstand die Pharmadivision. Seine erste große Präsentation wird die Neuordnung von Bayers Lebensader sein: der Arznei-Entwicklung.

Die Division hat sämtliche Forschungs- und Entwicklungsabteilungen (F&E) zusammengelegt. Ziel: Der gesamte Prozess von der Wirkstoffsuche bis zum zulassungsreifen Produkt soll beschleunigt werden. Zudem soll die F&E stärker mit der akademischen Forschung und der Biotechszene vernetzt werden. Bayer hat zuletzt einige wichtige Trends verpasst, etwa in der Immuntherapie zur Krebsbehandlung. Hinter dem Pharmaprojekt mit dem hübschen Namen „Super Bowl“ verbirgt sich aber nicht nur neue Zusammenarbeit. Die Neuordnung werde auch Kostensenkungen und einen Stellenabbau bringen, heißt es im Unternehmen.

Das gilt auch für die Integration von Monsanto in die Division Crop Science. 1,2 Milliarden Euro Synergien soll die Übernahme innerhalb von drei Jahren bringen. Der Großteil davon soll durch neue Produkte entstehen, die sich Bayer von der Kombination aus Saatgut und Pflanzenschutz verspricht. Der Rest entfällt auf Kosteneinsparungen. Die Erwartungen der Investoren sind auch hier hoch: „Bayer muss nun Monsanto erfolgreich integrieren, einen Kulturwandel im ehemaligen Monsanto-Geschäft etablieren und die versprochenen Synergien heben“, mahnt Deka-Manager Winfried Mathes. 

Bayer-Chef Baumann muss sich mit seinem Team also gleich auf drei Baustellen im Konzern beweisen – und zeigen, dass der Konzern in seiner jetzigen Form Zukunft hat. Oder wie es ein Investmentbanker formuliert: „Bayer muss durch eigenes Handeln die Fantasien entzaubern, die ein aktivistischer Investor entwickeln könnte.“

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